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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Eichung der Wirklichkeit
Die exakten Naturwissenschaften gelten als Hochburgen des materialistischen Reduktionismus, als das Andere des "Postmaterialismus" im Sinne Roland Benedikters, der mit dieser Publikationsreihe Augenmerk auf eben diesen Begriff lenken will. Er sieht dessen Quelle in einem neuen Denken, von dem er sagt: " Es hat einen nicht-materialistischen Zugang zu Welt und Gesellschaft". Spuren solchen Denkens sind in den Textbüchern und Fachpublikationen der rein naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Physik, Chemie und Biologie nicht zu finden. "Das postmaterialistische Denken ist" nach Benedikter " eher eine Seelenhaltung als eine artikulierte Weltanschauung", die im Gegensatz zum herkömmlichen ‚Richtig-oder-Falsch’ ihren Themen in offener Ambivalenz begegnet. Gerade die exakteste aller Naturwissenschaften, die Physik, hat jedoch ein uneingeschränktes ‚Richtig-oder-Falsch’ als bestimmende Qualität, als nicht verhandelbaren Inbegriff ihrer Exaktheit. Hand in Hand geht damit das Fehlen von kontroversen Lehrmeinungen, die sich in Schulen aufspalten, abgesehen von eindeutigen Degenerationen, wie "Deutsche Physik" oder "Sozialistische Quantentheorie". Daß sich Hypothesen -vielleicht erst nach längerer Zeit- als falsch herausstellen, gehört zum täglichen Geschäft; aber zeitbedingte, irgendwann überholte Anschauungen, die bei jemandem, der auf sie zurückgreift, einen Makel hinterlassen, gibt es nicht. Die Ergebnisse eines Galileo, Newton, Maxwell, Planck oder Einstein sind Allgemeingut und schon im Augenblicke ihrer Formulierung der Interpretationshoheit ihrer Autoren entwachsen. Welche ‚Meinung’ Einstein über relativistische Effekte, Planck über quantenmechanische hat, ist nicht Gegenstand der Wissenschaft. So fühlen sich z.B. die immer wieder auftauchenden Kämpfer gegen die Relativitätstheorie stets unangenehm brüskiert, wenn es ihnen gelingt, Formulierungen in den Originaltexten Einsteins als logisch unzureichend zu entlarven und sie dafür von der etablierten Wissenschaft nicht mehr als ein freundliches oder auch genervtes Achselzucken erfahren.
Wenn Benedikter des Weiteren ausführt, "das postmaterialistische Denken operier(e) nicht mehr einseitig verstandesmäßig, diskursiv, logizistisch oder funktional, sondern erheb(e) authentische vorsprachliche Innenerlebnisse zum wesentlichen Erkenntnisorgan", so könnte diese Beschreibung wie eine weitere Ausschlußbedingung gegen die Naturwissenschaften erscheinen. Genauer betrachtet ist sie es aber nicht. Sie erscheint nur deshalb so, weil die ‚vorsprachlichen Innenerlebnisse’ naturgemäß nicht in Wort und Schrift vermittelt werden. Sie sind aber vorhanden und unverzichtbar. Denn der Physiker muß z.B. Schein und Wirklichkeit begrifflich unterscheiden können und im Prinzip wissen, wie er diesen Unterschied am Phänomen einlösen kann, bevor er mit seinen naturwissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen beginnt. Er muß wissen, was eine experimentelle Bestätigung einer theoretischen Behauptung ist. Dabei geht es nicht um Komplikationen moderner Meßtechniken, sondern um Grundsätzliches, etwa wenn die theoretische Aussage, zwei Stäbe seien gleich lang, verstanden und ihre experimentelle Überprüfung durch Aneinanderlegen als logisch(?) einleuchtend begriffen werden soll. Solche vorsprachlichen Innenerlebnisse berühren das Bewußtsein nur marginal, weshalb man ihnen den Erlebnischarakter bestreiten könnte. Andererseits sind sie so authentisch, wie die Naturwissenschaften selbst. Sie sind gleichsam deren Existenzgrundlage. Der gedanklichen Analyse versuchen sie sich energisch mit einem ‚psychologischen Trick’ zu entziehen. Sie weisen sich vor dem Bewußtsein, sofern dieses überhaupt nach ihnen greifen will, als ‚absolute Selbstverständlichkeiten’ aus, hinter denen höchstens noch größere Banalitäten erwartet werden können.
Mitwirkung des Vorsprachlichen in den Naturwissenschaften ist, so gesehen, sicher kein postmaterialistisches Phänomen, sondern konstituierendes Element. Allerdings könnte die bewußte Erforschung dieses Elementes, also die Erhebung existentieller Selbstverständlichkeiten zu einem Eichbüro für Wirklichkeiten, ein postmaterialistischer Beitrag werden, sofern ein Zugang gefunden wird. Es darf vermutet werden, daß unsere nicht nur vorsprachliche, sondern dem Anschein nach auch vorbewußte Eingliederung in Wirklichkeitskategorien durch unsere körperliche und tätige Wechselwirkung mit der Welt zustande kommt und aufrecht erhalten wird. Sollte diese Hypothese zutreffen, so könnte sie ein Brückenkopf werden, von welchem sich eine Brücke zu Benedikters Begriff vom "Postmaterialismus als das Erhabene auf der Willensebene" schlagen ließe. Ich möchte hier von einem ‚Aufwachen im Willen’ sprechen und wähle diese ungewöhnlich klingende Phrase gerade deshalb, weil sie einen -gemessen am Bisherigen- ungewöhnlichen Vorgang des Erkennens ohne Subjekt-Objekt Trennung bezeichnen soll.
Damit sind hohe Erwartungen geweckt. Denen gegenüber kann dieser Artikel allerdings nur einen winzigen Schritt in die gemeinte Richtung beitragen. Eine kurze Vorbemerkung zur Methode, die nicht diejenige des Philosophen sein kann, erscheint angemessen. Vor der Inspiration ohne imaginativen Inhalt oder dem gegenstandslosen Inspirativen, was wohl den zeitgenössischen philosophischen Denkstil ausmacht, schreckt der Physiker (oder etwas bescheidener: schrecke ich) zurück. Denn dem philosophischen Begriff mangelt die gewohnte Prägnanz und Verbindlichkeit des mathematischen Begriffs. Der philosophische Begriff beansprucht in der Regel größeren Reichtum als jener, ist dafür aber auch unbestimmter und interpretations- also schulabhängiger. Dieser Mangel könnte durch einen konkreten Bezug gemildert werden, wie er durch den Verzicht auf das Imaginative verstärkt wird. Ich wähle deshalb, was man einen phänomenologischen Weg nennen könnte. Stellvertretend für umfassende Gedanken biete ich konkrete Miniaturen. Der Leser wird sie von ihren Zufälligkeiten reinigen müssen. Dazu gebe ich nicht mehr als ein paar Anhaltspunkte. Da Begriffe ohnehin keine Transportkisten für Wahrheiten sondern höchstens Wegweiser sein können, die auf diese deuten, setzen sie Verständnisbereitschaft voraus. ‚Wasserdichte’ Begriffe mit allseitig gegen mögliche kritische Gegner abgesicherten Flanken sind nicht meine Sache und vermutlich eine Illusion. Wer an den Blößen des Gedankenganges mehr martialisches Vergnügen findet, als brauchbare Denkanstöße an seinem roten Faden, dem will ich den Spaß nicht verderben.
Die psychoindustrielle Revolution
Das typische Arbeitsfeld des modernen Menschen hat sich in jüngster Zeit erheblich verändert. War über lange Zeit die Landwirtschaft das hauptsächliche Betätigungsfeld, findet als Folge der industriellen Revolution heute in Deutschland kaum jeder Zehnte sein Tätigkeitsfeld dort, selbst wenn man Konstruktion und Wartung landwirtschaftlicher Maschinen hinzunimmt. Das Arbeitsfeld hatte sich in die Industrie verlagert. Selbst die Landwirtschaft ist zu einer Art industrieller Tier und Pflanzenproduktion degeneriert. Inzwischen vollzieht sich ein weiterer Wandel. Was man euphemistisch als ‚Dienstleistungsgesellschaft’ bezeichnet, nimmt sich aus wie eine weitere Verlagerung menschlicher Arbeit, die sich anfangs der Pflege und Nutzung des Lebendigen und dann der Entwicklung und Beherrschung der toten Materie gewidmet hatte, hin zur Steuerung und Beeinflussung menschlicher Psyche. Der Umfang dieser neuen Betätigungen ist an den Kapitalströmen zu messen, die in wirtschaftliche und politische Werbung, in Unterhaltung, Information, Beratung, Verkaufsstrategien usw. gelenkt werden. In die Vermarktung eines Produktes, fließt oft mehr Kapital, als in seine Herstellung. Die ‚psychoindustriellen’ Kapitalströme nehmen täglich zu und lassen generalstabsmäßige Planung vermuten. Nichts scheint man dem Zufall überlassen zu wollen, wenn es darum geht, der ‚öffentlichen Meinung’, vor allem der unterschwelligen, ‚günstige’ Profile einzuprägen. Wie die Dampfmaschine die industrielle Revolution eröffnet hat, sind Computer, Telefon und andere Kommunikationsmittel zu den Werkzeugen dieser neuen, ‚psychoindustriellen Revolution’ geworden. Schneller als die Nähmaschine hat der Fernseher auch die armseligste Hütte unserer Welt erreicht.
Hat der Schritt in die industrielle Produktion den Menschen an ‚Objekten’ arbeiten lassen, so richtet sich die moderne Tätigkeit auf den ‚Stoff’, aus welchem seine Subjektivität besteht, die er nicht selten mit seiner Individualität verwechselt. Damit ist der prinzipielle Unterschied zwischen Tätigem und Tätigkeitsfeld aufgehoben. Die einfache Formel des ‚Richtig-oder-Falsch’ der Naturwissenschaften, die das Regulativ der Industrieproduktion mit unbelebtem Material war, greift hier nicht mehr, weil sie ganz wesentlich auf Objektivität, also auf die im Prinzip selbstverständliche und unproblematische Trennung von Subjekt und Objekt gebaut war. Muß deshalb die Wissenschaftlichkeit dem Ambivalenten geopfert werden? Läuft alles auf das solipsistische Subjekt hinaus, das sich Nichts und Niemandem verpflichtet fühlt und sich zum alleinigen Maßstab seines Weltausschnitts erhebt? Oder ist das Subjekt gesteuertes Geschöpf, dessen Subjektivitätserleben gerade im Nichterkennen seiner vorgeprägten Funktionsweise besteht? Oder wäre im Unterschied zu beidem wirkliche Freiheit denkbar? Mehr davon, und was das heißen mag, soll uns in Kürze beschäftigen.
Zweierlei kann zunächst festgestellt werden. Wissenschaft verlangt ‚nüchterne’ Gewißheit an Stelle von Offenbarung, Überlieferung oder Überzeugung. Objektivität, also die Abtrennung des zu untersuchenden Gegenstandes oder Komplexes vom Forscher, ist in vielen Fällen ein geeignetes Mittel, um diese Gewißheit zu erlangen; eine notwendige Bedingung für Gewißheit ist die Objektivität a priori aber nicht. Damit scheint eine den Naturwissenschaften an Zuverlässigkeit vergleichbare wissenschaftliche Fundierung der neuen ‚Psychotechniken’ trotz fehlender Subjekt-Objekt Trennung nicht ausgeschlossen. Aber, und das ist die zweite Feststellung: geben tut es sie noch nicht. Die Gehälter der Spitzenkräfte in diesen neuen Techniken betragen ein Vielfaches derjenigen von Wissenschaftlern oder Technikern aus den üblichen Bildungsgängen. Das deutet darauf, daß die hochbezahlten Fähigkeiten auf ‚zufälligen’ nicht rationalisier- oder vermittelbaren Begabungen beruhen, also auch von den so Befähigten zwar gehandhabt, aber nicht begriffen werden. Es gibt ‚bewährte Techniken’ bis hin zu verschiedenen Formen der Gehirnwäsche. Aber sie beruhen auf Empirie, nicht auf Erkenntnis. Die unbegriffenen aber gehandhabten Fähigkeiten, mögen der Willensebene zugerechnet werden. In Ermangelung des Erhabenen taugen sie selbst jedoch nicht als Beispiele für die erwähnte postmaterialistische Seelenhaltung. Aber als Kandidaten, an denen das dem Postmaterialistischen zuzurechnende ‚Erwachen im Willen' erprobt werden könnte, möchte ich sie gelten lassen.
Grundlegend für eine ‚Psychowissenschaft' sind die Fragen "Was ist Bewußtsein?" "Welches sind seine Bedingungen?" "Wie kann es gelenkt und beeinflußt werden?" Sie drängen sich nicht nur demjenigen auf, der manipulieren will, sondern auch jenem, der sich angesichts zu erwartender Entwicklungen vor Manipulation schützen will. ‚Psychotechnik' tangiert die Würde und individuelle Selbstbestimmung des Menschen noch viel fundamentaler als etwa die Gentechnik. Grundsätzlicher und weitreichender noch als die Bewußtseinsfrage dürfte daher die Frage nach der Freiheit sein: ist Freiheit überhaupt, und wenn ja, in welcher Art denkbar? Wünschenswert erscheint mir, diese Frage zu einem postmaterialistischen Kernthema zu erheben. Ihrer Erörterung wende ich mich jetzt zu, indem ich einige Gesichtspunkte aus dem gegenwärtigen Diskussions- und Kenntnisstand zusammenstelle.
Freiheit, Verantwortung, Wahrheit
Zum Auftakt des Jahres 2000, dem ‚Jahr der Biowissenschaften' haben sich einige Forscher in den Medien mit der Erwartung zu Worte gemeldet, daß die Begriffe Freiheit, Verantwortung, Schuld und Sühne bald - und zwar, wie sie meinen, zu Recht - aus unserer Zivilisation verschwunden sein würden, soweit sich diese Zivilisation als eine wissenschaftlich fundierte begreift. Gerhard Vollmer prognostiziert: "Bald werden nicht nur die Hirnforscher einsehen müssen, daß es die traditionelle Willensfreiheit überhaupt nicht gibt" (Spektrum der Wissenschaft, Oktober 2000). Wolf Singer äußert sich im Spiegel vom 1.1.01 über die Freiheit: "Diese besondere Ausprägung von Bewußtsein halte ich für ein kulturelles Konstrukt..." Es wird generell nicht bestritten, daß mit der Freiheit auch die bisherige Grundlage für die individuelle Bewertung unserer Handlungen entfällt. Als Beispiel sei Gerhard Roth zitiert: "Ich glaube, in spätestens zehn Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß es Freiheit etwa im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt. ... das Sühnen einer Schuld wird entfallen, weil der Mensch nicht mehr im herkömmlichen Sinne `schuldig´ sein kann." (Spektrum, Oktober 2000) Und Singer schlägt vor: " Unsere Sichtweise von Übeltätern wird sich eben ändern müssen. Man würde sagen: `Dieser arme Mensch hat Pech gehabt. Er ist am Ende der Normalverteilung angelangt.`" (Spiegel, 1.1.01). Ob das wohl auch für die ‚großzügigen Entsorger menschlicher Biomasse’, wie Hitler, Stalin, Pol Pot und ihre Nachahmer gelten soll? Nicht selten haben Diktatoren versucht, auf die Normalverteilung der ethischen Veranlagung oder zumindest auf deren Interpretation Einfluß mit dem Ziel zu nehmen, selbst nicht als bedauernswerte moralische Entgleisungen dazustehen. Solche Möglichkeiten bedenkend, wirkt Singers Vorstellungsvermögen ("Ich könnte mir vorstellen, daß dabei humanere Systeme entstehen, als wir sie jetzt haben") etwas eingeschränkt.
Meist weniger scharf wird jedoch gesehen, daß Freiheit nicht nur für Begriffe wie Verantwortung oder Schuld, sondern auch für den Begriff der Wahrheit, wie er bisher unserer Wissenschaftsauffassung zugrunde liegt, konstituierend ist. Das würde aber bedeuten, daß jeder Satz, der die Möglichkeit menschlicher Freiheit bezweifelt oder leugnet, sich selbst als wahre, wissenschaftliche Aussage bezweifelt oder leugnet.
Zwei verschiedene Spielarten solch inkonsistenter Argumentation können unterschieden werden. In einer ersten Variante wird dem Menschen zugestanden, daß seine Gedanken zwar das seien, wofür er sie immer gehalten hat, nämlich geistige und nicht biologische Produkte, während hingegen seine Sinnesdaten als biologische Interpretationen einer nicht erfahrbaren Wirklichkeit beschrieben werden. Das klingt zunächst plausibel, aber die angebotenen Beweise für diese These laufen leer. Denn, wenn z.B. Singer behauptet, "unsere Wahrnehmungssysteme sind in hohem Maße interpretativ" und deshalb glaubt, heute würde sich niemand mehr so recht trauen, von einer objektiven Wahrheit der Quantenwelt oder der Welt der Galaxien zu sprechen, so hat er doch die untersuchten Nerven und seine dabei verwendeten Instrumente nicht als Interpretationen seines Wahrnehmungssystems präsentiert, sondern als naiv realistische Objekte. Ebenso Schopenhauer, der seinem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" die damals neu entdeckte neurophysiologisch Relativierung der Wahrnehmungen voranstellt und mit den Worten beginnt: "Die Welt ist meine Vorstellung: - dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann .... . Es wird ihm deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt..." Aber wenn es sich so verhielte, wie könnte der Mensch sein Auge und seine Hand kennen und nicht nur seine Vorstellungen von Hand und Auge? Durch die neurobiologische Interpretation seines Wahrnehmungssystems interpretiert der Neurobiologe seine Forschungsobjekte und sein Labor zu Scheingebilden um. Damit entkleidet er seine experimentellen Befunde ihrer Aussagekraft.
Eine zweite Variante der Relativierungen geht noch weiter, indem sie auch das Denken und Urteilen selbst als biologisch determinierten Prozeß hinstellt. Dafür lassen sich die stolzen Worte Gerhard Roths anzuführen: "Die Entthronung des Menschen als freies denkendes Wesen - das ist der Endpunkt, den wir erreichen." Dieser vorhergehend zitierte Satz wäre also als naturgesetzlich kausales Produkt aus Gerhard Roths Gehirn hervorgegangen, ähnlich wie die Schaumspritzer aus einem Wasserfalls oder wie die chemischen Leistungen aus der Leber. Er könnte genau wie jene weder wahr noch falsch sein. Er wäre, ein Naturprodukt, bestenfalls ein ‚Output’. Ein ‚Output’ ist ein technisches Produkt, dem sinnvolle Information aufgeprägt sein kann. Die Frage, nach dem Sinn eines ‚Outputs’ ist aber immer die Frage nach dem Programmierer, und nicht die Frage nach den Gesetzen, nach welchen etwa die Elektronen durch einen Silizium-Chip diffundieren. Wer also das Denken als biologisch bedingt ansieht, sollte diese seine Ansicht besser nicht in Gedankenform vortragen, wenn er sie zugleich als ‚wahr’ vertreten möchte. Sehr nahe kommt Fichte in seiner "Bestimmung des Menschen" dieser Konsistenzforderung, wenn er schreibt: "Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Träume von sich selbst zusammenhängt." Wäre die Behauptung wahr, träfe sie natürlich auch auf sich selbst zu! Aber warum hat dann Fichte den Satz aufgeschrieben, der doch kein wahres Urteil, sondern nur ein Traum sein soll?
Bewußtsein oder Bewußtseinsäußerung?
Der Begriff der Willensfreiheit wird im Folgenden noch zu klären sein. Sicher setzt aber das ursprüngliche Verständnis von Freiheit Bewußtsein voraus. Deshalb wird ein Neurobiologe schwerlich gültige Aussagen über die Existenz oder Nicht-Existenz von Freiheit machen können, ehe er nicht das Bewußtseinsrätsel wenigsten anfänglich gelöst hat. Besonders euphorische Stimmen geben vor, diese Lösung bereits zu besitzen. Es gibt aber auch nachdenklichere Forscher, so antwortet z.B. Antonio Damasio in der "Zeit" vom 5. Oktober 2000 auf die Frage: "Glauben Sie, Bewußtsein wird sich eines Tages endgültig erklären lassen?" mit dem bemerkenswerten Satz: "...obwohl wir Neurowissenschaftler das gerne vergessen, stehen wir vor einer zentralen Erklärungslücke: Wie entsteht aus einem neuronalen Muster ein Gedanke?" Auf den prinzipiellen Charakter dieser Erklärungslücke hat C.F. Von Weizsächer in seiner "Geschichte der Natur" mit deutlichen Worten hingewiesen: "Man kann dort von der Physik keine Antworten erwarten, wo man nicht einmal die Fragen mit den Begriffen der Physik formulieren kann. Die subjektive Seite des Lebens, Seele, Empfindung, Bewußtsein, nimmt der Physiker mit seinen Mitteln nicht wahr; er kann deshalb auch nicht hoffen, sie mit seinen Begriffen zu erklären. Aus keinem Begriffssystem kann man Sätze ableiten, in denen Begriffe vorkommen, die innerhalb des Systems nicht definiert sind."
Zu eben dieser Erkenntnis war Emil Du Bois-Reymond schon früher gelangt. Er formulierte sie mit den berühmt gewordenen Worten: "Ignoramus et Ignorabimus" im Jahre 1872 vor der Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher in Leipzig. Du Bois-Reymond hatte seit 1858 den Lehrstuhl für Physiologie an der Humboldt Universität inne und war einerseits überzeugter Materialist, andererseits ein sehr gewissenhafter Wissenschaftler, der es peinlich vermied, die umgangssprachliche Interpretation seiner wissenschaftlichen Ergebnisse in Richtung auf sein weltanschauliches Wunschbild zu überziehen. Nachdem Darwin anscheinend den Schlüssel für die Erklärung des Lebens gefunden hatte, schien es ein konsequenter nächster Schritt zu sein, sich der Erklärung des Bewußtseins zuzuwenden. Dabei stieß Du Bois-Reymond schnell auf die Unmöglichkeit, den Gegenstand seiner Untersuchung, das Bewußtsein nämlich, physikalisch zu fassen. Darwin und seine Nachfolger waren davon ausgegangen, daß Leben vorläge, wenn man Stoffwechsel und Fortpflanzung nachweisen könne. Stoffwechsel und Fortpflanzung sind aber ihrer Natur nach physikalische Begriffe, denn sie sind vollständig durch die Angabe zu beschreiben, welches Atom sich zu welcher Zeit an welchem Ort befindet. So war es keine unlösbare Aufgabe für die Physik und die Chemie, sondern eher eine etwas anspruchsvolle Routineangelegenheit, die stofflichen Vorgänge von Lebensprozessen nachzuzeichnen.
Beim Bewußtsein liegen die Verhältnisse jedoch ganz anders. Jeder Mensch hat die unmittelbare Erfahrung seines eigenen Bewußtseins und ist folglich in der Lage, Bewußtsein von materieller Bewußtseinsäußerung, wie etwa Sprache, Gebärden, Hormonausschüttungen, Nervenimpulse usw., zu unterscheiden. Deshalb gelingt es nur bei hochgradiger Abdämpfung seines Denk- und Urteilsvermögens, jemanden zur Identifikation von Bewußtsein und Bewußtseinsäußerung zu überreden. Wer etwa Gedächtnis mit Datenspeichern gleichsetzt, übersieht, daß es auf das Auslesen der Datenspeicher ankommt; und solange dieses Auslesen nur zu elektronischen oder physiologischen Anregungsmustern führt, bleibt unverstanden, woher ein ‚Jemand’ kommt, in welchem sich nicht nur Datenspeicher befinden oder Anregungsmuster etablieren, sondern, der auch noch weiß, was er gespeichert hat. Dieser subjektive Vorgang des Wissens ist nicht aus den heute bekannten Gesetzen der Materie ableitbar. Deshalb sagte Du Bois-Reymond, andere als materielle Erkenntnis ausschließend, "ignoramus", wir wissen es nicht, "et ignorabimus" und wir werden es auch nie wissen.
Der nahezu unangefochtene Erfolg darwinistischer Erklärungen beruht hingegen darauf, daß das Leben selbst nicht wie das Bewußtsein unmittelbarer Erfahrungsinhalt ist. Gewöhnlich kennen wir nur die materiellen Lebensäußerungen. Deshalb konnte die Identifikation von Leben und Lebensäußerung bereitwillig akzeptiert werden. Allenfalls von Religion und Philosophie wären Einwände zu erwarten gewesen; denn mit der Reduzierung des Lebens auf die Gene war ein lebendiger Gott, waren lebendige geistige Wesen, war ein Leben nach dem Tode, waren also die uralten großen Rätselfragen des Daseins ohne viel Nachdenken qua banalisierender Definition einfach abgeschafft. Selbst von neurophysiologischer Seite wird aber eingestanden, daß das vorliegende Material so weitreichende Schlußfolgerungen nicht zuläßt. Damasio antwortet auf die Frage, ob ein Leben nach dem Tode denkbar sei: "...Wir wissen noch wenig über die Bedingungen, die dazu führen, daß der Kosmos, daß Leben überhaupt möglich ist. Es ist durchaus vorstellbar, daß es organisierende Kräfte gibt, die man Natur nennen könnte oder auch strukturelle Prinzipien. Ich möchte darüber nicht urteilen. Aber ich denke, es wäre sehr plump, das beim jetzigen Stand des Wissens rundweg abzulehnen."
Die scharfe Unterscheidung zwischen Bewußtsein und Bewußtseinsäußerung ist äußerst wichtig. Mit Bewußtseinsäußerung sei hier jeder mit dem Bewußtseinsakt einhergehende materielle Vorgang bezeichnet, also alles, was der Außenbeobachtung oder Messung zugänglich ist. Bewußtsein sei der rein innerliche Anteil. Alle Bewußtseinsäußerungen fallen in das Stammgebiet von Physik und Chemie. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß sie sich im Prinzip vollständig nachbauen lassen. Viel interessanter wäre die Frage, ob eine Maschine, wenn sie ein perfekter Nachbau eines Menschen wäre und sich genauso verhalten und äußern würde, wie ihr Original, auch wissen könnte (nicht nur gespeichert hätte!), was sie tut und sagt. Es wird sicher noch etwas dauern, bevor man einen Menschen Atom für Atom nachbauen kann. Nehmen wir einmal an, es könnte gemacht werden und würde getan. Das wäre sicher ein spannendes Experiment, aber es würde, wie auch immer es ausginge, trotzdem wenig zur Erklärung des Bewußtseins beitragen!
Denn selbst wenn der aus materialistischer Sicht zu erwartende Fall einträte, daß sich der Nachbau als autonomer Mensch mit normal ausgebildetem Innenleben präsentierte, könnte der nachbauende Wissenschaftler nicht beanspruchen, das Rätsel des Bewußtsein gelöst zu haben! Einfach deshalb nicht, weil der »Nachbau« von Menschen ein oft wiederholtes Experiment ist, das in der Regel gemeinsam von zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts nach allgemein bekanntem Rezept betrieben wird. Zustande kommt ein Mensch mit Innenleben, materiell realisiert. Das ist genügend Beweis, daß es funktioniert. Die Materie macht es möglich. Aber die Experimentatoren brauchen nicht die geringste Ahnung zu haben, wie die Materie dieses zu Wege bringt. In der Tat, daß sich einmal ein Computer, sei er elektronisch oder biologisch konstruiert, mit bewußtem Innenleben zu Worte melden könnte, ist nicht auszuschließen. Aber es sollte seinen Konstrukteur in höchstes Erstaunen versetzen; denn es wäre etwas geschehen, was das Vermögen jener Materie, die in unseren Physik- und Chemiebüchern beschrieben ist, übersteigt. Aus der Schrödinger Gleichung läßt sich kein Bewußtsein ableiten. Die Schulbuchmaterie bringt es nicht bis zum Innenleben. In der Wirklichkeit beobachten wir aber Bewußtsein, welches sich auf körperlicher Grundlage entfaltet, nämlich unser eigenes. Darin besteht die von Damasio eingestandene Erklärungslücke. Es ist eben eine Erkärungs- und keine Produktionslücke!
Wissenschaftliche Erforschung des Bewußtseins
Forschung und Wissenschaft sind auf Wahrnehmung und Erfahrung angewiesen. Unerfahrbares läßt sich nicht erforschen. Was wir materiell am Bewußtsein konstatieren, sind Bewußtseinsäußerungen und nicht das Bewußtsein selbst. Das Bewußtsein erfahren wir zwar auch, aber diese Erfahrung ist so eingeschränkt, daß sich bisher noch kaum eine eigentliche Bewußtseinswissenschaft entwickeln konnte. Wir kennen z.B. nur unser eigenes Bewußtsein. Das Bewußtsein des anderen Menschen oder gar eines Tieres kennen wir nicht in derselben Unmittelbarkeit. Sollte diese Beschränkung einmal fallen, läge reiches neues Material vor, um der Bewußtseinswissenschaft eine rapide Entwicklung zu garantieren. Gemessen an unseren bisherigen Erfahrungen wirkt ein solcher Gedanke allerdings utopisch. Man könnte meinen, eine solche Veränderung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten würde nie eintreten können. Es ist jedoch zu bedenken, daß ‚nie’ ein gewagtes Wort angesichts der ganzen vor uns liegenden Ewigkeit ist. Außerdem gibt es bei genauem Hinsehen erfahrbare Vorläufer der direkten Wahrnehmung fremden Bewußtseins. Die folgenden beiden kleinen Selbstbeobachtungsexperimente können sie sichtbar werden lassen. Sie können als ein bescheidener erster Einstieg in das eingangs erwähnte ‚Erwachen im Willen' gelten. Man versuche, sich die Argumentation aus den Zusammenhängen der Vivisektion zu eigen zu machen: das Jaulen eines Hundes, dem man den Schwanz abschneidet, komme automatisch und neurologisch nachvollziehbar zustande. Es sei ohne Innerlichkeit und Bewußtsein und ähnlich zu bewerten wie das Quitschen einer verrosteten Tür. Das empfohlene Experiment besteht nun in der Beobachtung der eventuell vorhandenen eigenen Widerstände gegen eine solche Einschätzung des Jaulens, mit dem Ziel, deren Ursprungsort sichtbar werden zu lassen. Man wird bemerken, wie sich Erklärungsmuster im Gewande der Selbstverständlichkeit geradezu aufdrängen und die angestrebte Erfahrung zudecken, wenn man nicht energisch gegensteuert. Unbestreitbar läßt sich natürlich für die eigenen Widerstände ein neurologische Erklärung nach ähnlichem Muster wie für das Jaulen des Hundes erfinden, aber es geht bei diesem Experiment um eine Beobachtung, nicht um eine Erklärung. Wissenschaft erschöpft sich schließlich nicht im Angebot von denkbaren Erklärungen, sondern sie verlangt deren genau Übereinstimmung mit der Beobachtung. Das zweite Experiment verläuft ganz ähnlich; es knüpft an eine jetzt überwundene medizinische Anschauung an, Säuglinge solle man besser ohne Narkose operieren, denn sie hätten ja noch kein Bewußtsein, ihre Schmerzensschreie seien rein äußerliche neurophysiologische Naturvorgänge ohne Innerlichkeit. Wieder geht es um die Beobachtung, der eigenen Widerstände gegen eine solche Sichtweise, um in diesen Widerständen erste Andeutungen für direkte Wahrnehmungsfähigkeiten fremden Bewußtseins zu entdecken.
Hilfreich ist dabei die Unterscheidung zweier unterschiedlicher Erfahrungsweisen, nämlich Erfahrung durch Beobachtung und Erfahrung durch Beteiligung. Während die Materielles konstatierende und messende Naturwissenschaft die Erfahrung durch Beobachtung zu ihrer alleinigen Grundlage gemacht hat, wird für die Erforschung des Bewußtseins wohl eher eine besonders vom postmaterialistischen Denken zu pflegende Beobachtung durch Beteiligung angemessen sein. Dieser Unterscheidung hat Goethe bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen größte Bedeutung beigemessen. Er hat ihr immerhin sein Hauptwerk, den Faust, gewidmet. Denn kaum stellt Faust die Erkenntnisfrage, begegnet er schon den beiden polaren Geistern, dem Geist des Makrokosmos und dem Erdgeist. Der eine repräsentiert die ganze Herrlichkeit der Erfahrung durch Beobachtung. Er wird von Faust mit den Worten: "Welch Schauspiel! - Aber ach, ein Schauspiel nur!" bewundernd empfangen und zugleich wieder abgewiesen. Dem anderen dagegen, der Erfahrung durch Beteiligung verheißt, dient Faust sich an, wird aber nun seinerseits von diesem mit dem Hinweis abgewiesen, daß das Begreifen der Beteiligung voranzugehen habe. Im weiteren Verlauf des Dramas führt Goethe aus, welche Klippen und welche Möglichkeiten den Weg säumen, der seinen Helden zur Vereinigung mit der Helena, also doch zur ihm zunächst versagten Erfahrung durch Beteiligung führen soll.
Erfahrung durch Beteiligung wird heute gern als ein subjektiver Vorgang ohne Bedeutung für die Wissenschaft abgetan. Ohne die Forderung des Goethe'schen Erdgeistes, daß nämlich das Begreifen dem Erfahren die Wege zu bahnen habe, ist sie das wohl auch. Andererseits wird leicht übersehen, daß die Erfahrung durch Beteiligung in der Regel für die auf Beobachtung aufbauende Wissenschaft konstituierend ist. Das soll am Begriff der Wissenschaftlichkeit selbst erläutert werden. Für den Beobachterstandpunkt ist Wissenschaftlichkeit gegeben, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, wie etwa Reproduzierbarkeit und Intersubjektivität. Die Überprüfung eines Sachverhaltes oder einer Bewertung an Hand von Kriterien ist allerdings immer schon eine abgeleitete Sache. Denn zunächst müssen Kriterien erfunden werden, ehe man sie anwenden kann. In der Regel haben Kriterien viel eingeschränktere Anwendungsfelder als das ursprüngliche Anliegen, aus dem sie hervorgebracht werden. So wird man z.B. den Aufzeichnungen beim Sturz des Kometen Shoemaker in den Jupiter den wissenschaftlichen Wert nicht wegen fehlender Reproduzierbarkeit absprechen. Noch wesentlich bedenklichere Randzonen hat das Kriterium der Intersubjektivität. Wieviele Subjekte müssen denn die Beweise des Fermat`schen Satzes oder des Vier-Farben-Theorems nachvollziehen können, damit ihre Wissenschaftlichkeit gewährleistet ist? Es gibt vermutlich und bedauerlicher Weise wesentlich mehr »kompetente« Subjekte, denen nationalistische »Erkenntnisse« unmittelbar einleuchten. Damit täte sich ein bequemer Weg zu ihrer »wissenschaftlichen Absicherung« auf.
Aus diesen Gründen verbietet es sich, Kriterien für Wissenschaftlichkeit auf Felder anzuwenden, für die sie nicht abgeleitet wurden. Ein Kriterium kann nur von jemandem formuliert werden, der schon vor seiner Formulierung weiß, was er meint und sagen will. Das unformulierte Vorwissen, dem die Postmoderne, das postmaterialistische Denken wieder die gebührende Aufmerksamkeit widmen will, ist nun ein gutes Beispiel für eine Erfahrung, die durch Beteiligung gewonnen wird. Ich möchte es als den ‚Begriff’, die ‚Idee’, das ‚Prinzip’ oder im juristischen Sprachgebrauch als den ‚Geist’ im Gegensatz zum Buchstaben einer Sache bezeichnen. So gesehen ist der (unformulierte!) Begriff eine Quelle, die Formulierungen hervorbringen kann; die Formulierungen selbst sind nachrangige, vom Kenner des Begriffs veränder-, gestalt- und kritisierbare Produkte. Das »subjektive Vorwissen« ist also in diesem Fall die Grundlage für das abgeleitete Kriterienwissen des Zuschauers.
Wollen wir nun den Begriff der Wissenschaftlichkeit auf Erfahrung durch Beteiligung anwenden, so müssen wir zunächst diesen Begriff haben, ehe wir entscheiden können, wie er auf den Erfahrungsfeldern der Beteiligung zu realisieren, zu definieren und zu formulieren wäre. Wir können auch Abgrenzungen vornehmen und einem Urteil Wissenschaftlichkeit absprechen, wenn in dieses Urteil fremde Autorität in Form von heiligen Schriften, uralt ehrwürdigen Traditionen, politischem Diktat, Gruppenzwang, Wunschdenken, Opportunismus usw. eingeflossen ist, zumal, wenn solche Autorität vom urteilenden Subjekt akzeptiert oder billigend in Kauf genommen wird. Da Wissenschaftlichkeit den Irrtum nicht ausschließt, sind unbekannte oder unbewußte Zwänge jedoch tolerierbar, zumindest, wenn der Urteilende ernsthafte und glaubwürdige Maßnahmen trifft, sich solchen zu entziehen. Wie schon im 3. Abschnitt erwähnt, könnten aber z.B. die Urteile von jemandem der vorgibt, inhaltlich dem Zwang seines Gehirns unterworfen zu sein, nicht als Wissenschaft gelten. Wissenschaftlichkeit für subjektive Erfahrungsfelder, Erfahrungsfelder der Beteiligung, kann nicht generell ausgeschlossen werden. Man wird sie aber nicht durch Objektivierungen einlösen können. Denn eine solche Forderung entspränge unbegründeter Willkür. Schließlich gilt ja auch die Mathematik als Wissenschaft, obwohl sie sich nicht über Messungen und Fremdbeobachtung begründen läßt!
Ist Freiheit möglich?
Bewußtsein ist nur eine notwendige Bedingung für Freiheit. Folglich ist die Lösung des Bewußtseinsproblems zwar Vorbedingung aber noch nicht Lösung des Freiheitsproblems. Ohne zureichenden Grund die Freiheit zu leugnen, gehört zu den Initiationsriten vieler moderner Denkrichtungen und naturwissenschaftlich geprägten Weltanschauungen. Wirkliche Problemlösung erfordert aber eine offenere Ausgangslage. Ein gutes Beispiel finden wir bei Antonio Damasio, wenn er sagt: "Ich Glaube, der freie Wille existiert, aber in geringerem Maße, als viele glauben." Abgesehen davon, daß sehr viel ‚Glaube’ in diesem Satz vorkommt, repräsentiert er eine vernünftige Haltung. Er trägt nämlich erstens der modernen Forschung Rechnung, die die leibliche Bedingtheit vieler vermeintlich freier Entscheidungen hat aufdecken können. Zweitens berücksichtigt er, daß die Unmöglichkeit einer Sache nie empirisch bewiesen werden kann. Kein Physiker würde etwa behaupten, daß es Transurane nicht gäbe, nur weil man an ‚gewöhnlichen Orten’ keine findet. Er würde nicht einmal die Existenz eines instabilen Isotops leugnen, nur weil es noch niemand hergestellt hat. Wenn jemand behaupten würde, jeder der sich für frei hält, sei auch frei, so wäre er natürlich leicht zu widerlegen. Aber die interessante Frage ist, ob Freiheit überhaupt im Prinzip möglich ist. Diese Frage bliebe bestehen, selbst wenn gezeigt werden könnte, daß Freiheit bisher noch in keinem einzigen Falle realisiert worden wäre. Ich möchte die Suche nach der Freiheit mit der Suche nach Diamanten vergleichen. Man kann ihre Existenz auch durch Entlarvung ganzer Berge von Glassplittern nicht ausschließen. Diamanten sind selten. Reine Diamanten sind eher die Ausnahme. Aber Diamantenstaub ließe sich wohl häufiger finden, wenn man die Instrumente hätte, ihn nachzuweisen. Allerdings müßte man sich entscheiden, ab wieviel richtig angeordneten Atomen ein Kohlenstoffcluster als Diamant gelten soll. Überhaupt muß der Diamantensucher vor Beginn seiner Suche wissen, was als Diamant zu gelten hat und woran er ihn erkennen kann.
Ähnlich verhält es sich mit der Freiheit. Zunächst muß gesagt werden, nach welcher Freiheit gesucht werden soll, d.h. welcher Freiheitsbegriff diesen Ausführungen zugrunde liegt. Die höchste Steigerung wäre ein onthologischer Freiheitsbegriff, wie ihn Spinoza in einem Brief aus dem Jahre 1674 beschreibt: "Ich nenne nämlich die Sache frei, die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird." Eine solche Freiheit kann keinem Geschöpf zukommen; und folgerichtig hat Spinoza Gott allein die Möglichkeit der Freiheit eingeräumt. Obwohl es recht hoffnungslos aussieht, den Kreis der Teilhaber an solcher Freiheit über Gott hinaus auf Menschen zu erweitern, will ich ihre Bedingungen diskutieren und den Spinozistischen Freiheitsbegriff im Folgenden zugrunde legen. Determinierte Handlungen sind sicher nicht frei, aber zufällige sind es auch nicht. Denn der »Zufall« ist nicht der Mensch, sondern ein dem Menschen Fremdes. Der vom Zufall bestimmte Mensch wäre also auch fremdbestimmt. Unberechenbarkeit ist folglich kein Kriterium für Freiheitsfähigkeit. Mehr noch: nicht nur die Unberechenbarkeit sondern jedes von außen feststellbare Attribut einer Handlung scheidet als Kriterium für Freiheit aus, denn zu allen nur auf äußere Daten bezogenen Kriterien ließen sich konforme Handlungsabläufe mit Automaten simulieren.
Damit ein Mensch Freiheit im Spinozistischen Sinne realisieren könnte, müßte er über das bloße Dasein als Geschöpf hinaus wachsen und selbst schöpferisch werden, also bisweilen seinen Handlungsmotiven eine Wendung geben, die in nichts anderem, als in ihm selbst begründet wäre, weder seiner Veranlagung noch der Umwelt entspränge, im Augenblick geschaffen würde und von da ab, als Tat realisiert, ihm als ureigenstes Wesensmerkmal anhaften würde, ja Bestandteil seiner durch ihre Taten sich nach und nach selbst erschaffenden freien Individualität geworden wäre. Damit ist nun eine weitere notwendige Bedingung für Freiheit neben der des Bewußtseins umrissen: es muß einen bewußten Autor der freien Motive, Entschlüsse und Handlungen geben, ein ‚Ich’, welches mit den Tatenfolgen verbunden und deshalb verantwortungsfähig ist. Als subjektiver Befund liegt das ‚Ich’ vor. Ein lokalisiertes neurophysiologisches Pendant scheint es jedoch nicht zu geben. Diese anscheinende Diskrepanz wird als das Bindungsproblem der Neurophysiologie bezeichnet. Es hängt eng mit der Frage zusammen, in wie weit sich das ‚Ich’ des Organismus bedient, und in wie weit das ‚Ich’ vom Organismus hervorgebracht wird. Da letztere z.B. für die Erörterung uralter Überzeugungen eines bewußten Daseins nach dem Tode relevant ist, verwundert nicht, daß sie mit bekenntnishaften Korsettstangen gespickt ist. Diese kommen in den Schlagworten Monismus und Dualismus zum Ausdruck. Deshalb sei zunächst ein Blick auf sie geworfen, ehe wir uns wieder dem Bindungsproblem zuwenden.
Unsere Erfahrung ist zweifellos dualistisch, weil ihr Innenwelt und Außenwelt unmittelbar gegeben sind und für die unmittelbare Erfahrung weder die Innenwelt aus der Außenwelt, noch die Außenwelt aus der Innenwelt hervorgeht. Wissenschaft besteht nicht letztlich in der Katalogisierung von Erfahrungsdaten, sondern im gedanklichen Aufsuchen von Zusammenhängen zwischen getrennt auftretenden Erfahrungen. Sie ist also ihrer Tendenz nach monistisch. Vornehmstes wissenschaftliches Ziel wird es daher sein, den Zusammenhang zwischen Innenwelt und Außenwelt aufzudecken. Aus dem, was gegenwärtig in unseren wissenschaftlichen Texten als Materie beschrieben ist, kurz aus der Schrödinger Gleichung, läßt sich keine Innenwelt ableiten; aus unserem bisherigen Verständnis der Innenwelt noch viel weniger eine Materie. Also ist der Zusammenhang noch (längst) nicht gefunden. Wird man einmal dem gemeinsamen Ursprung von Innenwelt und Außenwelt auf die Spur gekommen sein, so wird es wissenschaftlich gesehen zwar eine nebensächliche Nomenklaturfrage sein, ob man dieses Gemeinsame als Geist oder als Materie bezeichnen soll, aber für das soziale Klima und die zukünftige Lebensanschauung könnte die Wortwahl geradezu von magischer Bedeutung sein. Man bedenke zum Vergleich nur einmal die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima, wenn man seiner Zeit den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Tier nicht als Tier sondern als sich entwickelnden Menschen bezeichnet hätte, und so bei identischer Tatsachen- und Erkenntnislage zu einer Abstammung des Tieres vom Menschen gekommen wäre!
Vorläufig bleibt die Suche nach dem Zusammenhang von Innenwelt und Außenwelt wissenschaftliches Ziel. Dieses Ziel, den Monismus, bekenntnishaft vorwegzunehmen, wäre unwissenschaftlicher Dogmatismus. Sich andererseits zu einem prinzipiellen Dualismus zu bekennen, also jede Möglichkeit eines erkennbaren Zusammenhangs von Innen- und Außenwelt zu leugnen, wäre natürlich nicht minder dogmatisch. Glaube und Bekenntnis als fragende Hypothesen sind wissenschaftsfreundlich. Ein Bekenntnis, das Forschung ausschließen will, indem es von vornherein die Existenz des Forschungsobjektes oder seine Erkennbarkeit oder die Zulässigkeit seiner Erforschung leugnet, ist wissenschaftsfeindlich und dogmatisch.
Ein ‚Ich’, daß sich des Leibes bedient, also mit ihm nicht wie die Flamme mit der Kerze, sondern etwa wie der Fahrer mit dem Auto, oder weniger technisch, wie der Reiter mit dem Pferd zusammenhängt, ist eine wissenschaftsfreundliche Hypothese, die weder bekannten Tatsachen widerspricht, noch geeignet ist, mögliche Untersuchungen zu behindern. Deshalb sollte man ihr genügend Raum in seinen Überlegungen geben.
Dem Bindungsproblem liegt eine irrige Annahme über das »Ich« zu Grunde. Es wird gewöhnlich am Ende der Nervenbahnen im Kopf gesucht, wo es seine Informationen empfangen und von wo aus es Steuerimpulse an den Leib senden soll. Dieses ‚Telefonzentralenmodell’ ist sehr technologie- und theorielastig. Zustande kommt es durch eine einseitige Fixierung auf die Informationsübertragung. Der Willensentfaltung, die mit Energie zu tun hat, und deren Studium zentraler Topos postmaterialistischen Denkens werden soll, wird es nicht gerecht. Mit dem subjektiven Befund stimmt das Modell nur in sofern überein, als das ‚Ich’ oberflächlich gesehen wie ein einheitliches Zentrum der Persönlichkeit erlebt wird. Hinsichtlich der Lokalisierung und Zugriffsmodalität auf den Körper steht das Modell jedoch in einem krassen Gegensatz zum subjektiven Befund. Allenfalls in psychiatrischen Kliniken ließe sich nämlich jemand auftreiben, der sich in seinem Kopf eingeschlossen erlebt, wo er Nervenenden abtastet und Steuerimpulse versendet. Wer sich im Inneren eines Gebäudes befindet, wird aus der Innenperspektive nicht leicht die Außenansicht ableiten können. Ja, selbst wenn er das Gebäude von außen sieht, kann es immer noch schwer fallen, das innere Gebäudeschema auf die Fassade abzubilden. Unseren Körper kennen wir aber praktisch nur von außen. Von der Existenz einer Bauchspeicheldrüse, eines Blinddarmes, einer Gallenblase oder von Form und Anzahl unserer Gliedmaßenknochen wissen wir erst durch die Anatomie. Das ‚Ich’ hat keine Innenperspektive sondern eine Außenwahrnehmung des Körpers. Subjektiv bewege ‚Ich’ die Hand durch Zugriff auf das von außen erfahrene Körperschema, nicht durch innere Steuerimpulse.
Allein schon das Studium der Informations- und Energieübertragung in einem elektrischen Stromkreis kann helfen, jene Fixierung auf das Telefonzentralenmodell zu lockern. Wir stellen uns also einen Verbraucher vor, der über eine zweiadrige Leitung mit einem Kraftwerk verbunden sei. Das Kraftwerk liefere Gleichspannung und die Leitungsdrähte seien ideal leitend. Der Verbraucher ziehe einen bestimmten Strom. Das Kraftwerk gibt also Energie an den Verbraucher ab. Wir fragen, auf welchen Bahnen die Energie zum Verbraucher gelangt. Die (den Physiker hoffentlich nicht) verblüffende Antwortet lautet, durch die Drähte wird keine Energie transportiert; sie sucht sich ihren Weg im Zwischenraum zwischen den Drähten. Technisch gesprochen ist es der Poynting-Vektor, der den Energiestrom beschreibt. Er hat im ideal leitenden Draht den Wert Null. Die Bahn der Energie im Raum zwischen den Drähten kann zwar eingeengt, aber grundsätzlich nicht versperrt werden. (außer durch Kurzschluß). Der Energiestrom wird aber sofort unterbrochen, wenn ein Leitungsdraht gekappt wird, obwohl die Energie nicht durch den Draht geht! Sind die Leitungsdrähte nicht mehr ideal leitend, werden sie selbst zu Verbrauchern elektrischer Energie und erwärmen sich. Die Energie dafür strömt an jeder Stelle durch die Drahtoberfläche von außen in sie ein!
Energie ist Arbeitsvermögen; sie steht dem Willen nahe, der sich prinzipiell und ausschließlich nur auf die Zukunft beziehen kann. Im Gegensatz dazu ist Information immer auf die Vergangenheit bezogen; sie wird durch das Potential längs der Leitung repräsentiert, das direkt am Draht anliegt und durch den Draht geleitet wird. Also im Draht vermitteln sich die Spuren der Vergangenheit (Information, Potential); um den Draht breitet sich der Anspruch an die Gestaltung der Zukunft aus (Energie, Poynting Vektor). So führt die alleinige Betrachtung des Informationsaspektes fast zwangsläufig zum Telefonzentralenmodell, während die Betrachtung des Energiestromes Vorstellungen anregen kann, die dem subjektiven Ich-Erlebnis viel näher kommen.
Wäre das Bewußtseinsrätsel gelöst und ein selbständiges, unabhängig vom Körper existenzfähiges ‚Ich’ entdeckt, so wäre die Möglichkeit zur Freiheit damit noch immer nicht sichergestellt. Denn es könnte ja sein, daß dieses eigenständige ‚Ich’ von seiner eigenen, vielleicht geistig zu nennenden Existenzgrundlage her determiniert, also zwar nicht von physiologischen, dafür aber von geistigen Gesetzen vollständig bestimmt wäre. Eine eherne Gesetzmäßigkeit, in eine andere Welt verlegt, eröffnete uns nicht die Chance zur Freiheit. Der Mensch erschiene als geistiger Automat anstatt eines biologischen Automaten. Schon Schiller hat erkannt, daß der "Formtrieb" den Menschen ebenso versklaven kann, wie der "Stofftrieb". Freiheit kann nur sein, wenn der Mensch selbst das "Gesetz seines Handelns" hervorbringt.
Nun gibt es einen interessanten mathematischen Satz, das Theorem von Emmi Noether. Er sagt aus, daß die Ewigkeit der Naturgesetze, und der Energieerhaltungssatz ein und dieselbe Sache sind. Oder etwas genauer gesagt: wenn ein Etwas in unserer Welt Wirkungen hervorbringt, und wenn dieses Etwas streng nach Gesetzen (einerlei ob physischen, seelischen oder geistigen) wirkt, die zu allen Zeiten dieselben, also in diesem Sinne ewig sind, so läßt sich der gewöhnliche Energiebegriff auf dieses Etwas so ausdehnen, daß die gesamte Energie wieder in jedem abgeschlossenen System erhalten ist. Sind aber nicht nur die Erscheinungen der Evolution unterworfen, sondern entwickeln oder verändern sich im Laufe der Zeit auch die zu Grunde liegenden Gesetze selbst, so gibt es Prozesse, die den Energiesatz verletzen. In diesem Sinne wäre der freie Mensch ein Perpetuum Mobile. Denn er erzielt Wirkungen in der Welt, denen er selbst das Gesetz gibt; aber er wäre nicht selbst dem Gesetz unterworfen, sondern könnte es gestalten und in der Zeit verändern.
Ein bekanntes Beispiel für eine Verletzung des Energiesatzes liegt in der quantenmechanischen Energie-Zeit Unschärferelation vor. Das einzelne gemessene Quantenereignis wird nämlich vom Zufall bestimmt. Der Zufall ist aber kein ewig starres Gesetz. Deshalb kann der Energiesatz im Mikroskopischen der Quantenwelt verletzt werden. Es gehört aber auch zur Eigenart des Zufalls, daß über die Zeit und damit über viele zufällige Ereignisse gemittelt, am Ende praktisch immer dasselbe heraus kommt, daß also der über längere Zeit einwirkende Zufall als ewig gleiche Ursache erscheint. Deshalb nimmt die Verletzung des Energiesatzes rapide in dem Maße ab, wie sich die Energiemessung über eine gewisse Zeitspanne erstreckt. Diese Energie-Zeit Unschärferelation erfüllt genau, was das Noether'sche Theorem verlangt.
Die quantenmechanische Unschärfe wird seit ihrer Entdeckung auch noch in anderer Weise mit dem Freiheitsproblem im Zusammenhang gesehen. Sie liefert die einzige bisher bekannte Aufweichung des absoluten Determinismus der klassischen Physik. Wäre aber der Determinismus in der stofflichen Welt perfekt, so könnte sich Freiheit in ihr nicht realisieren, weil ja alles so laufen müßte, wie von den Anfangsbedingungen her vorbestimmt ist. Daran änderten auch die Entdeckungen des sogenannten deterministischen Chaos nichts. Denn die erstaunlichen Ergebnisse dieses Gebietes folgen gerade aus der strikten mathematisch perfekten und konsequenten Anwendung klassischer deterministischer Gesetze. Aber sie zeigen, daß sehr viel häufiger als man früher glaubte, winzigste Ursachen gewaltige Effekte haben können, wie etwa die Schneeflocke, die eine Lawine auslöst. Obwohl Quantentheorie und Chaos schon lange als Lockangebot dastehen, mit dem der Freiheit des Geistes ein Weg in die Physiologie des Leibes gebahnt werden könnte, hat sich auf diesem Felde nichts bewegt. Der Grund scheint zu sein, daß der Geist, das ‚Ich’, mit dem Felde des Bewußtseins, auf dem es sich entfaltet, viel zu unerforscht, zu unbekannt ist, als daß man ihm schon Wege bahnen könnte.
Zusammenfassung und Ausblick
Indem die exakten Naturwissenschaften ihr Forschungsfeld auf den Menschen selbst und seine Innerlichkeit ausdehnen, geht ihnen die Subjekt-Objekt Trennung als bewährte Methode zum Erlangen ihrer Gewißheiten verloren. ‚Erfahrung durch Beteiligung' an ihren eigenen konstituierenden vorsprachlichen Grundlagen, zu einem ‚Erwachen im Willen' gesteigert, erscheint geeignet, diese Hürde zu nehmen und die Wissenschaftlichkeit vor der dumpfen Empirie des Unbewußten in einer Zeit zu retten, in der sich die Ökonomie zunehmend auf Techniken stützt, die den ‚Seelenstoff' des Menschen, sein Bewußtsein, ‚beackern'. Tangiert sind Menschenwürde und Freiheit, wenn es sie denn gibt. Es konnte gezeigt werden, daß die Möglichkeit, menschliche Freiheit zu verstehen, an schwierige Bedingungen geknüpft ist. Das Bewußtseinsrätsel ist ungelöst. Der Ort des ‚Ich’ wird im Gehirn nicht gefunden; aber der freie Entschluß braucht einen Autor, ein ‚Ich’. Mit einem ‚Ich’, das zwar nicht von physischen, dafür aber von geistigen Gesetzen determiniert wäre, ist auch nichts für die Freiheit gewonnen. Das freie ‚Ich’ muß ein ‚Perpetuum Mobile' sein. Und es muß Zugriff auf den Körper haben. Quantentheorie und deterministisches Chaos bieten sich für den Eingangsbereich an, aber es hat noch niemand verstanden, ein Tor daraus zu bauen. Angesichts solcher Schwierigkeiten ist es verständlich, wenn dem Freiheitsbegriff immer wieder ein baldiges Ende prognostiziert wird. Solche Prognosen sind keineswegs kleinmütig, sie sind viel eher Ausdruck eines verbreiteten unwissenschaftlichen Hochmuts auf wissenschaftlichem Felde, der die Geheimnisse der Welt und des Menschen so flach ansetzt, daß ihm ihre ‚endgültige Entschlüsselung’ bei jeder neuen Entdeckung in greifbare Nähe zu rücken scheint. Bei solcher Problemlage zu vermuten, in zehn Jahren sei die Willensfreiheit abgeschafft, zeugt aber nicht von Weisheit.
Spekulation kann die Erfahrung nicht ersetzen; sie kann aber die Erfahrung vorbereiten. Das ist nichts Geringes, denn oft liegt der entscheidende Erkenntnisschritt in der richtig gestellten Frage. Wissenschaftlichkeit verlangt eine möglichst weite Fragenpalette, die auch die historisch oder soziologisch geächteten Denkmöglichkeiten einbezieht und unter Negierung aller Tabus und Schulbindungen die Vollständigkeit ihrer ausgearbeiteten Szenarien anstrebt. Die Physik hat die großen Triumphe des 20. Jahrhunderts erlangt, weil sie, d.h. eine phantasiebegabte Gruppe von Wissenschaftlern, teilweise gegen heftigen Widerstand etablierter Kollegen, mit vielen ‚Selbstverständlichkeiten' zu brechen bereit war. Sie hat uns eine Materiewissenschaft von unbeschreiblicher Perfektion beschert, die aber die sicheren Plausibilitäten des 19. Jahrhunderts ins Leere laufen läßt. Phantasie, die Szenarien entwirft, kann die wachsame Aufmerksamkeit an erfahrungsträchtige Orte lenken. Dem gegenüber befremdet es, wenn sich z.B. Menschen mit wissenschaftlichem Anspruch an der Ethikdebatte beteiligen, die nicht selbst mehrere Menschenbilder wie etwa das katholische, das materialistische, jüdische, anthroposophische, islamische oder buddhistische ernsthaft durchdacht und bis zu einem gewissen Grade verinnerlicht haben.
Die Anzahl möglicher Szenarien sollte nur durch wissenschaftliche, etwa im Experiment gewonnene Erfahrung eingeschränkt werden. Besonderes Gewicht für postmaterialistische Forschung hätten Experimenten auf seelischem Felde. Gemeint sind seelische Selbstversuche. Fremdversuche sind aus methodischen Gründen unbrauchbar. Denn sie sind ein bequemer Rückgriff auf die Subjekt-Objekt Trennung, deren Beobachtungsfeld sich Bewußtsein und Freiheit entziehen. Außerdem könnte dieser Rückgriff nicht als postmaterialistischer Forschungsbeitrag gelten. Wie die Physik mit kindlich anmutenden Steinwürfen vom schiefen Turm zu Pisa oder so ähnlich ihr experimentelles Programm begonnen hat, so wird auch der seelische Selbstversuch mit Naheliegendem anfangen müssen. Das Auffinden oder auch nur Nachvollziehen eines mathematischen Beweises wäre schon ein solcher Selbstversuch; manchmal, personenabhängig, gelingt er ja auch nicht! Gelingt er aber, so hat er die merkwürdige Eigenschaft einer gewissen Irreversibilität: der unmittelbar vorangegangene Zustand des Nichtwissens oder der Einsichtslosigkeit kann nicht willentlich und sofort wieder hergestellt werden. Auch die ‚unmöglichen' Versuche, wie dieser letzte, bereichern die Erfahrung. Dazu als weitere Anregung: man versuche einmal, sich selbst zu kränken und zu beleidigen. Für andere ist es doch eine Kleinigkeit! Anspruchsvoller sind dann schon die Selbstversuche des ‚Erwachens im Willen'. Auch bei diesen geht es nicht um phantastische Ausritte, sondern um ein Rütteln an den eigenen Selbstverständlichkeiten, um deren Verankerung inne zu werden. Solche Versuche sind ein Beitrag zur Selbsterkenntnis, nicht mit der ethisch-moralischen Meßlatte gemessen, sondern in Relation seiner Innerlichkeit zu den Kräften, die Welt und Menschennatur konstituieren. Unsere Kenntnisse über die Körperlichkeit des Menschen wachsen rapide; was wir über Geist und Seele, über unsere Innerlichkeit wissen, hinkt weit hinterher. Die Frage nach dem Zusammenhang von Innerlichkeit und Außenerscheinung gäbe mehr Sinn, wenn beide Partner in etwa gleich gut bekannt wären. Daran zu forschen, wäre eine würdige Aufgabe für eine Zeit, die sich als postmaterialistisch begreifen will.