Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


 John Donne: Hier lieg ich von der Lieb erschlagen. Englisch – Deutsch. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Breitwieser, Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik, 3., verbesserte Auflage 2000    166 S.    € 14,00 ISBN 3-8015-0274-0

John Donne: Erstürme mein Herz. Elegien, Epigramme, Sonette. Englisch – Deutsch. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Breitwieser, Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik 2000   131 S.    € 14,00    ISBN 3-8015-0341-0

Rot wie die Liebe und blau wie der Himmel präsentieren sich die beiden hier anzuzeigenden zweisprachigen Lyrikbände. Der Shakespeare-Zeitgenosse John Donne, im englischen Sprachraum hochgeschätzt und nach der Encyclopædia Britannica gar ”often considered the greatest love poet in the English language”, ist hierzulande – trotz der 1996 bei Diogenes erschienenen zweisprachigen Auswahl „Alchimie der Liebe“, deren Übersetzung Werner von Koppenfels besorgt hat – immer noch wenig bekannt, und sein Name ist allenfalls Spezialisten geläufig. Diesem Mißstand versuchen zwei schmucke kleine Bändchen aus dem Verlag Neue Kritik abzuhelfen, die den Dichter mit einer recht umfassenden zweisprachigen Auswahl aus seinem umfangreichen Werk vorstellen. Beide Bände sind herausgegeben und mit sehr lesenswerten Nachworten versehen worden von Wolfgang Breitwieser. Jedes der beiden Bücher ist geziert von einem Frontispiz, das einmal den noch jungen Liebesdichter, im anderen Fall den gereiften geistlichen Poeten John Donne vorstellt.

         

John Donne verdichtet das Wesentliche: Die Liebe, das Leben, die Erlösung. Der Autor gehört zur Gruppe der sog. “Metaphysical Poets” – man kann auch sagen: Kein Gedanke, auch kein theologischer Gedanke wäre ihm zu hoch, als daß er ihn nicht in ein heiteres, manchmal auch rauhes Versmaß bringen könnte.

„Hier lieg ich von der Lieb erschlagen“ - der nun schon in dritter Auflage vorliegende Band mit „Liedern und Gedichten“ (Songs and Sonnets) bietet eine zu Lebzeiten des Autors nicht gedruckte Sammlung von fünfundfünfzig Liebesgedichten aus dem poetischen Frühwerk Donnes. Der Titel nimmt einen Vorschlag des jugendlichen Autors für die eigene Grabinschrift auf.

Der Dichter umkreist die (sehr irdische) Liebe und betrachtet sie aus einer Vielzahl von Perspektiven, er findet zarte und höchst frivole Töne, ja, er kann die Liebe zweier Menschen geradezu religiös überhöhen. So wird in dem Gedicht „Die Heiligsprechung“ (The Canonization) die seit alters her auf Christus gedeutete Legende vom Vogel Phönix zum Hoffnungsbild für die Unzerstörbarkeit der Liebe, der nicht einmal der Tod etwas anhaben kann:

        Nennt uns gleichwie - so macht uns unsre Liebe.

        Ihr könnt zwei Falter in uns sehn,

        Auch Kerzen, die in eigner Glut vergehn,

        Taube und Adler sind zugleich in uns.

        Das Phönixrätsel ward sinnreicher

        In uns, der Einheit ungleich Gleicher.

        Zweieinigen Geschlechts, neutralen Bunds

        Sind wir in Tod und Auferstehn

        Beweis des Wunders Liebe.

Neben der Liebe ist der Tod das große Thema des jungen Donne, und sie beide sind eng benachbart: Jeder Abschied, jede Trennung ist vorweggenommener Tod („Ich sterb, sooft ich von dir geh“), die Liebe in all ihren Spielarten ist Protest gegen den Tod und zugleich die einzige Hoffnung gegen die vanitas des Irdischen. Dabei ist die Verwirklichung der Seelenliebe immer wieder ihr leiblicher Vollzug. In kühnem Gedankenspiel wird die körperliche Vereinigung der Liebenden in eine Linie mit der Menschwerdung Gottes gebracht:

        So Seel in Seele sich erst flicht

        Wenn sie im Leib sich niederließ.

        (...)

        Laß uns in unsre Körper gehn,

        Daß Menschen Liebe sich beschreib:

        Der Lieb Geheimnis wächst in Seeln,

        Doch ihre Bibel ist der Leib.

John Donne wurde 1572 in einer katholischen Familie in London geboren. Bereits mit elf Jahren bezog er die Universität Oxford, wo er drei Jahre lang studierte, ohne freilich ein Examen abzulegen, ebensowenig wie in Cambridge, wo er anscheinend die nächsten Jahre zubrachte. Vermutlich blieb ihm der Studienabschluß darum versagt, weil er sich weigerte, die Supremats-Akte von 1572, eine Loyalitätserklärung gegenüber dem Staat und der Anglikanischen Kirche zu unterzeichnen. Später studiert er am Lincol’s Inn in London Jura, begibt sich dann zeitweise auf Reisen, nimmt an einer Flottenexpedition gegen Spanien und einer von Robert Devereux angeführten glücklosen Kaperfahrt zu den Azoren teil. 1601 wird er Privatsekretär des Lordsiegelbewahrers Sir Thomas Egerton. Die heimliche Eheschließung mit dessen Nichte bringt ihn aber um diese Stelle und vorübergehend sogar ins Gefängnis. In den nächsten Jahren arbeitet John Donne mit mäßigem Erfolg als Anwalt und vollzieht die allmähliche Abkehr vom Katholizismus, von dem er sich 1615 offiziell löst. Durch königliche Gunst gefördert, wird er Priester der anglikanischen Kirche, nach dem Tod seiner Frau (1617, bei der Geburt des zwölften Kindes) widmet er sich ganz dem religiösen Beruf. 1621 wird er - bis zu seinem Tode 1631 - Dean an der St. Paul’s Cathedral. Sein Grabmonument (von Nicholas Stone) hat den Stadtbrand von 1666 überstanden und ist in der neuerbautenen Kathedrale noch heute zu sehen.

      

„Erstürme mein Herz“ vereint weltliche und geistliche Dichtungen, eine Auswahl von Elegien und bietet eine erste deutsche Gesamtübertragung seiner „Geistlichen Sonette“, außerdem einige weitere geistliche Gedichte und Hymnen, schließlich eine Anzahl Epigramme, die von des Dichters Witz und Ironie beredtes Zeugnis geben.

Die erfrischende Respektlosigkeit des jungen Liebesdichters, der immer wieder den Zusamenhang von Religion und Erotik herausstellt, findet sich auch in seinen geistlichen Dichtungen wieder. Ein Beispiel dafür liefert das zehnte der geistlichen Sonette, dessen erste Zeile der Herausgeber als Überschrift des Bandes gewählt hat:

        Erstürme mein Herz! Dreifaltiger Gott, der scheu

        Bis jetzt nur anklopft, haucht, heilsam bespricht.

        O wirf mich nieder, daß ich mich aufricht!

        Brauch deine Kraft, blas, brenn und mach mich neu!

        Ich eine Stadt, dem Feind verpfändet, freu

        Mich auf dein Kommen. All mein Mühn hilft nicht:

        Vernunft, Dein Vogt, dem mich verteidigen Pflicht,

        Wird bald gefaßt, da schwach und ungetreu,

        Doch innigst lieb ich Dich, möcht, daß Du mich

        Auch liebst. Und bin dem Feind versprochen doch!

        Löse, zerhau den Knoten, scheide mich,

        Reiß mich zu Dir, wirf mich ins Kerkerloch!

        Ich bin ich nicht frei, außer Du bändest mich.

        Ich bin ich rein, außer Du schändest mich.

Frappierend die freche Unbekümmertheit, mit der John Donne die gnädige, liebevolle Überwältigung des Menschen durch Gott in die Bilder einer entsetzten Stadt und einer geschändeten Frau faßt: Nor ever chaste, except you ravish me.

Wolfgang Breitwiesers Übertragungen, die dem Reimschema des Originals folgen, sind durchweg lesbar und meist recht gelungen. Die Nachworte beider Bände sind informativ, die Anmerkungen knapp, aber doch sehr hilfreich zum Verständnis von mancherlei Zeitbedingtem. Den beiden hübschen Bändchen ist eine weite Verbreitung zu wünschen: Das deutsche Lyrikpublikum hat die Entdeckung des Dichters John Donne ja weithin noch vor sich.

Uwe Kühneweg

 Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen