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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Marburger Kunsthalle. Andrea Zaumseil: Nacht. Räume (18.1.- 19.2. 2002) - Martin Wehmer: "Kreidler Florett", Malerei (18.1. - 14.3. 2002)
Wieder zeigt die Kunsthalle in Marburg die gänzlich unterschiedlichen Bild-Welten zweier Künstler, die auf diese Weise in ein Spannungsverhältnis gebracht werden. Nun ist es eine alte Einsicht der Philosophie, dass, was in Kontrast zueinander steht, auch etwas gemeinsam haben muss, denn noch so verschiedene Dinge, die sich jedoch nichts angehen, bilden keinen Gegensatz. Was könnte es also sein, das den Arbeiten von Martin Wehmer, die im Parterre der Kunsthalle ausgestellt sind, und denjenigen von Andrea Zaumseil, die man im ersten Stock betrachten kann, gleichermaßen zukommt? Diese Frage ist nicht so ohne weiteres zu beantworten, denn die grellfarbigen Bilder Wehmers und die schwarzweißen Zaumseils scheinen einander so fremd, wie nur möglich.
Martin Wehmer wurde 1996 in Hattingen geboren und lebt in Freiburg/Breisgau. Könnten wir seine Farben hören, so wäre der untere Raum der Halle von einem Wirrwarr lauter und jedenfalls dissonanter Geräusche erfüllt. "Ich möchte einen Effekt erzielen, als wären die Farben in der Waschmaschine und würden sich dort drehen", sagt der Künstler (zit. nach: Oberhessische Presse v. 19.1.) und fügt hinzu: "Ich mache Malerei-Malerei", was offensichtlich bedeuten soll, dass seine Bilder nichts außerhalb ihrer selbst darstellen oder abbilden. Es ist also nur folgerichtig, wenn die Arbeiten keine Titel tragen, oder, genauer, "ohne Titel" heißen. Die Gesamtheit der Werke jedoch hat Wehmer "Kreidler Florett" genannt und erinnert damit an die bunten Farben des Mopeds.

In der Tat scheinen die Augen zu schmerzen, wenn man auf die Leinwände blickt. Man ist versucht, einige Schritte zurückzutreten, um den Eindruck zu mildern und solcherart erträglicher zu machen. Kreissegmente etwa, die sich auf einem Bild wiederum vor dem größeren Ausschnitt einer Ellipse befinden - hier existiert also noch ein Relikt von räumlicher Tiefe, das aber in der Komposition eigentlich wieder aufgehoben wird - , enthalten rote, blaue, grüne, gelbe oder braune Farben. Ihre jeweiligen Mittelpunkte bilden natürlich keine Zentren aus, die so etwas wie eine Gesamtstruktur herstellten. Trotz allem wirkt das Bild merkwürdigerweise nicht gewaltsam. Der mittlere Kreistorso scheint seine Stellung zu behaupten, aber auch gleich wieder aufzugeben. Es gibt also eigentlich keine Bewegung, und schon gar nicht der Rotation (nichts dreht sich wie in einer Waschmaschine), sondern höchstens deren indirekte Rücknahme. Dies ist die notwendige Konsequenz eines völligen Fehlens jedes Außenbezuges. "Ich male nicht über Politik oder über Gefühle, sondern über Malerei. Auf meinen Bildern kann man zum Beispiel sehen, wie sich ein Kreis malt" (Wehmer, OP, a.a.O.) - nehmen wir das ganz wörtlich. Wehmer malt nicht - Malerei, sondern über sie.
Wer nämlich, wie die meisten Künstler der Tradition, etwas Sichtbares, Häuser, Bäume, Menschen, oder Engel und Götter, malt, malt zugleich etwas Unsichtbares. "Jedes bedeutende Werk praktiziert diese "Bildlosigkeit"", sagt der Kunsttheoretiker und Philosoph Lásló F. Földényi in seinem vor kurzem im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch "Das Schweißtuch der Veronika. Museumsspaziergänge". Aber nicht die Arbeiten Wehmers. Ist er deswegen ein schlechter Maler? Nach den Kriterien der Vergangenheit vielleicht, nach den heutigen jedoch macht es gerade keinen Sinn mehr, die alten gegensätzlichen Maßstäbe "gut / schlecht" unbesehen weiter zu verwenden. Erst wer "über" Malerei malt, also nicht reflektierend, wie auf einer zweiten Stufe, das gab es früher auch schon, sondern direkt und unmittelbar "über" Farbe und Kreise, hebt jeden Bezug auf ein unsichtbares Zentrum auf. Das ist der eigentliche Grund, warum die Strukturen auf den Bilder Wehmers, trotz aller scheinbaren Dynamik, keinen Prozesscharakter haben. Was wir sehen, ist Farbe, und die bewegt sich nicht.

Andrea Zaumseil wurde 1957 in Überlingen geboren und studierte Bildhauerei in Stuttgart. Ihre in Marburg ausgestellten Arbeiten tragen gleichfalls bis auf wenige Ausnahmen keine Titel. Die schwarzen oder braunen Plastiken sind zumeist runde oder konische Gebilde mit Öffnungen beinahe wie knorpelige Schlünde. Diese Formen tauchen auf einigen Bildern - alle schwarz-weiß, mit Pastellkreide auf Papier gezeichnet - wieder auf; im Gegensatz hierzu sieht man auf anderen rechteckige übereinander gestülpte Strukturen, und diese Bilder nun heißen etwa: "Das Dach über dem Kopf. Den Boden unter den Füßen" oder "Himmelsbild". Gerade sie vermitteln aber weder den beruhigenden Eindruck eines Zuhauses oder gar einer Heimat, noch den eines freien oder offenen, sich über der Welt wölbenden Himmels. Dieser ist vielmehr gleichsam zugebaut mit viereckigen Kästen, deren Vorderseite ganz schwarz, deren linke und obere Fläche weiß, aber von einem diagonalen Schatten halb verdeckt ist.

Das "Dach über dem Kopf" ist gar nicht da, die ineinander gesteckten Würfel sind nach oben hin offen, der "Boden unter den Füßen" existiert ebenfalls nicht, denn der Grund, auf dem die merkwürdigen Bauten sich erheben, verliert sich in einem unergründlichen Dunkel. Nichts lebt auf diesen Bildern. Offensichtlich stehen die unorganischen im Gegensatz zu den organischen Gebilden. Gerade weil die ersten nur der Ausdruck einer instrumentellen oder technischen Vernunft sind, davon also, wozu eine einseitige Ratio die äußeren und inneren, psychischen, Formen des Daseins gemacht hat, werden die anderen, zumindest für jene Existenzweise des Kalküls und der Berechnung, zur Bedrohung.

Die organischen Gebilde wirken unheimlich. Die Plastiken liegen auf dem Boden wie überdimensionale Samenkapseln oder Eier, allerdings mit alienhaften Mündern, auf einem Bild erkennt man Einbuchtungen, die ebenso gut Darmausgänge, wie Eingänge in lebende Höhlen sein könnten. Sind die eckigen Formen gleichsam tot, so diese wie auf ihre schreckliche Erweckung wartend. Um sie ist eine albtraumhafte Stille. Bewegung gibt es weder hier noch dort.

Eben hier liegt das Vergleichbare zu den leuchtend-lauten Bildern von Wehmer. Bei wirklich stärkstem Kontrast in der Gesamtwirkung wird der Betrachter beide Male mit einer inneren Statik der Kunstwerke konfrontiert. Zaumseil bringt die Feindseligkeit zwischen den technischen und den organischen Gebilden, die sie zeigt, durch eine doppelte und antagonistische Leblosigkeit zum Ausdruck, Wehmer malt "über" die Farbe und kann so Formen, die sonst jeden Rahmen sprengen würden, auf die Leinwand bringen, weil sie in und durch sich selber jeden tieferen dynamischen Impuls wieder aufheben. Die Starrheit der technischen Welt, das Rätselhafte und Bedrohliche des abgedrängten Organischen und die schreiende, ausschließlich selbstbezogene Buntheit der bloßen Oberfläche sind allerdings drei Aspekte desselben Daseins: unserer Gegenwart. Ihre Kritik ist den Arbeiten Wehmers und Zaumseils gleichsam einbeschrieben. Aber vielleicht findet sich bei beiden auch noch anderes, nämlich das Ertasten und Prüfen neuer Strukturen, die sich gar nicht mehr auf die alten Maßstäbe der Kritik beziehen lassen.