Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 2


Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche (3)

Das häßliche junge Entlein von Frauke Jacobi nach Hans Christian Andersen

Theater Waidspeicher, Erfurt (Samstag, 16. 03. 02, 15.00 Uhr)

Bei der Bewertungskarte kreuze ich diesmal wieder SUPER an.

Das Märchen vom häßlichen jungen Entlein wurde sehr schön gespielt. Das Theater wurde nicht mit mehreren Personen, sondern mit Handpuppen gespielt. Die Puppenspielerin Frauke Jacobi, die sich auch das Stück ausgedacht hat, war selbst das hässliche Entlein und die Mutter vom Entlein. Sie konnte sehr gut ihre Stimme verändern. Mal sprach sie sehr hoch und mal tief, auch mit kleinem Dialekt.

Aus einer einfachen Holzkiste, die den See, den Wald und andere Szenenbilder darstellte, hat Frauke Jacobi viel Theater gemacht. Wie sie sich in den Schwan verwandelte, hat mir am besten gefallen. Das war toll.
Aus dem Kostüm der Ente, dem alten grauen Mantel mit vielen Taschen und Beuteln konnte die Schauspielerin immer wieder neue Kostüme basteln. Die Musik hat mir ebenfalls gefallen. Wenn man die Musiker sehen könnte und es Live-Musik wäre, fänd ich das noch besser.

Das war meine letzte Theaterkritik, denn das Festival ist jetzt vorbei. Ich fand’s schön.

Viviane Diederich

Ein Schwan fliegt über den Schwanhof

Frauke Jacobis Bearbeitung des Märchenstoffs von Hans Christian Andersen stellt philosophische Fragen zum Thema Individualität, zur Bedeutung von Eigen- und Fremdwahrnehmung junger und jüngster Menschen. Diese ernsthafte Herangehensweise an ein wichtiges Problem ist umso bemerkenswerter, weil der Inhalt des Märchen doch auch zum süßlichen Verkitschen einladen könnte:

Da ist eine Ente hässlich, sogar die eigene Mutter ist entsetzt. Die kleine Ente zieht sich in den Wald zurück, sie glaubt längst, was man ihr gesagt hat: "Ich bin so hässlich, dass selbst der Hund mich nicht beißen mag!" Es folgen lange Zeiten der Frustration und inneren Emigration, bis die Ente erkennt, wer sie wirklich ist. Ein Schwan.

Mit seiner lyrischen Inszenierung gibt Lars Frank kindgerechte aber ehrliche Antworten: Man muss Geduld haben, wenn man anders ist als die anderen es erwarten. Zu wissen, man ist "außen grau und innen weiß" macht jedem das Leben schwer, es gilt dann in Ruhe abzuwarten und irgendwann zu erkennen und zu akzeptieren, was die eigene Person ausmacht, über welche Identität man verfügt.

Die Darstellung der Metamorphose vom hässlichen Entlein (wunderschön die Maske von Frauke Jacobi) zum Schwan war eines der Glanzstücke dieser Kinder- und Jugendtheaterwoche. Durch die raffinierten Lichteffekte von Andreas Herrlich erstrahlte das Seidenkleid der brillant agierenden Puppenspielerin und Hauptdarstellerin wie von innen heraus leuchtend, was das Symbolhafte ihrer Darstellung der Bedeutung innerer Schönheit pointiert zur Schau stellte. Die rollende Zauber-Kiste, in der sich eine kleine Welt verbarg, ermöglichte den Wechsel von Szenerien und Stimmungen. Eine sanfte und gleichermaßen dunkel wie ernst klingende Bühnenmusik von Tobias Rank (Cello und Klavier) rundete das Theaterstück ab. Anrührend das Bild am Ende: Frauke Jacobi scheint als weißer Schwan für einen Augenblick tatsächlich über den Schwanhof zu fliegen.

Erika Schellenberger-Diederich

Den Marburger Kinder- und Jugendtheaterpreis (1500,- €), gestiftet vom "Freundeskreis Marburger Schauspiel e.V.", erhielt am Samstagabend das Theaterhaus Ensemble Frankfurt/M. für seine Produktion STONES. In dem Stück der beiden australischen Theatermacher Tom Lycos und Stefo Nantsou geht es um einen beklemmenden authentischen Fall: zwei Jugendliche werfen Steine von einer Brücke und töten dabei einen Autofahrer.

Auf den 2. Platz kam der letztjährige Preisträger, das Agora-Theater aus St. Vith in Belgien, mit "Der kleine rote Prinz". Den 3. Platz belegte das Offenbacher Figurentheater mit "Die Fiedelgrille und der Maulwurf". (Wir berichteten darüber)

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