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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 2
Max Kommerell: "Kasperle-Spiele für große Leute", hg. von Joachim W. Storck, Wallstein Verlag, Göttingen 2002, 240 S., ISBN 3-89244-519-2, € 39
Pünktlich zu seinem hundertsten Geburtstag erschienen als die 78. Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt Max Kommerells "Kasperle-Spiele" in einer besonders schönen Neuausgabe. Für den so viel zu früh 1944 verstorbenen Literaturwissenschaftler und Dichter waren diese drei Kasperle-Spiele keineswegs nur Beiwerk neben seinen großen Essays im Band "Geist und Buchstabe der Dichtung" und den "Gedanken über Gedichte", neben seinem Roman "Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern", dem Drama "Die Gefangenen", den Gedichten und Übertragungen – sie dienten vielmehr als eine Entlastung in finsteren Zeiten.

Im Genre des volkstümlichen Kasperletheaters ließ sich vieles sagen, was in anderen Formen Anstoß erregt hätte. So ist das Krokodil im "verbesserten Biribi" für den Polizisten schon ganz zu Beginn: "Eine Person, von der der Staat nichts weiß !" Vor allem aber konnte Max Kommerell hier alle Seiten seines Wesens ausleben: "Es lagen in ihm nebeneinander der tiefste Ernst und eine unbändige Freude am Spaß" (so sein Freund und Kollege Karl Schlechta, S.224).
Der Spaß in seinen Kasperle-Spielen entbehrt des Ernstes nicht; man braucht nur an die Gestalt des Todes zu denken, der in "Kasperle wird Einsiedler" so ganz anders gesehen ist, als gewohnt: weise und freundlich und hilfreich. Gerade in diesem Text hat Kommerells Spiel mit philosophischen Sentenzen einen besonderen Reiz. So sagt der Teufel von sich: "Ich stinke, also bin ich", und Kasperle, der als angehender Heiliger sein Fleisch töten soll, nimmt dies wörtlich auf seine Weise und bezieht es auf den von ihm erworbenen Schinken, den er tötet, indem er ihn verzehrt: "Der gute Schinken über mir, und das gute Gewissen in mir, welch ein erhabenes Gefühl !" Und wie es sich im Märchen gehört, erlernt er durch die Gabe des in das Krokodil Biribi verzauberten Prinzen Wunderschön die Sprache der Tiere: Schleiereule, Rabe, Wolf und Schaf treten auf, und: "Was kann der Wolf dafür, dass er ein Wolf ist ...". Zum Entzücken ist das Gezwitscher von Star und Starin, die ihr Nest bauen – Kasperle wird durch sie zu seiner Schlampampe bekehrt, die der Tod ihm obendrein verjüngt hat, wodurch die Pläne des Teufels durchkreuzt werden:
"So macht denn das Geschwätz der Staren
Schlampampen schön und Kasperl treu,
Mich aber und mein Werk zuschanden.
Ich kann mit Stank zur Hölle fahren,
Ich bin zu genial, zu neu.
Der Teufel bleibt auf Erden unverstanden."
In Marburg fiel der Erscheinungstermin der "Kasperle-Spiele" mit der Feier zu Kommerells 100. Geburtstag zusammen, mit Lesungen, Musik, Vorträgen, einer kleinen Ausstellung und eben auch mit der szenischen Lesung "Kasperle wird Einsiedler" im Rathaussaal. Im Programm heißt es: "Es ist dies eines der gedruckten Kasperle-Stücke für große Leute, die Max Kommerell scheinbar so nebenbei verfasst hat. Und doch hat es die Theaterwelt angeregt (Aufführung 1953 in Darmstadt mit einem Bühnenbild von Willi Baumeister).Ein vielschichtiges Spiel, das mit seinen unterschiedlichen Elementen letztlich wie ein Traum erscheint: Spaß, Allegorie, Komisches und Schauriges, Persiflage und Geheimnis."
Der vorliegende Band nun dokumentiert neben den Texten gerade die genannte Darmstädter Inszenierung, indem er die "Kostümskizzen und Bühnenbildentwürfe" von Willi Baumeister und Carola Tolkmitt enthält, farbig wiedergegeben in einem Tafelteil (1- 42), ferner "Dokumente zur Uraufführung" mit Auszügen aus dem Programmheft des Landestheaters Darm- stadt Damals wurden unter der Regie von Gustav Rudolf Sellner "Kasperle wird Einsiedler" und "Die rote Hand" gespielt.
Freilich war "Kasperle wird Einsiedler" bereits einmal 1942 dargestellt worden, von Studenten aus Kommerells Seminar in Marburg, woran sich eine heutige Zuschauerin – damals die Prinzessin Schöneralsschön – noch genau erinnert. Aber auf der ‚richtigen’ Bühne kamen die Spiele erst 1953 zur Vorführung.
In seinem Beitrag "Zu Max Kommerells >Kasperle-Spielen für große Leute<" (S.179) vergleicht Egon Vietta "die Entdeckung des Nichtlogischen in der Malerei" durch Joan Mirò mit den Spielen Kommerells. Besonders wendet er sich der Alogik in der "roten Hand" zu mit ihrer Zeitkritik in der Persiflage des "Immer-Schneller-Lebens" des Königs Dallifax und seines Marschalls Machschnell und ihrer Geschwindigkeitsanstalten wie der Schnellkindbetterei und dem Schnellsterbeamt – am Schluss siegt dann doch die Langsamkeit.
Auch einen kleinen, aber aufschlussreichen Text Willi Baumeisters enthält der Band: "Das aktive Bühnenbild" überschrieben, das eben "ergänzend" sei, nicht "illustrativ": "Die Bühne ist ein Feld für die Augen..."
Als letzte Dokumente zur Uraufführung finden sich die "Pressestimmen". Georg Hensel schrieb damals eine eingehende und ausführliche Besprechung im "Darmstädter Echo" über "Kasperles romantische Lektionen". Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass zwar die Umsetzung des Spiels "Kasperle wird Einsiedler" gelungen sei: "Nicht zuletzt deshalb, weil diese verkappte Fabel eine Theater-Fabel besitzt, einfach und durchschaubar, und Witz und tiefere Bedeutung direkt aus der Handlung kommen" (S.195). "Die rote Hand" dagegen habe Inszenierung und Publikum überfordert. Zu diesem Ergebnis gelangt auch Herbert Nette in der FAZ, ganz ähnlich wie die übrigen Kritiker in der "Zeit", "Christ und Welt", dem "Rheinischen Merkur" und "Das ganze Deutschland".
Die Dokumente zur Uraufführung, zu denen auch die Szenen- und Probenphotos von Pit Ludwig gehören, stellte Gerald Köhler zusammen, dem der Band einen einfühlenden Beitrag "Ein Theater der Alogik oder Schnellgalgen mit Blitztod" verdankt. Er stellt dar, was es 1953 für das Theater bedeutete, die "Kasperle-Spiele" aufzuführen – ein wenig Avantgarde nämlich neben dem "heiligen Ernst" jener Jahre: ein Experiment, in dem durch die Zusammenarbeit von Regisseur und Bühnenbildner entstand, was Kommerell vorgeschwebt hatte, ein "mikrokosmisches Welttheater (..) das den Archetypus mit der Einfalt des kindlichen Herzens beschwor" (S.215). Dabei verweist er besonders auf die "rote Hand": "Das sonst unheilvoll Ernste einer göttlichen Determinierung wird scherzhaft genommen, das Metaphysische ironisiert". Die große eingreifende Hand hebt z.B. das Kasperle wie eine barocke Flugmaschine in die Höhe. Baumeister sei es damit gelungen sichtbar zu machen, was Kommerell innerlich geschaut haben mag.
Abgeschlossen wird die Ausgabe durch das "Nachwort" von Joachim W. Storck, der bereits für die Marbacher ( und später Marburger ) Kommerell-Ausstellung von 1985 verantwortlich zeichnete. Storck ergänzt mit einem knappen, eindringlich vorgestellten Lebensbild Kommerells den Blick auf die "Kasperle-Spiele". Er begleitet den hochbegabten Arztsohn über die Zeit seiner Begeisterung für die Jugendbewegung in ihren pädagogischen Konzepten ins Studium nach Heidelberg bis zu dem Augenblick der Begegnung mit Stefan George, dem Meister, dem er neun Jahre lang als ein lernender in "freiwilliger Dienstbarkeit", wie er es später selbst nannte, aber auch schon als Autor eines durchaus aufsehenerregenden Werkes über die deutsche Klassik, verbunden blieb. Erst nach dem Bruch mit Georges "Staat" konnte er zum Wintersemester 1930/31 in Frankfurt am Main seine akademische Laufbahn beginnen, die ihn 1941 als Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturgeschichte nach Marburg führte. Staunenswert die Schaffenskraft des in seinen letzten Jahren von Krankheit Gezeichneten in diesem Lebensabschnitt, in dem er sich und seinen Studenten "Weltliteratur" erschloss. Storck zeichnet die einzelnen Arbeiten Kommerells mit sicheren Strichen nach und wird dabei seiner "dichterischen Welterfahrung" (dies der Titel einer späteren Essay-Sammlung) gerecht. Er endet mit einer gründlichen Analyse der "Kasperle-Spiele".
Insgesamt fügen sich die einzelnen Teile des Bandes weit über eine bloße Neuausgabe hinausreichend zu einem aspektreichen Ganzen zusammen.
Renate Scharffenberg