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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 2
Marburger Kunsthalle: Kunstpreis der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken 2001/2002 (22.3. - 24.4.2002)
Der Preis wurde zum fünften Mal vergeben. Er ist mittlerweile, wie uns das Faltblatt zur Ausstellung informiert, "im Bereich der Bildenden Kunst einer der renommiertesten Förderpreise für junge Künstlerinnen und Künstler im Alter von 25 bis 40 Jahren in Deutschland". Nach der ersten Präsentation in Berlin sind die Bilder, Fotos, Installationen und Videosequenzen nun in Marburg zu sehen.
Im hinteren abgedunkelten Raum des Erdgeschosses wandert über die Leinwand eine endlose Folge von Wohnanlagen der deutlich gehobenen Kategorie; Garagen, Gärten und Häuser lösen einander immer wieder ab: "Verschiedene Realitätsebenen, teils Modellaufnahmen, teils Fotografien realer Raumsituationen, werden zu einem untrennbaren Gesamtbild verschmolzen, zu einer synthetischen Idylle. Beunruhigend wirkt zum einen das lebensfeindliche Wesen der Idylle selbst, zum anderen die zunehmende Perfektion, mit der Synthetisches und Reales verschmelzen" (Michael Voets, Katalog zur Ausstellung, S. 56). Eben in dieser Verschmelzung scheint eine Welt der geronnenen Zeit zu entstehen, in der die Menschen nicht eigentlich fehlen - sie sind gleichsam auf unsichtbare Weise präsent. Allerdings bewegt sich der Betrachter mit der Filmsequenz durch eine von Grund auf bedrohliche Idylle. Sie liegt jedoch in einer Zwischenebene, die sich erst bildet, wenn man den Gegensatz von Bewegung und Ruhe auf sich einwirken lässt. Wirkliches und Unwirkliches werden eins. (Dagmar Keller & Martin Witter: "Say Hello to Peace and Tranquility. Videoinstallation, 2001)

(Katalog S. 57)
Susanne Fleischhacker malt auf Nessel. Dadurch bekommen die Farben ihrer Bilder etwas sanft-poröses, das auf eigentümliche Weise schön, ja anziehend wirkt. Eine monochrome Fläche etwa wird von schwarzen oder blauen, Rechtecke bildenden Linien durchzogen, die eine klare Raumaufteilung vornehmen. Die so entstehende Einheit verlangt jedoch nach etwas ihr Ähnlichem: das eigentliche Bild entsteht erst in einer seriellen Folge sich ergänzender Farb- und Raumwerte.

Der in Israel geborene und in München arbeitende Fotograf Yehuda Altmann ist mit zwei Arbeiten vertreten: "Lager" und "Restroom". Er sagt über sich: "I am photographing places with historical meaning – I am looking for the meeting point between visual and narrative in the sense of knowledge and information. I am showing a visual communication between historical presentation that leads to meaning and space repesentation that leads to identity" (Katalog, S. 22).

Das "Lager"-Bild zeigt einen endlosen Gang, durch dessen Öffnungen Licht scheint, sodass von den Mauerzwischenräumen schreckliche Schatten auf den Fußboden und die gegenüberliegende Wand fallen, auf der sie wie schwarze, in die Steine führende Türen liegen. Auf dem zweiten Foto erkennt man die Ecke eines gekachelten völlig kahlen Raums. Merkwürdigerweise wird das Licht von der rechten, gegenüberliegenden Wand weitaus stärker als von der linken reflektiert. So entsteht der irreale Eindruck, die beiden Wände stießen gar nicht aufeinander, sondern es gäbe "Platz" zwischen ihnen - der doch von der Realität des ausweglosen Raums sofort aufgehoben wird.
Rebekka Brunke zeigt drei Bilder, die auf den ersten Blick öde und beinahe völlig flache, wohl norddeutsche Landschaften darstellen (die Künstlerin stammt aus Neustadt/Holstein). Trotzdem wirken die Äcker und Wiesen nicht nur trist und als Metapher von Beziehungslosigkeit und Kälte. Auf beiden der hier wiedergegebenen Arbeiten teilt ein schmaler, horizontal verlaufender Weg Vorder- und Hintergrund voneinander (das dritte Bild ist ähnlich, aber doch anders aufgebaut); die einsame, von einzelnen Büschen bestandene Landschaft verliert sich in der Ferne im Nebel und scheint in den die meiste Fläche einnehmenden Himmel überzugehen - ein Telefonmast erhebt sich direkt am Wegrand und leitet den Blick zu einem zweiten, weit im Hintergrund stehenden, die Leitungen, die sie doch verbinden müssten, sind schon nicht mehr zu sehen. Aber sie existieren. Auch die Büsche scheinen gänzlich voneinander isoliert. Dennoch gibt es zwischen ihnen eine untergründige, die Landschaft strukturierende Kommunikation.

Im Grau der Wiesen und Äcker gibt es keinen anderen Farbton, der die Tristesse auch aufhöbe,und trotzdem ist etwas zu ihr Gegenläufiges in den Bildern, das sich schwer bezeichnen lässt. Es ist nicht so etwas "großes", wie Liebe oder Hoffnung; eher eine stille Zuneigung zum Leben, die parallel zur Kritik seiner Bedingungen einfach da ist.

Das erste Mal gab es einen Sonderpreis "Kunstfenster Europa" (Polen), den Grzegorz Stachanczyk erhielt, dessen drei Bilder - im ersten Stock der Kunsthalle - einen überraschend anderen Akzent setzen. Der Künstler äußert sich so über seine Werke: "The pictures constitute a part of a bigger cycle called "Retreats of a Precarious Life". All Stories come from the Old Testament, first three are devoted to women beeing tools in god’s hand: Tamar, Judyt and Hagar. (...) The drama takes place between persons, who are not interrelated neither by emotion, nor by passion. It is a cruel world, where no noble emotions exist. Lives of heroes are ruled by destiny." (Katalog S. 42)
Nicht von ungefähr sind so gut wie alle Bilder oder Videoinstallationen der Ausstellung "menschenleer" - die Figuren, die Aris Kalaitzis auf seinem Zyklus "The Ideal Crash" zeigt, sind, wie wir es vom Fotorealismus her kennen, entindividualisiert. Seine vier großformatigen Arbeiten (4×135×175 cm) nehmen die Rückwand des ersten Stocks ein und sind durchaus beeindruckend. Dreht man sich aber nun um, so gewahrt man in der rechten Ecke des Raums drei Bilder, die sich schon durch ihren Farbton, ein intensives, dunkles Rot, manchmal ins Gelbliche aufgehellt, von allen anderen Werken unterscheiden.

(Katalog S. 43)
Stachanczyk malt Menschen. Sie sind gerade nicht bloße Typen oder Schablonen, auch jedoch keine individuellen Personen der heutigen Alltagsrealität. Was aber dann? Der Maler sagt es selbst: es handelt sich um Heroen, oder Heroinen, deren Leben vom Schicksal regiert wird. Die kinderlose Sara führt ihre ägyptische Magd Hagar Abraham zu, damit er von ihr Nachkommenschaft erhalte (vgl. Lexikon der christlichen Ikonografie, Band 1, Sp. 79): auf dem Bild sehen wir sie, wie sie der jungen Hagar ein weites Umhangtuch abnimmt; Judith rettet bekanntlich Israel vor der Vernichtung durch Holofernes, indem sie sich scheinbar als Verräterin zu ihm begibt und dem trunken schlafenden Feldherrn mit seinem eigenen Schwert das Haupt abschlägt; Tamar, nacheinander Ehefrau zweier Söhne des Juda, die beide sterben, und immer noch kinderlos, verkleidet sich als Hure, um sich von ihrem Schwiegervater schwängern zu lassen (Lex. d. christl. Ikonografie, Band 2, Sp. 443).
Dargestellt ist auf den drei Bildern einmal die Szene vor, zweimal nach dem Sexualakt. Mit ihm perpetuiert sich das Leben, das als allgemeine Kraft Männer und Frauen zueinanderzwingt. Nach dem Geschlechtsverkehr lassen sie voneinander ab und spüren nur noch ihr Getrenntsein. Aber es geht nicht um Lust oder Leidenschaft, deren Leere häufig genug auf westeuropäischen oder amerikanischen Bildern dargestellt wird. Hier agieren Menschen, die das unausweichlich Notwendige wissend, unverblendet und ohne Hoffnung auf Glück vollziehen. Nur darin sind sie heroisch. Was in dem Blick Judiths, auf den Kopf Holofernes‘ gerichtet, liegt, ist eine stille, rätselhafte Entschlossenheit, also nicht nur duldendes Hinnehmen, sondern eine wirkliche Übernahme des ihr Zugemuteten.

(Katalog S. 44)
Die "Judyt" Stachanczyks fällt mit der Verbindung eines aktiven und passiven Moments nicht etwa in das Zitat eines überholten klassischen Schönheitskanons zurück. Das Bild ist so beunruhigend, weil eben diese Synthese in einer vorindividuellen - und nachmodernen - Welt die Grausamkeit des Schönen offenlegt. Nicht umsonst scheint sich die linke Hand Judiths um den Knauf eines unsichtbaren Schwerts zu schließen - eine Reminiszenz an den biblischen Ursprung der Geschichte. Weiterhin fällt die Ähnlichkeit der Männergestalten auf den drei Bildern ins Auge. Man kann vermuten, dass Abraham, Holofernes und Juda jeweils die Züge eines Selbstporträts tragen. Wäre dem so, dann stellte der Zyklus "Retreats of a Precarious Life" die alte Frage nach der Beziehung der Kunst auf ihren innersten Gegenstand und damit nach dem, was im künstlerischem Prozess geschieht, auf neue Weise.

(Katalog S. 45)
Es ist merkwürdig, in der überwiegend abstrakten Welt dieser Ausstellung plötzlich auf die Arbeiten Grzegorz Stachanczyks zu stoßen. Sie scheinen Tiefenschichten der Psyche anzusprechen, die von der westlichen Gegenwartskunst häufig unberücksichtigt bleiben. In mir entsteht der Wunsch, mehr von diesem Künstler zu sehen. Warum sollte man ihn nicht einmal nach Marburg holen, für eine Einzelausstellung, und warum nicht wiederum in die Kunsthalle?
Diese Betrachtung der Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die den Kunstpreis der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken erhalten haben, ist unvollständig. Die Auswahl beinhaltet jedoch keineswegs den Anspruch auf eine objektive Wertung. Ich gestehe allerdings, dass es mir nicht so wichtig war, zwischen dem ersten bis vierten und den jeweiligen Sonderpreisen (bis auf die genannte Ausnahme) zu unterscheiden. Was mir mehr zu zählen scheint, ist, dass die an Kunst interessierten Menschen in Marburg wieder einmal Gelegenheit haben, unterschiedliche wichtige Arbeiten der Gegenwart kennen zu lernen.
Max Lorenzen