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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 2
1. In einer zusammenwachsenden, sich verengenden Welt, die sechs Milliarden Menschen grotesk ungleiche Lebenschancen bietet, muß die Zahl der Interessenkollisionen und der bewaffneten Konflikte dramatisch steigen. Wir erleben diese Entwicklung mindestens in Ausschnitten an den Bildschirmen live mit. Die gedruckten Medien liefern, für alle die es wahrnehmen wollen, zusätzliches Informationsmaterial in Überfülle. Die Grunddaten für diesen besorgniserregenden Trend – US-Geheimdienste rechnen allein in diesem Jahr mit möglichen neuen Gewaltausbrüchen in Mazedonien, Simbabwe, Haiti, Kenia, Elfenbeinküste, Nigeria und Kaschmir (FR 11.01.02, S. 2) – dürften allen Beobachtern klar sein: Hauptursache für die Eskalation der Gewalt ist die schon angesprochene Verweigerung menschenwürdiger Lebensverhältnisse für mindestens ein Drittel der Erdbevölkerung. Wer schon einmal längere Zeit in einem Entwicklungs- oder Schwellenland gewohnt hat, wird aus eigener Anschauung wissen, was es bedeutet, daß große Bevölkerungsteile keinen Zugang zu einer elementaren Versorgung mit lebenswichtigen Gütern haben. Bildung, medizinische Dienstleistungen, ausreichend bezahlte Arbeit, Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnung bleiben für viele Menschen unerreichbar. Weil alle staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsprogramme nur Tropfen auf überhitzte Steine sind, dreht sich der Kreislauf des Elends immer schneller.
Die Statistiken der UNO oder einzelner ins Elend abgerutschter Länder beweisen, daß die Schere zwischen Armen und Reichen in den letzten Jahrzehnten immer weiter auseinandergegangen ist. Schuld daran sind m.E. in der Hauptsache nicht das Bevölkerungswachstum in Drittweltländern oder die in der Tat wuchernde Korrumpierung der dort Regierenden. Die eigentliche Verantwortung liegt bei der von den reichen Industrieländern erfundenen und dem Globus übergestülpten marktwirtschaftlichen Ordnung, welche die armen Länder und Regionen zugunsten der reichen aussaugt. Handelsbedingungen und Finanzströme werden von den Industrienationen zum größtmöglichen eigenen Nutzen gelenkt, oder auch: manipuliert. Für die kapitalschwachen Schuldnerländer, deren Eliten oft an den Gewinnen der Märkte teilhaben, gibt es keinen Zugang zum Wohlstand der Reichen. Das Elend der vom Produktions- und Konsumkreislauf Ausgeschlossenen schreit zum Himmel und bricht sich hier und da Bahn (ich bin immer wieder erstaunt, wie selten das passiert) in gewaltsamen Aktionen.
2. So überzeugend Konfliktanalysen im Rahmen sozio-ökonomischer Verhältnisse sind, sie reichen m.E. im Einzelfall nicht aus, die Strukturen und Mechanismen von Gewaltausbrüchen zwischen Bevölkerungsgruppen oder Staaten zu erklären. Feindschaft unter Einzelmenschen ist genau wie Verfeindung im makrogesellschaftlichen Bereich meistens eine kompliziertere, vielschichtigere Angelegenheit, als daß sie allein in sozio-ökonomischen Kategorien beschrieben werden könnte. Psychische, ethische, kulturelle, religiöse Momente spielen eine, manchmal entscheidende, Rolle. Sie werden nicht immer offen benannt, bleiben unterschwellig. Aber sie steuern vielfach die Handlungen der Konfliktparteien. Drahtzieher und Demagogen andererseits manipulieren die Emotionen und überdecken die wahren Beweggründe und Interessenlagen. Wir könnten den Sachverhalt in marxistischen Kategorien beschreiben: Aus dem geistigen Überbau kommen Impulse, welche die realen Interessenkonflikte beeinflussen. So einfach dürfte auch diese Lösung nicht sein, weil schon die real existierenden Interessen ganz erheblich unter Einwirkung geistiger und seelischer Faktoren zustandekommen. Eine saubere Trennung von materiellen und geistigen Vorgängen ist folglich nicht zu erreichen.
Anstatt uns in Theoriediskussionen zu verlieren, bleiben wir lieber im praktischen Bereich und versuchen an konkreten Fällen eine klarere Sicht zu gewinnen. Die speziell religiösen Dimensionen mitmenschlichen Verhaltens lassen sich darauf zurückführen, daß Menschen von der interpretierbaren Antike bis heute (d.h. seit der Altsteinzeit, aus der die ersten menschlichen Artefakte bekannt geworden sind: Geräte, Zeichnungen, Figuren) ihre eigene Existenz mit übermenschlichen Kräften, Wesenheiten, Gottheiten in Verbindung gebracht haben. Menschen sind, auch in den heutigen säkularisierten Zeitläuften nicht nur geneigt, sondern darauf programmiert, über ihr eigenes Leben hinaus Kausalzusammenhänge zwischen den jeweils erkennbaren "bewegenden Kräften" herzustellen. Der Drang zu erkennen, was ihre kleine oder große "Welt im innersten zusammenhält" scheint typisch menschlich zu sein. Diese religiöse Veranlagung ist wohl Teil der menschlichen Sinnfindung und eigenen Weltkonstruktion, die wiederum als Ersatz für fehlende Instinktorientierungen verstanden werden kann. Sie wirkt nicht nur im Glauben frommer Gemeinschaften, sondern gleicherweise auch im naturwissenschaftlichen Erkenntnisdrang oder im ganz privaten Glücksstreben und seiner Begründung oder Rechtfertigung vor sich selbst. Diese religiöse Grundeinstellung wird nun auch in Konfliktfällen mit den "anderen", die ja seit eiszeitlichem Hordendasein häufig als Konkurrenten und Feinde auftreten, aktiviert. Mir scheint, daß religiöse Einstellungen in Konfliktsituationen wichtige Positionen besetzen, von denen ich einige skizzieren möchte:
a) Wer in der Auseinandersetzung mit anderen auf das Einvernehmen und die Unterstützung von übermenschlichen Garanten zurückgreifen kann, der gewinnt eine höhere Legitimation und stärkt die eigenen Ansprüche und vervielfältigt die eigene Kraft. Wie eine Fußballmannschaft, die sich durch den Schiedsrichter benachteiligt fühlt, Wutenergien freisetzen kann, weil sie das Recht auf ihrer Seite weiß, so entfalten Menschen, die kraft religiöser Bestätigung von ihrer Sache überzeugt sind, ungeahnte Kraftreserven. In der dokumentierten Menschheitsgeschichte werden darum Kriege mit religiöser Propaganda und religiösen Ritualen durchtränkt und umwoben.
b) Ausgehend von der Überzeugung, im Recht zu sein, läßt sich mit Unterstützung religiöser Parameter viel besser als mit sachlicher Argumentation die andere Seite erniedrigen, ins Unrecht setzen. Wer gegen uns auftritt, so die Gedankenkette, der ist mit unserem Sinngebungs- oder Wertesystem (die ja religiös verankert sind!) nicht einverstanden. Gegner und Feinde erkennen die geordnete Welt, an die wir glauben, nicht an, wollen sie folglich zerstören und durch eine andere ersetzen (man denke an die Feindbeschreibung in der Bundesrepublik: wer nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung will, der setzt sich ins Unrecht). Folglich können die "anderen" nur minderwertig sein, und sie verdienen es, mit Gewalt an ihrem Tun gehindert oder selbst ausgelöscht zu werden.
c) Religion geht in Konfliktfällen aber noch weiter. Ihre Ausrichtung auf die übergeordneten, sogenannten "höheren", auch "überzeitlichen" und "ewigen" Werte gestattet es, die eigenen Interessen und Anliegen in das Transzendentale hinein zu verlängern und zu überhöhen. Bei Konflikten um sehr durchsichtige und handfeste Interessen, seien es territoriale Ansprüche, Besitz von Rohstoffquellen, Kontrolle von Verkehrswegen, strategischen Punkten oder Vorzugsrechten kommen dann plötzlich "transzendentale" Komponenten ins Spiel. Der Angriff der anderen auf ein zeitliches Gut bedeutet dann eine Erschütterung der Grundfesten der Welt. Die religiöse Konstruktion der Welt macht aus jeder drohenden Veränderung ein universales Problem, ruft nach dem Eingreifen der Götter gegen jene, die Bestehendes anzweifeln oder Rechte und Besitzstände aufheben wollen. Herrschaft war in der Antike immer von den Göttern verliehen und darum göttlich legitimiert und angeblich beständig. Heute leiten wir die Regierungsgewalt vom Volk ab und müssen darum in Konfliktfällen andere überzeitliche Begründungen suchen.
d) Der höchste (oder tiefste) Stand religiöser Legitimation für die eigene Sache ist dann erreicht, wenn Konfliktparteien den totalen Sieg suchen, ohne noch im Streitfall den Versuch einer Güterabwägung zu machen. Ich habe noch die Stimme des Joseph Goebbels im Ohr: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Oder die Aussage unseres Geschichtslehrers in Stendal, im Frühjahr 1945: "Der Nationalsozialismus wird sich durchsetzen, entweder mit uns oder auf unseren Knochen!" Religiöser Fanatismus aller Zeiten und aller möglichen Konfessionen kommt zu dem Schluß, daß nicht nur die Existenz der anderen, sondern auch das eigene Dasein unerheblich sind, wenn nur der göttliche Auftrag oder die eigene Wahnidee (beides ist –dann miteinander identisch) erhalten bleiben. Die ganze Welt mag darüber in Brand aufgehen oder in Trümmer fallen.
Dieser ansteigenden Skala von religiösen Legitimationen im Konflikfall möchte ich noch einen spezifischen Aspekt und einige andere Funktionen von Religion anschließen.
e) Im Krieg ist es von Uranfang um die Ausschaltung des Feindes gegangen, d.h. um seinen Tod, ob die Auseinandersetzung nun als Zweikampf, als Heeresschlacht oder mit Massenvernichtungsmitteln ausgetragen wurde. Eine Grundregel menschlichen Zusammenlebens heißt aber: "Du sollst nicht töten". Verhaltensforscher wollen sie schon bei sozial lebenden Tierarten als Tötungshemmung gegenüber nahestehenden Artgenossen festgestellt haben. In der gewalttätigen Konfrontation mit Gegnern muß diese Regel außer Kraft gesetzt werden. Das kann nur mit Einwilligung und Auftrag der höheren Mächte geschehen. Jedenfalls beruhigt ein göttlicher Auftrag zur Tötung der anderen ungemein die Nerven der Krieger. Die o.g. Legitimationen der Gewalt haben diesen wichtigen Nebeneffekt.
f) Es ist eine offene und umstrittene Frage, ob Religionen die Anwendung von Gewalt gegen Konkurrenten nicht nur absegnen, sondern auch aus sich heraus produzieren, als ein Wesensteil ihrer eigenen Existenz. Für die monotheistischen Glaubensrichtungen ergibt sich zumindest unter gewissen Bedingungen ein Verdachtsmoment: Wer die eigene Religion als die ausschließlich wahre ansieht, und von ihrer Annahme das Seelenheil des Menschen abhängig macht, der kann sich möglicherweise gedrungen fühlen, dem anderen, "noch nicht Gläubigen" das Heil eindringlich nahezubringen. Hat der Eiferer dann eine Machtposition inne, ist ein derartig agressiver Glaube zur Staatsreligion geworden, dann liegt mindestens die Versuchung nahe, die anderen mit Feuer und Schwert zu bekehren, um sie zu retten. Die Ureinwohner der beiden Amerikas sind oft zu ihrem eigenen Heil und Frommen verbrannt, geköpft und gevierteilt worden.
g) Demgegenüber bleibt festzuhalten: Religionen haben auf der anderen Seite in sich - und das gilt auch für agressive monotheistische Richtungen - Kraft und Potentiale zur Friedensstiftung. Hier und da kommt die Sehnsucht nach Frieden in alttestamentlichen Quellen stark zum Ausdruck. Das Motto von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden, stammt aus Jes 2,4 = Mi 4,3. Von Jahwe, dem Kriegsgott, erwartet man, daß er "den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt." (Ps 46,10). Recht häufig wird der Gewalt als Mittel der Politik abgeschworen und stattdessen Leiden oder passiver Widerstand empfohlen. Die später auf Christus übertragenen Leitbilder des machtlosen Friedensmessias ist in Sach 9,9f und die des leidenden Gottesknechtes, der die Schuld der anderen sühnt, in Jes 53,1-10 zum ersten Mal formuliert. Auch die Passionsgeschichte des Jeremia und anderer Propheten ist prototypisch für die exemplarische Friedensgestalt Jesu Christi und seiner pazifistischen Märtyrer-Nachfolger. Derartige Traditionen im Verein mit Erfahrungen eigener Unzulänglichkeit der Glaubenden und der Gleichwertigkeit aller Menschen haben in Konfliktfällen auch dazu geführt, daß Juden und Christen sich zwischen die Fronten stellten und unter Lebenseinsatz versuchten, Mord und Totschlag zu verhindern.
Wir lassen jedoch fuer den Augenblick die friedensstiftenden Komponenten in den Religionen außer Acht – sie verdienten eigene Darstellungen – und wenden uns den besorgniserregenden kriegerischen Tendenzen zu.
3. Ein naheliegendes Beispiel für einen gewaltsam ausgetragenen Konflikt, in dem religiöse Motivationen und Legitimationen eine wichtige Rolle spielen, ist der Kampf um Palästina. Ein israelischer Guide sagte uns 1992: Palästinenser und Israelis sitzen in einem Boot, sie müssen sich einigen, wenn sie überleben wollen. Sie müssen vor allem die Verteilung des Wassers und des bestellbaren Ackerlandes regeln, das ist der Schlüssel zur friedlichen Koexistenz." Manchen nüchternen Beobachtern des seit 1947 lodernden Konfliktes sind diese und andere realen Probleme bei einiger Vernunftanstrengung durchaus lösbar. Und beide Seiten würden davon profitieren.
Leider sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Die hardliner in beiden Gruppierungen beziehen religiös fundierte, Alles-oder-Nichts-Positionen. Sie erkennen die Rechte der anderen Seite nicht an, wollen die Gegner auslöschen oder vertreiben. Nur eine Minderheit vertritt diesen extremen Standpunkt offen und programmatisch. Doch sickern die Grundansichten auch in liberalere Wählerschichten bzw. Bevölkerungssegmente durch. Es geht vor allem um drei ganz und gar mit religiösen Voraussetzungen durchtränkte Problemfelder:
a) Jerusalem ist für die beiden streitenden Parteien ein hochheiliger Ort. Auf dem Tempelberg, wo jetzt der islamische Felsendom und die El Aksa Moschee stehen, und an dessen zyklopischer Westmauer die Juden ihre Gebete darbringen, sollen einmal der salomonische Tempel (erbaut im 10. Jdt. v.Chr.) und sein Nachfolger, der sogenannte 2. Tempel (geweiht im Jahre 515 v. Chr.) gestanden haben. Außerdem habe Muhammed, der Prophet, dort seine Himmelfahrt angetreten, darum die heiligen Bauten der Muslime auf dem Plateau. Die Stadt ist natürlich auch den Christen heilig, weil Jesus dort seine Mission vollendet hat und in der Grabeskirche seine Ruhestatt gezeigt wird. Drei Weltreligionen verbinden also mit Jerusalem heilige Traditionen; zwei von ihnen wollen mit aller Macht den Tempelberg unter ihre ausschließliche Kontrolle bekommen, bzw. diese Kontrolle verbrieft und versiegelt behalten. Im Jahre 2001 haben ultraorthodoxe Juden versucht, den Grundstein für ihren neuen Tempel auf dem altheiligen Boden zu legen. Sie sind vom obersten Gericht in Israel daran gehindert worden, haben den Eckstein in einem anderen Grundstück deponiert. Im jüdischen Viertel Jerusalems sieht man das Modell des neu zu errichtenden (nach Sprengung der islamischen Heiligtümer natürlich) 3. Tempels. Obwohl nur kleine Splittergruppen solche Pläne zur Neugründung der alten Tempelanlage aktiv betreiben, färben doch die damit verbundenen Anschauungen auf die Einstellung der säkularisierten Mehrheit, die mit einem neuen Tempelbau überhaupt nichts anfangen kann, ab. Die Überzeugung, daß Jerusalem nicht geteilt werden darf, sondern ausschließlich dem jüdischen (und auf der Gegenseite: dem palästinensischen) Volk gehöre, ist weit verbreitet. Sie hat ganz klar religiöse Wurzeln, wird mit Inbrunst vorgetragen, und rutscht aus dem Netz rationaler Argumentationsfäden heraus.
b) In weiterem Sinne ist für die Israelis das ganze Land Israel ein heiliges, von Gott speziell für sein Volk zur Verfügung gestelltes Gebiet. Die Geschichte dieser Landverleihung wird in der Bibel in den Büchern Exodus, Numeri, Deuteronomium, Josua und Richter ausführlich dargestellt. Sie spielt auch in anderen Teilen der Hebräischen Schriften eine überragende Rolle. Das gottgegebene Land Israel ist ein Hauptthema des ganzen Alten Testaments. Ultraorthodoxe Gruppen im heutigen Israel setzen für die Umschreibung ihres Staates nicht die Teilungsbeschlüsse der UNO von 1947 voraus, sondern die geographischen Angaben der Bibel, vor allem im Buch Josua. Kein Quadratzentimeter des geheiligten Bodens soll von den anderen besetzt sein. Von dieser Voraussetzung nähren sich die Versuche, auch auf der von Arabern besiedelten Westbank und in Ostjerusalem Fuß zu fassen. Man kauft dort Land auf, oder enteignet es, und baut schwer befestigte jüdische Siedlungen mitten in das Gebiet der palästinensischen Autonomiebehörde. Die Karte der arabischen Hoheitsgebiete sieht aus wie ein Fleckenteppich. Überall sind Siedlungen angelegt, die meist eigene Zufahrtsstraßen haben und für die Sonderrechte gelten. Diese agressive Siedlungspolitik hat unter allen israelischen Regierungen angedauert, ist unter Barak, der ja den Palästinensern die weitestgehenden Zugeständnisse gemacht hatte, verschärft worden und ein unheimlicher Stein des Anstoßes für die in Israel ansässigen oder von dort nach dem ersten Krieg vertriebenen Araber. Sie halten den religiös unterlegten und überhöhten Besitzansprüchen Israels die tatsächlichen Eigentumsurkunden für das von ihnen bewirtschaftete Land entgegen. Seit Jahrhunderten leben Araber im Land. Ihr Anrecht auf Grund und Boden ist ebenso heilig wie das vermeintlich im Altertum begründete Anrecht der Israelis. Es ist Grund und Boden ihrer Väter und Familien. Ihr Besitz steht unter dem Schutz Allahs! Ein religiöser Konflikt um das Land ist unvermeidbar.
c) Das Recht auf Rückkehr in ihr Land – das dritte Kernproblem im palästinensisch-israelischen Kampf - ist den Arabern, welche seit mehr als 50 Jahren in Flüchtlingslagern hausen, genauso heilig. Sie fühlen sich als von Israel Entrechtete und Verfolgte. Die in Israel gebliebenen Araber haben sich in der Vergangenheit relativ loyal gegenüber dem Staat verhalten. Erst in den letzten Aufständen gegen die "Besatzermacht" Israel, besonders seit Ende 2000, schlägt die Stimmung unter den noch in Israel ansässigen Arabern um. Die Flüchtlingslager auf der anderen Seite, sind von Anfang an eher Stätten des Hasses gegen Israel gewesen. Hier rekrutieren die radikalen Gruppen Hamas, Dschihad usw.vorwiegend ihre Mitglieder. Die Verweigerung des Lebensrechtes in der Heimat wird beantwortet mit überdurchschnittlichem religiösen Eifer um die Zurückgabe des Bürgerstatus.
4. Es wäre sehr sinnvoll, die anderen heute brodelnden oder anstehenden Konfrontationen verschiedener Gruppen oder Staaten auf religiöse Komponenten zu untersuchen. Dazu gehört aber mehr Zeit, Forschungsenergie und Sachkenntnis, als ich sie zur Verfügung habe. Man wird vom Augenschein sagen können, daß jede Konfliktlage wahrscheinlich ihre eigenen religiösen Parameter aufweist. Die geschichtliche Entstehung von Interessenskollisionen und Gewalteruptionen ist jeweils verschieden in Nordirland, im Baskenland, auf dem Balkan, in Kaschmir und in verschiedenen afrikanischen Regionen sowie in Indonesien, Tibet oder Tschetschenien. Was wir allerdings noch kurz versuchen sollten, ist, den israelisch-palestinensischen Streit auf seine geschichtliche Tiefendimension hin zu beleuchten. Sie hat eher etwas mit der geopolitischen Lage Palästinas als mit den darin aufeinandertreffenden Religionen und Konfessionen zu tun.
Der relativ schmale bewohnbare Landstreifen Syrien-Palästina verbindet die großen Kulturregionen des Zweistromlandes (mit angrenzendem Kleinasien und Gebirgsregionen um den Urmia-See) und des Nil miteinander. Wegen seiner Zerrissenheit (Grabenbruch Jordansenke mit nördlicher und südlicher Verlängerung und steil eingeschnittenen Quertälern) ließ er seit Jahrtausenden (ganz alte Städte wie Jericho gehen bis in das 6. Jt. v. Chr. zurück) nur kleinere Stadt- und Territorialgebilde zu. Kleinstaaterei war also "von Natur" her angesagt. Gleichzeitig drängten sich verschiedenste Ethnien in die im Regenfeldbau erschließbaren Gebiete. Und die Großmächte im Süden, Norden und Osten nutzten immer wieder die Landbrücke zum imperialen Gegenspieler für ihre Aufmärsche und als Schlachtfelder. Syrien-Palästina ist also seit sehr früher Zeit ein stark begehrtes, hart umkämpftes Territorium gewesen.
Von diesen Voraussetzungen her nimmt es kaum Wunder, daß die sich bekämpfenden Großmächte und Kleinstaaten, Ethnien und Städtekoalitionen im Lauf der Geschichte harte Kriegsregeln aufgestellt haben. Sie gipfeln in einer bestimmten Doktrin vom heiligen Krieg: Der –jeweilige Staatsgott habe selbst die Eroberung und Eingliederung fremder Hoheitsgebiete befohlen. Nicht nur dies, sondern die Gottheit verlange auch die völlige Vernichtung der Feinde. Man solle sie dem siegreichen Gott "weihen", d.h. sie quasi für ihn als Opfer abschlachten. Könige des neuassyrischen Reiches (etwa 800 – 600 v.Chr.) betonen in ihren Inschriften immer wieder, daß sie auf Befehl des Staatsgottes Assur handelten: Ihre Massaker an der gegnerischen Bevölkerung, Plünderungen, Deportationen etc. geschahen für Assur. Der Kleinkönig Mesa von Moab, einem transjordanischen Nachbarvolk Israels, hat in einer Siegesstele aus dem 9. Jh. v.Chr. genau gesagt, wie er mit seinen Feinden verfuhr:
Und Kamoš [moabitischer Nationalgott] sprach zu mir: "Auf, nimm Nebo von Israel fort!" Da brach ich bei Nacht auf und bekämpfte es von Tagesanbruch bis zum Mittag. Und ich nahm es ein und tötete alles: 7000 Männer nebst Beisassen, Frauen und Beisassinnen und Konkubinen, denn ich hatte sie ‘Aštar-Kamoš geweiht. Und ich nahm von dort die Geräte Jahwes und schleifte sie vor Kamoš." (Mesa-Inschrift Z. 14-19; bei K. Galling, Textbuch, 52f).
In Israel haben sicherlich dieselben Kriegssitten geherrscht. Wir hören vor allem in späteren, retrospektiven Darstellungen sehr viel von der Ausführung des göttlichen "Bannes" an den besiegten Feinden (vgl. 1 Sam 15). So z.B. in 5.Mose 20,16-18:
In den Städten dieser Völker hier, die dir Jahwe, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Atem hat, sondern sollst an ihnen den Bann vollstrecken, nämlich an den Hethitern, Amoritern, Kanaaniter, Perisitern, Hewitern und Jebusitern, wie dir Jahwe, dein Gott, geboten hat, damit sie euch nicht lehren, all die Greuel zu tun, die sie im Dienst ihrer Götter treiben, und ihr euch so versündigt an Jahwe, eurem Gott.
Wir wissen aus anderen Geschichtsquellen und von archäologischen Befunden, daß diese Ausrottungspolitik bei der Einwanderung der Israeliten in "Kanaan" definitiv nicht stattgefunden hat (vgl. Ri 1: Liste von uneinnehmbaren Städten). Aber die Ideologie des Heiligen –Krieges, die damals im Vorderen Orient geboren wurde, ist auch als Denkmodell schrecklich genug. Sie hat sich als unseliges Erbe in der Tradition des Nahen Ostens fortgepflanzt und ist auch im Zuge der Christianisierung des Nordens und Westens weitergewandert. Die christlichen Kreuzzüge ins Heilige Land sind von daher inspiriert, die christliche Eroberung der beiden Amerikas, und die agressive Kolonialisierung der Welt von Europa (im Namen des Christentums!) oder von den USA (als messianische Verbreitung des "Guten", "der Demokratie", "der Freiheit" usw.) aus. Wer immer den Vormarsch auf fremde Hoheitsgebiete mit seinem göttlichen Auftrag, die Weltordnung herzustellen und das Böse ein für allemal auszurotten, legitimieren will, handelt nach den Grundmustern des uralten Konzepts des "Heiligen Krieges". Nicht zuletzt haben auch muslimische Fanatiker diese selbe Ideologie aufgenommen und auf ihre Art weitergebildet.
Bibliographie
Francois Jean und Jean-Christophe Rufin (Hg.), Ökonomie der Bürgerkriege, Hamburg: Hamburger Edition, 1999. – Peter Antes, Der Islam als politischer Faktor, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2. Aufl. 1991. – Ralf Tophoven, Der israelisch – arabische Konflikt, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 5. Aufl. 1991. – Werner Ende und Udo Steinbach, Der Islam in der Gegenwart, München: Beck, 3. Aufl. 1991. – Erhard S. Gerstenberger, Jahwe – ein patriarchaler Gott? Stuttgart: Kohlhammer 1988. – derselbe, Theologien im Alten Testament, Stuttgart: Kohlhammer 2001. – Eckart Otto, Krieg und Frieden in der Hebräischen Bibel und im Alten Orient, Theologie und Frieden 18, Stuttgart: Kohlhammer, 1999. – René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987.
Es handelt sich bei dem Text um die ausgearbeitete Fassung eines Vortrages, den Prof. Erhard S. Gerstenberger in der Reihe: Friedensgespräche der VHS Marburg gehalten hat