Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 2


 

Marburger Kunsthalle. Hans Schohl: Schatten (22.2. - 14.3.2002)

Schohls Schatten-Bilder befinden sich im ersten Stock der Kunsthalle. Im Vorraum links hängen vierundzwanzig Holzschnitte, betitelt: "Aus der Sammlung des Grauberockten". Man erinnert sich: in Adelbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" verkauft die Hauptperson ihren Schatten, eigentlich aber ihre Seele, dem Teufel. Auf den Holzschnitten Schohls sehen wir nun weitere vierundzwanzig solcher Seelen, die sonst wohl im "Archiv" des Grauen, das aus in Metallregalen gelagerten Kartuschen besteht - die größeren stehen aufrecht davor - , eingelagert sind. Es geht ihnen zweifellos schlecht: die dicken Fäden etwa, die aus Kopf oder Körper zu rinnen scheinen, erinnern an Blut, aber auch sonst drücken diese wesenlosen Leiber, die sich in einem ebensolchen Raum befinden, Qual aus.

Am Eingang zur dunklen Halle steht ein "Schattenwächter", eine hohe Holzskulptur. Links und rechts von ihr sieht man zwei "Papierhäutungen" dieses Dämons. Man begreift: wer diese Schwelle überschreitet, betritt einen geweihten Bezirk. In ihm sind fünf Objekt-Installationen dann zu sehen, wenn man sich ihnen nähert oder vor ihnen auf- und abschreitet, weil ihre Bewegungsmelder nur so den Impuls zur Beleuchtung geben. Natürlich bleibt das Licht auch eine Zeit lang eingeschaltet, wenn man vor den Skulpturen stehenbleibt. Wendet man sich vom "Schattenwächter" nach rechts, so trifft man zunächst auf einen alten Schustertisch, beladen mit den Utensilien des Handwerks. Vor ihm ein Schemel und zwei Eisenstangen zum Aufziehen der Schuhe. Auf einer steckt tatsächlich ein Schuh, über dessen Sohle eine Art Plexiglas gezogen ist, auf das kleine schwarze Figuren geklebt sind. Das Plexiglas selbst ist mit Heftpflasterstreifen an der Sohle befestigt. Eine Anzahl dieser Figuren liegt auch auf dem Tisch.

Neben ihm steht ein zweiteiliger Schrank mit geöffneten Türen. Auf seinen Borden lagern etwa merkwürdig geformte teilweise unfertige Schuhe, einer davon, von beunruhigender Größe, ist wohl für das gedacht, was man früher einen "Klumpfuß" nannte. In einem Regal steht ein Drahtgeflecht, das an einem Marmorstein befestigt ist. Die vor ihm angebrachte Lampe überträgt die von einem Motor erzeugten Bewegungen des Drahtes als Schatten auf die Wand. Da an den beiden rechten Ausläufern des Geflechts blau gefärbte Papierstücke unterschiedlicher Größe befestigt sind, sieht man an der Wand, wie gleichsam ein unterer Arm dieser Maschine mit einem kleinen Gewicht dem oberen mit einem größeren einen zusätzlichen Impuls zum Aufstieg gibt.

Nach diesem Schrank, immer noch rechts, folgt nun eine ganze Anzahl von Schattenspielen. Die kleinen schwarzen Figuren des Schustertisches sind nämlich nun jeweils so in einen Rahmen montiert, dass wiederum durch den Schein einer Lampe ihr vergrößertes Abbild auf die Wand geworfen wird. Dargestellt sind Illustrationen hessischer Sprichwörter.

An der Frontseite des Raumes: "Ein Lebensweg (z. B. Olga). Drei Flügelmaschinen auf Sockeln, ein Erstlingsschuh der Primaballerina Olga Brandt-Knaack in Vitrine, ein tabellarischer Lebenslauf". Die Maschinen bestehen aus jeweils zwei rotgefärbten Federn, über deren Enden noch ein kleiner Stab, der in eine Kugel ausläuft, hinausreicht. Diese Federn befinden sich wiederum in einer auf- und absteigenden Bewegung. Alles wird ebenfalls von einer Lichtquelle als Schatten an die Wand projiziert.

Links vom Eingang sieht man ein langes Boot, in dem eine Anzahl beleuchteter Globen liegt. Davor fünf Sockel mit kinetischen Objekten. Diesmal handelt es sich um feine, spindelartige Drähte, deren sich bewegende Schatten an der Wand eine große Fläche einnehmen und entfernt an Pumpen oder auch sich hebende und senkende Brückenteile erinnern. Boot und Objekte zusammen nennt Schohl die "Hadesmaschine".

(Aus dem Katalog zur Ausstellung)

Am linken Ausgang des Saales stehen die "Schattenschreine": "Drei Stelen, ein Lichtobjekt auf Sockel". Bei den Stelen handelt es sich um auf Metallstangen montierte alte Holzbretter, deren Seiten sich wie Türen öffnen. In die Frontfläche ist jeweils ein wie mit Pech schwarz umrandetes, von innen beleuchtetes Foto eingelassen. Man sieht den Astronauten auf dem Mond, einen sich verbrennenden Mönch, Kinder in KZ-Kleidung hinter Stacheldraht. Im "Lichtobjekt" ein weiteres Foto, eine Szene mit jüdischen Frauen und Kindern, die Hände erhoben, im Hintergrund deutsche Soldaten.

(Aus dem Katalog)

Der Gesamteindruck des Saales erfasst mich gleich beim Eintritt, nur weiß ich noch gar nicht, warum. Nach und nach erkenne ich die Stille im Raum, die sich durch die bewegten und unbewegten Schattenbilder noch vertieft. Zunächst verführt, hin- und herzugehen, damit die Bewegungsmelder reagieren, bleibe ich endlich doch länger vor einer Installation stehen, dem "Lebensweg". Ich folge den auf- und absteigenden Schatten der Federn und bemerke den Unterschied im Rhythmus: links scheint das Steigen und Sinken ein wenig unentschieden, gewissermaßen noch ungeübt, in der Mitte ist die Amplitude größer, die Bewegung schneller, rechts aber ist sie langsam und zittrig. Ich muss plötzlich an die Lebensalter denken, und zugleich mit diesem Gedanken stellt sich eine leichte Wehmut ein. Manchmal synchronisieren sich die Abläufe des Steigens oder Fallens, um sich gleich darauf wieder voneinander abzukoppeln. Offenbar wird durch dieses scheinbare, selber schattenhafte Zugleich dessen, das als ein Abbild von Jugend, Reife und Alter gelesen werden kann (nicht muss), die Vergänglichkeit des Lebens gerade akzentuiert. Die Stille der Bewegung zeigt an, dass es schon vergangen ist - und doch ist es noch da. Der Betrachter wird zum Medium der Erinnerung an es. Tritt er vor die Installation, entzündet er das schattenwerfende Licht. "So also ...", schießt es einem durch den Sinn. Dieses Zeichen eines untergegangenen Lebens fordert mich auf, an es zu denken. Meine leichte, ein wenig über sich selber staunende Melancholie und Trauer sind die Merkmale einer Kommunikation. Das Kunstwerk stiftet eine Teilhabe am fremden, mir sonst gleichgültigen Schicksal.

Die tiefste Stille herrscht, so scheint es mir, um den Tisch des Schusters; vielleicht weil hier die Anwesenheit eines Menschen durch sein Arbeitsgerät noch spürbar ist. Diese einer vergangenen Epoche angehörende Handarbeit hat offenbar etwas mit derjenigen des Künstlers zu tun. Deswegen sind auch die Schattenfiguren hier am Platz. Schohl zeigt damit, dass die Sphäre des Kindlich-Mythischen und Märchenhaften und diejenige einer handwerklichen Volkstradition miteinander verbunden sind oder waren und beide wiederum untergründig mit zum Ursprungsbereich der Kunst gehören. Der "Schattenschuster" ("Mobiliar Schusterei, eine Schattenmaschine, zwölf Leuchtobjekte zu zwölf Sprichwörtern") übernimmt nun die Aufgabe, auch dieses Versunkene wieder ins Gedächtnis zu bringen.

Die "Schattenschreine" gehören nur scheinbar einer anderen Dimension an, der geschichtlich-politischen von Verfolgung und Völkermord. Die Fotos sind wie Urnen ins Holz eingelassen. Die Ausläufer der "Hadesmaschine" greifen noch, jedenfalls in dieser Gesamtinstallation, nach den Schreinen; sie bedroht alles und transportiert, dessen sie habhaft geworden ist, über den Styx in die Unterwelt des Vergessens. Die Kunst allein kann das nicht verhindern, deswegen ist sie ein Appell an den Betrachter, ihr bei ihrer Aufgabe behilflich zu sein.

Wenn nämlich niemand da ist und sich auf die Relikte des Gestorbenen zubewegt, verlischt das Licht, steigt die Dunkelheit an. Man kann sich auf einen der drei am Eingang stehenden Basthocker setzen - und wenn nun einmal niemand den Raum betritt, beobachten, wie nach und nach die Schatten verschwinden und die Anordnung, die sie hervorbringt, tot und nichtssagend wird. Erscheint ein neuer Besucher, beginnt aber auch das Spiel der sich bewegenden Schatten von neuem. Hat jemand auf diese Weise das Unterirdische verlebendigt und verlässt nun schnell genug den Saal, sodass die Apparaturen noch weiterlaufen, obgleich sie kein Mensch mehr antreibt, so kann man einen Augenblick lang sehen, wie das Erinnerte sich an sich selbst erinnert und - scheinbar - aus sich heraus lebt.

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