Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


Das Hessische Landestheater Marburg:

Neil LaBute: Bash - Stücke der letzten Tage. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.

Premiere: Samstag, 25. Mai 2002, Theater Am Schwanhof

Inszenierung und Ausstattung: Uta Eisold

Dramaturgie: Jürgen Sachs

Junger Mann: Arthur Werner

John: Harald Preis

Sue: Nadine Pasta

Die Frau: Regina Leitner

 

Bash besteht aus drei Spiel-Sequenzen, in denen die Protagonisten jeweils einem mehr oder weniger fiktiven Gegenüber von ihrem Leben erzählen. Ein Angestellter, ein junges Paar und eine ca. 30-jährige Frau schildern Ereignisse, in deren Zentrum ein Mord geschieht. Die Zuschauer begreifen schnell den Handlungsablauf: diese Taten wurden nicht von Kriminellen, sondern von so genannten normalen Bürgern begangen, und sie sind - bis auf den dritten Fall, der noch genauer zu betrachten ist - in den Ablauf eines alltäglichen Daseins eingebettet, der sie danach wieder umschließt, als wäre nichts selbstverständlicher.

Der Versicherungsangestellte befürchtet seine Entlassung. Ein Freund oder was man so nennt erlaubt sich einen Spaß mit ihm und teilt ihm mit, er sei einer derjenigen, die in der kommenden Woche die Kündigung bekommen würden. Allein zu Haus mit seiner fünfmonatigen Tochter überfallen ihn Existenzängste. Wie soll er weiterhin seiner Familie mit den nun drei Kindern den bisherigen Lebensstandard garantieren? Als das Baby sich unter die schwere Decke des Ehebettes wühlt, geschieht das scheinbar Unglaubliche: der Mann hilft ein wenig nach und lässt den Säugling ersticken. In der Nacht desselben Tages schläft er mit seiner Frau und zeugt, wie er später vermutet, einen Sohn.

Das Highschool-Pärchen fährt gemeinsam mit Altersgenossen nach New York, um an einer Party teilzunehmen. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Spät in der Nacht ziehen sich drei der Mädchen auf ihr Zimmer zurück und schlafen ein, ihre Freunde verlassen das Hotel, gehen in den Central-Park und erschlagen dort einen Homosexuellen. John zieht dem wahrscheinlich schon Toten einen Ring vom Finger und schenkt ihn später Sue, seiner Verlobten.

In der dritten Sequenz berichtet eine inhaftierte Frau in ihrem Verhör, wie sich ein von ihr verehrter Lehrer, seit sie vierzehn Jahre alt war, an ihr verging, sie dann schwängerte und sitzenließ. Als der gemeinsame Sohn, den sie allein aufzieht, eben dieses Alter erreicht hat, arrangiert sie ein Treffen mit dem Vater in einem Hotel der Stadt, in der er nun unterrichtet. Nachdem der Mann sich wieder unter einem Vorwand davongestohlen hat, tötet die Frau ihren Sohn im Bad, indem sie ein elektrisches Gerät ins Wasser wirft.

LaButes Text ist genau und dramatisch wirksam komponiert. Obgleich man, spätestens nach dem ersten Teil, jeweils ahnt, was geschehen wird, entsteht zu keinem Zeitpunkt der Eindruck, hier werde eine abstrakte Idee gleichsam nur deklamatorisch umgesetzt. Zwar ist der Verlauf der Berichte ähnlich. Sie sind nach dem Prinzip von Steigerung und, besonders die ersten beiden, Umschlag ins scheinbare Gegenteil oder sukzessiver Enthüllung strukturiert. Aber sie verbergen diese Machart nicht, sondern stehen ganz offen zu ihr. Deswegen bleibt der Zuschauer, der zwar in den Spannungsbogen hineingenommen, aber nicht von ihm vereinnahmt werden soll, frei, auf Nuancen und untergründige Korrespondenzen des Stücks zu achten.

Uta Eisold hat diesen in "Bash" angelegten Impuls in Inszenierung und Ausstattung kongenial umgesetzt. Weil erzählend gespielt wird, bedarf es keiner großen Requisiten. Ein Glas und eine Wasserflasche, sowie zwei Stühle reichen im ersten Teil aus, um den weit nach vorne in den Zuschauerraum laufenden breiten Holzsteg zu unterteilen. An seinem oberen Ende befindet sich, in T-Form, ein weiteres, noch einmal leicht erhöhtes Podest, auf dem in der zweiten Sequenz manchmal Sue, die Freundin des Totschlägers, sitzt, in der dritten, an einem Tisch, die inhaftierte Frau. Der Versicherungsangestellte sitzt oder steht zumeist ganz vorne, er sucht den Kontakt zu einem imaginären Gesprächspartner; John und Sue halten sich im mittleren und hinteren Bereich auf, und die Mörderin des eigenen Sohnes spricht aus der größten räumlichen Distanz. Eben sie ist es, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer mit ihren scheinbar naiven Bemerkungen über die Ordnung und Unordnung der Welt und die griechische Mythologie ins Weite zieht.

Eisold inszeniert stringent und ohne jede Effekthascherei. Sie und ihr Dramaturg Jürgen Sachs beachten eine Sprechregie, die es möglich macht, den Monologen der Schauspieler den ganzen Abend ohne Ermüdung zu folgen. Arthur Werner spielt den jungen Mann der ersten Sequenz nicht nur überzeugend: wer ihm ins Gesicht blickt und das gequält-schuldlose Lächeln sieht, mit dem er vom Erstickungstod seines Kindes und dann davon berichtet, wie er in der folgenden Woche die an seiner Stelle entlassene Frau mit einem völlig mitleidlosen Scherz, über den er und seine Kollegen noch lange lachen, verabschiedet, den schaudert es. Harald Preis (John) und Nadine Pasta (Sue) geben das junge Pärchen mit der großartigen Laune durchaus überzeugend. Aber hier könnte vielleicht eine erneute Überprüfung des Textes mehr Doppelbödiges entdecken, sodass zum Beispiel Sue noch in anderer Schattierung von ihrem traumlosen Schlaf, währenddessen ihr Verlobter zum Mörder wird, oder von der Erregung, in die sie das Blut auf seinem Hemd versetzt, erzählen könnte. Regina Leitner steigert sich im Verlauf ihres Monologs. Zu Beginn folgt man ihr nicht ganz, wenn sie nach den Worten sucht, die ihr gebildeter Lehrer und Verführer ihr beigebracht hat. Dann jedoch gelingt es ihr ausgezeichnet, die von Neil LaBute im dritten Teil ausdrücklicher formulierte Schilderung einer sinnlosen und grausamen Welt glaubhaft zu machen.

Von diesem Schluss her fällt ein Licht auch auf die beiden ersten Sequenzen. Zunächst mag man meinen, es handle sich "schon wieder [um] so ein Gesellschaftspsychogramm wie "Wer" (der erste Leseeindruck Uta Eisolds, über den sie im Programmzettel berichtet). Aber LaBute hat nicht nur die kapitalistische Spaßgesellschaft im Visier. Was er die amerikanische Medea - "medea redux" lautet der Titel des letzten Stücks, denn diese Frau hat nur ein Kind, das sie töten kann - sagen lässt, zielt in andere Dimensionen. Die Ordnung, die wir in unserer Welt wahrzunehmen glauben, ist die Unordnung, an die wir uns gewöhnt haben. Es mag Momente geben, in denen sich, hervorgerufen durch bloße Zufälle: wie den Entlassungsscherz des "Freundes", die immer vorhandene Grausamkeit der Existenz zu einzelnen Taten zusammenzieht und so sichtbar wird; aber auf diese Weise spüren wir nur deutlicher, was insgesamt unser Leben formt und ausmacht. Der "Kosmos", an den sich die von ihrem Lehrer verlassene Schülerin mit der noch von ihm iniziierten Frage nach einem Sinn des Ganzen wendet, "lacht" sie aus. Dieses Ganze ist nicht nur das falsche, aber doch immerhin auf eine abwesende Wahrheit bezogene, wie Adorno annahm, sondern es ist von Grund auf und folglich unumkehrbar sinnlos. Gibt es eine Antwort, wenn ein Mensch, auf den Last und Qual des Daseins fallen, nicht fragt: "warum ich", sondern: "warum ist dies alles so, wie es ist?" Ja, es gibt sie, gerade weil eine solche Frage nicht nur auf einzeln angebbare rationale Ursachen für dieses oder jenes Geschehen zielt. Sie nimmt ein Insgesamt in den Blick, das uns sonst gar nicht begegnet. Die Antwort, sagt LaBute, muss einen mythischen Charakter haben und lautet: "Die Menschen sind sterblich." Damit ist nicht nur unsere biologische Endlichkeit gemeint, sondern dieses, dass wir durch und durch unvollkommen und solchermaßen vergänglich oder korruptibel sind. Aber warum nur ist das so?

Mythische Antworten bestehen darin, dass sie auf eine Grundschicht des Seins zeigen, deren Rätselhaftigkeit so unverstellt zu Tage tritt. Deswegen mündet ihre literarische Ausformung in das, was seit den Griechen Tragik heißt. Ohne sie bräuchte es kein Theater zu geben. "Bash" gehört zu den wohl nicht zahlreichen Gegenwartsstücken, die an dieser tragischen Essenz partizipieren. Die Marburger Aufführung wiederum macht diese Teilhabe sichtbar.

Max Lorenzen

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