Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


Geschlecht und Suizidalität. Hrsg. von Regula Freytag und Thomas Giernalczyk,  Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2001, 165 Seiten,  ISBN 3-525-45888-6, 14,90 €

 

In dem Band, dessen erster Abschnitt überschrieben ist : "Männer und Frauen sind verschieden", sind elf unterschiedliche Aufsätze zum Thema geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Selbsttötung versammelt.

Jochen Oehler, Neurobiologe aus Dresden, erörtert zunächst den biologischen Aspekt; er geht von der Verschiedenheit der sexuellen Prozesse bei Männern und Frauen aus und danach ausführlich auf die "Varianz von Verhaltensweisen" ein, stellt auch tabellarisch die Geschlechtscharaktere von Mann und Frau zusammen (S.24). Es folgt die Betrachtung: "Geschlechtsunterschiede in der parasuizidalen Handlung" von Matthias Israel, Werner Felber und Peter Winiecki – alle drei arbeiten im Universitätsklinikum Dresden. Sie erörtern die Ergebnisse einer Untersuchung über das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen schon im Parasuizid. Dabei ergibt sich die höhere Gefährdung von Männern durch die gewählte Methode der Selbsttötung – "Frauen erwarten eher eine Rettung, während Männer den Tod kompromissloser suchen" (S.40).

Der erste Hauptteil gilt sodann dem "weiblichen Suizidversuch". Zu diesem Thema äußert sich zuerst Christina Rachor, Soziologin und freie Publizistin aus Frankfurt am Main. Sie entwickelt die These, dass die "elementare Veränderung der weiblichen Geschlechterrolle einen entscheidenden Einfluss auf das suizidale Geschehen hat" (S.45) und betont den "Appell" im Suizidversuch vor allem in präkären Beziehungen in der die Frauen beungünstigenden Geschlechterhierarchie, die sich trotz der veränderten Möglichkeiten für soziale Verbesserungen weitgehend erhalten haben. Einfühlend erörtert die Autorin diejenigen Situationen, die zum "Versuch" führen und ordnet sie ein in die Lebensbedingungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, unter denen sich die Suizidrate von Frauen mittlerweile verdoppelt und der der Männer angeglichen hat (2:1). Suizidversuche liegen um das Dreifache höher als Suizide, davon stellen Frauen etwa 70 % (S.62).

Unter einem anderen Aspekt äußert sich Benigna Gerisch, Psychotherapeutin aus Hamburg. "Sterbe ich vor meiner Zeit, nenn’ ich es noch Gewinn" (Antigone), überschreibt sie ihren Beitrag "Weiblichkeit und Suizidalität – eine quellenkritische Sichtung traditioneller Erklärungsmodelle". Sie entfaltet die Vorurteile, die sie zur weiblichen Suizidalität findet und kommt zu folgenden Thesen: "So ließe sich vorläufig feststellen, das der per se autodestruktiv getönte weibliche Sozialisationsprozess das hervorbringt, was gemeinhin als klassisch suizidale Persönlichkeit rezipiert und durch folgende Faktoren definiert wird: geringes Selbstwertgefühl, instabiles Identitätsgefühl, Selbsthass, verunsicherte sexuelle Identität, gestörtes Körperbild, Aggressionshemmung, mangelnde soziale Kompetenz, Abhängigkeit von anderen und Sprachlosigkeit" (S.72). Sie geht in den nächsten Abschnitten des Aufsatzes auf die einzelnen Punkte kritisch ein und setzt sich mit der Auffassung auseinander, die in Sätzen wie diesem gipfelt: "She died for love and he for glory". Das heißt : "dass Frauen infolge partnerschaftlicher Konflikte, Männer demgegenüber aufgrund ernstzunehmender Probleme mit ihrer Erwerbstätigkeit zum Suizidversuch motiviert werden. Mehr noch: das Scheitern in Liebesbeziehungen wird nicht auf deren denkbare dysfunktionale Struktur, sondern auf vermeintlich naturgegebene Persönlichkeitsmerkmale der Frau, wie Schwäche und Abhängigkeit zurückgeführt. Die männliche Suizidhandlung erscheint demgegenüber als eine mutige und letztlich heroische Tat" (S.76/77). Die Autorin fasst zusammen: "Als vorläufiges Ergebnis und Ausblick meiner Forschung vertrete ich die These, dass ein differenziertes Verständnis der Suizidalität nur dann möglich erscheint, wenn die traditionellen Erklärungsversuche einschließlich ihrer männlichen Weiblichkeitsimaginationen kritisch hinterfragt werden ..." (ebd.) Diese kritische Auseinandersetzung ist in den vorliegenden Studien an vielen Stellen zu spüren.

Der zweite Hauptteil: "Der männliche Suizidale" bietet mit dem Aufsatz von Manfred Wolfersdorf, Bayreuth, über "Depressive Männer. Einige klinische Anmerkungen" eine ähnliche Diskussion von vorgefassten Meinungen. Er beginnt mit dem Hinweis auf Hildegard von Bingens (1098-1179) Beobachtungen zur "Schwarzgalligkeit" von Männern (S.84), die überraschend treffen, und gibt dann einige Zahlen zum Vergleich zwischen Männern und Frauen: Depressionen sind bei Frauen häufiger, bei Männern Alkoholismus ! In seinen abschließenden Überlegungen versucht der Autor therapeutische Konsequenzen zu ziehen, kann zwar noch keine Notwendigkeit zu einer geschlechtsspezifischen Depressionstherapie ableiten, gibt aber zu bedenken, dass spezifische "Männerthemen", die sich überwiegend aus Arbeit und Beruf herleiten, einbezogen werden sollten, aber auch das schwerwiegende "Verlassenwerden" (S.92).

Es folgt von Jürgen Kind, Göttingen, die Arbeit: "Geschlechtertypische Suizidmotivation ?" , eine Frage, die ihm selbst gewagt erscheint, so dass er sie mit dem Untertitel "Ein klinischer Eindruck" sogleich einschränkt. Ausgehend von Fallbeispielen stellt er fest, dass Männer offenbar mehr Probleme mit Kränkungen, Frauen mit Trennung haben (Erfahrungen mit Paaren, die sich in einer Krise an den Therapeuten wenden, S.97 ff.). Im Mittelpunkt der folgenden Erörterung steht der Narzissmus, wobei: "die spezifische Wut Männerwut ist"; der Verfasser kommt zu dem Schluss, "dass die Krisenintervention beim Mann sich eher auf die Unterstützung, vielleicht auch Wiederaufrichtung von Grandiosität richten muss, während sie bei Frauen stärker auf das Beziehungsangebot achten muss, bei dem der Helfer oder die Helferin Ersatz für das verlorengegangene Objekt ist" S.105).  – Klingen da noch die alten Vorurteile ein weinig nach ?

Auch Regula Freytag, Hildesheim, stellt einen Fall aus ihrer Praxis als Mitarbeiterin in der Suizidprävention dar: "Die Geschichte des Axel M. oder die Macht eines geschlechtsspezifischen Spruchs – Unsereins macht >es< richtig !" , den Selbstmord nämlich, "die möglichst perfekte Selbstzerstörung" (S.108). Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass weibliche Leitsätze weniger verbindlich und also weniger folgenreich sind als männliche, die verhindern können, dass ein missglückter Suizid als Möglichkeit eines neuen Anfangs erlebt werden kann, wie von Axel M. : "Wäre der noch junge Axel M. dem Drang nach dem physischen Tod erlegen, hätte seine Seele keine Chance gehabt, ihre Wandlung zu vollziehen" (S.112).

Im vierten Kapitel geht es um die "therapeutische Beziehung" mit den Beiträgen von Michael Witte, Berlin, und Thomas Giernalczyk, München – zumal in der Suizidvorbeugung. Witte beschäftigt sich mit dem Thema "Psychosoziale Krisenhilfe", die offenbar von Männern anders wahrgenommen wird als von Frauen, da sie viel mehr Probleme dabei haben, überhaupt Hilfe anzunehmen. Deshalb legt er das Gewicht auf das "Hilfesuchverfahren von Männern" (S.122-24) und weiter auf die Frage, welche Beratungssysteme Männern die Inanspruchnahme erleichtern können. Er schließt mit Anregungen und Fragen für Krisenberatungsstellen (S.128). Giernalczyk bietet "Überlegungen zur Liebe in der Suizidprävention" und geht von dem Umgang der Therapeuten mit ihren Patientinnen aus. Dabei bearbeitet er "die Bedeutung der emotionalen Beziehung in der Krisenintervention", dies allerdings unabhängig vom Geschlecht.

Ergänzt werden die Ausführungen der beschriebenen Artikel durch den Blick auf den "Einfluss anderer Kulturen", zuerst mit dem Beitrag von Andreas Frei, Luzern: "Asylbewerberin, psychotisch, fremdsprachig, von der Familie verlassen – Alternativen zum Suizid ? Doppelkasuistik zweier kurdisch-alevitischer Frauen", der schonungslos das Versagen jedes Präventionsversuchs schildert. Auch hier sind die Fallbeispiele erhellend für die Therapiebemühungen. Der Verfasser zieht ein Fazit mit der lapidaren Bemerkung: "Man möchte meinen, die Patientinnen hätten aus ihrem sozialen Tod die Konsequenzen gezogen. Bei der künftigen Behandlung akut psychotisch erkrankter Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung aus ihrem sozialen Netz gefallen sind, wird einer erhöhten Suizidalität Rechnung zu tragen sein" (S.154). Der letzte Beitrag von Danuté Gailiené und Ruta Navardauskiené aus Vilnius vermittelt Einsichten "Zur Neuorientierung der Geschlechterbeziehungen in einer Postkommunistischen Gesellschaft" – es handelt sich um Litauen. Die hier vorgetragenen Foschungsergebnisse lassen sich in einigen Zügen gewiss auch auf Problemsituationen in den neuen Bundesländern übertragen.

Alle in diesem Band versammelten Arbeiten enthalten ausführliche Literaturangaben. Im ganzen gewinnt der Leser den Eindruck, dass die Autoren die unter vielen Aspekten begonnene Diskussion weiterführen, dennoch aber, auch wenn sie die brennenden Probleme von Suizid und Selbsttötungsversuchen unter den unterschiedlichsten Aspekten ins Auge fassen, eine Lösung noch aussteht. Auch für den Laien sind die Aufsätze erhellend, anregend und hilfreich.

Renate Scharffenberg

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