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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 3
Mein Buch des Monats: Mai 2002
Das Buch beginnt mit vielen Fragen auf die es letztlich keine Antwort gibt. Aber gerade diese Offenheit macht den Reiz und Wert der Darstellung aus: "Was wirklich geschah wird sich nie genau ermitteln lassen. Aber ahnungsweise können wir nachfühlen, was sich in dieser Beziehung abgespielt hat" (S.8).
Es sind die fast 1800 erhaltenen Briefe Goethes an Charlotte von Stein, die seinen Blick auf die geliebte Frau spiegeln. Zuerst die Vorgeschichte: der Verfasser geht auf den Umstand ein, dass Goethe in Lavaters "Pysiognomischen Fragmenten" ihren Schattenriss sah (Abb. S.13), dem er stichwortartig Eigenschaften zuschrieb, im Buch ergänzt durch die Beschreibung ihrer Erscheinung durch Goethes Schweizer Freund Zimmermann. Auch Lavater selbst gibt einen enthusiastischen Kommentar zu der Silhouette (S.15). An Zimmermann wandte sich nach der Lektüre des "Werther" ihrerseits Charlotte von Stein mit der Bitte, er möge ihr von Goethe reden und dieser erfüllte sie sogleich: " ... Eine Frau von Welt, die ihn oft gesehen hat, hat mir gesagt, dass Goethe der schönste, lebhafteste, ursprünglichste, feurigste, stürmischste, sanfteste, verführerischste und für ein Frauenherz gefährlichste Mann sei, den sie in ihrem Leben gesehen habe." (S.19)

Als Hintergrund finden sich Erläuterungen zur Ehe Charlotte von Steins mit dem Oberstallmeister Baron Josias von Stein, den sie 1764 geheiratet hatte – von ihren sieben Kindern überlebten drei Söhne: es war keine Liebesheirat, eher eine "konventionelle Standesehe". Frau von Stein war sieben Jahre älter als Goethe.
Über Goethes Ankunft und Aufnahme in Weimar, wo er am 7.November 1775 anlangt, erfahren wir aus seinen Briefen an Auguste Gräfin zu Stolberg und Johann Heinrich Merck: "Ich bin in der wünschenswerthesten Lage der Welt ..." Am 11. November begegnet er Frau von Stein, von Anfang Januar 1776 ist sein erster Brief an sie, nicht wenig rätselhaft. – Hier unterbricht Koopmann die Darstellung und wendet sich im zweiten Kapitel "Kontraste – und eine Seelenfreundschaft im Zeitalter der Empfindsamkeit", Goethes Briefen an Auguste zu Stolberg zu und kommt erst danach auf Weimar zurück: "Leidenschaftliche Liebesbriefe. Erste Begegnungen mit Charlotte von Stein".
Der Verfasser arbeitet den Gegensatz heraus zwischen den eher literarischen als spontanen Briefen im "Werther"-Ton, die seine ihm persönlich unbekannte Seelenfreundin Auguste zu Stolberg erreichen, und Goethes Briefen an Charlotte von Stein: "Das sind nicht amouröse Briefe der herkömmlichen Art, das ist Weltliteratur, das sind nicht die berühmten Liebeserklärungen, die hohen literarischen Rang und Öffentlichkeitswirkung gehabt haben. Die kleinen Zettel, Billetts, Mitteilungen, Notizen, die Begleitbriefe zu einem kleinen Geschenk oder einem Buch: es scheinen Alltagsbriefe, oft Alltäglichkeiten betreffend, zu sein. Aber eben das macht ihren unnachahmlichen Reiz aus. Sie sind von einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht, und wenn sie auf der einen Seite derart wirklichkeitsnah sind, so reflektieren sie doch immer wieder Goethes Stimmung, seine abgründige Liebe zu ihr". (S.80)
In den folgenden Kapiteln zeichnet Koopmann an Hand der Briefe an die geliebte Frau die ersten Weimarer Jahre Goethes nach, zuerst die "tolle" Zeit am Weimarer Hof: "Goethe verursacht hier einen großen Umsturz", heißt es, aber er sucht in Charlotte von Stein die "Besänftigerin" und wirbt um sie mit aller Intensität, es geht darum, ihre zunächst kritische Einstellung ihm gegenüber zu überwinden. Erst 1864 fand sich bei ihren Briefen das berühmte Gedicht vom 14.April 1776 : "Warum gabst du uns die tiefen Blicke / Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun ..." mit den Versen: "Ach, du warst in abgelebten Zeiten / Meine Schwester oder meine Frau", das hier als "Zeugnis der Seelenverwandtschaft" genannt wird, "die seine Beziehung zu Charlotte von Stein [auch] war". (S.85)
In Goethes Tagebuch erscheint sie seit Juni 1776 unter der Chiffre für die Sonne: "ein Symbol von einiger Tiefe: Charlotte von Stein ist seine Sonne, Mittelpunkt seines Weltsystems". (S.94) Wie weit sie ihm entgegen kam, weiß niemand, weil ihre Gegenbriefe ja nicht erhalten sind – aber von Küssen ist durchaus die Rede. Sie selbst sagt in einem Gedicht: "Ob’s unrecht ist, was ich empfinde / und ob ich büßen muß die mir so liebe Sünde / will mein Gewißen mir nicht sagen; / vernicht’ es Himmel du ! wenn michs je könt anklagen." (S.95)
In diesen Jahren kommt es immer wieder auch zu "Eintrübungen", wie sie der Verfasser nennt, aber: "Ich bin leider an Ihre Liebe zu fest geknüpft; wenn ich manchmal versuche mich los zu machen thut mirs zu weh da lass ich’s lieber seyn" – so am 17.Juni 1778. Goethe bleibt in Weimar, und die Jahre 1781 bis 1783 erscheinen als die glücklichsten und ausgeglichensten in der Geschichte dieser Liebe. Am 12.März 1781 bekennt Goethe: "Ich wollte daß es irgend ein Gelübde oder Sakrament gäbe, das mich dir auch sichtlich und gesetzlich zu eigen machte, wie werth sollte es mir seyn ..." (S.119) Aber eben dies bleibt dem Liebenden versagt, auch wenn seine Bindung nicht stärker sein konnte: " – er lebt mit ihr zusammen, sie ist immer in seiner Nähe, auch wenn sie entfernt ist, und dieses spirituelle und wohl auch wirkliche Miteinander verändert seine Wirklichkeit, sein Bewusstsein mehr als irgend etwas anderes in diesen Jahren". (S,122) Dies gilt auch in Zeiten der Trennung. Später heißt es: "Nachträglich besehen ist das Jahr 1782 wie schon das Jahr davor ein später nicht mehr erreichter Höhepunkt in der Beziehung der beiden Liebenden. Goethes Briefe zeigen eine Innigkeit, die kaum noch zu steigern war". (S.145)
Was in der vorliegenden Darstellung ausgespart bleibt sind Goethes ständig wachsende naturwissenschaftlichen Interessen und seine Tätigkeit im Dienste des Herzogtums, zuerst als Mitglied des "Conseils", seit 1779 in der Kriegskommission, in der Direktion des Wegebaus und als Begleiter des Herzogs Carl August auf seinen Reisen, um nur einiges zu nennen. Hierin liegt ein Verzicht auf die Vergegenwärtigung der Bedingungen für Goethes reale Existenz, über die man gern Eingehenderes erführe - neben seiner Liebe zu Frau von Stein.
Dagegen geht Koopmann auf die Gedichte dieser Zeit ausführlicher ein, denn: "Erstaunlicherweise geben nicht die Briefe, sondern die Gedichte wohl den deutlichsten Einblick in diese Liebesbeziehung. Wenn in ihnen auch Wunsch und Wirklichkeit verschmelzen, so ist doch über die Wirklichkeit vermutlich Zutreffendes gesagt". (S.126) Zitiert werden hier "Nachtgedanken", "Den einzigen Lotte welchen du lieben kannst ..", "Nähe" und "Der Becher". Das Bild Charlottes finden wir auch im "Tasso" und der "Iphigenie", nicht so unmittelbar, aber in vielfacher Spiegelung.
Der Verfasser staunt: "Zu den unauflöslichen Geheimnissen dieser Beziehung gehört, dass ihre Intensität nicht nachlässt, sondern eher noch wächst". (S.128) Und: "Zufriedener ist Goethe nie gewesen; das Gefühl der Unverwundbarkeit zeigt, wie sehr diese Liebe zu Charlotte ihn aus der Zeit herausgetragen hat, denn sie ist wie ein schützender Panzer um ihn". (S.129).
Ein weiteres Kapitel ist der Sprache der Briefe gewidmet, der "Liebessprache". Es steht nicht umsonst in der Mitte des Bandes (S.139-163) und geht noch einmal in akribischer Analyse auf Goethes Briefe ein: alles wiederholt sich und ist doch immer neu und lebensvoll. Zum Atmosphärischen tragen ferner die zeitgenössischen Illustrationen bei, darunter Goethes Bildnis der Frau von Stein und ihr Selbstbildnis – zusammengenommen können sie eine Vorstellung ihres Aussehens vermitteln.
Schwer zu erschließen bleiben Charlottes Gefühle. Koopmann fragt: "Sollte es eine ganz unsinnige Liebe gewesen sein, auf pure Verehrung beschränkt, eine Beziehung idealistischer Natur, in der Charlotte beinahe wie eine Heilige verehrt wurde, also eine Liebe ohne zärtliche Vertraulichkeit ? Das ist schwer vorstellbar ..." (S.169) Und weiter: "Charlotte von Stein hat zwar oft geantwortet, aber sie hat wahrscheinlich auch jetzt niemals und nirgendwo die Kraft und den sprachlichen Glanz erreicht, der selbst die einfachsten Billette Goethes umgibt. Das aber würde bedeuten, dass Goethe sich gleichsam allein tief in diese Liebesgeschichte hineingeschrieben hat ..." (S.174) Und: "War Goethe blind dafür, dass diese Liebe am Ende ihn enttäuschen musste ?".(ebd.) Für das Jahr 1785 findet der Autor in den Briefen immer häufiger die Zeichen "aufkommender Krisen", wie das Kapitel überschrieben ist, einen "Abschied auf Raten". Es ist ein Jahr der Trennungen, und der gemeinsame Aufenthalt in Karlsbad endet früher als geplant mit Charlottes Abreise. Als Goethe zu ihr nach Weimar zurückkehrt, schreibt er: "...wieder auf dem Weg zu dir meine Geliebte, meine Freundinn einzige Sicherheit meines Lebens" (18.8.1785), doch folgt eine Zeit schwankender Stimmungen, zumal wenn Charlotte nicht in Weimar ist.
Den kleinen Abschieden dieses Jahres folgt 1786 der große. Zugleich macht er Goethes veränderte Haltung deutlich. In einem seiner letzten Briefe vor der "Flucht" nach Italien heißt es: "Ich habe bisher im Stillen gar mancherley getragen, und nichts so sehnlich gewünscht als daß unser Verhältniß sich so herstellen möge, daß keine Gewalt ihm was anhaben könne. Sonst mag ich nicht in deiner Nähe wohnen und ich will lieber in der Einsamkeit der Welt bleiben, in die ich ietzt hinaus gehe". (S.195)
Die Frage "Flucht oder Befreiung ?" bestimmt die Darstellung der "Reise nach Italien", das 12. Kapitel. Eine Rolle spielte die enorme Last der Ämter, die Goethe seit Jahren in immer höherem Maße trug und die ihm zu seiner ‚dichterischen Tätigkeit’ wenig Raum ließen. Aber: "War diese Abreise auch eine Flucht vor Charlotte von Stein ? Man kann dies ebenso gut bejahen wie verneinen". (S.199) Der Verfasser betont, dass Charlotte von Stein nicht länger der "einzigartige Magnet" war, der Goethe an Weimar band, aber seine Abreise war – von seiner Seite betrachtet – auch kein Bruch: "für Charlotte, die Zurückgebliebene, eine Katastrophe, für Goethe nur eine Transformation des früher Gelebten ins Literarische". (S.203) Diese These ist zu begründen und dies gelingt in der gründlichen Untersuchung des "Brieftagebuchs" aus Italien, das an die Stelle der täglichen, unmittelbaren Zuwendungen tritt. Es ist zugleich ein "Liebesverrat" – ein unendliches Gespräch, das keiner Antworten mehr bedarf. Am Schluss heißt es: "So sind die Römischen Elegien gleichsam das Gegenbild der Briefe an Charlotte von Stein. Sie berichten über das, was der Beziehung zu Charlotte von Stein über Jahre hinweg fehlte. Die Fortsetzung fand im späteren Leben statt – in der Verbindung mit Christiane Vulpius. Aber nicht die Existenz der Christiane Vulpius beendete die Beziehung zu Charlotte von Stein – das geschah schon in Rom, in den römischem Liebeserfahrungen Goethes". (S.224)
Was sich nach Goethes Rückkehr in Weimar abspielt, ist "Das Ende einer Liebe" unter dem Zeichen der "zurückverlangten Briefe" (14.Kapitel). Dass er Charlotte tief verletzt hat, will Goethe noch nicht wahrhaben. Sie empfängt ihn eisig abweisend – dennoch geht der Briefwechsel weiter, bis Goethe schließlich schreibt: "Es ist auch so viel besser, daß man freundlich abrechnet, als daß man sich immer einander anähnlichen will und wenn das nicht reuissiert, einander aus dem Wege geht" (S.232)
Die folgenden Jahre Goethes in Weimar (seine zweite Lebenshälfte) sind nicht länger durch Frau von Stein bestimmt. In einem langen Rechtfertigungsbrief vom 1.Juni 1789 tritt hervor, wie sehr er selbst verletzt ist, jedoch verschweigt er sein Zusammenleben mit Christiane – und was nun folgt ist wirklich Schweigen.
Das letzte Kapitel berichtet aus dieser Zeit von Goethes Fürsorge für Fritz von Stein, über flüchtige Begegnungen, die im engen Weimar nicht ausbleiben können, über Charlottes scharfe Verurteilung von Goethes Lebensweise. Später finden sich mildere Töne, aber sie schreibt an ihn "Mein bester Geheimrath ...", welch eine Distanz. Immerhin berichtet Frau von Schiller 1811, dass Goethe Frau von Stein jeden Morgen sehe – die Beziehung hat sich offenbar ‚normalisiert’.
In einem Rückblick werden die Fragen des Anfangs noch einmal gestellt und Antworten versucht, aber: "Für beide Antworten – es war nicht allein eine Seelenfreundschaft, es war nur eine Seelenfreundschaft – spricht jeweils einiges, aber nichts ausschließlich für das eine oder andere". (S.258) Das Fazit zieht der Autor im abschließenden Kapitel "Goethes Briefe: monologische Kunst" und seine abschließende Würdigung wie der Eindruck seiner Leser decken sich: "Dass sich Goethes Briefe erhalten haben, ist mehr als ein Gewinn: es ist ein Wunder, und in ihnen lassen sich die Wunder einer Sprache studieren, die so einzigartig war, dass auch weit über 1700 Briefe so gut wie nichts korrumpiert haben. Es ist Poesie in Briefen, wie sie sich sonst in Goethes Werk nirgendwo in dieser Gewalt findet. Mit Christiane Vulpius hat Goethe wirklich gelebt – mit Charlotte von Stein lebte er in einer spirituellen Lebens- und Liebesgemeinschaft, die in den Briefen unvergänglich ist." (S.279)
Das Buch wird manche seiner Leser dazu anregen, selbst die vier Bände von Goethes Briefen an Frau von Stein zur Hand zu nehmen und sich in sie zu vertiefen.
Renate Scharffenberg
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