Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


Vorsicht Minen – "Keine Sicherheit. Nirgendwo" von Erika Schellenberger

 Rolf Michenfelder (German stage service) inszeniert im Theater neben dem Turm (TNT, Afföllergelände):

Teresa steht

Uraufführung war gestern, Donnerstag, 27. Juni um 20.30 Uhr in Marburg.

Genau zum Höhepunkt der Welt-Meisterschaft im Fußball bringt das international erfahrene Marburger Theater german stage service sein neuestes und großes Stück heraus.

Die Welt spielt Fußball. Wo und wer ist diese Welt, wer spielt hier eigentlich gegen wen und warum, fragt man sich während des Stückes und auch lange hinterher.

Angola ist vemint, mit 10 Millionen Landminen lernen wir aus dem Programm. "Stellen Sie sich ein Land vor, in dem 11 Fußballspieler zusammen 16 Beine haben und 19 Arme." –

Das verstört. (Nachdem man fast verschämt nachgerechnet hat.) Da fehlen in einer Fußballmannschaft 6 Beine und 3 Arme? "Angola, das ist ein Codewort für eine völlig neuartige Realität." erklären die Schauspieler.

Um diese "neuartige Realität" darzustellen, wird nicht etwa künstlich auf der Bühne umhergehumpelt. Die hier vorgestellte theatrale Thematisierung von sinnloser Verstümmelung versinnbildlicht vielmehr Unsicherheit und Angst im allgemeinen, vor allem aber die Verletzbarkeit des Menschen überhaupt. - Ein falscher Schritt : Bein ab, Arm ab oder tot. –

"Um den roten Teil brauchen sie sich gar nicht zu kümmern!"

Was geht uns Angola an? Die schöne Lady Diana (gut der Einfall mit dem Titelbild aus Harper’s Bazar) hat sich doch schon dafür eingesetzt. Die tun doch da jetzt was. Oder? Nicht?

Als elektrozaunabgeschirmter Ferienclubbesucher in Angola hätte man es doch noch relativ einfach - so zeigt es das Stück. Es gibt klare Regeln. Da bekäme man eine Karte beim Empfang mit Tipps und Erklärungen der Animateure: "Das blaue Rechteck. Das ist Ihr Ferienclub. Um den roten Teil brauchen Sie sich gar nicht kümmern. Sie müssen keine Ausflüge machen. Wenn ja, gehen Sie immer die gleichen Fußspuren zurück." Im Hintergrund dudelt "The lion sleeps tonight" (das tut er eben nicht), oder die Filmmusik von "Jenseits von Afrika". Stefan Koch spielt passende Saxophoneinlagen, wirkt aber manchmal, als sei er eben zufällig im Stück zu Besuch gekommen. Der Videorecorder zeigt "Serengeti darf nicht sterben!" Prof. Grzimek und sein "Sohn Michael..." können auch nichts mehr retten... Jenseits von Afrika ist hier jenseits jeder Vorstellungskraft.


Teresa steht. (Claudia Weiss, Sigrid Giese und Stefan Koch (Saxophon) vom german stage service)

Das Stück "Teresa steht." lebt vor allem von der Qualität der Texte, die von Rolf Michenfelder aus literarischen Vorlagen, Interviews etc. zu einem Theaterstück zusammengeführt wurden, das den vermeintlichen Sicherheitsverlust der Welt eindrucksvoll präsentiert. Das Spiel von Claudia Weiß, Sigrid Giese und Rolf Michenfelder kommt unspektakulär daher, da hat man von dieser Truppe schon anderes gesehen. Und doch wirkt die Art der Darstellung nach. Gerade das langsame Tempo und die leisen Töne machen die Inszenierung zum Teil erstaunlich dicht. Claudia Weiss steht barfuß auf zerschlagenem Glas und erzählt unpathetisch, aber umso eindringlicher die Titelgeschichte von Teresa. Teresa steht. Auf einer Mine nämlich, einer alten portugiesischen Mine. Da fliegt man beim Kontakt nicht direkt in die Luft. "Die explodiert erst wenn der Druck von oben nachlässt." Ein Höhepunkt ist sicher auch die von Siegrid Giese leise wie eindringlich erzählte Liebesgeschichte von einer einbeinigen Frau, die, an einen Baum gelehnt, ihren Geliebten verführt. Ein lyrisches Stückchen im brutalen Kontext, denn den Mann kostet die Hingabe der Frau eines seiner Beine – durch eine falsche Bewegung.

"Unser Stück hat Löcher"

Die Inszenierung spielt virtuos mit dem Feld der Minenmetaphorik. So werden in die vielschichtigen Handlungs- und Erzählebenen absichtlich auch inhaltliche Löcher gerissen.

Dreimal halten die Spieler das Stück an und erklären: "Hier ist jetzt wieder so ein Loch. Wir könnten jetzt noch mehr erzählen... z.B. von Secca, der ist zu oft gestorben, sagt man. Und solche Leute haben keine Chance zu überleben".

Als Zuschauer fragt man sich manchmal nach dem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität. Es antwortet das Programmheft: "Die Handlungen des Theaterstücks könnten selbstverständlich frei erfunden sein... Zur Herstellung und Aufrechterhaltung der zugrundeliegenden historischen Situation wurden nicht nur Tiere gequält."

Am Ende steht Teresa immer noch auf ihrer Mine. Sie zählt: "21..." Und ihr Licht geht aus.

Die Zuschauer verhielten gestern einen kostbaren Moment lang mit ihrem dann um so überzeugter wirkenden Applaus.

 

Weitere Vorstellungen: 28., 29., 30. Juni um 20.30 Uhr.

Danach geht das Theater german stage service mit seiner Produktion auf Tournee.

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