Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 4


Mein Buch des Monats: August 2002

Giuseppe Pontiggia „Zwei Leben“
Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Carl Hanser Verlag München Wien 2002
224 Seiten, ISBN 3-446-20135-1, 17,90 €

Der kleine Roman stellt in 38, zum Teil ganz kurzen kleinen Kapiteln dar, wie sich das Leben einer Familie nach der Geburt eines behinderten Sohnes verändert: Paolo ist Spastiker. Schon in der ersten Episode „Die Rolltreppe“ stürzt der Kleine, der Vater hilft ihm auf, ist unter den vielen Menschen im Kaufhaus „entnervt und unglücklich“. Da bietet ihm Paolo an : Wenn du dich schämst, kannst du ja ein bisschen Abstand halten. Kümmere dich nicht um mich“. (S.9)

Der Vater ist der Erzähler und zugleich der Betroffene: aus seinem Blickwinkel sehen wir zu, so bei der Geburt Paolos, mit der das ‚Unheil’ beginnt, weil der Gynäkologe im Einverständnis mit der Schwiegermutter für das Natürliche ist und gegen einen Kaiserschnitt. Erst allmählich eröffnen die Ärzte die Folgen der schweren Geburt: der Gedanke an eine Behinderung macht Angst. Einen Schlüssel zum Verständnis gibt  dem Leser der Autor mit den Worten des einen Arztes an die Hand, der den Eltern schließlich „die Wahrheit oder vielmehr das, was er dachte, offenbarte“.(S.27) Da heißt es: „Doch ich kann mich irren. Sie sollten von einem Tag zum andern leben, denken Sie nicht zu zwanghaft an die Zukunft. Es wird eine außerordentlich harte Erfahrung für Sie werden, aber wehren Sie sie nicht ab. Sie werden danach bessere Menschen sein. Diese Kinder werden zweimal geboren. Sie müssen lernen, sich in einer Welt zurechtzufinden, die ihre erste Geburt schwerer gemacht hat. Ihre zweite hängt von Ihnen ab, davon, was Sie geben können. Sie sind zweimal geboren, und ihr Weg wird steiniger sein. Doch am Ende wird es auch für Sie eine Wiedergeburt sein. Das zumindest ist meine Erfahrung. Etwas anderes kann ich Ihnen nicht sagen.“ Der Erzähler sagt dazu: „Danke, aus dem Abstand von dreißig Jahren“. Und wir verstehen jetzt, warum das Buch „Zwei Leben“  heißt (im Original „Nati due volte“)

Das Geschehene verändert alle Beziehungen, die der Eltern zueinander und zu den Kindern ohnehin, die des Erzählers zu seiner Geliebten ebenso – überschattet von Schuldgefühlen –, die zu den Großeltern und im Lauf der Jahre auch die des Bruders Alfredo, des älteren, gesunden, zu Paolo, in dem er den „Feind“ sieht. „Alfredo war plötzlich entthront und konnte sich nicht damit abfinden. Außerdem empfand er keinerlei Sympathie für seinen Bruder. Die Zerbrechlichkeit, die ihn hätte anrühren müssen – schon wieder das Wort ‚müssen’! -, vergrößerte den Abstand zwischen ihnen nur. Die Krankheit stieß ihn ab, Misstrauen verwandelte sich in Ablehnung. Ich verstand, was er fühlte, weil ich manchmal selbst so empfand.“ (S.60)

Weite Teile des Romans schildern die Seelenlage des Vaters, für den es zunächst fast unmöglich erscheint, nicht die vollständige „Normalität“ des Kindes erzwingen zu wollen – selbst im Gebet und im Verzicht auf Annehmlichkeiten, die er dem Schicksal aufzuopfern bereit ist, wenn  nur die Anpassung Paolos an die anderen gelingt. Erst allmählich reift er zu der Einsicht, dass ihm der Sohn mindestens was sein Einfühlungsvermögen betrifft, früh überlegen ist. Ein Beispiel für viele: „In den kräftigen, leuchtenden Farben des Nachmittags vor dem Museum von Heraklion eine Reihe Rollstühle an der Wand. Paolo zeigt sie mir: ‚Willst du mir nicht einen holen ?’ Ich sehe ihn enttäuscht an: ‚Aber du kommst  doch ohne aus ! Warum willst du einen haben ?’ ‚Weil ich dann nicht soviel Mühe mache’, antwortet er.“ (S.190)

Der Autor bezieht den gesamten Umkreis der Familie ein, sowie Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, vor allem auch die Kollegen des Erzählers, der selbst Lehrer ist, und immer wieder mit Schulleitern um die Laufbahn Paolos kämpfen muss. Vielleicht ist es eine Konsequenz dieses Berufes, dass der Erzähler dazu neigt, zu allem seine Kommentare abzugeben, auch wenn man als Leser nicht immer auf seine Erläuterungen angewiesen ist. Dadurch kommt es zu Längen und Redundanzen – zu Überdeutlichkeit. Auffallend ist dies in dem Kapitel „Mann gegen Mann“ anlässlich der  Auseinandersetzung mit dem selbst auch  behinderten Direktor  der Grundschule, in die Paolo eingeschult werden soll. Diesem  Schulleiter gegenüber hat Signor Frigerio, so heißt der Vater, eine Reihe von Vorbehalten, die sehr ausführlich erläutert werden. Unter anderem geht es um dessen Verhalten Frauen gegenüber: „Dieser grobe, geschwätzige Lüstling vom Lande, der in die Großstadt abgewandert war, jagte nach ebenso blitzartigen wie flüchtigen Erfolgen, nach Genüssen, die durch Überrumpelung und Einschüchterung erpresst waren ...“(S.63), gerade auch bei den jungen Frauen in seinem Kollegium. Und zu diesem Menschen muss der Vater einen Bittgang tun, damit Paolo in eine bestimmte Klasse bei einer bestimmten, besonders ausgebildeten Lehrerin aufgenommen wird. Als sei dies eine Gefälligkeit, verlangt der Direktor gewissermaßen als Gegenleistung, dass Frigerio seine Gedichtsammlung in einem Verlag unterbringen möge – sein Schwiegervater habe doch Beziehungen: „Eine Hand wäscht die andere, was? Meinst du nicht auch?“ Und diese Dreistigkeit muss der besorgte Vater hinnehmen ... (Übrigens ist Paolos Großvater dann sofort bereit, im Interesse des geliebten Enkels das Seine zu tun).

Eine vergleichbare Situation ergibt sich, als  Paolo nach der fünften Klasse der Grundstufe zur ersten in der Mittelstufe wechselt. Sein Vater bittet darum, dass er mit seinen Klassenkameraden zusammenbleiben kann. „Ein unnormales Anliegen“, wirklich? Jedenfalls ist er diesmal Bittsteller bei einer liebenswürdigen Direktorin, die ihm versichert, er brauche sich keine Sorgen zu machen, Paolo werde eine „ausgezeichnete Integrationslehrerin haben“: „Sie hat bereits mit glänzenden Resultaten ein Kind mit Problemen betreut ... ein verhaltensgestörtes, sagt man so?“ Aber auf seinen Wunsch einzugehen ist sie nicht bereit, die Verteilung der Schüler auf die Klassen sei bereits – korrekt den Verordnungen entsprechend – durch das Los entschieden. Erst nach einer langen Auseinandersetzung erreicht Signor Frigerio doch noch, was er will: „Ich habe an einer Aufführung teilgenommen, die mich entkräftet, glücklich und melancholisch zurücklässt, ein kleiner Sieg in einem Krieg, der kein Ende haben wird.“ (150)

Der Vater regelt aber nicht nur die äußeren Bedingungen für Paolos Entwicklung. Innerhalb der Familie ist er es, der – oft bis zur beiderseitigen Erschöpfung – um Paolos Fortschritte kämpft. Und dabei kommt immer wieder der Gegensatz zwischen den Eltern zum Austrag – Franca, die Mutter, verhält sich dem Sohn gegenüber anders als ihr Mann. Ein Beispiel dafür  findet sich in dem kleinen Kapitel „Gehversuche“: „Ich lasse plötzlich los, in der Mitte des Flurs, und er hält sich wankend auf den Beinen, als klebte er mit den Gummischuhen auf dem Teppich fest, bis sich seine Hand an der rechten Wand abstützt, damit er nicht fällt. Er stürzt trotzdem vornüber auf die Knie und sieht mich an, während ich von der Armbanduhr aufschaue. ‚Zwölf Sekunden!’ sage ich. ‚Los, Paolo, wir versuchen es  noch mal.’ Ich helfe ihm auf, er lässt sich wieder fallen...“ und so immer weiter. „Franca stürzt auf den Flur: ‚Hörst du  wohl damit auf, das Kind hinfallen zu lassen?’“ (S.116/17) Sie ist es, die Paolo schützt, ihn annimmt, wie er ist. Dazu liest sich besonders das Kapitel über die Reise nach Kreta wie ein Kommentar.

Die Geschichte Paolos, die zugleich eine Geschichte seines Vaters ist, erzählt in vielen einzelnen Beispielen, wie schwer es ist, die Antwort auf die Frage zu finden „Was  ist normal?“ (Kapitel 9). „Nichts. Wer ist Normal? Niemand. Ist man von Andersartigkeit betroffen, ist die erste Reaktion nicht, sie zu akzeptieren, sondern sie zu leugnen ...“  Es dauert viele Jahre bis es dem Erzähler gelingt, das anzunehmen, was dann als Widmung über dem Buch von den zwei Leben steht: „ Den behinderten Menschen, die nicht  darum kämpfen, normal zu werden, sondern sie selbst“.

Es ist eine bewegende Geschichte, die viele Aspekte berührt, die sich aus dem Umgang mit dem kranken, geliebten Kind ergeben – ohne Beschönigungen, in einem Ton, der niemals sentimental ist, aber stets sowohl zärtlich als distanziert. Wir werden Zeugen davon, wie der Unterlegene zum Überlegenen wird, der Sohn dem Vater ein Vorbild im Umgang.  Schwäche ist nicht länger ein Makel, und hinter all den Schwierigkeiten, mit denen der Junge zu kämpfen hat, erscheint eine Heiterkeit des Herzens, die seine Niederlagen vergessen lässt und die Mitfreude an seinen ‚Siegen’ steigert. Niemand wird geschont – gerade der Gesunde wird in seinen ‚Behinderungen’ gezeigt, die es ihm so schwer machen, Andersartigkeit anzunehmen. Darin liegt für den Leser der Gewinn.

Renate Scharffenberg

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