![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 4
Edith Landmann kann gewissermaßen als der „Eckermann“ Stefan Georges gesehen werden; jedoch hat sie durchaus ihr eigenes geistiges Profil entfaltet. Die besondere Eindrücklichkeit ihrer Aufzeichnungen entsteht durch die Wiedergabe der indirekten und wörtlichen Rede im Gespräch mit George; die so überlieferten Episoden tragen anekdotische bis aphoristische Züge. [1] Und es muss kein Zufall sein, dass „der Meister“ gerade einer deutschen Jüdin solche geistige Intimität gestattete.
Vielzitiert
und als einzigartiges Dokument anerkannt sind so die von ihrem
Sohn Georg Peter Landmann posthum herausgegebenen “Gespräche
mit Stefan
George“
[2], die man in
erster Linie mit dem Namen der als Philosophin bisher
vernachlässigten Denkerin verbindet; sie wurde freilich nicht
müde, zu betonen, dass sie auch die für ihr philosophisches
Werk entscheidenden „Inspirationen“ George
verdanke.
[3] Heute ist ihr
philosophisches Hauptwerk „Die Transcendenz des Erkennens“
weitgehend vergessen, welches 1923 im Verlag von Georg Bondi
erschienen ist, übrigens als einzige rein philosophische
Arbeit der Reihe „Werke der Wissenschaft aus dem Kreise der
Blätter für die Kunst“.
Auf den ausdrücklichen Wunsch Edith Landmanns und erst nach
Begutachtung durch Friedrich Gundolf gab George dem Werk sein
“Imprimatur“ in
Gestalt des von
einer
Swastika
[4] dominierten
Emblems, jedoch nur unter der Bedingung, dass die seiner
Meinung nach zu persönliche Widmung an Edith Landmanns Vater,
Moritz Kalischer, wegfiele.
In philosophischen Nachschlagewerken ist Edith Landmann
einzig im
„Philosophinnenlexikon
[5]“ ein kurzer
Artikel gewidmet. Hier wird ihrem Namen auch der deutlich die
Herkunft der Familie aus dem Ostjudentum anzeigende
Mädchenname „Kalischer“ beigefügt. Der Geburtsname weist Edith
Landmann-Kalischer (1877-1951) als Mitglied einer
deutsch-jüdischen Familie aus, die nach den Vertreibungen des
späten Mittelalters durch generationslange Bemühungen
remigriert war; im Bericht ihres jüngeren Sohnes Michael
Landmann über seine Mutter finden sich genauere Angaben zur
Herkunft der Familie: Der Vater, Moritz Kalischer (1836-1908)
war selbstständiger Börsenmakler und hatte es zu Wohlstand
gebracht; ihre Mutter Henriette hieß mit Mädchennamen Skolny;
die Familie galt als liberal und in der Tradition der Haskala
stehend; ihr Großvater, Loebel Kalischer, kam aus Thorn in
Ostpreußen nach Berlin; Loebel war der Bruder des orthodoxen
Rabbiners Zwi Hirsch Kalischer, einem frühen Zionisten aus den
Tagen der russischen Anfänge einer Konkretion des noch
religiös begründeten
Rückkehrgedankens.
[6]
Den ersten Teil der Arbeit bildet eine kurze Darstellung der Grundintentionen von Edith Landmanns philosophischem Hauptwerk „Die Transcendenz des Erkennens“, seiner Stellung im philosophiehistorischen Kontext sowie der Rezeptionsgeschichte. Im zweiten Teil werden Probleme der Assimilation im Kreis um Stefan George zum Thema und im abschließenden dritten Abschnitt werde ich versuchen, eine Zusammensicht und Summa zu geben.
I
Die Grundintention des 1923 in Berlin erschienenen Buches ist die Kritik des erkenntnistheoretischen Idealismus, der in Gestalt des Neukantianismus die herrschende Schulphilosophie des Kaiserreiches gewesen ist. Dieser machte radikalen Ernst mit der Forderung Kants, dass nur die Untersuchung unseres Erkennens die Philosophie auf die Bahn sicheren Wissens führen könne und unterdrückte die rezeptiv-sensuellen Anteile in dessen Vernunftkritik zu Gunsten der These, dass die Welt letztlich ein reines Produkt unserer Vernunft sei.
Dem widerspricht Edith Landmann entschieden; sie klagt im besonderen die objektive Bedeutung der ästhetischen Gefühle ein. Erkenntnis gilt ihr nicht als rein rationaler Akt, sondern vielmehr als ein Verschmelzen der unserem Erkenntnisvermögen apriorisch innewohnenden Transzendenz mit einem Transzendieren der objektiven Welt auf uns hin. Transzendenz bedeutet für sie damit Überschreitung in ein Anderes und seine Assimilation/ Angleichung/ Aneignung zugleich. Die objektive, von unserem Erkennen unabhängige Welt, die deshalb a priori der Transzendenz unseres Erkennens bedarf, soll Thema einer neuen „Metaphysik des Seins“ [7] werden. Zur „Transcendenz des Erkennens“ schreibt ihr Sohn Michael Landmann, der ebenfalls Philosoph wurde: „Wie bei den Griechen und bei Goethe ist der Mensch kein Fremdling in der Natur, sondern beide sind aufeinander abgestimmt. Das Bewusstsein trügt nicht, es trägt uns eine Kunde zu. (...) Es ist seinem Wesen nach darauf angelegt, sich nicht immanent im eigenen Kreis zu bewegen, sondern sich selbst zu transzendieren. Der Begriff der Transzendenz wird hier funktional im Sinne von ‘Intentionalität´ gefasst. Entscheidend ist, dass wir uns nicht auf eine bloße Teilkraft der Erkenntnis – die Wahrnehmung der Realität, das Urteil über den Sachverhalt oder die Ideation des Allgemeinen – allein stützen. Alle diese Erkenntnisfunktionen müssen ineinander greifen, müssen jede der anderen ihr Recht gönnen. Dann erschließt sich ihnen der ‘Gesamtgegenstand´. In ihm sind die Realitätsabweichungen der Einzelfunktion und ihrer Partialgegenstände korrigiert.“ [8]
„Somit verbürgt nicht das bloße Vernunftsubjekt die Ordnung der Welt, sondern diese ist in einem umfassenden Ordo-Zusammenhang immer schon vorfindlich und jedem nach seiner Möglichkeit, völlig aber nur der großen Persönlichkeit erschließbar, als deren Urbild Edith Landmann der Dichter Stefan George gilt. Nicht das „reine Denken“ und seine theoretische Rechtfertigung sei entscheidend, wie im Neukantianismus, sondern das „Sein“ der je individuellen Persönlichkeit, das sich besonders in ihrer künstlerischen Produktion ausdrückt. Die künstlerische Hervorbringung als Symbol der Persönlichkeit ist für Landmann, wie schon für Georg Simmel in seinem berühmten „individuellen Gesetz“ [9], in George und seinem Werk exemplarisch und einzigartig verkörpert. Das „Aushaltenkönnen größter Spannungen“ gilt Landmann als wahres Kennzeichen der großen Persönlichkeit. Die kritisierte seinssetzende Selbstherrlichkeit des neukantianischen Subjekts feiert so in Gestalt des Erkenntnisheroen Auferstehung. Dabei besteht die Gefahr, dass das freie und gleiche Vernunftsubjekt des aufklärerischen Gattungspathos einer hierarchisierenden Bildungsreligion geopfert wird. Edith Landmann spricht geradezu von der „monarchischen Verfassung der Gesamtpersönlichkeit“ Ihre Kritik wendet sich zwar gegen den Neukantianismus, jedoch übersieht sie sowohl dessen historische Differenz zur Kantischen Vernunftkritik wie auch die Tatsache, dass dem Neukantianismus die Konstitution der Wirklichkeit immer ein Problem geblieben war. Gleichwohl muss Edith Landmanns philosophischem Ansatz zugestanden werden, dass sie die wesentliche Problematik des Neukantianismus herausstellt, die man in der Anfrage zusammenfassen kann, ob es überhaupt möglich sei, das Selbstverständliche zu konstruieren. Treffend ist ihre Kritik der neukantianischen Rezeptionsästhetik, die primär vom ästhetischen Urteil und dessen Rechtfertigung über schon bestehende Kunstwerke ausgeht, besonders darin, dass sie eine am Modell der künstlerischen Hervorbringung, also produktionsästhetisch orientierte Grundlegung jeder Erkenntnis fordert, die gleichsam als theoretisch uneinholbar gelten muss. [10]
Was Edith Landmann vorschwebt, ist eine Repristination der Transzendentalien, die Kants Erkenntniskritik als unausweisbar metaphysischen Überflug aus der Sphäre des Erfahrbaren ausgeschieden hatte. Was sie fordert, ist gleichsam ein Über-Idealismus, wie er am ehesten im platonisch inspirierten mittelalterlichen Universalienrealismus und später als Kompromiss im Universalienstreit (universalia in rebus) vertreten worden ist. [11] Mit diesem Rückgriff richtet sich ihre Kritik gegen den modernen Scientificismus seit Descartes insgesamt und stellt einen Protest gegen gleichsam schlechte Konkretionen dar. Freilich ist ihr Unterfangen noch nicht so radikal wie das Heideggers, dem das Denken seit Parmenides als korrumpiert galt. Aber die Stoßrichtung der Kritik auf eine Überwindung der wissenschaftlich bedingten Subjekt-Objekt-Spaltung ist doch vergleichbar. Ihr Werk kann so in gewisser Hinsicht als Vorbote von Heideggers „Sein und Zeit“ gesehen werden; sie geht z.B. von einem umfassend relationalen Gefüge der gegenständlichen Welt aus, das sie „Gesamtgegenstand“ nennt und das an Heideggers Begriff vom „Bewandniszusammenhang“ gemahnt. Diesem Gesamtgegenstand ordnet sie eine „Gesamtpersönlichkeit“ und eine dieser eigenen „Totalintention“ zu. Die „Totalintention“ soll auch das Gefühl und die Hingebungskraft des Subjektes ans je Einzelne mit einschließen. Vergleichbar ist ihr philosophisches Unterfangen in dieser Hinsicht mit Schelers Ansätzen zu einer materialen Wertethik, sowie den experimentellen Erkundungen in der Gegenstandstheorie ihres Lehrers Alexius Meinong. [12]
Folgender Satz des Hauptwerks bezeichnet vielleicht am besten seinen Grundimpuls: „Mit der Einsicht in den jenseitigen Sinn alles Erkennens gewinnen wir dem philosophischen Bewusstsein wieder die Diesseitigkeit der Welt.“ [13] Exemplarisch und beweiskräftig geschieht dies für Edith Landmann in der Poiesis, der künstlerischen Schöpfung, die ihrerseits der Inspiration durch die objektiv vorfindliche Schönheit bedarf. In dem Bestehen auf der zentralen Bedeutung der „Herzenskraft“ und dem Transzendenzcharakter des Urteils (dessen „stummem Sinn“) verweist Landmanns Denken auch auf Positionen, die Hannah Arendt später vertreten hat. [14]
Hohe Anerkennung verdient das Buch dadurch, dass es unter schwierigsten persönlichen Bedingungen hervorgebracht wurde. In fachphilosophischen Kreisen wurde die Arbeit weitgehend nicht zur Kenntnis genommen; dazu mag die Aporie beigetragen haben, in die die unausgewiesene Vorannahme einer transzendierenden „Totalintention“ führt, sowie der Anachronismus, Tageskritik und Weisheitslehre „vor den letzten Dingen“ in einem Atemzug geben zu wollen. [15] Hingegen fand das Werk in der katholischen Welt, besonders durch Erich Przywara, geradezu begeisterte Aufnahme, wozu die gegen enge erkenntnistheoretische Kalküle geforderte Rehabilitation der Transzendentalien entscheidend beigetragen haben mag. [16]
Zum Ende meiner Ausführungen über die „Transcendenz des
Erkennens“ möchte ich kurz die schwierige Frage nach Spuren
genuin jüdischen Denkens in dem Werk aufwerfen; der in sich
problematische
Begriff
[17] verweist in die
großen Kultursynthesen, die der jüdisch-deutschen
vorhergegangen sind, so in die jüdisch-arabische und die
jüdisch-hellenistische Welt und ihren Traditionsaustausch und
-zusammenhang: Landmanns Einspruch gegen den
erkenntnistheoretischen Idealismus richtet sich gegen jeden
kruden Materialismus, gegen reine Erkenntnistheorie, aber auch
einen leichtfertigen „Überflug“ des Spirituellen und führt an,
dass wir den Geist grundsätzlich nur inkarniert erfahren
können. Jede textliche Überlieferung, da sie für den Frommen
die Dignität des kanonischen Offenbarungstextes nie erreichen
kann, bedarf der Bestätigung und Beglaubigung im personellen
Gegenüber und dem in ihm gesprochenen, also gleichsam lebenden
Wort. Später hat
Edith Landmann durchaus die Verwandtschaft mit Bubers
Erneuerung jüdischer Tradition im Personalismus
gesehen
[18], denn der
chassidische Rabbi wirkt nicht einfach durch Erklärungen,
sondern durch sein im gesprochenen Wort verkörpertes Sein und
als handelndes Vorbild. Inwiefern nun gibt die „Transcendenz
des Erkennens“ eine gültige philosophische Deutung von Georges
Denken?
Der
Dichter, der sinnliche Besonderung auf höheren Sinn hin öffnen
und durchdringen soll, ist der gleichsam natürliche Feind des
Philosophen, der nach den letzten und allgemeinen Gründen
fragt und diese dann in die Welt hineinsieht. So muss eine
Philosophie Georges als contradictio in adjecto bezeichnet
werden. Aber eine philosophische Interpretation seines Denkens
ist möglich und von Landmann mit einem gewissen Erfolg
versucht worden. Sie legt eine universalienrealistische
Sprachauffassung bei George nahe, die sie im Begriff der
Transzendenz zu fassen
trachtet.
[19] Wenn Edith
Landmann sich für ihr Hauptwerk freilich ausschließlich auf
Georges Vorbild beruft, stellt sie ihr eigenes Licht unter den
Scheffel.
Es gibt jedoch einen gemeinsamen „Fluchtpunkt“ beider
„Welten“, den ich im zweiten Teil meines Vortrags benennen
werde und den Edith Landmann in ihrem letzten, gleich den
„Gesprächen“ erst posthum erschienenen Werk „Die Lehre vom
Schönen“ ausgeführt hat, auf das hier aber nicht mehr
eingegangen werden kann.
II
Mit
einer durchaus provokanten These sei der zweite Abschnitt zu
den Problemen der Assimilation der deutschen Juden im Kreis um
Stefan George eröffnet: „Es ist das Schicksal aller verfolgten
Minderheiten, dass sie die Eigenschaften ihrer Verfolger, die
diese an sich selbst nicht wahrhaben können, bis zur
Kenntlichkeit verzerrt ausbilden
müssen.“
[20]
Was will dieser Satz sagen? Hier wird eine Hypothese zur
Dynamik im Verhältnis von Minoritäten und Majorität
formuliert. Sie will auf ein wichtiges Phänomen
assimilatorischer Prozesse hinweisen, denn es ist, schon zur
Vermeidung von Verachtung und Verfolgung, die Grundbemühung
jeder Minderheit, in die Majorität möglichst weitgehend
integriert und damit von dieser akzeptiert zu werden.
Die Hypothese bezweifelt ihrer Konsequenz nach mit den Worten „bis zur Kenntlichkeit verzerrt“, dass es möglich ist, durch Assimilation an die Eigenschaften der Majorität seine Würde zu wahren oder gar zu erwerben, denn ihr nach hält die sich assimilierende Minderheit der Majorität unweigerlich den Spiegel vor. Statt aber sich selbst zu erkennen und zu bessern, neigt die Majorität dazu, in der Minorität nur ihre eigenen unerwünschten Eigenschaften zu bekämpfen. Die eigene Anstrengung und Leistung führte damit zur Tragik der Minorität, denn die ohnehin schwierigen Beziehung zwischen angreifender Minorität und besitzstandswahrender Majorität hat die Tendenz, in Konflikte bis zur „acharnierteste(n) Feindschaft“ [21] umzuschlagen.
Ursache für das freilich unterschiedlich stark ausgeprägte Assimilationsbegehren ist zuerst das bestehende Gefälle in der Selbstwahrnehmung beider Gruppen, denn während die Angehörigen der Majorität ihr Sosein fraglos genießen können, sind die Angehörigen einer Minorität immer bedroht von der Frage: Genüge ich? Ihr folgt die leicht zwanghaft werdende Neigung zu ständiger Selbstprüfung, die das Gefühl des Fremdseins, wie es häufig in der Selbstwahrnehmung deutscher Juden beschrieben worden ist, noch verstärkt. [22] Nicht erst nach Jahrhunderte langer Verfolgungserfahrung entsteht ein tiefsitzendes Verfolgungstrauma. Schon eine Anpassung, die das eigene Wesen weitgehend zu verleugnen zwingt, ruft einen starken Selbsthass hervor, der bis zum Zerbrechen der Identität führen kann. Diese Lage des Ausgesetztseins in einer übermächtigen, fremden und feindlichen Umwelt, die die gläubigen Juden als „Galut“ [23] (Verbannung) gesehen haben, vermag jedoch gemindert und gemildert zu werden durch das religiöse Auserwählungsgefühl und/oder besondere Leistungsanstrengungen. Diese helfen durch Erfolg das Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren.
Bemerkenswert ist auch der häufig stärkere soziale Zusammenhalt von Minoritäten, der gegeneinander gleichsam „einklagbar“ ist und gegenüber der trägeren Majorität zum entscheidenden „Trumpf“ werden kann. Vertreter von Minoritäten vermögen einen ungeheuren Enthusiasmus und Elan zu entwickeln, vielleicht, weil sie nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben.
Aber auch die Vertreter der Majorität können von den
assimilationswilligen Minoritäten extreme Gefolgstreue
verlangen, wie das in der Forderung nach dem Bekenntnis zum
Protestantismus und vor allem zur Nation immer wieder
geschehen ist; diese Bekenntnisse können ohne weitere
Begründungspflicht von der Majorität bezweifelt oder geleugnet
werden. Eine seltene Ausnahme bildete Dreyfus´ Rehabilitation,
der freilich Zolas couragierter
Appell „J´accuse!“
vorhergehen musste.
Ist
ein irgendwie vergleichbarer Prozess zwischen deutschen Juden
und Deutschen im Kreis um George und im besonderen zwischen
Edith Landmann und
Stefan George identifizierbar?
Edith Landmann scheint mir von dem Sachverhalt
assimilatorischer Dynamik, den ich hier zu beschreiben suche,
in mehrfacher Hinsicht betroffen: Als Frau, als Gelehrte, als
deutsche
Jüdin.
[24]
Stefan George war zwar agrarbürgerlicher Herkunft, als Künstler und Homosexueller [25] aber dennoch ein Außenseiter seines Standes; er wurde durch seine Lyrik [26] bald zur Symbolfigur und „Ikone“ [27]der gegen das Bürgertum opponierenden Jugendbewegung. So konnte er für andere Außenseiter als Flucht- und Orientierungspunkt attraktiv werden, denn die deutschen Juden waren auch da, wo sie bürgerlichen Erfolg und Wohlstand errungen hatten, eher selten als ebenbürtig akzeptiert und ihre Kinder wuchsen meist in einem gleichsam „goldenen Käfig“ [28] auf. Ihr Sohn Michael hat bestätigt, seine Mutter habe, unbegabt fürs Alltägliche, in einer Sphäre des Idealen gelebt und dazu geneigt, „die Wirklichkeit nur wahrzunehmen durch einen Schleier von Traum und Glauben“. [29]
Und
George duldete die Mitglieder der kleinen jüdisch-deutschen
Elite, die den Aufstieg in die Spitzen der Nation geschafft
hatten und gleichwohl Außenseiter geblieben waren, gerne in
seinem Umkreis, denn das Außenseitertum, gekennzeichnet durch
die harrsche Ablehnung des bürgerlichen „Philistertums“ mit
seiner falschen Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit,
galt ihm als der einzig legitime Standpunkt des Dichters.
[30]
So konnte er auf einen Angriff, dass er so viele Juden um
sich habe, antworten: „Solche Juden, wie ich um mich habe,
könnte ich noch zehn um mich haben, würde mir gar nichts
schaden.“
[31] Man könnte
gewissermaßen von der Allianz etablierter Außenseiter
sprechen.
Ausdrückliche Reflexionen über die Stellung der deutschen Juden im „Staat“ finden sich in Werner Krafts George-Buch unter dem Abschnitt: Das Judentum. [32] Nachdem Kraft konstatiert hat, dass wichtige Helfer beim „Durchbruch“ und „Multiplikatoren“ Georges Juden waren, so Richard Moritz Meyer [33], Georg Simmel und Georg Bondi, fährt er fort: „Soweit es sich hier um die bekannte Funktion geistiger Vermittlung in einer durch Assimilation erreichten Zugehörigkeit zu einem fremden Volksganzen handelt, stellt dieser Vorgang nichts grundsätzlich Neues dar. Er wird erst dadurch zu etwas Besonderem, dass die gesellschaftlichen Wegbereiter eines deutschen Dichters im Wege der persönlichen Assimilation an einen überragenden Einzelnen zu dessen Freunden wurden und von ihrem Judentum keinen praktischen Gebrauch mehr machten.“ [34]
Als weiterer Grund für die Duldung, ja vielleicht sogar partiellen Bevorzugung der jüdischen Deutschen durch George kann seine frühe Faszination durch den jüdischen Kultus, sein Wissen um die Tücke des Antisemitismus und sogar eine gewisse Identifikation mit dem jüdischen Schicksal gelten. [35] Dieser Befund sei an weiteren Aussagen Georges und an seinem Gedicht „Ihr Äusserste“ erläutert:
Anlässlich
einer sozialkritischen Beschreibung der Etagenbewohner des
Heidelberger Bürgerhauses, in dem George (wohl vor dem
Zerwürfnis mit Gundolf) residiert habe, sagte er:
“Auch dies Idyll muss aufgegeben werden. Es ist die Zeit der
Zelte.“
[36]
George, selbst zeitlebens von Ort zu Ort reisend, schreibt
das geistige Nomadentum in der letzten Zeile seines Gedichts
„Ihr Äusserste“ den „verkannten Brüdern“ zu: „Ihr immer
schweifend und drum nie erfüllt!“
Es scheint mir hier bei George, gerade in der Abgrenzung, eine gleichwohl projektive Identifikation mit der Situation des Ausgesetztseins, wie es die Juden am extremsten immer wieder erfahren mussten, vorzuliegen: Schon der Begriff der „Äußersten“ verweist auf eine Zeile des berühmten Briefes Georges an Sabine Lepsius: „Ich gehe immer und immer an äussersten rändern...“ [37]
Beide ‘die nordischen Menschen´, d.h. die noch nicht romanisierten Germanen von „windumsauster Klippe/ Und schneeiger Brache“, wie auch die Juden „von glühender Wüste“ sind durch ihre Lage als „Äußerste“ in mythologischem Antagonismus [38] verklammert, wobei George wohl durchaus ihr jeweils Urwüchsiges und Wildes bewundert hat: [39]
„Blond oder schwarz dem selben schooss entsprungne / Verkannte Brüder suchend euch und hassend“: Gemeinsam ist ihnen aber nicht nur die gegenseitige Verkennung, sondern vor allem die„Verfehlung der Mitte“, wie Werner Kraft [40] überzeugend das an die Juden im Kreis gerichtete Gedicht und seinen Kontext im „Stern des Bundes“ interpretiert hat:
„Ihr Äusserste von windumsauster Klippe / Und schneeiger brache ! Ihr von glühender wüste! / Stammort des gott-gespenstes gleich entfernte / Von heitrem meer und Binnen wo sich leben / Zu ende lebt in welt von gott und bild“...“ Das „zuende leben in welt von gott und bild“ steht sowohl für George als auch für Landmann symbolisch für das Ideal eines mit Hölderlin gerühmten Arkadiens klassischer Luzidität als entrücktem und doch potentiell allgegenwärtigem U-topos. Dieses gemeinsam erstrebte letzte Telos vermag gleich einer Erleuchtung im sozialen Leben eines Bundes in höchsten Augenblicken zur Wirklichkeit, der gesuchten Gegen-Welt, zu werden. [41] Aber es muss doch festgehalten werden, dass George sich nicht einfach im Besitz solcher Gegen-Welten befindet, sondern in seinem Ausgangszustand durchaus den „Äußersten“ verbunden bleibt. Nur das Wissen um das Ideal enthebt ihn der Beschränkung der „Äußersten“.
Kraft zitiert Georges Aussage gegenüber Landmann
vom Juli 1918 über die Zionisten:
„Wenn die wüssten, wie ich für das Gesetz Jahwes glühe! Aber
die können´s nicht machen. Das sind alles moderne
Menschen.“
[42]
George hatte keine hohe Meinung vom „modernen Menschen“, der einen geschichtslosen Anfang aus sich herauszusetzen in der Lage zu sein glaubt und meinte im besonderen, dass den Juden die gemeinsame Sprache fehle: So sagt er über das „den Juden angezüchtete(n) Nationalgefühl: ‘Die Seele eines Volkes, das ist seine Sprache, und die haben sie verloren.´“ Und Edith Landmann setzte 1942 hinzu: „Deren Erneuerung in Palästina war uns noch nicht bekannt.“ [43] Hier zeigt sich deutlich Georges Reserve gegenüber einer jüdischen Assimilation an die Nation, denn er akzeptiert sie implizit mit diesem Ausspruch nicht als gleichberechtigte Angehörige der deutschen Sprachgemeinschaft. Das Einklagen gemeinsamer Sprache als Signum nationaler Gemeinsamkeit [44] durch George erscheint mir daher, obwohl gut aufklärerisch mit Herder gedacht, als ein Ausweichen
Und es kündigt sich, wie ich meine, im Überbietungsgestus der Worte: „wenn die wüssten, wie ich für das Gesetz Jahwes glühe“ der andere unsichtbare Fluchtpunkt der Beziehung Georges zu Edith Landmann an: die Rivalität um das Auserwählungsprivileg. Dies hat Werner Kraft, wie ich meine, zumindest ahnend gesehen, wenn er von der „Verschränkung jüdischer und deutscher Motive“ und der „mythischen Verhüllung“ des Judentums aus Georges Perspektive gesprochen hat. Der gleichsam „neue Mensch“ von Georges arkadischer Vision kollidiert mit dem alten Auserwählungsprivileg des jüdischen Volkes, so dass entweder die deutschen Juden im Kreis auf dieses verzichten oder es mit dem Georgeschen Erwählungsgestus gleichsetzen müssen.
Bleiben dies schwer beweisbare Vermutungen, so kann hingegen als sicher gelten, dass die deutschen Juden mit den „nichtjüdischen“ Deutschen um die Gunst Georges rivalisieren mussten; im Zuge dieser Auseinandersetzungen fiel auch das böse Wort von der „Judenclique um den Meister“. [45]
George
selbst verbat sich freilich Beschwerden über antisemitische
Anfeindungen in Wolters
„Blättergeschichte“
mit den Worten: „alles, was recht ist, aber alles kann man von
euch doch auch nicht loben. Auf die anderen wird doch auch
geschimpft, und Wilamowitz ist doch gewiss nicht jüdisch. Der
ist´s wieder zu wenig. Ja, uns ist´s schwer recht zu
machen!“
[46]
Als blinden Philosemiten kann man ihn also nicht bezeichnen,
denn auch zu Michael Landmann sagte er, man solle die Juden,
„weil sie Juden sind, weder besser noch schlechter
behandeln“.
[47] Vielleicht ist
offene Kritik das beste Zeichen der Ehrlichkeit unter
Freunden.
Und George beklagt sich bei Landmann über den „dreißigjährigen
Krieg“, den er gegen Wolfskehls Übermut „dass er nicht zu viel
Dummheiten anstellte“
[48] hätte führen
müssen, um zu beweisen, er habe es mit den Juden im Kreis
nicht immer leicht gehabt: Es sei gleichsam immer„ein Preis
der Integration“, nicht zuletzt gegen z.B. Ernst Bertrams und
Ernst Glöckners Anfeindungen, zu entrichten gewesen.
Ich möchte jedoch eine Eigenschaft hervorheben, die George auszeichnete: Er erkannte klar, das keine rein assimilatorische Bemühung persönliche Würde und damit andere als geborgte Identität hervorbringen kann, sondern höchstens Selbstverleugnung. Und den aus der Selbstverleugnung hervorgehenden Selbsthass verabscheute er als Unfähigkeit, zu sich selbst stehen zu können: „Wie Gundolf sagte, dass er sich nicht als Jude, sondern nur deutschem Wesen verwandt fühle, besonders den Romantikern, dieser Mischung von lyrism, spleen und Hochgeist: ‘Und darum´, fragte ich (Edith Landmann, Zusatz des Autors),‘ machen sie die so schlecht?´ ‘Ja´, meinte er, ‘man lobt nicht, was man hat. Im Gegenteil.´ „Da bin ich anders“, meinte George, „ich lobe nur, was ich habe. Alles andere geht mich nichts an.“ [49] Gleichzeitig will er eine Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Juden gerade in der Neigung zum Selbsthass sehen: „Deutsche können nicht hassen wie die anderen, das ist ihre Stärke wie ihre Schwäche. Sie hassen nur einander und sich selbst.“ ‘Das ist ein umgekehrter Narziss´, meinte ich. „Ja, o eauton timoroumenos (Das selbst muss gefürchtet werden, Zusatz des Autors), das ist originell“, sagte er. Ich lachte über dies lange nicht gehörte Wort. „Ja, originell“, sagte er, „darin liegt auch mein Urteil darüber. Die Griechen haben einen solchen Narziss nicht, auch die germanische Sage kennt ihn nicht. Bei Tolstoi und Dostojewski mag sich dergleichen finden. Auch Juden hassen sich selbst, die der liebe Gott zu Sündenböcken ausersehen hat.“ ‘Also´, meinte ich, ‘liegt doch etwas von metaphysischer Notwendigkeit darin.´ „Auch dies“, erwiderte er, „macht es nicht besser.“ [50] Und sein Fazit lautet: „Man muss anerkennen, was man ist. Darin liegt alles.“ [51]
George setzt damit das „Zu-Sich-Selbst-Stehen“ als letztes Zeichen der Identität über jeden assimilatorischen Versuch, sich ein neues Selbst gleichsam zu erwerben. H.-G. Gadamer hat darauf hingewiesen, dass das Selbst uns nicht einfach verfügbar sei, sondern uns gleichsam geschehe. [52] George grenzt sich also von denjenigen jüdischen Identitätsproblemen, die der Assimilation an die potentiellen Verfolger entspringen, entschieden ab.
Ich
möchte jetzt auf einen letzten und schwierigsten Punkt zu
sprechen kommen:
Die große Gefahr für den assimilierten Außenseiter, der
George selbst ja in gewisser Hinsicht ebenfalls gewesen ist,
scheint mir die Versuchung zur Überhebung zu sein. Georges
fragloses Selbstsein ist leider von einem überheblichen
Moment
[53] nicht frei,
zumindest in den für sein Wesen typisch impulsiven, vielleicht
sogar cholerischen Ausbrüchen: „Wäre ich Jude, so wäre das
Judentum nicht mehr eine Frage.“
[54]
Daran ist freilich eines richtig: Natürlich kann es für einen Juden nie eine Judenfrage im Sinne des Antisemitismus und des christlichen Antijudaismus als dessen Wegbereiter geben, denn er ist Jude.
George will mit diesem Ausspruch wohl sagen, dass er als Jude ganz zu sich stehen würde. Und doch ist nicht recht verständlich, warum die Probleme der Juden, z.B. der Verfolgung, gerade dadurch hätten aufgehoben sein sollen, wenn er Jude gewesen wäre. Doch ist der Satz sicher überinterpretiert, wollte man George die Anmaßung unterstellen, er wäre als Jude der Messias gewesen.
Doch
auch für die deutschen Juden galt die Gefahr der
Überhebung:
War einer Minderheit der Minderheit der deutschen Juden unter
großem Anpassungsdruck der Aufstieg von
„outcasts“
[55] in die höchsten
und mächtigen Kreise, wenn auch nur auf Widerruf, geglückt, so
kamen sie in die kaum widerstehliche Versuchung, sich für die
erlittenen Härten schadlos zu halten, etwa durch die
Ausbildung eines radikalen Elitebewusstseins. Man könnte
geradezu von einer „dekompensativen Dissimilation“ als
Reaktion auf die Assimilation sprechen, die von den Deutschen
z.B. als „Zerbrechlichkeit“, „Empfindlichkeit“ und
„Lebensuntauglichkeit“, aber auch einfach als Hochmut
empfunden werden mochte und ihrerseits zur Entstehung von
Verachtung und Abwehr zumindest beitragen
konnte.
Es könnte hier eine innere Verbindung geben zu Georges Elitarismus, wie er gegenüber dem Kreis von seinen Gegnern, am schärfsten in Max Webers Vorwurf an George, er sei „unbrüderlich“, immer wieder erhoben worden ist. Michael Landmann hat die Sympathie Georges für Außenseiter, wohl weil er sich selbst so sah, hervorgehoben unter dem Titel der „Erwähltheit des Ausgestoßenen“. Dass Außenseiter als Minorität sich selbst zu Eliten stilisieren, die ihrerseits andere um so rücksichtsloser auszugrenzen in Versuchung stehen, macht vielleicht die, mit Michael Landmanns Worten, „präkäre Nähe“ des Kreises zur „Konservativen Revolution“ aus, denn auch der Nationalsozialismus ist eine Aufsteigergeschichte von Deklassierten gewesen, oder doch zumindest von solchen, die sich durch die Revolution, die Republik oder die Modernisierung von Deklassierung bedroht fühlten.
Um so fataler erscheint es, dass George, obwohl ihm die „Bewegung“ als ein „auf das Vaterländische pochender Kommunismus“ und damit als plebejischer Aufstand erschien, sich zu einem konsequenten Elitarismus und damit einer klare Stellungnahme gegen das NS-Regime nicht hat durchringen können oder wollen. Es mag sein, dass so der Elitarismus der Outcasts sich selbst einholte und überboten wurde.
George,
bei der letzten Begegnung mit Edith Landmann am 19.September
1933:
„Ich will Ihnen etwas sagen: wenn ich an das denke, was
Deutschland in den nächsten fünfzig Jahren bevorsteht, so ist
mir die Judensach im Besonderen nicht so
wichtig.“
[56]
Hier redet George also doch der Majorität das Wort. Der
Überbietungsgestus, der dem verborgenen Fluchtpunkt des
Auserwählungsstreits entstammen mag, ist auch hier
unüberhörbar. Eine „Nichtidentität letzter Zielsetzungen“, wie
Helmuth Holzhey sie für Cohen und Natorp nachgewiesen hat,
wird
offensichtlich.
[57] Georges Aussage
war damals, angesichts der deutschen Lage zwischen den
Kriegen, begründet. Für uns heute aber, als Deutsche, die wir
unter dem Verdacht eines Täterseins gleich der Mordtat Kains
stehen, welche nach alttestamentarischer Strenge alle
folgenden Geschlechter verderben kann, muss die glaubwürdige
Distanzierung von dem Morden in Gewaltexzessen von Verfolgung
und Krieg und das Gedächtnis der Möglichkeit des Opferwerdens
wichtiger sein als die „deutsche Sache“. Die Täter mögen
gezwungen und blind gehandelt haben, dennoch bleiben die
Leiden der Opfer von anderer Geltung und Würde.
Der
Abgrund der Beziehung zwischen Täter und Opfer, wenn man sie
überhaupt noch so nennen kann, entzweit und verbindet
zugleich, und George war kein Prophet, als er das Deutschland
der „nächsten fünfzig Jahre“ so über die „Judensach“ meinte
stellen zu können.
Michael Landmann gibt zu, dass ihn die Frage des Schweigens
Georges und seiner Stellung zum Nationalsozialismus im
Augenblick seines schon blutigen Triumphes „bis heute
beschäftigt“ und er führt an, Karl Wolfskehl habe schon im
Sommer 1933 zu Gunsten der verfolgten jüdischen Freunde
intervenieren wollen, sei jedoch von Stefan George nicht
vorgelassen
worden.
[58]
Edith Landmann gibt ihre Antwort auf die „tragische Schicksalsbeziehung zwischen Juden und Deutschen“ (Herrmann Levin Goldschmidt): Im Jahre 1948 schreibt sie in Bezug auf ihr Dasein als deutsch-jüdische Bildungsbürgerin, der gleichwohl das abgelegte jüdische Erbe streng ritueller Lebensform und „eintönig einzige(r) ethische(r) Lehre von Mildherzigkeit“ [59] immer verehrungswürdig erschienen sei:
„Kann man in dieser Entfremdung eine Assimilation erblicken? Gewiss, nur durch das, was an den damaligen deutschen Schulen an Literatur noch lebendig war und was mir übermittelt wurde, konnte ich meinen geistigen Weg finden.“ Sie sei mit „dem Land, der Sprache, dem Geist, mit allen Tugenden und Untugenden deutschen Wesens so bis ins innerste eins geworden“. [60]
Und
in Hinsicht auf ihre kulturelle Zugehörigkeit und die
prägenden Einflüsse, vor allem durch Goethe und
Schiller
[61], bekennt sie
sich zu dem Optimismus der Emanzipation, der zur Zeit der
Jahrhundertwende das Verfolgungstrauma überwogen habe: „In
jener glücklichen Zeit war die Freiheit so groß, dass man von
überall her das wählen konnte, was man für das geistig Höchste
hielt, ohne national oder religiös in irgend einer Weise
gebunden zu sein.“
Landmann widerspricht also der Hypothese vom Schicksal der
Verfolgten, die Eigenschaften ihrer Verfolger bis zur
Kenntlichkeit verzerrt ausbilden zu müssen. Sie wendet ein,
auch die assimilatorischen Zwänge müssten die
Entscheidungsfreiheit nicht suspendieren. Von einem
unabwendbaren Schicksal der verfolgten Minderheiten kann also
nicht die Rede sein. Assimilation muss ein echtes Verständnis
und Wesenserkenntnis der Umgebungskultur nicht ausschließen.
Sie kann also auch gelingen, wenn es dem sich Assimilierenden
möglich ist, seine Identität, etwa durch Grenzziehung, die je
verschieden sein mag, zu bewahren.
C.E. Schorske hat
in seinem „Fin du siecle Vienna“ eindrucksvoll zu zeigen
versucht, wie ein Philanthrop vom Range Herzls, der ein Leben
lang gleichsam auf der „Reise nach einem
Lächeln“
[62]gewesen ist, auf
dem Höhepunkt der Assimilation in freiwilliger
Wahlverwandtschaft und selbstauferlegter Heautonomie
(Pflichterfüllung) zu seinem Judesein sich
zurückentschlossen
habe.
[63]
Landmann ist der Meinung, George habe die Identifikation der deutschen Juden im Kreis mit ihrem „geistigen Vaterland“ zurecht erwarten können und diese sei für sie möglich gewesen, „ohne die jüdische Wurzel aufzugeben“. Und sie sagt für sich, nach dem entschiedenen Bekenntnis zur historischen Notwendigkeit des Zionismus: „Den Juden kann ich nur gelten, wenn sie das deutsche Judentum, wie jetzt das spanische, als eine Erinnerung, als eine nicht ganz verächtliche Phase ihrer Geschichte gelten lassen.“ [64]
III
Edith Landmann hat die Last des Abgrundes, der sich mit der Naziherrschaft zu ihrer Lebenszeit für die „Träger“ der Assimilation auftat, zu bewältigen gesucht durch das rückhaltlose, sogar zeitweise militante Eintreten für eine jüdische Nation. Ansätze dazu finden sich schon im Sommer 1933 in ihrem Aufruf “Omaruru – an die deutschen Juden, die zum geheimen Deutschland hielten“, in dem sie den anderen Kreismitgliedern zuruft: “Jeder, der durch dieses Tor geht, wendet uns den Rücken, lässt uns draußen stehn.“ [65] Ganz im Sinne des absoluten Primats dichterischer Poiesis, die das wohl stärkste tertium comparationis zwischen Landmann und George darstellte, fordert sie 1933 nicht das ‘heilige´ Land, sondern ruft zur Gründung eigener, und zwar deutschsprachige Bildungsgemeinschaften auf. Den Schritt ins Gründerisrael hat sie später jedoch nicht mehr tun wollen.
Ihre
Freundschaft mit George, wie sie das Zwiegespräch bezeugt,
wurde ihr zum Zeugnis einer im Zeichen des „Hellenismus“
stehenden deutsch-jüdischen Synthese, getragen von den
Errungenschaften eines im deutschen Sprachraum einstmals
mächtigen
Geistes.
[66]
Hinter diese Emanzipation gab es für sie, ihrem
Selbstverständnis nach, kein sinnvolles „Zurück“, denn „ auch
wenn (der Weg der Assimilation) ein Irrweg war, (...) wird
dieses unser deutsches Judentum in der Geschichte als ein
Höhepunkt glänzen(...), denn er führte auf eine
Höhe.“
[67]
Und es mag sich in diesen Worten das Wissen darum ausdrücken,
dass gerade die gelingende Assimilation Eigenes
hervorbringt.
Sehr fragwürdig bleibt für mich ihr Wort vom „heidnischen Judentum“ als Bekenntnis zum arkadischen Hellenismus des Kreises, denn bleibt nicht doch die Gottesfurcht vor dem „Gottgespenst“ des Bildverbots letzter Schutz vor der Hybris nationalistisch-rassistischen Götzendienstes, mit dem sich jede Barbarei rechtfertigen lässt? So hat etwa für Werner Kraft George zwar nicht die jüdischen Freunde, die freiwillig „von ihrem Judentum keinen praktischen Gebrauch mehr machten“, verraten, wohl aber den „Geistgott“ der Juden. [68]
Die assimilatorische Grundhaltung [69] verschleierte freilich den meisten deutschen Juden im Kreis das offensichtliche Unrecht, einzig wegen der jüdischen Herkunft ausgestoßen zu werden; so beklagte Karl Wolfskehl schon 1932 die Haltlosigkeit der Meisten: „Auch von den übrigen Juden aus Georges Umgebung ist keiner in der Seelenlage zu spüren, worum es geht; sie fühlen das Unbequeme, sie kehren den Blick ab, sie suchen sich die Dinge zurecht zu stählen, beseufzen aufs höchste, dass ein abscheulicher Zufall sie zurückhält mitzuthun, der >großen nationalen Bewegung sich voll und ganz anzuschließen<! “ [70]Das Judentum, gegen jeden jüdischen Autismus, steht hingegen in der unaufhebbaren Spannung zwischen Besonderung und Universalismus, sowie zwischen Bildverbot und Sinnestreue: „Kein Ding sei, wo das Wort gebricht“.
In den „Gesprächen“ sagt George: „Das sei auch so eine Frage, ob man das sagen und festlegen solle, dass das Alte Testament bildlos, und dass es sinnlos sei, die Phantasie daran zu nähren.“ [71] Und, als Robert Böhringer über die von Wolters gerade herausgebrachten deutschen Sagen sagt: „Wie viel wohl von diesem germanischen Wesen überhaupt noch in uns ist nach aller Romanisierung und Christianisierung? Die Sagen sind wenigstens unsentimental, unchristlich, unhuman, unbürgerlich, urmäßig.“ Man fragte, ob sie nicht als kräftigere Nahrung an die Stelle des Alten Testamentes treten könnten. „Ach“, sagte er,“ in der Wüste ist es wenigstens warm.“ [72]
Erlag George einer mythologischen Verblendung, wie Hans Urs von Balthasar es nahe legt, wenn er sagt, erst bei George werde Nietzsches Utopie von der Transzendenz des Lebens ein Faktum und somit sei er erst der eigentliche „Antichrist“? [73] Der Protest gegen das „Gottgespenst“ ist vielleicht einer gegen den nur immateriell gedachten Geist, einem jüdischen Geistbegriff darin möglicherweise verwandt, das Unsichtbare nur durch das Sichtbare hindurch erfahren zu können. Gilt dies für die „Georgika“ [74], wie Edith Landmann scherzhaft nach dem Titel ihrer 1920 erschienenen George-Monographie genannt wurde, die Eigenschaften ihrer „Verfolger“ bis zur „Kenntlichkeit verzerrt“ ausbilden zu müssen?
Für
ihre deutsche Herkunft bestreitet sie es und weist jede
Assimilation an ein enges Deutschtum oder gar spezifisch
nationalistische Gesinnung zurück. Erfahren hat sie eine
„Anpassung an einen geschichtlichen Augenblick“, der ihr die
Freiheit ließ, zu wählen, was sie vom Judentum erhalten, und
was sie von der deutschen Kulturwelt annehmen wollte. Und ihre
bedingungslose Assimilation an George ist freiwillig gewesen
und angenommen worden, denn wenn es stimmt, das Schwere
gegenüber George habe darin bestanden,
„in der Gnade zu
bleiben“
[75], dann ist ihr
dies gelungen, denn er sagte nach Julius Landmanns Suizid am
8.Nov. 1931: „So haben wir auch den verloren, der wie kein
anderer verstanden hat, Freund zu sein“; sie aber sei der
„Evangelist, über dessen Schriften ich mich nie geärgert
habe.“
[76]
Die gemeinsame Hochschätzung eines überhistorisch mit den
Augen Winckelmanns gesehenen hellenistischen Menschenideals
und seiner klassischen Form, gleichsam dessen „poietologische
Apotheose“, bildete in der unverbrüchlichen Freundschaft
zwischen der deutsch-jüdischen Philosophin und dem deutschen
Dichter die zentrale Befriedungsinstanz im
Auserwählungsstreit.
[77] Diese
Hochschätzung, wie immer problematisierbar, bezeugt für Edith
Landmann eine Wesenserkenntnis der Kultur ihres
Herkunftslandes
Wer
aber war Edith Landmann? Sie hat sich vermutlich als Brücke
über einen Abgrund gesehen. Individuum
ineffabile.
[78] Kein Wort wurde
bisher von ihr bekannt, das ihre Treue zu George in Zweifel
ziehen könnte oder ihn gar als Verräter verdächtigt. Doch
hatte sie es sehr gewünscht, Wolfskehl noch einmal in die Arme
schließen zu
dürfen.
[79] Es war ihr
nicht mehr vergönnt.
*
Vortrag, gehalten auf der Tagung „Verkannte Brüder? Stefan George und das deutsch-jüdische Bürgertum zwischen Jahrhundertwende und Emigration“. Potsdam, 12.-14.3.2000
Der Text ist Ingeborg Tellenbach in Erinnerung an Hubertus Tellenbach gewidmet. Ich danke Carola Groppe, Gert Mattenklott, Michael Philipps, Julius H. Schoeps und dem Moses-Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam für die Gelegenheit zu dieser Äußerung. Hans-Otto Beyer sei gedankt für Kritik.
[1] Man kann die Treue von Edith Landmanns Überlieferung in Zweifel setzen und deren wissenschaftliche Überprüfung fordern. Eine Quellenkritik ist wünschenswert und von Jürgen Egyptien in Aussicht genommen. Solange aber keine Gegenbeweise vorliegen, muss hier von der Verlässlichkeit des durch Georg Peter Landmann herausgegebenen Textes ausgegangen werden, der sich auf Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter stützt.
[2] Düsseldorf u. München 1963, im folgenden zitiert als „Gespräche“.
[3] Vgl. „Gespräche“ p. 15 und das Gedenkheft von „Castrum Peregrini“ für Edith Landmann, Nr. 25, Den Haag 1955, p.34, im folgenden „Gedenkheft“.
4 Vgl. die Ausführungen zur Swastika bei U. Linse, Barfüßige Propheten, Berlin 1983, S.38 f. Nach der furiosen Einleitung von Hagen Schulze gerät das Werk in Gefahr, sich in der an sich verdienstvollen Materialsammlung zu verlieren.
[5] Hrsg. von Ursula.I.Meyer, die ebenfalls die Verfasserin des Artikels ist und Heidemarie.Bennent-Vahle, Aachen 1994, pp.205.
[6] Dazu ausführlich Michael Landmann in dem Bericht über seine Mutter in: Castrum Peregrini 141f, Amsterdam 1980, p.107ff, im folgenden zitiert als M.Landmann 1980.
[7]Vgl. Gedenkheft a.a.O. p. 45.
[8] M.Landmann 1980, a.a.O., p.118.
[9]Vgl.das gleichnamige Kapitel in „Lebensanschauung“, Berlin 1918, dem letzte Werk Simmels, das er im Bewusstsein des nahenden Todes gleichsam als Vermächtnis schrieb.
[10] Diesen Gedanken verdanke ich Klaus Stichweh.
[11] Genauer muss gesagt werden, dass Landmanns Ausführungen gleichsam oszillieren zwischen diesen philosophiehistorischen Positionen. Es handelt sich um die für alle Platoninterpretationen grundlegende strittige Frage, ob Platon die Ideen als körperlich begriffen hat oder nicht, die von Edith Landmann entschieden im Sinne der Körperlichkeit beantwortet wird.
[12] Mit Meinong ist ein Briefwechsel erhalten, der abgedruckt ist in: Rudolf Kindinger Hrg.: Philosophenbriefe. Die wissenschaftliche Korrespondenz von A. Meinong, Graz 1965. Ihre These, dass Gefühle Erkenntniswert besitzen, hat E.L. in ihrer Schrift „Über den Erkenntniswert ästhetischer Urteile“ von 1905 präzisiert, dies hat wohl den Lehrer beeinflusst, wie Evelyn Dölling vermutet in: A. Meinong: Skizze seines Lebens, Amsterdam u. Atlanta 1999.
[13] Transcendenz des Erkennens, p.71.
[14] [14] Ob Hannah Arendt das Werk rezipiert hat, muss geprüft werden; gleichwohl darf nicht übersehen werden, das sie in zentralen Thesen lebenslang Kant treu blieb.
[15] Ein Vergleich mit Edith Steins Spätwerk „Endliches und Ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins“ von 1936 wäre sinnvoll; ich danke Richard Faber für diesen Hinweis.
[16] Hans-Georg Gadamer hat die Arbeit nicht zu Gesicht bekommen, obwohl er damals am Philosophischen Seminar in Marburg die Neuerscheinungen betreute (persönliche Auskunft von H.-G. Gadamer, vgl. „Philosophische Lehrjahre“, Frankfurt a.M. 1977, p. 19). Husserl soll, so berichtet Michael Landmann, die Arbeit geschätzt haben, vgl. M.Landmann 1980, p.119.
[17] Vgl. dazu immer noch: Julius Guttmann: Philosophie des Judentums, München 1933.
[18] Vgl. hier ihre Ausführungen „Eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1948 über Assimilation und Zionismus“ in: Emuna X.Jg.(1975) Supplementheft 1, p. 48; im folgenden zitiert als „Aufzeichnung“.
[19] Vgl. dazu Marleen Stoessels Arbeit über universalienrealistische Momente in Benjamins Aura-Begriff und Sprachauffassung: Aura. Das vergessene Menschliche. Zu Sprache und Erfahrung bei Walter Benjamin., München 1983.
[20] So lautet das Motto einer der ersten empirischen Untersuchungen, die hinter die Fassade einer Subkultur zu leuchten suchte: Martin Danneckers und Reimut Reiches „Der gewöhnliche Homosexuelle“ F/M 1975; es geht mir hier um eine Ergänzung der bahnbrechenden Überlegungen von Steven E. Aschheim, der auf das Phänomen einer wechselweise projektive Selbstidentifikation von antagonistischen Gruppen hingewiesen hat.
[21] So E.Landmanns Versuch, 1948 die Shoa zu benennen mit diesem außer Gebrauch gekommenen Fremdwort, das „ans Fleisch gehen“, bis auf´s Fleisch hetzen“, „nach dem Leben trachten“ bedeutet; siehe„Aufzeichnung“a.a.O., p.46.
[22] Vgl. hierzu z.B. den „Exkurs über den Fremden“ bei Georg Simmel (Soziologie, jetzt Werke Bd. 11, ppp.764, Hrg. Rammstedt O., F/M. 92), besonders aber die berühmte Schrift Jakob Wassermanns „Mein Weg als Deutscher und Jude“, Berlin: Fischer 1921. Das Phänomen wird u.a. auch eindrücklich beschrieben in dem unveröffentlichten Jugendwerk Siegfried Kracauers: „Das Leiden unter dem Wissen und die Sehnsucht nach der Tat“ von 1917, im Kracauer-Nachlass , Dt. Literaturarchiv Marbach.
[23] Immer noch lesenswert: Jizchak Fritz Baers „Galut“, Berlin 1936.
[24] Vgl. hierzu die Selbstreflexion Edith Landmanns im Zusammenhang mit dem Bruch mit Willi Stein, Gespräche p.158.
[25] Dieser Bezeichnung Stefan Georges liegt keine Antwort auf eine quaestio facti oder juris zugrunde, die einer Anmaßung gleichkäme, sondern sie nimmt ihr Recht einzig aus der Antwort, die die quaestio veritatis, also die Wahrhaftigkeit, verlangt.
[26] Besonders das Gedicht aus dem „Stern des Bundes“ „Wer je die Flamme umschritt / Bleibe der Flamme Trabant“ hat auch noch spätere Generationen begleitet.
[27] Ulrich Raulff zeigte in seinem Diavortrag auf der George-Tagung 1998, wie besonders das Danteske Profil Georges zu seinem Ruhm beitrug.
[28] Vgl. hierzu etwa Lotte H. Eisners Memoiren „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ München 1988.
[29] M.Landmann 1980, p.130.
[30] So Michael Landmann zu Stefan Georges Sympathie für den „outcast“ in: Erinnerungen an Stefan George. , Neue Deutsche Hefte 119, Heft 3, 1968, p.30ff, im folgenden M. Landmann 1968.
[31]Gespräche p.146.
[32]Werner Kraft, Stefan George, München 1980.
[33] Zum Verhältnis von George und Meyer vergleiche Roland Berbig: „`Poesieprofessor´ und `literarischer Ehrabschneider´ Der Berliner Literaturhistoriker Richard M. Meyer“, in: Berliner Hefte 1 (1996) p. 54-66.
[34] W. Kraft, a.a.O., p. 77.
[35] Vgl. Gespräche p. 117 zum Kindheitserlebnis und p. 159 zur Verfolgungssituation.
[36] Gespräche p. 179; vgl. zum Motiv des Zeltes auch Max Kommerells Bemerkungen, in: Max Kommerell 1902-1944, Marbacher Magazin 34/1985, bearbeitet von Joachim W. Storck, p.32
[37] Hier zitiert nach M. Landmann 1980, p. 121.
[38] Vgl. im selben Band die These Geret Luhrs vom apologetischen Charakter dieses Antagonismus und die Vermutung Richard Fabers, Wolfskehl habe sich nie mehr ganz vom antisemitischen Angriff durch Klages und Schuler erholt. Für die weiteren Forschungen stellt sich das Problem der innerjüdischen Diskussionen und Abgrenzungen; dazu voraussichtlich im Frühjahr 2001 im Akademie-Verlag Berlin Ulrich Siegs Arbeit zu Exklusions- und Konfrontationserfahrungen jüdischer Intellektueller im Ersten Weltkrieg.
[39] Vgl. hierzu die „Gespräche“ p. 72.
[40] W. Kraft, a.a.O., p.80ff.
[41] So in der nachgelassenen Schrift „Georges Wiedererweckung der Griechen“, in: Gedenkheft a.a.O., p.7ff, die ganze Schrift erschien 1971 unter dem Titel „Stefan George und die Griechen“ in Amsterdam bei der Castrum Peregrini Presse. Margarete Schuster spricht in ihrem Artikel im „Gedenkheft“, p. 35, treffend von Landmanns Entfaltung der „Struktur der Künste, der kulturellen Welt und des Menschen überhaupt am Vorbild eines mit den Augen Winckelmanns überhistorisch gesehenen Griechentums“. Für George ist die Ekstatik eines neuen Menschen, wie sie ähnlich in der Jugendbewegung, aber auch in der Beat-Generation der Nachkriegszeit und der ihr entstammenden Pop-Generation gefordert wird, zentral.
[42] Gespräche p. 64, vgl. auch p.68 zu Gertrud Simmels „Kritik an Jehova“
[43] Gespräche p. 87; zum erläuternden Zusatz vgl. Gespräche p.6.
[44] Vgl. Gespräche p. 153.
[45] Zitiert nach: Stefan George. Leben und Werk. Eine Zeittafel. Hrsg. H.-J. Seekamp, R.C. Ockenden, M. Keilsohn, Amsterdam 1972, p.328.
[46] Gespräche p. 204.
[47] M. Landmann, 1968, a.a.O., p.26.
[48] Gespräche p. 145.
[49] Gespräche p. 96.
[50] Gespräche p. 106.
[51] Gespräche p. 198.
[52] Vgl. Gesammelte Werke, Bd. 7,Tübingen 1967 p.78.
[53] Dies bemerkt schon Werner Kraft, a.a.O., p. 82.
[54] Gespräche p. 185.
[55] Vgl. die Ausführungen von Michael Landmann1968, a.a.O., p.30ff.
[56] Gespräche p. 209. Dieser Passus war das meistzitierte Wort Georges im Laufe der Tagung „Verkannte Brüder“.
[57] H.Holzhey: Cohen und Natorp, Bd.I, Basel u. Stuttg. 1986, p. 38.
[58]Vgl. M. Landmann 1968, a.a.O., p.26-28. Nicht klären konnte ich bisher den Wahrheitsgehalt von Vermutungen, dass auch Edith Landmann brieflich von George eine öffentliche Distanzierung zumindest vom nazistischen Antisemitismus verlangt habe.
[59] Für die deutsch-jüdische Synthese ist als zentrale Kennzeichnung immer wieder das Insistieren auf der Koinzidenz von Rationalität und Ethik behauptet worden, vgl. zuletzt Harald Seubert, Gewalt und Gesetzeskraft Leo Strauss, oder die Wiederkehr eines gro9en Philologen, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Sonderheft Juni 1999, „Wege Deutsch-Jüdischen Denkens“, hier p. 207f.
[60] Vgl. Carola Groppe, Das Deutsche Bürgertum und der George-Kreis, Köln, Weimar, Wien 1997, p. 670f.; im folgenden zitiert: Carola Groppe 1997.
[61] Vgl. Wilfried Barners vorzügliche Arbeit über die jüdische Goetherezeption: Von Rahel Varnhagen bis Friedrich Gundolf, Juden als deutsche Goethe-Verehrer, Göttingen 1992; eine vergleichbare Arbeit über die jüdische Schillerrezeption, die vielfach noch bestimmender gewesen ist, worauf schon Gershom Scholem hingewiesen hat, vgl. Judaica 2, Frankfurt a.M. 1970, p.30f, steht leider noch aus.
[62] So die Schlusszeile von Herzls gleichnamigen Feuilleton von 1889, hier zitiert nach “Philosophische Erzählungen“ von Theodor Herzl, Berlin-Wien 1919 p.120.
[63] C.E. Schorske: Fin de Siecle Vienna NY 80, p.159 Es bleibt freilich die Frage, ob eine solches Freiheitspathos angebracht sei; viele Juden haben sich auf ihr Judesein erst angesichts der Verfolgung, dann aber um so entschiedener, zurückbesonnen. Das führt auf das oben Seite 7 angesprochene Problem der Identität zurück: ob und inwiefern das Selbst überhaupt verfügbar und sei und damit in seiner Gänze zum Gegenstand der Wissenschaft werden könne. Auf spezifische Weise handelt es sich bei der jüdischen Assimilation an das Bürgertum auch um die Folgen eines „intercultural gap“, der sich zwischen den Generationen auftat.
[64] Aufzeichnung, a.a.O. p. 46ff.
[65] Carola Groppe 1997 a.a.O. p. 671.
[66] Dass eine solche „Selbstverständigungskonstruktion“ im Prozess der Assimilation häufiger war, ist zuletzt plausibel gemacht worden von C.E. Schorske anhand von Freuds Spätwerk „Der Mann Moses“ in: Thinking With History, Princeton University Press 1999, Part Twelve, To the Egyptian Dig: Freud´s Psycho-Archeology of Cultures, p.191ff.
[67] Zitiert nach: Carola Groppe 1997, p. 671.
[68] W. Kraft, a.a.O., p. 79.
[69] Vgl. zu diesem Paradox von Assimilation und Opposition (Klaus Heinrich) Stefan Breuer, „Ästhetischer Fundamentalismus“, Darmstadt 1995, p.243.
[70] Zitiert nach Carola Groppe 1997, p.664.
[71] Gespräche p. 104.
[72] Gespräche p. 109; Georges Aussagen zum Alten Testament in den „Gesprächen“ sind sonst eher ambivalent, sie reichen vom Gefallen (Josefsgeschichte) und Hochschätzung Mose als einer der höchsten Genien aller Zeiten bis zur Verurteilung im Sinne der späteren Bezeichnung durch die „Deutschen Christen“ als „Viehtreibergeschichten“.
[73] Prometheus, Heidelberg 1947, p. 712.
[74] Der Titel bedeutet freilich ein neutrum pluralis, kein femininum singularis, worauf Michael Landmann 1980, p. 121 hingewiesen hat. Eine Darstellung des Verhältnisses dieses Frühwerkes zu Haupt- und Spätwerk von Edith Landmann, also eine Würdigung des Gesamtwerkes, die auch die zahlreichen Rezensionen zu berücksichtigen hätte, steht noch aus.
[75] Vgl Gespräche p.108.
[76] Gespräche p. 208.
[77] Michael Landmann, 1980, p.126, hält für eine Charakterisierung Georges das `Hellenistische´ für problematisch; auch muss die Beziehung von Edith Landmann zu George streng unterschieden werden von der Beziehung Georges zu ihr: für George war die Landmann ein Mitglied des auserwählten Volkes, während für sie George das Zentralsymbol für das auserwählte Kulturideal darstellte.
[78] Wohl nicht zufällig hat Michael Landmann im Ansatz seiner philosophischen Anthropologie einen bedeutenden Beitrag zum Problem von Grund und Abgrund der Persönlichkeit geleistet.
[79] Vgl. Gedenkheft, a.a.O., p. 90.