Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 4


„Küß mich“

Kinderbuch-Ausstellung im Marburger Kunstverein (16.8. – 3.10. 2002)

 

Nur noch bis zum 3.Oktober können Kinder mit Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln und Paten, die nicht wissen, was sie demnächst als Buchgeschenk wünschen bzw. kaufen sollen, am Gerhard-Jahn-Platz 5 stöbern und sichten. Aber auch Singles können in der Leselandschaft im 1.Stock untertauchen, um „ihren“ alten Tomi Ungerer oder Peter Hacks endlich wiederzufinden.

Die Ausstellung „Ausgerechnet Kinderbücher“, gemeinsam präsentiert von Marburger Kunstverein und Literaturforum (Nils Folcks, G.Pätzold, W.Solms), zeigt mit mehr als 220 Exponaten Bilderbuch-Illustrationen von 13 meist sehr bekannten Künstlern und mehrfachen Preisträgern (J. Bauer, M. Bofinger, K. Ensikat, W. Erlbruch, A. Gernhardt, N. Heidelbach, E. Kahl, V. Kriegel, P. Schössow, H. Ticha, H. Traxler, T. Ungerer, F. K. Waechter).

Es gibt dazu einen bunt bebilderten informativen Katalog u.a. mit Beiträgen von Peter Hacks („Was ist ein Drama, was ist ein Kind?“) und Friedrich C. Schmitthenner, Sprecher der Jury für Kinder-und Jugendliteratur des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik („Was ist preiswürdig?“).

Im 1. Stock empfängt den Besucher vor der Leselandschaft aus Couch und Sitzkissen ein auf Riesen-Poster vergrößertes Trio: Der kleine Maulwurf mit Hundehäufchen-Kringel als Kopfbedeckung (Wolf Erlbruch), der ebenso Ausstellungs-Plakat und Katalog-Cover ziert; der Kater Robinson mit Schnuller-Halsband (Peter Schössow) und F. K. Waechters katzenartiges „Ich“, das gerade seine Hosen an-oder auszieht.

Publikumsfreundlich und attraktiv – mindestens für „Große“  - ist die Idee, den Exponaten an den Wänden des großen Saals die jeweils zugehörigen Bücher „anzuhängen“, so dass dort ihr Kontext nachlesbar war. (Die Leseecke enthält alle Bücher mehrfach zum intensiven Schmökern!)

Wenn in verschiedenen Ankündigungen der Ausstellung gerade das Unkonventionelle, Eltern und Pädagogen Provozierende dieser Bilderbücher hervorgehoben wurde, „mit Geschichten von Säufern und jugendlichen Rauchern und Schlägern und mit Illustrationen eines Puffs, eines Nacktbadestrands, einer Rattenfleischerei und eines Besäufnisses“, fiel mir in aller durchgehenden Bewegtheit der Figuren auf das unstreitige Vorherrschen der schon spätestens seit Brüder Grimms Tagen immer wieder beliebten Themen: Karikierte Erwachsene, die am Ende meist „alt aussehen“ bzw. in die Röhre gucken; „kluge“ Kinder, die über sie triumphieren bzw. sich mit Autor/Erzähler/Illustrator über sie lustig machen; sensationelle Grausam- und Ekligkeiten, die manche Erwachsene eher zu Pfui-und Igittigitt-Schreien und pädagogischem Kopfschütteln veranlassen (vgl. Titel wie: “Das Gänsehaut-Buch“, „Die Menschenfresserin“, „Haps! Das Menschenfresserbuch“, „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat.“) und vermenschlichte Tiere, die selbstverständlich sprechen können, Hosen und Schnuller tragen und den Menschen nicht fürchten müssen. Also: märchenhafte Zustände, wunderbar illustriert bis in kleinste, zu entdeckende Details.

Hans Ticha: Der Künstler hob das Horn zum Munde

Liebevoll und mit ästhetischem Anspruch gezeichnet, ausgemalt, gereimt und gedichtet und auch mit Sorgfalt ausgerichtet, lässt die Ausstellung dem „Liebhaber des guten Kinderbuchs“ das Herz höher schlagen: da sind sie ja wieder, die alten Lieblinge, und es sind noch neue dazu gekommen!

Zielgruppe der ausgestellten Bilderbücher ist laut Hacks’ Essay und Prof. Solms Kommentar das „poetisierte Kind“, das des Künstlers „Unvergnügen an der Welt und [seinen] tiefen Drang, sie auf irgendeine Weise zur Ordnung zu rufen“ intuitiv versteht und in das er „Kunst und Hoffnung setzen“ kann. – Gibt es dieses romantische Kind? Könnte man ihm in der Ausstellung realiter begegnen? – Welche Kinder haben denn noch zuhause Eltern oder Großeltern, die mit ihnen solche Bilderbücher „lesen“? (Marburgs Einwohner sind da sicher nicht repräsentativ!) – Welches moderne Kind zieht sich seine Informationen über die Welt heute – wie sie ist oder sein sollte – nicht schon selbstverständlich per Cassette, CD, Video, TV und PC an Land? Die Mehrheit unserer Kinder ist unserer modernen Technik jedenfalls „ausgesetzt“. Insofern könnte die Ausstellung vielleicht fast nostalgischen Charakter haben.

Nikolaus Heidelbach: Kinder in Deutschland (Kinderparadies)

In den ersten Tagen der Ausstellung lud der überdimensionale rote gekrönte Frosch („Küss mich“ von Philippe Zwick) draußen vor dem Kunstverein zum Besuch ein, getreu dem Beginn des ersten der Grimmschen Kinder- und Haus-Märchen, des „Froschkönigs“ von 1812: “In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…“ (Wegen Beschädigung und aus Haftungsgründen musste er sich in den Eingangsbereich innen zurück ziehen.)

Im Treppen-Aufgang isoliert gehängt „Kinder in Deutschland“ von Nikolaus Heidelbach (aus: ders.“Kinderparadies“,1993): Zwei kleine Mädchen, Hand in Hand, dem Betrachter zugewandt, winkend, ab Taille aufwärts in Flammen stehend; dahinter Stacheldrahtzaun um Wiesen und links ein modernes Gebäude (Fabrik oder Schule?). Dies Bild beschließt auch den Katalog.

Besuchen Sie mit Ihrem (Enkel-) Kind die Ausstellung!

Hannelore Schmidt-Enzinger

  Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen