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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 4
»Erneuerung der dialogischen Unmittelbarkeit zwischen den Menschen« war Bubers Losung, und er sah es als Aufgabe, »einen Bund, einen Kreis [zu schaffen], der im Chasma steht und nicht verschlungen wird« [Chasma, griech.: klaffende Öffnung, Rachen, Schlund]. So sah Buber, um ein Beispiel zu geben, den »Kreatur«-Kreis und die ihm Nahestehenden.
Schon vor 30 Jahren, als ich in die Nachfolge des Verlegers Lambert Schneider trat und als erstes die 3bändige Buber-Briefwechsel-Ausgabe betreute, dachte ich daran, einen Kreis von Menschen, denen Buber etwas bedeutet, zusammenzubringen – eben eine Martin Buber-Gesellschaft, damit Bubers Denken lebendig bleibe und die Impulse, die er gab, neue Träger fänden.
Trotz der Bereitschaft vieler kamen wir in den Gesprächen mit Rafael Buber, dem Sohn, und Ernst Simon, dem Freund und Nachlaßverwalter, zu dem Entschluß, mit der Gründung noch etwas zu warten. Bubers Tod war noch zu nahe.
Anfang Februar 1996 hielt Prof. Hans-Joachim Werner im Buberhaus in Heppenheim einen Vortrag »Denker im Dialog« über die Beziehung zwischen Martin Buber und Albert Schweitzer. (Buber wünschte sehr, Schweitzer – »Sie haben für mich [...] seit langem in eben der Richtung, die ich meine, etwas Exemplarisches« – in den Kreis um die Zeitschrift Die Kreatur zu ziehen.) Da ich selber seit langem über beide Denker arbeitete, kamen Werner und ich ins Gespräch. Genau da holte das alte Thema mich ein: gleich in seinem ersten Brief fragte Prof. Werner, »ob es nicht an der Zeit wäre, eine Martin Buber-Gesellschaft [...] ins Leben zu rufen«.
Wir waren jetzt drei Jahrzehnte weiter, und nach allem, was ich wußte und erlebt hatte, konnte ich nur entschieden zustimmen. Wir zogen weitere Menschen ins Gespräch und machten uns an die Arbeit. Es entstand ein Text mit unserer Einladung zur Gründungsversammlung, den wir Ende 1999 an über 200 Menschen sandten – vorwiegend solche, die vom Gründungsort Heidelberg nicht zu entfernt lebten.
Der Text machte zunächst deutlich, was beabsichtigt war:
» ›Du sollst dich nicht vorenthalten‹, schrieb Martin Buber in seinem Aufsatz Was ist zu tun? von 1919. Er sagte dieses Wort (mit dem er auf Dtn 22, 3 fußt) immer wieder, bis ins hohe Alter, zu Menschen, die sich an ihn wandten. Heute, 35 Jahre nach Bubers Tod, können wir diesen Anruf auf Buber selbst beziehen. Dann ist gemeint: wenn dir Bubers Denken etwas bedeutet, entziehe dich nicht, sondern tue etwas, damit es lebendig bleibt und das, worum es ihm geht, im Blick bleibt und stärker gesehen wird.
Im Zuge des fortschreitenden Generationswechsels ist nur noch wenigen unter uns die geschichtliche und kulturell-geistige Sphäre präsent, in der Buber lebte; einzelne nur haben ihn noch selbst erlebt. Aber überall gibt es Menschen – Junge, Ältere, Philosophen und Nichtphilosophen, Theologen, Studenten, Ärzte, Pfarrer, Erzieher, Therapeuten –, die mit Bubers Denken umgehen und sich dieser Herausforderung stellen.
Doch sie leben als einzelne, verstreut in verschiedenen Ländern, Religionen, Alltagsaufgaben. Und nirgends gibt es einen Sammelpunkt, wo Gespräch, Information, Austausch möglich sind und auch ein Zusammenwirken an Aufgaben, die sich aus Bubers Denken ergeben – über Grenzen, Distanzen hinweg.
Wissenschaft und Handeln miteinander also ist das Ziel. Nicht bloß eine »gelehrte Gesellschaft«, die Buber wenig gemäß wäre, sondern: aneignen, weitergeben, selbst weiterdenken, weiterleben. Begegnung und Austausch von Forschern, von Kennern und Freunden, Nachbarn aus verschiedenen Bereichen.
Und: Erforschen und Vergegenwärtigen der Welt, von der Buber herkam, in der er wirkte, mitunter auch versagte; primär also die neuere jüdische Geistes- und Lebensgeschichte, die Situation, in der Bubersches Denken stand und bis heute hin steht.«
Es folgen zwei Hauptteile »Aufgabenfelder« und »Bereiche / Wege der praktischen Arbeit«. Zunächst geht es um die Erschließung von Bubers geistigem Werk, die wissenschaftliche Arbeit zu Buber, wobei eingekreist wird, was bisher nicht oder nur unzureichend erforscht und dargestellt worden ist, wo folglich noch Aufgaben liegen. Es wird auf die sachgerechte Art, Bubers Schriften zu edieren, eingegangen: daß seine Schriften Buber gemäß ediert werden sollten, damit ihr Atem, ihre Wirkkraft erhalten wird.
Zweitens: Was ist das: ein Jude, das Judentum, Buber als Jude? Auch dies gehört zum Buber »Gemäßen«: zu begreifen, wo er herkommt. Wer er war, wie er’s wurde. Also:
»[...] jüdische Geistes- und Glaubensgeschichte (vorwiegend vom 18. Jh. an) mit Bubers Augen gesehen herauszuarbeiten, für ihn Wesensgeschichtliches – so wie er es aufnahm, anverwandelte, weiterführte.
Ein Beispiel: Buber stand in einer lebendigen Einheit mit den Chassidim des 18. und 19. Jahrhunderts. Aber was war das für ein Chassidismus? Zuverlässiges, Buber gerecht werdendes wissen wir noch wenig. Man wirft Buber vor, er habe nicht den wirklichen, historischen Chassidismus gezeigt; aber: was ist es, was er gezeigt hat?
Oder: was war das prophetische, das sozialethische Element im Judentum, in deren Kontinuität Buber steht und weiterdenkt? Wie verhält sich, was Buber unter Judentum verstand, zu einem orthodoxen, einem liberalen Judentum?
Ohne dieses breite Vor- und Umfeld Bubers – lebendiges Beieinander, problemgeschichtliches Neben-, auch Gegeneinander – abzuklären, ist Buber kaum zu verstehen.«
Vorwärts gewandt wird der Blick im 3. Abschnitt: Einbringen Buberscher Impulse in die öffentliche Diskussion / Weiterdenken:
»In den Buberschen Denkansätzen, Vorgehens-, Handlungsweisen ist Berechtigtes, Vergebliches, Weiterzuentwickelndes zugleich. Es finden sich darin Anstöße für eine lebendige Entfaltung, Entwicklung weiteren Denkens und Handelns auch hier und heute – wozu vertiefende Lektüre und Interpretation von Bubers Schriften in Analyse, Diskussion, Fortdenken beitragen könnten.«
Der II. Hauptteil macht zunächst deutlich, daß eine Buber-Gesellschaft, ohne sich nach draußen zu öffnen, gar nicht existieren kann:
»Wie Buber bewußt Jude, aber offen gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen war bzw. gegenüber Menschen, die in ihrer Form um den Dialog bemüht waren, so möchte auch die Buber-Gesellschaft offen gegenüber Menschen der verschiedenen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen sein und wünscht sich auch gerade die Mitwirkung jüdischer Menschen. Kontakte also zum jüdischen/ israelischen Umkreis; Einbeziehen spezifischer Erfahrungen / Fragestellungen. Kontakt / Gespräch aber auch mit Richtungen / Menschen in anderen Religionen / Kulturen, zu denen Buber in Beziehung trat und denen es um Buber Verwandtes / Paralleles geht (Christentum und seine Konfessionen, fernöstliche Traditionen, insbe-sondere Taoismus, Zen, japanisches Denken).«
Dann wird genannt, was nach und nach verwirklicht werden sollte:
»Vorträge zustande bringen, Kolloquien, Arbeitstagungen an wechselnden Orten – im Regelfall in Verbindung mit der Jahresversammlung.
Besuche / Spurensuche in Orten, in denen Buber lebte und arbeitete (Wien, Lemberg, Leipzig, Zürich, Berlin, Heppenheim, Jerusalem).
Organisation einer Erinnerungsstätte (pädagogisch gut aufbereitet, möglichst in Heppenheim), einer Wanderausstellung: Aktualisierung von Leben, Werk, Denken.
Aktivierung von Bubers Denken und Ethik auf aktuelle Diskussionen und Probleme hin (Leben mit der Natur, Euthanasiediskussion, Gen-Manipulation, Forschung an Behinderten, ›Wert‹ des Lebens überhaupt, Verhalten gegenüber Ausländern, Asylsuchenden etc.).
Pionierarbeit im Bildungs- und Erziehungsbereich anregen (Erwachsenenbildung, Unterrichtsentwürfe, Lehreinheiten).
Diskussion / Förderung von Bubers Denken in der Psychotherapie.
Schaffung eines Mitteilungsblattes (Newsletter) über den gesamten Buber-Bereich, auch Personalia, auch das Umfeld, benachbarte Bereiche. Ausgaben des Blattes jeweils mit eigenen Miszellen (Berichte, Hinweise, Aufsätze – etwa zu biographischen Zusammenhängen, zu ethischen, gesellschaftlichen Fragestellungen), so daß das Heft auch interessant zu lesen ist. Buchanzeigen / Kurzrezensionen, Hinweise auf versteckt Erschienenes.
Schaffung einer fortlaufenden Martin Buber-Bibliographie (Primärliteratur, Sekundärliteratur, Literatur aus dem Buberschen Umfeld), möglichst kombiniert mit dem Newsletter.«
Das erste Heft dieses »Newsletter«, unserer Zeitschrift »Im Gespräch. Hefte der Martin Buber-Gesellschaft«, liegt hier vor. Etliche der genannten Initiativen sind inzwischen angestoßen oder bereits im Gange. (Der vollständige Text, aus dem zitiert wurde, ist bei der Geschäftsstelle zu erhalten.)
Text und Einladung fanden starkes Echo. Am 11. Februar 2000 fand in Heidelberg im »Haus der Begegnung« die Gründungsversammlung statt. Die Gründung der Martin Buber-Gesellschaft wurde einstimmig beschlossen, ebenso die Satzung der Gesellschaft. (Auch die Satzung sowie einen Bericht über die Gründungsversammlung kann man bei der Geschäftsstelle erhalten.)
Inzwischen sind wir mittendrin, an der Verwirklichung der gesetzten Ziele zu arbeiten, und jeder ist aufgefordert mitzutun. Und wie das alles? Dazu gibt wieder Buber selbst das Wort:
»Es kommt [...] nicht darauf an, ein ›Ideal‹ zu verkünden und seine Erfüllung zu fordern, zu verfechten und abzuwarten, sondern darauf, an jedem Morgen mit der Verwirklichung des Rechten neu zu beginnen, ohne zu wissen, wie weit man heute kommt, wissend, daß es am nächsten Tag erneuten Anfang gilt [...].« (Im Anfang, 1924)