![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 4
Wie schon zu seinen Lebzeiten, so gilt der Marquis de Sade auch heute noch als äußerst skandalumwitterte Figur. Werke wie Die neue Justine oder Die Geschichte der Juliette haben vom Zeitpunkt ihres Erscheinens an die Welt in Schrecken versetzt. Manchen gelten sie als die anstößigsten Werke, die jemals geschrieben wurden. Wenn die Bibliotheken ihre Hölle haben, so hat Maurice Blanchot einmal bemerkt, dann für Bücher wie diese. Andere hingegen zählen de Sade zu den scharfsinnigsten Denkern seiner Zeit, dem sie es hoch anrechnen, daß er die Abgründe der menschlichen Psyche bis in ihre finstersten Verästelungen ausgeleuchtet und auf diese Weise zum Beispiel einer Psychopathologie der Sexualität die entscheidenden Anstöße gegeben hat. So wundert es denn auch nicht, daß sich die Wirkungsgeschichte zwischen Ekel und leidenschaftlicher Verdammung auf der einen Seite und Verehrung und enthusiastischer Wertschätzung auf der anderen bewegt.
Vom Werk de Sades geht zweifelsohne eine enorme Beunruhigung aus - eine Beunruhigung, die insbesondere die Theologie bislang gemieden hat, so daß sie sich folglich bis heute zu de Sade vollkommen ausschweigt. In Anbetracht dieser Sachlage ist es mehr als begrüßenswert, daß sich nun mit Heinz-Günther Stobbe ein Theologe mit dem Werk de Sades auseinandersetzt und es ausdrücklich auf einen möglichen theologischen bzw. theologisch bedeutsamen Erkenntnisgewinn hin befragt. Der Autor, Professor für Systematische Theologie und Theologische Friedensforschung an der Universität Siegen, nimmt de Sades Bekenntnis, ein Philosoph zu sein, ernst und arbeitet in den ersten drei Kapiteln seines Buchs die Grundlinien des Bilds heraus, das der Marquis von Mensch und Welt entwirft. Leitend ist dabei für Stobbe die Hinsicht, daß im Werk de Sades "der Geist der Übertretung, aus dem sich die libertine Phantasie speist, mit erbarmungsloser Logik den Geist der Vernichtung aus sich hervortreibt" (S. 23).
Die beiden Grundpfeiler der de Sadeschen "Denkungsart", auf denen der Marquis sein phantastisches Gebäude einer vollkommen gottlosen Welt errichtet, bilden "eine sittenlose Phantasie ohnegleichen und ein fanatischer Atheismus" (ebd.). De Sades Atheismus enthält eine Religionskritik im umfassenden Sinn. In ihrem Zentrum steht die Empörung angesichts der durch Religionen verursachten, gerechtfertigten und ausgeübten Gewalt. Diese Religionskritik nun stellt bei de Sade keinen Selbstzweck dar; vielmehr verfolgt er mit ihr die pädagogische Absicht, die Lebensführung der Menschen dahingehend zu beeinflussen, daß für sie Wollust gleichbedeutend wird mit Glück. Eingebettet ist das bei de Sade in naturphilosophische Überlegungen. Die Kernpunkte dieser ‘Naturphilosophie’, die Stobbe präzise herausarbeitet, sind die folgenden. Der Natur, so argumentiert de Sade, wohnt der Geist der Zerstörung selbst inne, wird ihre Selbstbewegung doch erzeugt durch die polare Spannung zwischen Schöpfungen und Zerstörungen. Innerhalb dieser polaren Struktur des Naturgeschehens bilden Leben und Tod keinen einander ausschließenden Gegensatz: der Tod vielmehr gehört ebenso wie das Leben zur Natur. Gekoppelt ist diese Sicht der Dinge bei de Sade mit der Behauptung, vom Standpunkt der Natur aus gesehen seien alle Lebensformen gleichberechtigt. Das bringt erstens die Konsequenz mit sich, daß dem Überlegenheitsgefühl des Menschen der Boden entzogen wird, sowie zweitens, daß die Natur gleichgültig gegenüber irgendeiner besonderen Lebensform ist, woraus die völlige Belanglosigkeit der menschlichen Rasse für den Gang der Natur folgt.
De Sade begreift den Menschen im Sinne eines konsequenten Materialismus also uneingeschränkt als Naturwesen. Das impliziert für ihn: Bei der menschlichen Freiheit handelt es sich um nichts weiter denn eine Illusion. Und: Da die Natur keine Moral und kein Verbrechen kennt, verlieren moralische Wertungen und Urteile jeglichen Sinn. Das untergräbt auch den Begriff des Verbrechens; er, so legt der Marquis dar, beruht auf unhaltbaren Vorurteilen. Kein Wunder, daß de Sade für die Idee des Gesellschaftsvertrags und ethische Forderungen wie beispielsweise Mitleid, Nächstenliebe und Menschlichkeit nur Hohn und Spott übrig hat. In der von ihm phantasierten Welt der Libertinage machen solche Forderungen ebensowenig Sinn wie eine Berufung auf eine Instanz wie das Gewissen. Seinen ‘Helden’, wenn man sie denn einmal so nennen darf, ist alles daran gelegen, ihre Mitmenschen dahingehend umzuerziehen, daß sie in sich das Gefühl der Reue systematisch abtöten. Das Gewissen wird dann zu einem unwiderruflich verkehrten: es spricht nicht mehr wegen des geplanten oder ausgeführten Verbrechens schuldig, sondern sein Schuldspruch kann stets nur noch lauten: ‘Ich hätte noch weiter gehen können, und habe es nicht getan’ (S. 42). So entbehrt die Welt des Marquis de Sade jeglichen Mitgefühls und Mitleids. Ohne Zweifel, hält Stobbe daher mit gutem Grund fest, hat niemand "die höllische Kälte der hermetisch abgeschlossenen Welt der Libertinage" eindringlicher und genauer beschrieben als de Sade (S. 58). Aus dieser Hölle gibt es, wie de Sade nicht müde wird zu betonen, kein Entrinnen. Folglich bleibt dem Geist der Übertretung nur noch eins: um sich zu vollenden, muß er den Verstoß gegen alle Gebote und Verbote um seiner selbst willen wollen, muß er - kurz gesagt - "das Böse lieben" (S. 70). Dies wird dem Libertin geradezu zur heiligsten Pflicht - zu einer Pflicht, die ihm auferlegt wird "von einer ihrem Wesen nach verbrecherischen und zerstörerischen Natur" (S. 64).
Aber birgt ein solcher Denkansatz, wie Stobbe fragt, in sich nicht eine fundamentale und zudem unauflösbare Paradoxie? Denn wenn die Natur dergestalt zum ‘neuen Gott’ (ebd.) erhoben wird, der den Libertin zu den vom Geist der Übertretung inspirierten Akten der Zerstörung und Vernichtung geradezu zwingt, dann bricht sich an einer solchen Natur selbst auch noch der irrwitzigste Zerstörungswahn. Offenbar, so Stobbe, "steckt der Libertin in einer Sackgasse, in einer tödlichen Falle" (ebd.). Aufzulösen wäre diese Paradoxie einzig dadurch, daß man die Existenzbedingungen der Natur sabotierte, sie in ihrem Lebensnerv träfe und sie zerstörte. Laut Stobbe schreckt de Sade vor diesem logisch zwingenden Schluß zurück. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß de Sade diese Paradoxie und ihre einzig denkbare Auflösung durchaus bewußt gewesen ist. Denn trotz aller Berufung auf die Natur und ihre Inthronisierung als erstes und letztes Fundament menschlichen Handelns bricht sich bei de Sade doch auch eine geradezu rasende Auflehnung gegen die Natur Bahn, die sich nicht anders als in Haßgeschrei und dem Wunsch äußern kann, der Natur zuwiderzuhandeln, ja, sie sogar total zu vernichten. Ein solcher Akt der Vernichtung wäre dann für de Sade das absolut Böse. Da es natürlich außerhalb seiner Machtsphäre liegt, die Schöpfung - theologisch gesprochen - rückgängig zu machen, bleibt es letzten Endes bei ihm bei einem phantasierten Vernichtungsakt, bei einem phantasierten Bruch mit der Natur, wie Rüdiger Safranski diesen Sachverhalt in seiner Studie über das Böse im Anschluß an Ausführungen Maurice Blanchots formuliert hat. Aber immerhin: De Sade hat die von Stobbe herausgearbeitete Paradoxie durchaus gesehen und zudem ihre einzig mögliche Auflösung in den Blick genommen - auch wenn er sich eingestehen muß, daß gerade sie seine Machtsphäre übersteigt.
Halten wir fest: Aus der libertinen Welt de Sades gibt es kein Entkommen: "Der Geist der Übertretung bleibt", wie Stobbe schreibt, "für immer angekettet an die Säulen der Gewalt und des Todes, eingehüllt in ewige Finsternis und eingetaucht in namenloses Unglück" (S. 69). Seit Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung nun ist die Behauptung, zwischen den Leitideen de Sades und der faschistischen Ideologie gäbe es eine inhaltliche Übereinstimmung, geradezu zu einem Gemeinplatz geworden. Stobbe meldet hiergegen Bedenken an, die er mit guten Gründen untermauern kann. Diesem Unterfangen ist das vierte und letzte Kapitel seiner Studie gewidmet. In ihm arbeitet er sehr pointiert die Unterschiede heraus, die trotz allem prima-facie-Anschein zwischen beiden bestehen. So schildert de Sade eindeutig keine Vernichtungsmaschinerie (s. S. 76 f.), bei ihm gibt es keine Analogie zum faschistischen Ethos, ja kann es sie gar nicht geben, und es bestehen entscheidende Differenzen hinsichtlich der Einschätzung von Schuld und Unschuld: Während die Nazi-Verbrecher in einem Unschuldswahn befangen blieben und ihre Ideologie darauf abzielte, ihnen bei ihren Mordaktionen ein notorisch gutes Gewissen zu verschaffen, verfolgt de Sades ‘libertine Stimme’ eine wesentlich andere, wenngleich radikalere Absicht: nämlich das Gewissen als solches abzuschaffen (s. S. 98).
Aus theologischer Sicht freilich ist exakt hiermit die Crux des de Sadeschen Denkens namhaft gemacht, führt doch, wie Stobbe betont, der Entschluß, sich der Alternative von Gut und Böse zu verweigern, auf den ja der Denkansatz de Sades hinausläuft, nicht ins Reich der Freiheit, sondern "schnurstracks in die Hölle" (S. 108 f.). Ohne Ethos als Ergebnis der Grundentscheidung, ethisch handeln zu wollen, so führt Stobbe diesen Gedanken weiter aus, bricht jede Form menschlicher Gemeinschaft auseinander: "Der Mensch ohne Ethos handelt weder bestialisch noch im Blutrausch, sondern schlicht unmenschlich, bar jeden Mitgefühls und Mitleids, maß- und gnadenlos" (S. 109). Das ist die Welt der de Sadeschen Libertins. Ihre Praxis der Unmenschlichkeit beruht auf einem "Anti-Ethos, das sich als Liebe zum Verbrechen bewußt vom Guten abwendet". Als theologisch bedeutsamer Ertrag ergibt sich von hier aus für Stobbe - gewissermaßen in einer Art Umkehrschluß - "die Notwendigkeit, das Ethos als Liebe zum Guten zu begreifen, dank derer sich der Wille darauf ausrichtet, in allen einzelnen ethischen Entscheidungen das Gute als solches und um seiner selbst willen zu wollen" (S. 111). So gesehen zwingt de Sades "Höllentour" dazu, "die Anerkennung der Unbedingtheit des Gewissensspruches als zwar notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung der Menschlichkeit zu begreifen" (S. 112). Stobbe selbst räumt ein, als Fazit sei das womöglich "reichlich dürftig" (S. 113). Zudem muß sich die Betonung der Unbedingtheit des Gewissensspruchs wohl die kritische Anfrage gefallen lassen, ob damit tatsächlich der de Sadeschen Interpretation des Gewissens, die es "als inneren Ausdruck gesellschaftlich vermittelter kultureller Normen" deutet, "die der historische und zeitgeschichtliche Vergleich als durch und durch relativ ausweist" (S. 111 f.), tatsächlich effektiv begegnet werden kann.
Als weiteres Ergebnis, das auch und gerade für die Theologie von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, stellt Stobbe heraus, daß de Sade wie niemand sonst, weder vor noch nach ihm, bei seiner Erforschung der Abgründe der menschlichen Psyche "den Geist der Übertretung als Urgrund vernichtender Gewalt entdeckt" hat und er den Menschen als ein Wesen vorführt, "in dem eine unendliche Sehnsucht nach Glück brennt und das sich, um dieses schier unstillbare Glücksverlangen zu befriedigen, entsetzlich leicht bereit findet, in aller Unschuld alles in der Welt zu opfern". Eine treffendere Diagnose der menschlichen Anfälligkeit für die ‘Krankheit zum Tode’ (Kierkegaard), so hält Stobbe abschließend fest, habe auch die Theologie bislang nicht zu stellen gewußt (S. 113). Ohne Frage ist auch das - selbst wenn es sich hierbei um einen ‘negativen’ Befund handelt - ein Erkenntnisgewinn, den eine Lektüre erbringt, die das Werk de Sades auf ihren theologisch relevanten Ertrag hin in den Blick nimmt. Allein schon in diesem Unterfangen ist eines der Verdienste Stobbes zu erblicken. Ausdrücklich hervorzuheben ist darüber hinaus insbesondere, daß es ihm gelingt, auf relativ engem Raum die Grundideen des de Sadeschen Denkens konzis herauszuarbeiten und stilistisch glänzend zu präsentieren, so daß selbst jemand, der sich bislang kaum oder gar nicht mit de Sade beschäftigt hat, einen Zugang zu den Leitideen dieses immer wieder als Monstrum verschrieenen Denkers gewinnen kann.