Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 4


Buch des Monats Juli

Franz Vonessen: Platons Ideenlehre. Wiederentdeckung eines verlorenen Wegs. Band 1: Seelenlehre. Die Graue Edition, SFG-Servicecenter Fachverlage GmbH, Kusterdingen 2001, 483 Seiten, 24 €

 

Das Buch ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung des Verfassers mit Platon. Vorstudien zu ihm liegen in mehreren Bänden (Aufsätze I - III), ebenfalls in der Grauen Edition, vor. Gleich eingangs grenzt Vonessen sich von der üblichen Platon-Forschung mit deutlichen Worten ab: "Die Verwunderung über das Phänomen der Verblendung kann ich nicht loswerden. Vor jener Blindheit, die die Form der Wissenschaft hat, stehe ich ratlos" (S. 10). Um welche Verblendung handelt es sich? Der Autor gibt einen Hinweis: "Zwar war mir von Anfang an klar, dass die Ideenlehre - grob übersetzt: Lehre von der Anschauung, von der Erscheinung - dem, was Aristoteles späterhin als Metapher bezeichnen würde, viel näher steht, als die herrschende Meinung zugibt" (S. 9). Das gängige Vorurteil der Platon-Interpreten bestünde also darin, "die Idee als Begriff" (ebda.) zu nehmen und so dem vorgezeichneten Weg eines Rationalismus, der diesen Namen nicht wirklich verdient, zu folgen. Das vorläufige Fazit lautet: "Es gibt geradezu einen Hass auf das Denken am Leitfaden der Anschaulichkeit" (ebda.).

Dieser Einsatz lässt aufhorchen und weckt Erwartungen. Die häufigen Invektiven Vonessens gegen die an den Universitäten etablierte Platon-Zunft, die sich wohl langen Jahren leidvoller Erfahrungen verdanken, machen überdeutlich, weswegen die Exegesen der Fachleute in der Regel so dürr ausfallen und kaum auch nur in die Nähe ihres Gegenstandes gelangen. Die verbeamteten Lehrer der Philosophie entsprechen heute zumeist dem Typus eines auf Außenwirkung bedachten Wissenschaftsmanagers, dessen schein-rationale Denkhaltung in erster Linie die notwendige Umgangsform in einem universitären Großbetrieb darstellt. Vonessen hat Recht: ein "Denken am Leitfaden der Anschaulichkeit" stünde konträr zu jener Haltung und entspräche ihrem "Ideal" so wenig, dass seine Vertreter vor ihm bereits instinktiv, aus Furcht nämlich, sich lächerlich zu machen, zurückweichen. Ziehen wir daraus ein für allemal den Schluss, dass die Philosophie, von der Vonessen spricht, zur Zeit an den Hochschulen so gut wie keine Chance hat.

Was ist "Anschauung", welches ist das Wesen der "Metapher", die wir gemeinhin nur als bildhaften Vergleichsausdruck verstehen? Vonessen betrachtet ein Heraklit-Fragment (B 43): "Diels übersetzt: "Überhebung soll man löschen mehr noch als Feuersbrunst". Das ist natürlich korrekt. Aber was heißt es? Ich interpretiere, in erster Annäherung an den Sinn dieser Aussage: Hybris hat dieselbe Natur wie das Feuer, sie besitzt alle Eigenschaften des Elements, ist aber gefährlicher als jeder andere Brand" (S. 67); weiterhin jedoch behaupte Heraklits Aussage "das Feuer in der Seele sein mehr Feuer als jenes [lodernde]" (ebda.). Nun folgt die Konsequenz: Heraklit lehrt, "dass das Seelenfeuer kein "uneigentliches", kein ens diminutum gegenüber dem Herdfeuer ist, sondern umgekehrt: Das Feuer im Herzen ist das wahrhafte Feuer, freilich nicht sofort die Idee, sie selber; aber im Verhältnis zum Herdfeuer und anderen, sinnlich erfahrbaren Flammen enthält der innere Brand eindeutig deren Wahrheit und kann sie erklären" (ebda.).

Woher stammt der Hang, den Sinneseindrücken den Vorrang vor dem psychisch-seelischen Geschehen zu geben? "Wir sprechen der Seele nur ein minderes Sein zu und nehmen alles Körperliche und Materielle als vorrangig. Ontologisch gesprochen: wir setzen voraus, dass das Stoffliche mehr Sein als das Seelische habe. Diese Voraussetzung aber bedeutet, dass die Seele sich und das Ihre willig unter das Körperlich-Sinnliche ordnet" (S. 68).

Vonessen arbeitet heraus, inwiefern die platonische Philosophie in einer Traditionsreihe steht, die über die Vorsokratiker bis in mythische Ursprünge zurückreicht. Deswegen gelte auch und a fortiori von Platon, dass, gegenüber unserem heutigen Gebrauch der Metapher, "die Seinsmetaphorik [...] in der gegenteiligen Richtung" verläuft (S. 118); "was wir Übertragung nennen [läuft] im Kreis", denn die "rhetorische Metapher ist nicht wirklich Übertragung, sondern Zurücktragung; sie trägt das, was ihr vom unbekannten Ursprung her zukommt, derart auf diesen zurück, als sei er ihr eigenes Abbild" (ebda.).

Der mythisch Denkende und auch der ursprungshaft Philosophierende wissen mithin um die Umkehrung, die der im Sinnlichen gleichsam verlorene Mensch mit der Sprache vornimmt. Für sie jedoch sind die Bilder und Metaphern zuallererst Ausdruck einer geistigen Realität, die natürlich über das, was wir heute Psyche nennen, weit hinausgreift. Ein weiteres von Vonessen gegebenes Beispiel führt uns schon in den Bereich der Ideenlehre. Was Platon unter "Schrift" versteht, lasse sich an der mythischen Formulierung "Gott sprach, und es ward" ermessen: "Ich übersetze: Gott sprach, und sofort lag, was er gesprochen hatte, als Realität vor, fertig geschrieben: das "Buch der Natur". Demnach deute ich nur an, dass die unsichtbaren Schriftzeichen, die wir am Sternenhimmel besitzen, und von denen wir nichts als die einzelnen Buchstaben sehen, als erste zu prüfen wären, wenn wir die Idee selbst in den Blick nehmen wollten" (S. 131). Alles "sinnliche Schreiben mit den Händen auf beliebige Unterlagen (erhält) im Sinne Platons den Namen Schrift nur in abbildlicher Weise [...], wobei überdies unsicher bleibt, ob sie an dem tausendstimmigen Gespräch, das wir Welt nennen, wenigstens teilhat, oder ob sie ein bloßes Schattenbild, einen Abklatsch davon bietet, der mit dem Ausdruck Geschwätz am trefflichsten charakterisiert wird" (S. 131f).

Die Welt selber ist ein Zeichen oder Schriftzug des göttlichen Schaffensprozesses. "Schrift" wäre also ihre geistige, den unmittelbaren Sinneswahrnehmungen gerade nicht zugängliche Struktur, ihre Regeln etwa, was Baudelaire "Korrespondenzen" nennt. Das Schreiben aber, die eigentliche Hervorbringung eines geistigen Korrelats des innersten Inspirationsaktes, ist kosmische Schöpfung, die Spiegelung des Gottes in seiner Natur. - Es ist für Vonessen unbezweifelbar, dass diese mystisch-plotinischen Formulierungen interpretatorische Konsequenzen dessen sind, was Platon nur in ironischer Verhüllung ausspricht.

Wir dürfen mithin annehmen, dass die Ideen von Gegenständen dieser Welt ihrem Schöpfungsgrund korrespondieren. Was das für den Plural, die "Ideen der Tischen und Betten" (Zweiter Teil) etwa bedeutet, macht der Autor in einer Untersuchung klar, die für mich - auch sprachlich - mit zu den großartigsten Stellen des Buches gehört. Ich werde hier nicht die einzelnen Stationen der Ableitung skizzieren, sondern gebe die Hauptstellen wieder: "Hier ist es nun also gesagt: das wahrhafte Gemeinwesen [...] hat als Tische und Betten den Erdboden. [...] Alle Menschen dieses Staates sind an einem großen Tisch und auf einem großen Lager vereinigt. Vielleicht ist zu ahnen, was das, als Prinzip, für ein Gemeinwesen im Sinne Platons bedeutet. In dem Ausdruck "Ideen von Tischen und Betten" ist der Plural "Ideen" ebenso täuschend wie der Plural "Tische und Betten". Denn nähern wir uns der Wahrheit, so gibt es offenbar nur einen Tisch und ein Bett, und da wiederum beide, der eine Tisch und das eine Bett, die es gibt, identisch sind, gibt es auch nur eine einzige Idee für sie beide" (S. 185). "Das Bett ist die vom Boden, also über sich selbst hinausgehobene Erde, nicht anders als auch der Tisch der dem Mund entgegengehobene Erdboden ist" (S. 187). "Der Tisch, so sehen wir nunmehr, ahmt die Erde nach, eben indem er ein Tisch ist; auf seiner Fläche, die dem Boden entspricht, die ihn wiederholt und ersetzt und vor allen Dingen: voraussetzt, hält er dem Esser die gesammelten Früchte der Erde, man möchte fast sagen, in deren Stellvertretung, bereit. Und das Bett ahmt die Erde nach durch sein Bettsein, indem es uns die bergende Seite der Erde - nicht etwa nur symbolisch anschaulich macht, sondern zum konkreten Genusse bereitstellt. Auch es vertritt bloß die Erde; nur weil es selbst auf dem Boden ruht, kann es Ruhe versprechen und was es uns auch an Weichheit und Bequemlichkeit bietet, besitzt es nicht selbst, sondern entleihet ist der Erde: Die ganze Reihe seiner geschätzten Tugenden und Vollkommenheiten entstammt dem Reichtum der Erdmutter [...]" (S. 187f).

Die Vorstellung der Erde, als "kosmische(r) Tisch bzw. Altar" (S. 195), ja als "Thron" (vgl. S. 199ff), gipfelt in derjenigen der "Großen Mutter". "Sie ist der Tisch aller Tische, der einzige Tisch, der seinen Namen uneingeschränkt verdient, der Tisch der sich selbst deckt, der Tisch der nicht leer wird, der Tisch ohne den kein irdischer Tisch gedacht werden kann [...]" (S. 210f). In jedem Tisch oder Stuhl, die Menschen verfertigen, scheine diese Idee der Erde auf - als Erinnerung an ein Paradies (vgl. S. 186), in dem die "Mutter" uns wie ein bergender Raum umschließt (vgl. S. 198).

Gibt es also letztlich nur eine Idee? Diese Frage ist vorschnell, denn offenbar tritt, als Spiegelung des höchsten Guten, der Idee der Erde diejenige des Himmels gegenüber: "Also ist Helios, der Sohn des Guten, auch seinerseits wieder ein Vater; und an wen hier als Mutter zu denken ist, wissen wir jetzt" (S. 227). "Das Gute steht über Sonne (Licht) und Erde (Natur). Aber auch es ist nicht ohne Anschaulichkeit, es ist nur über der Anschauung. Im Gegenteil, das Gute ist reines Licht, Urlicht, aber von einer Stärke, dass es blendet [...]. Wir werden zugeben müssen, dass zum Guten "alles Gute" gehört, und zwar in der unbeschränkten Weise der absoluten Gerechtigkeit, der absoluten Weisheit usw. - oder, wie der christliche Katechismus es später ausdrücken wird: der Allgerechtigkeit, der Allweisheit, der Allgüte" (ebda.).

Wir sind nicht so weit entfernt von dem, was Heidegger "Geviert", von Erde und Himmel, Menschen und Göttern, nennt. Männliches und weibliches Prinzip sind in einem Akt der gegenseitigen Opferung und Zeugung aufeinander hingeordnet. In ihnen jedoch, in Verschmelzung und Auseinandertreten, offenbart sich ein Höchstes, Ungetrenntes, das sich, die Welt stiftend, restlos an sie entäußert und sich eben hierin zu einem alles umfassenden Nichts kontrahiert ("Ich bin der Eine und bin Beide / Ich bin der zeuger bin der schoss", Stefan George: Der Stern des Bundes). Dieser Prozess ist es, der jeden nun existierenden Gegenstand eigentlich Schrift sein lässt; weil die Dinge an ihm teilhaben, können sie zu Metaphern der einen Gottes-Metapher werden - das "Feuer" in uns ist realer, als das mit den Augen wahrnehmbare, weil es wiederum ein Abbild dessen ist, das im Zentrum der Welt brennt und sich als Schöpfungs-Geschichte in Formen und Gestalten mäßigt.

"Immer erst dann, wenn wir das Unvergängliche im Wesenskern einer vergänglichen Sache im Blick haben, tritt uns das Ideale vor Augen" (S. 229), beschreibt Vonessen zugleich die Unmöglichkeit, der Ideen direkt angesichtig zu werden und die Möglichkeit ihrer Verbindung mit der Sphäre des Vergänglichen. Das Ideal zeigt sich der Anschauung als etwas Sichtbar-Unsichtbares, nämlich als Verschmelzung des Unvergänglichen und Vergänglichen zu seinem "Wesenskern". Er ist die eigentliche Form des Existierenden. Dinge oder Menschen so wahrzunehmen, heißt, sie mit den Augen des Künstlers oder Mystikers zu betrachten, also die Wahrheit ihrer Erscheinung zu schauen.

Alles, was ist, hat teil am göttlichen Ursprung, lautet also die Grundeinsicht der platonischen Ideenlehre. Hieraus ergibt sich unmittelbar, was im Sinne Platons "Wissen" und "Tugend" sind. Beide beruhen auf einer absoluten, wahrhaftig durch nichts in Frage zu stellenden Gerechtigkeit, denn: "Schaden kann nur ich mir selbst, niemand sonst; und schaden - so müsste man fortfahren - kann ich mir nur durch unrechtes Handeln" (S. 279f). Niemand hat Zugang zu meiner geistigen Substanz - nur ich selbst kann sie zerrütten oder gesunden lassen, je nachdem, ob ich in Übereinstimmung mit der Idee der Wahrheit, des Guten und der Gerechtigkeit handle, oder nicht. Man begreift: die wichtigen Taten finden nicht in der Körperwelt statt, deren Kriege, Untergänge oder Siege doch alles Interesse für sich beanspruchen, sondern in der seelischen; wie die einzelnen Seelen-Monaden von innen heraus auf äußere Vorgänge reagieren und gleichsam mit sich selber handeln, ist das Entscheidende.

Seit altersher ist nun beschrieben worden, wie die Menschen sich dieser Verantwortung für sich selber zu entziehen trachten. Sie können das nur, indem sie sich die in ihnen wohnende Wahrheit verbergen. Von Heraklit über Platon bis hin zu Pascal, Kant und Kierkegaard ist analysiert worden, wie in einer eigentümlichen Verkehrung die Lüge am Ort der Wahrheit Platz greift (vgl. hierzu etwa S. 292ff). Entsprechend wäre Tugend, auf das zu achten, was die Erfordernisse des geistig-seelischen Prozesses, der ich bin, ausmacht. Das "Wissen" darum ist alles andere, als ein empirisch-sachhaftes oder auch abstrakt-formelles. Es ist, sagt Vonessen, im tiefsten identisch mit dem, was wir immer noch "Seele" nennen, ohne recht zu wissen, was wir damit meinen. Der sechste Teil des Buches: "Daimon und Daimonion" bringt hierzu die entscheidenden Aussagen: "Als die höchste Gestalt, die sie hat, in der unverkürzten Wahrheit ihres Wesens, ist die Seele der Dämon des Menschen" (S. 402). Weiterhin: "Nur die unsterbliche Seele verdient den Beinamen "eigentlich", "wahrhaft". Aber als solche ist sie der Dämon, ein Gebieter, der zwar den meisten mehr oder weniger unbekannt bleibt, aber mächtig in jedes Leben hineinwirkt. Mithin übersetze ich die obige Stelle [Timaios 90 a] jetzt genauer als zuvor: "Der Dämon ist die eigentliche Gestalt der Seele bei uns (Menschen)", oder sogar, weil das Wort eidos bei Platon ja auch die Bedeutung "Idee" hat: Der Dämon ist in Wahrheit die Idee der menschlichen Seele" (S. 418).

Auch und gerade im Seelen-Bereich des Menschen ist es notwendig, zwischen dem empirisch-sinnlich - scheinbar - Bekannten und dem Intelligibel-Ideellen, von dem wir zumeist gar nichts ahnen, zu unterscheiden. Unsere mehr oder weniger bewussten Stimmungen und Gefühle sind der Schatten eines Eigentlichen, das auf wahrhaft unheimliche Weise in uns hineinragt: "Worte wie Ein-fall und Ein-Gebung erinnern bis heute daran, dass eine höhere Quelle anzunehmen ist [...] Wir nehmen also zur Kenntnis, dass für Platon der Dämon nicht etwa "im Menschen wohnt", sondern lediglich in ihn hineinreicht, also seine Verbindung zum Bereich des Göttlichen darstellt, aber auf keinen Fall ihm selber gehört, zu seiner Verfügung ist" (S. 415). Wenn also in den Berichten der Künstler und Philosophen immer wieder von dem aus dem normalen Zeitfluss herausgehobenen Moment der Inspiration die Rede ist, die den Menschen wie etwas Äußeres und Fremdes, seinem persönlichen Willen entzogen, überfalle, so ist das ein Hinweis auf die Kraft, von der, nach der überzeugenden Interpretation Vonessens, Platon spricht, wenn er Begriffe wie "Vernunft", "Daimonion" oder "Seele" verwendet.

Der letzte Grund, warum, wie oben ausgeführt, das "Feuer" in uns realer ist, als die sichtbare Flamme, ist also die Teilhabe der menschlichen an der Weltseele: "Aber die individuelle, die Einzelseele ist im Sinne Platons von der Weltseele nicht völlig getrennt zu denken" (S. 403). In uns brennt ein Funke des sich ewig aus sich selbst regenerierenden Schöpfungsfeuers. Es ist die Idee der Vernunft und damit auch der Gerechtigkeit - wer auf ihre Winke hört, hat erst im eigentlichen Wortsinn ein Gewissen: "Das Gewissen, von dem wir so leichthin sprechen, ist nur das Schattenbild dessen, was in Wahrheit so zu heißen verdient, worin wir also die Idee des Gewissens erkennen" (S. 426). Sokrates nun ist für Platon das Bild eines Menschen, der "eine ungestörte Verbindung" zu seinem Dämon besitzt: "Dies beides, die Weisheitsliebe und die Führung durch ein Daimonion, wird von Platon für identisch erklärt" (S. 425).

Das Fremde in uns ist unser Wesen. Die Aufgabe des Menschen lautet, sich seiner Führung anzuvertrauen, und sie beinhaltet eine andere, nämlich, sie überhaupt gewahrwerden zu können. Wirkliches Wissen ist dämonisch und hierin höchste Vernunft, weil im Göttlichen Wesen und Handlung identisch sind. Diese Identität macht auch aus, was "Wahrheit" ist. Soweit ein Mensch in der Wahrheit ist oder lebt, handelt er tugendhaft, also auf Geheiß jener höchsten inspirativen Kraft, deren ewiger Prozess den Maßstab allen menschlichen Tuns beinhaltet.

Muss man Vonessens Interpretationen in jedem Betracht folgen? Man kann es sich leicht machen und etwa sagen, sie seien hochinteressant und stimulierten zu einer neuen Platon-Lektüre, auch ohne in jeder Weise für richtig gehalten zu werden. Aber der innere Zusammenhang des Buches ist der einer philosophischen Tradition und nichts weniger als willkürlich. Der Leser ist mithin in die Pflicht genommen. Will er wirklich beurteilen, was er gelesen hat, so kommt er nicht umhin, etwa, was Vonessen über die "Idee der Tische und Betten" ausführt, mit den begrifflichen Untersuchungen und Definitionen der späten platonischen Dialoge zu vergleichen.

Eines ist jedoch gewiss: der Text Vonessens enthält einen philosophischen Impetus, wie er in den universitären Produktionen von Sekundärliteratur nicht zu finden ist. Deswegen bereitet seine Lektüre ein wirkliches Vergnügen, ja sie ist unterhaltend - denn sie erfüllt die Zeit, die wir mit ihr verbringen, auf eine Weise, die uns unmittelbar angeht. Weil das Buch solchermaßen geeignet ist, ein wirkliches Interesse an der Philosophie zu wecken, sei es besonders allen Studierenden des Faches, aber natürlich auch jedem anderen, der eine Einführung in das platonische Denken sucht, empfohlen.

Max Lorenzen

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