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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Inszenierung: Luisa Brandsdörfer
Bühne und Kostüme: Ilka Kops
Dramaturgie:
Jürgen Sachs
Petra: Sara Grabowski
Maren: Anne Berg
Lilly: Katie Debney
Da diskutieren Theaterinteressierte stundenlang darüber, warum viele junge Menschen nicht oder selten ins Theater gehen, und finden keine schlüssigen Antworten. Und dann gibt es einen Theaterabend, der solche Fragen überflüssig und überholt erscheinen läßt, weil Stück, lnszenierung und Schauspielerinnen "stimmen" und die Reaktionen der vorwiegend jungen Zuschauerinnen und Zuschauer zeigen, daß das ihr Abend, ihre Aufführung ist.
Die Rede ist von "Creeps", einem an mehreren Theatern gespielten Stück von Lutz Hübner aus der Welt der Musikshows und Traumjob-Castings, das am Samstag (19.10.02) am Marburger Schauspiel in einer peppig-poppigen Inszenierung Premiere hatte. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen drei junge Frauen, etwa siebzehn, achtzehn Jahre alt, die zur Endrunde eines Castingwettbewerbs für die Moderation einer Fernsehshow eingeladen sind. Die Bühne, die sie am Beginn zögerlich und etwas ungelenk betreten, gehört allein ihnen. Geführt, angestachelt, provoziert, aufgemuntert, gemahnt, getadelt, gelobt werden sie von der Stimme eines Profis aus dem Off, schleimig-kumpelhaft einmal, aggressiv ein anderes Mal. Schnell zeigt sich, daß die drei Bewerberinnen sehr unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichem familiären Hintergrund und sozialen Umfeld haben.

Da ist Petra, die Naive, Fröhliche, aus einer Plattenhaussiedlung in Chemnitz, mit Freund und einer Lehrstelle als Kauffrau. Da ist Lilly, die Arrogante, Selbstsichere, in teuren Klamotten", für die Geld offensichtlich keine Rolle spielt. Und da ist Maren, die äußerlich "Coole", die politisch Interessierte, Selbstkritische, aber auch Unsichere. Die kalte Konkurrenzsituation und die verschiedenen Persönlichkeiten der Bewerberinnen sorgen für abwechslungsreiche Casting-Auftritte, vor allem aber für Spannungen, Konflikte und Krisen auf der Bühne. Die innere und äußere Dramatik dieses ''Mix" wird durch die Motive der drei jungen Frauen, sich der Castingsituation mit der sie unbarmherzig hin und her dirigierenden Stimme aus dem Lautsprecher auszusetzen, erhöht. Diese Motive - dem Alltagstrott entfliehen (Petra), der immer nörgelnden Mutter etwas beweisen (Maren) und dem reichen Elternhaus gegenüber Selbständigkeit demonstrieren (Lilly) - zeigen eindringlich die Verführungsgewalt des Mediums Fernsehen: Der Traumjob Moderatorin wird sie, so der feste Glaube der drei Jugendlichen, von ihren Sorgen befreien, sie aus ihrer kleinen Alltagswelt reißen, ihnen erst ihre eigentliche Identität geben.
Am Ende müssen sie, provoziert durch die brutalen Einlassungen der Off-Stimme erkennen, daß sie zynisch ausgenutzt und erniedrigt werden. Sie solidarisieren sich zwar, verweigern sich und sagen nein. Aber es ist zu spät. Ihr Auftritt vor der Kamera ist total, mit allen Aggressionen, Tränen, mit allem Nachgeben und Mitmachen, mit allem Trotz, von den Fernsehleuten manipuliert worden. Sie waren nie für eine Moderation vorgesehen. Sie sollten sich so verhalten, wie sie sich verhalten haben: damiit aus den Mitschnitten ein spannender Trailer für die Musikshow einer bereits engagierten Moderatorin produziert werden kann.

Regie führte die junge Luisa Brandsdörfer, die bisher am Marburger Schauspiel mit Erfolg "Misery" und - vor kurzem - "Spiel's nochmal, Sam" auf die Bühne gebracht hat. Ihr gelingt eine spannungsreiche, unterhaltsame Inszenierung. Die Bühne (Ilka Kops), auf der das Traumwelt-Casting stattfindet, ist ein weißes Podest, das hinten mit einer weißlich-grünlichen halbrunden Wand abgeschlossen wird. Die Buchstaben des Wortes "Creeps" stehen , wie Sitzelemente, als grellbunte große Plüschlettern auf der Bühne. Der klischeehafte Schein einer Fernsehstudiowelt wird gebrochen durch das, was auf der Hinterwand aufgemalt ist: ein kitschiges Schutzengelbild, das in sich schief und verschoben zu sein scheint, ein Kühlschrank und eine Couch.
In dem Kontrast von Rückwand und Podestbühne entlarvt sich die Castinghandlung als Scheinwelt, als Lug und Trug. Dazu kommt, daß die Akteurinnen "echt'' spielen; Brandsdörfer vermeidet strikt alle ironischen Brechungen auf seiten der Schauspielerinnen. Traumwelt und echte Wirklichkeit können so im Aufeinanderprall ihre dramatische Wirkung entfalten. Verstärkt wird der Kontrast durch die unwirklich-wirkliche Lautsprecherstimme (Arthur Werner, sehr überzeugend) des Casting-Leiters, durch eingespielte Fernsehspots und Songs.

Den Löwenanteil daran, daß das Stück die jungen, aber auch die älteren Zuschauer bei der Premiere gepackt hat - es gab lang anhaltenden Applaus mit Standing Ovations am Ende -, haben die drei Schauspielerinnen Sarah Grabowski (Petra), Anne Berg (Maren) und Katie Debney (Lilly). Es sind Laiendarstellerinnen, Schülerinnen aus Marburg, aus vielen Bewerberinnen für diese Rollen ausgewählt.
Man kann das kaum glauben. Ihr authentisches, differenziertes Spiel, ihr nuancenreiches Sprechen, ihr immer profihafter Bühnenauftritt sind beeindruckend. Sie sind ein Glücksgriff für "Creeps''. Daß das Stück am Landestheater ein Renner für junge Zuschauer werden wird, ist vor allem ihnen zu danken.
Die Leitung vom Hessischen Landestheater wird sicherlich erkannt haben, daß sich solche "Experimente" lohnen und daß sie deshalb eine Wiederholung in den künftigen Spielzeiten verdienen.
Herbert Fuchs