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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Ultima Inquirenda. J.G. Fichtes letzte Bearbeitungen der Wissenschaftslehre Ende 1813/Anfang 1814. Textband, hrsg. von Reinhard Lauth. Spekulation und Erfahrung, Texte und Untersuchungen zum Deutschen Idealismus, Abteilung I: Texte, Band 7, Verlag Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, XXII, 465 Seiten, ISBN 3-7728-2195-2, 61 €
Der Band enthält die drei letzten Schriften Fichtes und "stellt das Resultat einer jahrelangen Bemühungen der Herausgeber der J.G. Fichte-Gesamtausgabe um sie dar" (Vorwort, S. V). Es handelt sich um die "Einleitung in die Wissenschaftslehre" vom Herbst 1813, die erste bis fünfte Vorlesung der "Wissenschaftslehre" von 1814 und das sogenannte "Neue Diarium", das Fichte vom 25. Oktober 1813 an führte. Vom ersten Text liegt nur ein lückenhaftes Manuskript vor, der dritte bricht infolge der zum Tode führenden Krankheit des Philosophen ab. Die Blätter des Diariums sind offenbar vollständig, "wurden jedoch (spätestens) bei der Katalogisierung nicht in der ursprünglichen Folge aufbewahrt" (ebda.). Der Leser der jetzigen Ausgabe wird immerhin erahnen können, welche Mühe das Entziffern und die Herstellung der richtigen Reihenfolge machten. Reinhard Lauth informiert darüber, dass die diesbezüglichen grundlegenden Untersuchungen von Hans Gliwitzky und Peter K. Schneider durchgeführt wurden. Ein weiteres Manuskript Fichtes der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz enthält zahlreiche "Nebenblätter" zum Diarium. Auch sie mussten entziffert, geordnet und sodann dem "Neuen Diarium" eingegliedert werden.

Die schriftliche Ausarbeitung der ersten "Einleitung" stammt vom November/Dezember 1813, diejenige der ersten Vorlesungen der "Wissenschaftslehre" vom Januar 1814. Die "Einleitung" wurde von Immanuel Hermann Fichte im IX. Band der "Sämmtlichen Werke" seines Vaters = I. Band der "Nachgelassenen Schriften" S. 1 - 102 veröffentlicht, "jedoch in so starker Überarbeitung, dass die Originalfassung nicht mehr zu identifizieren ist" (S. VI f). Zwar konnte eine Abschrift der Originalfassung (von J.L. Cauer) verwendet werden, um unvollständige Stellen zu ergänzen, doch ist auch sie nicht vollständig. Es blieb also nichts übrig, als die noch fehlenden Partien der überarbeiteten Fassung I.H. Fichtes zu entnehmen ( S. VIII) (immerhin bietet der vom Sohn veröffentlichte Text doch manche Verständnishilfe, man vergleiche etwa S. 19 mit SW IX, S. 17, S. 39 mit SW IX, S. 31, S. 43 mit SW IX, S. 34, S. 70 mit SW IX, S. 55 oder S. 99 mit SW IX, S. 82 u.a.).
Das neu begonnene Diarium ist "ganz der kritischen Erwägung und der Vertiefung der fundamentalen Theoreme der Wissenschaftslehre gewidmet" ( S. X). Worum es Fichte geht, hat Lauth so ausgeführt: "Wir haben an Fichte den seltenen Fall, dass ein philosophisches Genie seine Gedanken in statu nascendi mit fliegender Feder "gestellt" hat (um einen in diesem "Diarium" eigentümlichen Ausdruck hier zu verwenden). Bei dieser Art der Selbstverständigung ist an überhaupt keinen Leser gedacht. (...) Wir haben es vielmehr mit einem "Entwurfe" zu tun, wo man, wie Fichte einmal in einem analogen Falle an Henriette Schütz schrieb, "sich nichts übel nimmt, das man nur selbst versteht" [Akad.-Ausg. III, 2, S. 49]" (S. XII). Und weiter: "Ohne Rücksicht auf stilistische Vollkommenheit, ja manchmal auch nur zureichende grammatische Gestalt, spricht sich in solcher Form die sich gestaltende Idee selbst aus, "die Sprache in ihrem innersten Prinzip durchdringend, durch ihre eigene Kraft aus ihr einen Körper sich aufbau[end]"; "das höchste Leben, welches sie in dieser Sprache und in diesem Zeitalter gewinnen kann" [Akad.-Ausg. I, 8, S. 137] (S. XIII).
Der von Lauth veröffentlichte Band enthält mithin das philosophische Vermächtnis Fichtes. Aber wie es bei der Gestalt seiner Philosophie nicht anders sein kann, handelt es sich bei ihm nicht um ein abstraktes Fazit, sondern um den in den letzten Lebensmonaten immer erneut unternommenen Versuch, den eigenen Ansatz neu zu durchdenken. Welchen Stellenwert Fichte der Philosophie beimisst, kann man etwa solchen Sätzen der "Einleitung" entnehmen: "Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinnenwerkzeug, durch welches eine ganz neue Welt geboren wird, die für den gewöhnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist" (S. 4). Der "gewöhnliche Mensch" hingegen verharrt in einer Blindheit, die er nicht ablegen will: "Aber das Beharren in jener Schranke, wie es der eigentliche Unverstand ist, führt auch alle Erscheinungen desselben, und, wo selbst der Unverstand ist, die Unsittlichkeit und besonders die Wurzel desselben, ungemeßne Selbstliebe und Selbstachtung bei sich. Wie sie forthören, statt die Sache zu denken, und das aus ihr fließende Heil falls es sich bestätigen sollte, denken sie an das, was ewig alle ihre Gedanken füllt, an sich selbst, und an das, was für die Meinung von ihnen daraus folgt" (S. 9).
Wer also die philosophische "Revolution der Denkungsart", wie Kant es nannte, nicht mitvollziehen will, sondern in dem, nach Fichte, Irrglauben, eine äußere Welt sei ursächlich für unsere auf sie gerichteten Erkenntnisakte verantwortlich, verharrt, ist mit seinen Gedanken nur scheinbar bei der "Sache" und umkreist im Grunde nur sich selbst. Er kann das Prinzip der eigenen Unfreiheit, das Gebundensein an eine Naturnotwendigkeit, nicht loswerden. Für Fichte hingegen wird die Verklammerung von Erkenntnistheorie und Ethik zum praktischen Kriterium der Philosophie: "Praktisches Kriterium. Wer sich abhängig füllt durch irgend etwas natürliches, über etwas nicht hinaus kann (sey es auch der Tod) der pp. Nur wer durchaus unabhängig von allem sinnlichen Daseyn und aller Form desselben ruht in seinem übernatürlichen Wesen, zB. seiner Ewigkeit und ewigen Freiheit sicher, der kann es glauben, und an diesem Kriterium jeder sich prüfen. Wenn sie Beweise ihrer Unsterblichkeit geführt wissen wollen? - Wenn die Wurzel ihres Lebens jenseits aller Zeit und unabhängig von aller Zeit noch nicht mit dem innern Auge unmittelbar ersehn worden, dann ist nicht zu helfen" (S. 25).
Fichte jedoch will seinen Zuhörern helfen, indem er ihnen Hilfe zur Selbsthilfe gibt (vgl. etwa S. 43 ff). Der eigentliche Unterricht in der Wissenschaftslehre hat zur Aufgabe, die "natürliche Besinnungslosigkeit zu erschüttern, zu erschrecken, und die schlafende Freiheit auf zu regen" (S. 46).
Das Bewusstsein der Freiheit dringt also in die Zone der "Thathandlung" ein, wie Fichte bekanntlich in der "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" von 1794 den Akt nennt, der "unter den empirischen Bestimmungen unseres Bewusstseyns nicht vorkommt, noch vorkommen kann, sondern vielmehr allem Bewusstseyn zum Grunde liegt, und allein es möglich macht" (Sämmtliche Werke I, S. 91). Fichte bestimmt in dieser frühen Schrift das Wesen der kritischen Philosophie darin, "dass ein absolutes Ich als schlechthin unbedingt und durch nichts höheres bestimmbar aufgestellt werde" (a. a. O., S. 119). Die aus diesem Grundsatz konsequent abgeleitete Philosophie werde Wissenschaftslehre.
Gegen Ende der "Einleitung" von 1813 kommt Fichte auf den Begriff der Apperzeption und ermahnt sich selbst und die Zuhörer: "Scharf auffaßen, was ich kurz sagen werde, weil Kürze hier allein Klarheit gibt" (S. 95). Apperzeption sei "schlechthin unmittelbare Wahrnehmung, (...) das absolute sich sichtbar seyn des Sehens, in absoluter Wesenheit, selbst" (ebda.). Er fährt fort: "Dieses ist, wird nicht. Es ist das innere Wesen des Sehens, und unabtrennbar von ihm u. seinem Seyn, daß es sich sieht, seinen Reflex, oder unmittelbar für sich seyn bei sich führt. (...) Dies die unmittelbare Wahrnehmung, die rein geistige Selbstheit des Sehens selber; außer ihr keine andere" (S. 96).
Natürlich zieht Fichte hier Schlussfolgerungen, die Kant ablehnen und unter die "Paralogismen der reinen Vernunft" einrangieren würde. Dennoch gibt eine vom Herausgeber zitierte Stelle aus diesem Kapitel der "Kritik der reinen Vernunft", an der Kant davon spricht, "daß [das denkende Ich] nicht sowohl sich selbst durch die Kategorien, sondern die Kategorien, und durch sie alle Gegenstände, in der absoluten Einheit der Apperzeption, mithin durch sich selbst erkennt" (A 401/402), zu denken. Entsprechend unterscheidet Fichte in wirklicher Radikalität "das Verstehen, als momentanes Faktum: u. dasselbe als absolutes u. ewiges Verstehen" (Diarium, S. 139); kurz vorher führt er aus: "Es begreift sich: heißt [:] das lebende, im begreifen: / also das begreifende, u. das begriffene / insofern nicht lebende, sondern bestimmte, sind dasselbe: - . es muss drum - DIES IST DAS RESULTAT - seinem Begreifen, u. Leben unmittelbar ein Bewusstseyn, ein reines Bild, das nur sein kann ein intelligiren, beiwohnen. Dieses intelligiren des unmittelbaren Lebens selber ist der höchste Punkt, der vielleicht bis jezt noch niemals dargestellte; die wahre lezte Wurzel der Apperception" (S. 138).
So lauten die Kardinalsätze der idealistischen Philosophie. Was an diesem Ursprungs"ort" des Ichs entspringt, ist der sich setzende Ursprung selber. Hier ist die Innen-Zone der Schöpfung und der Zentralpunkt des inspirativen Aktes. Es ist nicht so weit, wie man meinen sollte, von dieser Fichteschen - auch Schellingschen - Konzeption bis zum Seinsbegriff des späten Heidegger. Das "intelligiren des unmittelbaren Lebens", von dem das empirische Ich, der "gewöhnliche Mensch", nichts mehr wissen will und das "Sichentbergen des Seins", das sich doch in die Verborgenheit entlässt, gehören demselben strukturellen Prozess an. Die "letzte Wurzel" dieses Ichs ist die transzendental-intelligible Selbsthervorbringung, in der Freiheit und Notwendigkeit zusammenfallen. Nichts ist, so Fichte, wie im zwanzigsten Jahrhundert Heidegger, der psychisch-empirischen Person fremder, als dieser ihr eigener Grund. Die Heilserwartung, die sich aus dieser Konstellation ergibt, besteht immer in einer "Kehre": "Setze man drum den zweiten Fall: der Mensch könne von dem Gesetze seines natürlichen Daseyns schlechthin durch sich selbst sich losreißen, (weil er nemlich kein blosses natürliches, sondern ein übernatürliches ist) so entstände ihm durch die Realisation dieses freilich durch sein ursprüngliches Seyn ihm mitgegebnen Vermögens ein ganz neues wirkliches Seyn, sein Seyn als frei, durch Freiheit" (S. 16).
Wiederum bei Fichte wie bei Heidegger muss der Mensch, der zu seinem eigentlichen Sein gelangen will, aus der sich ihm in einem umfassenden Blick darstellenden Ganzheit des Seienden "abspringen"; dennoch hat es sein empirischer Wille nicht in der Hand, diesen Sprung eigenmächtig einzuleiten. In der vierten Vorlesung von 1814 grenzt sich Fichte von dieser Vorstellung einer subjektiven Verfügbarkeit der wahren Erkenntnis ab: " Also - das Leben selbst ist so wenig Produkt des Verstehens, daß vielmehr, mittelbar nemlich, zufolge einer durch ein Gesez bestimmten Selbstbestimmung, das Verstehen ist sein Produkt" (S. 451). Wenn also die Philosophie ihrer Aufgabe nachkommt, das wirkliche Verstehen zu erzeugen, so stiftet sie, vom Leben selbst dazu aufgefordert, die grundlegende Möglichkeit seiner Selbstbegegnung. Hieraus leitet sich die bei allen Unterschieden doch ähnliche Avantgarde-Rolle, die Fichte, natürlich Hegel, sowie Heidegger der Philosophie zuschreiben, ab.
Diese Strukturlinie, die hier nur skizziert werden kann, umfasst auf spezifische Weise den Idealismus und die Moderne des letzten Jahrhunderts - sie bildet die Korrespondenzen zwischen jenen unterschiedlichen geistesgeschichtlichen Epochen aus und radikalisiert sich am Ende dieser Entwicklung, bevor sie abreißt. Für den Versuch, die Gründe dieses Prozesses detailliert zu bestimmen, ist eine Beschäftigung mit den großen philosophischen Konzepten des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso unabdingbar, wie ein Studium ihrer Quellen. Hierfür liefert die Veröffentlichung der letzten Texte Fichtes eine verbesserte Grundlage.
Die Proklamation der welthistorischen Bedeutung der Philosophie, die sich für Fichte aus seinem Begriff der Erkenntnis ergibt, beinhaltet, wie wir inzwischen wissen, ein höchst gefährliches dogmatisch-totalitaristisches Potenzial. Zwanzig Jahre nach seinem Tod zieht Georg Büchner aus dem Studium der französischen Revolution die entgegengesetzte Schlussfolgerung: "Wir Alle sind Narren es hat Keiner das Recht einem Andern seine eigentümliche Narrheit aufzudringen" heißt es in "Dantons Tod". Heute ließen sich sehr gut beide Positionen gleichzeitig vertreten: das Bedürfnis nach einer neuen Metaphysik verbindet sich mit der demokratischen Einsicht, es dürfe keine übergeordnete Instanz geben, die vorgeblich allgemeingültige Wahrheiten verkünde. Welche in sich pluralen Gestalten eine Philosophie, die sich diese beiden Positionen ernsthaft zueigen macht, ausbildet, ist noch unausgemacht.
Max Lorenzen