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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Das niederländische Theater De Daders (Amsterdam) präsentierte gestern, 12.09. um 20.00 Uhr im TNT „flus“. Das Stück ist der fünfte - und sehr gelungene - Beitrag des Marburger Theaterfestivals „Exciting neighbours“, das ja mit dem hohen Anspruch wirbt, neues Theater aus Europa zu präsentieren.
Was De Daders (zu deutsch: die Täter, die Macher) da auf der Bühne taten und machten, ist wirklich neu. Handelt es sich doch um eine orchestral-konzipierte Neu-Inszenierung von herkömmlichen Zeit- und Raumvorstellungen. In vielen kleinen Spielszenen geht es um Handlungssequenzen im Sinne von setzen, stellen, legen, kurz: ordnen der Dinge. So beginnt auch das Stück. Das Bühnenbild zeigt eine Rumpelkammer. Darin befinden sich allerhand Holzmöbel, Teppiche, ein Gästebett, ein Schlagzeug etc. und eine Art Kabuff als schalldichte Schaltzentrale. Computer und Mischpult stehen bereit.
Die drei Hauptdarsteller Jan Langedijk (Idee und Konzeption), Martin Hofstra und Ivana Kurelja ordnen blitzschnell das Durcheinander. Ein Techniker im Hawaihemd (Murray Campell mit Kopfhörern, immer sehr wichtig dreinblickend) hat die Rolle eines Dirigenten und Violinisten. Er gibt Zeichen, nimmt die von den Spielern produzierten Geräusche auf und steuert die Einspielung der aufgezeichneten Töne.

De Daders produzieren auf der Bühne auf zwei Ebenen: eine Handlung und eine Aufnahme dessen, was akustisch dabei zu vernehmen war. Die ständig neu produzierten Aufnahmen (z.B. Knacken von Hölzchen, Schlagen auf Rotkohl, Wasserfließen, -rinnen, -tröpfeln) werden immer wieder als Hör-Folie für eine nachfolgende Handlungssequenz benutzt.
Das klingt kompliziert. Ist es irgendwie auch. Denn der Zuschauer versucht natürlich, logische Folgen zu erkennen, Muster zu finden, ja den Code zu knacken. Aber - immer wenn man glaubt, man habe einen Ablauf im wahrsten Sinne des Wortes begriffen, unterläuft das Voranschreiten des Stückes die eben noch sinnvoll erscheinende Idee dazu. Die Wahrnehmung der Dimension Zeit wird hinterfragt. Auf das Gesetz der Serialität, auf ein doch irgendwie auch beruhigendes Nacheinander von Handlungsabläufen, die sich synchron zum Ablauf der Zeit entwickeln, ist hier jedenfalls kein Verlass. Da verselbständigen sich Geräusche, die in diesem Stück akustische Reflexionen des Gewesenen sind, und eilen der Handlung voraus: Dies erzeugt Komik. So in der Szene, als der Korken andauernd aus der Flasche herausquietscht und die Schauspieler mit dem Trinken einfach nicht mehr hinterherkommen, weil sie betrunken wie sie sind, doch tatsächlich probieren, da mit zuhalten.
Doch manchmal dauert es eben allzu lange, wenn z.B. Ivana Kurelja Putzlappen aus einem Eimer auswringt. (Aha, denkt der Zuschauer, die Geräusche brauchen wir gleich – gut aufgepasst jetzt!...) Und da wird es irgendwie auch langweilig. Wie dann allerdings wieder mit einem absolut präzisen Timing genau diese Geräusche bespielt werden, so dass der Zuschauer eine undichte Bühnendecke imaginiert, ist einfach gut. Die zweite Dimension, der Raum konstituiert sich selbst. Und das per Geräusch und Handlung. Am Ende bleibt der Zuschauer im Dunkeln und ein Hörspiel ohne Text läuft ab. Eben entstanden. Brandneu.

Es interessiert mich am Schluss, wie das gemacht wurde. Rolf Michenfelder (german stage service) kündigte ja schon in der informativen Einführung eine „Interaktive Soundmanipulation“ an, das machte neugierig. Und man bleibt es auch nach dem Stück.
Das Publikumsgespräch wurde wegen der netten Atmosphäre in die Bar verlegt. Und so hatte ich Gelegenheit, an der Theke mit Jan Langedijk ins Gespräch zu kommen.
Meine Eingangsfrage, ob am Ende jeder Einführung, immer das gleiche Hörspiel herauskomme, bejaht er grundsätzlich. Es sei ein Computerprogramm, das die Soundsequenzen (Technik: Paul de Vrees) aus den verschiedenen Szenen hintereinanderkopiere. Die gespielten Szenen seien jedoch in einer beliebigen Reihenfolge präsentierbar. Es handele sich im Großen und Ganzen um eine Improvisation. Die besondere Herausforderung bestehe darin, dass er für ein bestimmtes Geräusch, das wiederum notwendig für das Endprodukt ist und kommen muss, eine bestimmte Anzahl von Sekunden zur Verfügung habe. Wenn er ins Schlagzeug falle, das mit lautem Krachen umfällt, seien dafür exakt 7 Sekunden eingeplant. Das müsse klappen.
Ich spreche ihn auf die Übersetzung des Titels „flus“, was ebengerade, aber auch schon bedeutet, an. Es seien die Übergänge, die ihn und die Gruppe am meisten interessieren, so Langedijk: Das Publikum (zuletzt in Dresden und in Leipzig) sei immer angetan von der Frage „Wann hört etwas auf, wann fängt etwas Neues an“. Das sei nicht klärbar.
Das stimmt.
De Daders arbeitet im Grunde mit einem philosophisches Thema. Seit der Antike ist die These von Heraklit „Alles Fließt“ brisant. Auch Friedrich Hölderlin hat mit seinem Fragment „Das Werden im Vergehen“ Überlegungen zu Übergang, Zwischenbereich und Grenzlinie angestellt.
Die Präsentation performanten Übergangs durch das Stück „flus“ ist wie gesagt neu.
Nächste Vorstellung: Heute abend, Freitag, 13. September 20.00 Uhr TNT (wer nicht weiß, wo das ist: Theater neben dem Turm, Afföllergelände, ehemaliges altes Gaswerk)
Danach Musik in der Bar.
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