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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Nach Nietzsche natürlich, “jedes zweite Wort klingt wie Nietzsche“, nach Voltairescher Leibniz-Kritik „in dieser besten aller schlechten Welten“, nach Hegels „Herr und Knecht“ und erst recht nach Marx, nach Morus’ Utopia und Kierkegaard, die uns alle hier treffen, noch weiter zurück bis in die griechisch-römische Antike: der Dichter, „ein stoischer Philosoph“.Gott ist längst tot, jede Möglichkeit zur „Transzendenz“ entschwunden auf unsrer „abyssalen Geisterbahn“ des Lebens,“denn alles ist verlorene Zeit, gelebt und schon verloren“.“Wir werden sterben ohne Echo“.
Die Ästhetik des Häßlichen gilt und ruft „Baudelaire mit grüner Perücke“ aus seinen „Fleurs du mal“ in Erinnerung, aus den „Passagen“ von Benjamins Paris, der Hauptstadt des 19.Jahrhunderts, wo das alles schon einmal kulminierte. Und hier wie dort gewinnt das Häßliche seine eigene Schönheit, durch die Würde, die es seinem Gegenstand lässt. Wie z.B. die fragile, nackte vom Raubvogel entleibte „Hasenpfote im Gebüsch, vom Wind zerzaust“.

Literarisch-philosophische Anspielungen auf Schritt und Tritt; Kultur und Geschichtsbewusstsein wird vorausgesetzt.(Wäre die Probe mit einem naiven Leser ein lohnendes Experiment?) Die alten Vorwürfe des Unverständlich-Hermetischen prallen am Autor ab, wie dereinst an Montale, der ähnlichen Stoff (Natur, Tod und Vergänglichkeit, das Dichten) mit ähnlicher Kunst bearbeitete (s.Montales „Ossi di seppia“). Wie bei Montale, einem der musikalischsten Lyriker der Moderne, atmen Grünbeins Verse eine melancholische Musikalität. Der Autor liest mit spröder Stimme, nüchtern, manchmal rauh.Chopinartig der fallende Gestus (hier aber ohne dessen Ornamentik!), distanzierte Elegie; die Trauer ums Leben stiftet nirgends peinliche Intimität, wohl aber eine sehr eigene Art der Anteilnahme. Dieser sein Gestus lässt den Gegenstand sprechen, ohne dem Hörer eine einzig-mögliche Deutung überzustülpen. Musikalische Zeit scheint fast aufgehoben; so entsteht eine bewegte Ruhe (wie bei Schubert), auch beim Lesen.
Die Musikalität der Sprache, das Changieren von Klängen, die Alliterationen und aufeinander folgenden Zischlaute schaffen eine Art assoziativer Klänge. Dabei sind seine Gedichte leise, auf gewisse Weise introvertiert (auch „eingetiert“, s.u.).Durch Vermeidung jedes Pathos in der Stimme, durch Vermeidung starker Expression gelingt es erst, Expressivität zu gestalten. Gedämpftes Sprechen wirkt wie ein cantus firmus, wie eine Litanei. Sie schwebt zwischen Demut der Betrachtung, Klage und Anklage. Sätze, die keine Fragen sind, werden wie Fragen offen gelassen; bestimmte Worte gleiten ins fast Tonlose ab, die Stimme rasselt, verebbt. Es gibt wenig Melodie-Varianz, aber trotzdem viel Ausdruck gerade durch Vermeidung von Ausdruck. Verblüffend, wie durch den offenen Frage-Gestus der Hörer zum Weiter – Suchen verführt wird. Da gibt es keinerlei Sentimentalität, da wird nüchtern seziert im Leichen – Schauhaus Welt: Eine Todes-Fuge mit einem „Notenschlüssel aus Draht“ nach Benn und Celan.
Diffizil ist es für den Hörer schon, den assoziativen Sprüngen „des letzten Affen in der Welt der Primaten“ durch Erd- und Menschheitsgeschichte, durch Phylo- und Ontogenese zu folgen, ohne den Kopf zu verlieren und als Anencephaler großhirnlos bauchzulanden. Hier spürt man die Nähe von Dresdens Dt. Hygiene-Museum und Goethes wie Ernst Haeckels, des deutschen Darwins, Jena.Besonders deutlich in dem Gedicht „Im Museum der Missbildungen“, wo die „Reste von Beutezügen durch die Darwinschen Provinzen“ unserer harren.“Mantegna – vielleicht“, in einem anderen Text, hätte den „letzten Affen, dem alles erreichbar“, malen können; Mantegna,ein Maler der italienischen Renaissance, bekannt durch seinen toten Christus in der Mailänder Brera. „Nicht für Zoologen“ der Titel eines weiteren Gedichts.Nun, die könnten wenigstens begrifflich von Ast zu Ast mithopsen und würden nicht über die ungeheure Arten-Vielfalt stolpern, die in diesen Texten für uns ausgebreitet wird.Eher was für Paläontologen, präpariert mit Jahrtausend-Perspektiv?
Die Aggression und ihre natürlichen Waffen werden subtil entdeckt und entlarvt unter Wasser „Sous le mer“ bei den Tiefsee-Fischen. (Näheres hierzu ist nachzulesen in D.G.s Aufsatz „Zeit der Tiefseefische“ in seiner Sammlung „Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen – Aufsätze 1989-1995“ Ffm 1996, S.237-245, der mit entsprechenden Illustrationen der Meeresungeheuer, die es tatsächlich dort gibt, versehen ist.)Umgeleitet in menschliche Grausamkeiten erfährt der Hörer als Mitreisender im Transsibirien-Express – indirekt - von den Greueltaten im Polen des letzten Krieges durch G.s „Trans-Polonaise“ mit dem Motto „Maikäfer flieg“.Hierin heißt es:
„Der Vers ist ein Taucher (…), Metaphern sind Risse, die durch die Zeiten führen. Was bleibt sind Gedichte (…) beim Exodus aus der menschlichen Nacht (…), Lieder, wie sie die Sterblichkeit singt“. „Vielleicht ist es wieder September, ein frischer Weltkriegstag (…)“ In den „Sonetten“ „Nachbilder“ hört man: „Ein ganzes Leben zwischen ein bis zwei Kriegen (…)“.
Das lyrische Ich, das selten erscheint, und der Autor lassen verhalten Klage und Anklage hören. So im Nachruf auf die historisch gewordene DDR „Abschied vom fünften Zeitalter“, in dem ausnahms- und nur stellenweise eine traurige Komik entsteht: „Die ganze Sippe spielte Mensch-ärger-dich-nicht“. „Vita brevis“, der Lebenslauf des Dichters, Kindheit und Jugend in der DDR (Dresden): „Kurz und bös: ich bin groß geworden (…) unter Spatzen und Spitzeln (…),denn die Historie war mir von Nachteil“ , eine „Knast-Litanei“: „Dort, wo ich aufwuchs, kamen Helden nur in Legenden vor.“
Angesiedelt sind die Gedichte neben den historischen und paläontologischen Bildern in unserer Moderne; kenntlich gemacht durch Maschinensaal, Gleise, Asphalt, Motorräder, zuschlagende Autotüren, Röntgenbilder, Aufzüge, Müll und „Möbel zum schnelleren Wohnen“ ( Letztere in: „Variation auf kein Thema“). Aber es gibt die Natur, draußen. Dort, z.B. „In der Provinz III: Böhmen“ herrscht ihr ewiges Gesetz: Fressen und Gefressen - Werden. Um den toten Maulwurf scharen sich die hungrigen Verwerter: Käfer, Habicht, Ameisen, schließlich die Maden: „Ein Aas, ein Aas!“ Alles ein „großes Fressen“: nüchtern die Nahrungskette des Ökologen aufgetischt für uns. Das gipfelt in der negativen Utopie „Wenn die Mikroben…“: Nach der 13. Sintflut, in der Neujahrs - Nacht zum 3. Jahrtausend, „wenn im Teilchen-Zoo Ordnung herrscht und ihr kennt jedes Gen, rechnet mit uns“, der „Geisterarmee“. Übrig bleiben nur sie, nach weltweitem und jahrtausende-altem gegenseitigem Schmarotzertum. Die Mikroben vernichten endlich jegliche Materie mühelos. Hier würde der Zoologe, oder besser der Botaniker bzw. Mikrobiologe fragen: „Und dann?“ Stoisch würde er am notwendigen biozönotischen Gleichgewicht festhalten, das auch für so winzige Parasiten noch lebensnotwendig ist.
„Und wo bleibt das Positive, Herr“ Grünbein? – Hat man diese Frage auch dem Naturwissenschaftler/Dichter-Vorfahren Goethe schon gestellt? Aber bei dem gab’s ja zur Genüge das Weibliche im und am Werk. Das macht sich hier im Hörbuch rar und hat eine marginale Existenz. Fortpflanzung kommt nur indirekt vor, als steter Ankurbler der Phylo- wie Ontogenese. Von Liebeslyrik kann da nicht die Rede sein. Aber da ist – und für diese Trouvaille allein schon lohnte sich das Hören – das in all der beschworenen Vergänglichkeit wunder-schöne, einzige Katzengedicht „Jony“: ein Musterbeispiel einer Darstellungsmethode, die alles Existente auf das Wesentliche skelettiert. „An eine Katze muß ich denken…“ Daraus spricht eine große Zärtlichkeit und Nähe, bei aller Ferne.
Der Dichter, die LaFontainesche fabelhafte Grille, die nur einen Sommer singt und keine Vorräte anlegt, um dann zum Winter hin zu verschwinden, zu sterben; auch sie kehrt wieder jedes Jahr, wenn auch nicht als dasselbe Individuum. Durs Grünbein liest „Das Ohr in der Uhr“ als unbestechlicher Zeit - Zeuge; mit dem Blick des Röntgenologen durchleuchtet er Zustände und Zeiten. Das ist so nicht ohne keuschen Eros im Verhältnis zum Leben möglich.
„Bitte, noch mehr davon!“, ein unersättlicher Fresser.
Hannelore Schmidt-Enzinger
Durs Grünbein: Das Ohr in der Uhr – Gedichte aus 13 Jahren. Gelesen vom Autor, 1 CD, Laufzeit ca. 72 Minuten. Der Hörverlag 2001, ISBN 3-89584-5140, 15,90 €