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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
In ihrem Beitrag über die Geschichte der Universitätsbibliothek Marburg in der Nachkriegszeit berichtet Ingeborg Schnack über die Sammlung Kippenberg in Marburg. Hier heißt es: „Die Kippenbergschen Sammlungen waren 1945 aus ihren Bergungsorten (Unterbau des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig, verschiedene Schlösser in Thüringen) nach Marburg überführt worden: sie wurden im Zuge der Sicherung von ausgelagerten Kunstschätzen durch die sich zurückziehende amerikanische Armee in den ‚Collecting Point’ im Staatsarchiv eingelagert, soweit es sich um die Goethe-Sammlung handelte. Alles übrige lag in den Räumen an der Wettergasse, in denen der langjährige Vertreter des Insel-Verlages, Otto Roppel, seine Buchhandlung eröffnen wollte. Im Sommer 1945 teilte mir Charlotte Gudopp, eine der Bibliotheksinspektorinnen, mit, bei ihr in der Leihstelle habe ein Professor Kippenberg wiederholt nach mir gefragt, ich sei aber außer Haus gewesen, um mit meinem kleinen Bergungstrupp die der Universitätsbibliothek von den Amerikanern zugewiesenen Buchbestände aus aufgehobenen NS-Stellen abzuholen, wie etwa aus dem Schloss Rauischholzhausen, wo die NSV residiert hatte. So war es für mich nicht schwer, Herrn Professor Kippenbergs Wunsch umgehend zu erfüllen: er brauchte Pferd und Wagen zum Transport und Unterkunft für seine ‚Bücherballen’. Die Pakete wurden von der Wasserscheide abgeholt und von den geübten Helfern in die Universitätsbibliothek verbracht, wo sie auf den Stufen des kleinen Treppenturms, der außen an der Schmalseite des Gebäudes den Lesesaal mit dem darunter liegenden ‚Cimelien’-Raum verband, gelagert wurden. Es war dies der einzige freie, trockene und verschließbare Ort, der zur Verfügung stand. Zeitweilig wurden die Bücher des Insel-Verlages im Dozentenzimmer aufgestellt, dann aber gelangten alle Kippenbergiana beim großen Umzug mit ins Archiv, wo sie zur Goethe-Sammlung in den Siegelsaal gebracht wurden. Dieser vom Magazin aus zugängliche große helle Raum lag direkt über dem Internationalen Lesesaal. Zunächst wurden die Pakete auf dem Boden gestapelt, bis es gelang, Bücherborde zu beschaffen und diejenigen Stücke, die durch Feuchtigkeit und Transport beschädigt waren, in der Werkstatt des Landeskonservators restaurieren zu lassen. Um die Sammlungen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen (zunächst durch Auskünfte), wurde mir die ehrenamtliche Betreuung übertragen; nur für die großen auswärtigen Ausstellungen in Bremen (Faust-Ausstellung in der Kunsthalle, 1949) und in Bielefeld (Goethe-Ausstellung in der Oetkerhalle, 1949) erteilte mir der amtierende Rektor Urlaub bzw. Herabsetzung der Dienststundenzahl. Kippenberg und ich hatten dabei die Assistenz einer jungen Studentin der Germanistik, Renate Scharffenberg, die schon 1944 bei der Auslagerung der Bibliotheksbücher kriegsdienstverpflichtet mitgearbeitet hatte“. Insofern ist das zu Berichtende also ein Stück meiner eigenen Biographie ...
Ehe ich auf den in Marburg damals recht unbekannten Professor Kippenberg näher eingehe, einiges mehr zum „Collecting Point“ in Marburg. Die Kunstoffiziere der US-Army versammelten ausgelagerte Museumsbestände im erst 1938 fertiggestellten und ganz unbeschädigten Gebäude des Staatsarchivs am Friedrichsplatz, das weitgehend leer stand. Gemälde aus Mannheim, Köln, Hagen und Aachen, vor allem aber aus Berlin wurden aus Auslagerungsstätten 1945 hierher gebracht, aber auch z.B. die Kisten mit Briefmarken des Deutschen Postmuseums und die Särge Friedrichs II. und seines Vaters, sowie die Hindenburgs und seiner Frau. Letztere wurden 1946 in der Elisabethkirche beigesetzt, bis dahin hatten sie im Hof des Staatsarchivs gestanden. 1946 kam es auch zur Rückführung der Gemälde, soweit sie aus den Westzonen stammten, die Berliner Bilder gelangten nach Wiesbaden – viele davon wurden zuvor im Universitätsmuseum ausgestellt: erste große Eindrücke nach dem Krieg.
Das Gebäude des Staatsarchivs, in dem die Goethe-Sammlung Kippenbergs zurückblieb, wurde 1946 der Universitätsbibliothek zugewiesen, die endlich ihre ausgelagerten Bestände aus dem Salzbergwerk an der Werra zurückholte, nachdem der Brand, der in den Stollen ausgebrochen war, durch Zumauern erstickt werden konnte. In diesem Bergwerk befanden sich auch große Teile der Staatsbibliothek Berlin, die jetzt (angesichts der Verschärfung des Kalten Krieges) im Westen bleiben sollten und nach Marburg kamen: in das Bibliotheksgebäude an der Universitätsstraße und auf das Schloss in den Wilhelmsbau als „Hessische Bibliothek“, womit Marburg zeitweilig zur bedeutendsten Bibliothekstadt in Westdeutschland wurde. Soweit der Hintergrund!

„ein Professor Kippenberg“ hatte in der UB um Hilfe gebeten: Anton Kippenberg (1874-1950), der Chef des Insel-Verlags in Leipzig, wo sowohl das Verlagshaus (1943) als auch sein Wohnhaus, in dem der Verlag zunächst eine Bleibe gefunden hatte, 1945 in Flammen aufgegangen war. Kippenbergs Erinnerungen „Aus den Lehr- und Wanderjahren eines Verlegers“, beginnen mit den Worten „Anton wird Buchhändler“ – eine folgenschwere Entscheidung, auf Familientraditionen gegründet, die dazu führte, dass Anton Kippenberg, „ein findiger Junge, freilich auch ein arger Taugenichts, was nicht verschwiegen werden darf“ mit dem Zeugnis des Einjährigen vom Gymnasium abging, während seine Brüder Abitur machten und studierten. Kippenberg konstatiert dies mit Bedauern, zumal seine Lehrjahre in einer früher einmal führenden Buchhandlung in seiner Vaterstadt Bremen wenig brachten: „hemmende Jahre“.
Als Gehilfe ging Kippenberg für ein wichtiges Jahr nach Lausanne – hier kaufte er das erste Buch seiner späteren Sammlung, hier lernte er Französisch, reiste zum ersten Mal nach Italien und nahm 1894 eine Stelle in Leipzig an, wo er – mit der Unterbrechung durch seinen Militärdienst - festen Fuß fasste. 1896 trat er in den wissenschaftlichen Verlag von Wilhelm Engelmann ein, wo er zuletzt Prokurist war. Nebenberuflich konnte Kippenberg, der schon in Lausanne seine ersten Artikel für die Bremer „Weserzeitung“ geschrieben hatte, auf Grund einer dortigen Sonderregelung in Leipzig ohne Abitur studieren und sogar den Doktortitel erwerben (wenn denn die Arbeit höchsten Anforderungen genügte). 1901 promovierte er mit einer Arbeit aus dem „Faust“-Umkreis: „Die Sage vom Herzog von Luxemburg“ – sein akademischer Lehrer war gerade aus Marburg nach Leipzig berufen worden, Albert Köster.
Das Jahr 1905 entschied dann über seinen weiteren Lebensweg, als sein Bremer Landsmann Alfred Walter Heymel ihm die Leitung des Leipziger Insel-Verlags antrug, der in finanzielle Bedrängnis geraten war. Dieser schöngeistige und bibliophil der neuen Buchkunst verpflichtete Verlag – ursprünglich neben der von Heymel, Rudolf Alexander Schöder und Otto Julius Bierbaum gegründeten Zeitschrift „Die Insel“ konzipiert – hatte die drei Jahrgänge der Zeitschrift überlebt, war aber in eine wirtschaftliche Krise geraten. Aus dieser konnte ihn Kippenberg, zuerst gemeinsam mit dem Drucker Carl Ernst Poeschel, seit 1906 allein, zu der bedeutenden Stellung führen, die er schon wenige Jahre darauf einnahm. Kippenberg erweiterte das Verlagsprogramm über die zeitgenössische Dichtung hinaus – Hofmannsthal und Rilke waren Autoren der Zeitschrift gewesen - , indem er Goethe ins Zentrum rückte (auch wenn Heymel klagte, er habe ihm Kartoffeln zwischen seine Rosen gepflanzt). Neben die Weiterführung der Luxus-Ausgabe von Goethes „Sämtlichen Werken“ stellte Kippenberg den wohlfeilen „Volks-Goethe“ in sechs Bänden – von Erich Schmidt im Auftrag der Goethe-Gesellschaft herausgegeben (1909) – und weitere Goethe-Einzelausgaben. Mit seinen Klassiker-Dünndruckausgaben setzte Kippenberg Maßstäbe für Edition und Buchgestalt. 1912 begründete er die „Insel-Bücherei“, die jungen Menschen Zugang zur Literatur erschloss und dauernden Erfolg hatte.
In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg entstand neben der Verlagsarbeit Kippenbergs Goethe-Sammlung. Er selbst schreibt darüber im ersten dickbändigen Katalog der „Sammlung Kippenberg“ (1913): „Im wesentlichen ist diese Sammlung in den Jahren 1898-1912 entstanden. Die Anfänge freilich liegen einige Jahre weiter zurück: ich suchte mir damals für eine wissenschaftliche Arbeit die französischen Faust-Übertragungen zu beschaffen, zu ihnen gesellte sich bald die deutsche Faust-Literatur, dann wurde Goethe in immer weiterem Umfange gesammelt und endlich der Schritt nach Weimar getan. Ein Zufall hat es gewollt, dass ich das Manuskript der Sabatierschen Faust-Übertragung, die ich als erstes Buch meiner Sammlung im Jahre 1893 in Lausanne kaufte, im Jahre 1912 erwerben konnte; Anfang und Ende – wenn überhaupt ein Sammler vom Ende sprechen kann – hat er so freundlich miteinander verknüpft. Dass es mir gelang, inmitten des großen Aufsaugungsprozesses, den das letzte Jahrzehnt vollführt hat, verdanke ich jener Verkettung von Verdienst und Glück, wie sie auch der Sammler kennt und nach anfänglichem Staunen bald als natürlich hinnimmt, verdanke ich aber auch der tätigen Teilnahme mancher Freunde, deren ich, da ich dies schreibe, von neuem dankbar gedenke.“
Diesen Katalog oder die erweiterte Ausgabe von 1928 übersandte Kippenberg den Leitern des Goethe-Nationalmuseums in Weimar und des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfürt mit der Einschrift: „Derweil ihr eben schliefet“ (dem Schlussvers aus der Ballade „Roland Schildträger“ von Uhland) womit er darauf anspielte, dass er die Antiquariats- und Autographen-Kataloge jeweils früher am Morgen durchgesehen habe als sie. Das Motto für Kippenbergs Sammlung lautete „Einen Einzigen verehren“, seine Goethe-Kennerschaft war denn auch umfassend, was mir in meinen Studentenjahren aufs Glücklichste zugute kam – man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, die Werke der deutschen Literatur in den Erstausgaben in Händen zu halten, dazu oft auch Handschriften und Bilder.
Während des Ersten Weltkriegs gab Kippenberg als Hauptmann der Reserve in Gent die „Kriegszeitung der 4. Armee“ heraus. Hier erschloss sich ihm die flämische Literatur, die er in den Verlag aufnahm und teilweise selbst übersetzte. In dieser Zeit leitete seine Frau, Katharina Kippenberg, geb. von Düring (1876-1947), die er in seinem Wendejahr 1905 auf einer Tagung der Goethe-Gesellschaft kennen gelernt hatte, als Prokuristin den Insel-Verlag, für den sie längst die Aufgaben einer Lektorin innehatte.
Eine erste Darstellung von Lebensgang und Werk Kippenbergs bietet „Die Anrede“, die Katharina Kippenberg an den Anfang der Festschrift zu seinem 50. Geburtstag stellte: „Navigare necesse est“ (1924). Der reich ausgestattete Band enthält u.a. eine Beschreibung seiner Goethe-Sammlung. Diese wuchs in den folgenden Jahren neben dem Hauptgeschäft so stattlich heran, dass im Januar 1938 ein Museumsanbau am Kippenbergschen Haus eingeweiht werden konnte. Zum 65. Geburtstag wurde ihm die „Bibliographie Kippenberg“ gewidmet, die 189 Titel umfasst, von den ersten Artikeln in der „Weser-Zeitung“ (1893) bis zu dem Bändchen „Benno Papentrigk’s Schüttelreime (1937).
Damals waren die guten Jahre bereits vergangen. Stefan Zweig hatte seinem Verleger nach dem Reichstagsbrand gesagt, dass es nun bald vorbei sein werde mit seinen Büchern in Deutschland, worauf Kippenberg erstaunt gefragt habe: „Wer sollte Ihre Bücher verbieten? Sie haben doch nie ein Wort gegen Deutschland geschrieben oder sich in Politik eingemengt.“ Tatsächlich erschien 1934 eine Neuausgabe von Zweigs „Marie Antoinette“, doch ging damit die bereits 1906 geknüpfte Verbindung zu Ende. Kippenberg konnte den Insel-Verlag vor ernsten Zugeständnissen zwar bewahren, doch nicht vor der Zerstörung des Verlagshauses im Dezember 1943. Die Arbeit wurde im Privathaus Kippenbergs fortgesetzt, bis auch dieses im Februar 1945 völlig niederbrannte. Kippenberg hatte seine Sammlungen bald nach Kriegsaubruch ausgelagert – er brachte sie nach Westen in Sicherheit, nicht wie so viele nach Schlesien etwa, wo die Handschriftenbestände der Staatsbibliothek bewahrt wurden, die heute in Krakau liegen. In den ersten Julitagen 1945 wurden sie aus den Bergungsorten in Sachsen und Thüringen von den abziehenden Amerikanern nach Marburg gebracht, wohin Kippenbergs folgten, denen im Südviertel eine Wohnung zugewiesen wurde. Der Insel-Verlag erhielt in Wiesbaden im September 1945 eine Lizenz, im März 1946 auch in Leipzig. Kippenberg war bestrebt, die Zusammenarbeit zu erhalten.
Er empfand die Marburger Zeit als Exil, doch waren es tätige Jahre. So konnte die „Sammlung Kippenberg“ im Goethejahr 1949 in einer Reihe von Ausstellungen gezeigt werden. Der Verleger wünschte ihre Rückkehr nach Leipzig, erst spät fiel die Entscheidung für Düsseldorf. Katharina Kippenberg vollendete in Marburg ihr letztes Buch über Rilke (1946): ihr Tod überschattete Kippenbergs letzte Lebenszeit. Zu ihrem Gedächtnis eröffnete er 1947 die Rilke-Ausstellung in Marburg, die auf dem Bestand der eigenen Sammlung basierte. Die Handschriften und Bücher aus diesem Privatarchiv konnte später das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erwerben. Nach seinem Tod in Luzern am 21.September 1950 wurde Anton Kippenberg in Marburg vor dem von Otto Bartning entworfenen Grabstein neben seiner Frau beigesetzt. Als Grabspruch hatte er ein Wort aus dem II.Teil des „Faust“ gewählt: „Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person“.
Wenn Anton Kippenberg während seiner Marburger Jahre von 1945 bis 1950 in der Stadt weilte,(Reisen führten ihn häufig nach Wiesbaden in den Verlag, aber auch über die Zonengrenze nach Weimar und Leipzig), kam er morgens gegen zehn Uhr ins Staatsarchiv, wo inzwischen alles im Siegelsaal vereinigt worden war. Dieser große Saal im Staatsarchiv (inzwischen wurde er aufgeteilt), erstreckte sich über die ganze Breite des Mitteltraktes über dem Internationalen Lesesaal der UB mit seiner Fensterfront zum Innenhof. Für das Privatarchiv fand sich ein Schrank, neben dem der Schreibtisch aus dem Turmzimmer des Kippenbergschen Hauses in Leipzig seinen Platz hatte, der Rilke-Schreibtisch, an dem Rilke seine „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ diktiert hatte. Auf dem durchlaufenden Tisch vor den Fenstern konnten Ausstellungen optimal vorbereitet werden.
Es war Kippenberg zur Gewohnheit geworden, nach Erledigung seiner Korrespondenz ins Staatsarchiv zu kommen und im Siegelsaal mit der Frage: „was wollen wir heute vorkehren?“ den einen oder anderen Ballen der verpackten Sammlung öffnen zu lassen. Nach und nach sah er so alle die von ihm in den langen Jahren zusammengetragenen Schätze wieder, hielt sie liebevoll in seinen überraschend zierlichen Händen, bestimmte, was zu restaurieren sei – vor allem die graphischen Blätter hatten Schaden gelitten während der Auslagerung, u.a. im Völkerschlachtdenkmal in Leipzig.
Gewiss war es schmerzlich, an das Haus in der Richterstraße dort zurückzudenken, wo er den eigenen Museumsanbau für seine Sammlung 1938 eingeweiht hatte. Es lag in Schutt und Asche. Aber er hoffte doch, die Sammlung eines Tages nach Leipzig zurückführen zu können, eine Goethestadt neben Frankfurt und Weimar. Einstweilen freute es ihn, die einzelnen Bilder, Bücher, Stiche und Handschriften wiederzusehen, zu erzählen, wie er sie erworben hatte und was sie ihm bedeuteten. An vielen Tagen endeten solche Stunden mit der Frage, ob er wohl wieder seinen „pädagogischen Tag“ gehabt habe.
Den Anfang machte die „Rainer Maria Rilke-Ausstellung – Katharina Kippenberg zum Gedächtnis“, die vom 7.September an und verlängert bis zum 31.Oktober 1947 im „Festsaal des Staatsarchivs Marburg“ stattfand. Die Vorarbeiten zu dieser Ausstellung leitete Professor Kippenberg persönlich, ihm gingen dabei von Seiten der Bibliothek Frau Dr. Schnack und dazu eine ‚studentische Hilfskraft‘ zur Hand. Ich hatte ja das große Glück, in meiner Studienzeit als eine Art persönliche Assistentin Herrn Professor Kippenberg zur Verfügung zu stehen. Der Siegelsaal war in den Jahren bis zu seinem Tod 1950 und danach bis zum Abtransport der Sammlung nach Düsseldorf mein Arbeitsbereich. Als bester Kenner von Rilkes Werk trat bei seinen Besuchen in Marburg Professor Ernst Zinn in Aktion, zwar Altphilologe seines Zeichens, aber seit einigen Jahren schon mit der Herausgabe der „Sämtlichen Werke“ Rilkes im Insel Verlag betraut. Für jede der vierzehn Vitrinen wurde ein Packpapierbogen als Muster ausgelegt, darauf die vorgesehenen Exponate ausgebreitet und für die Auslage im Ausstellungssaal zusammengestellt. Für die beschreibenden Texte war besonders Frau Dr. Schnack zuständig, Kippenberg diktierte oft eine Rohfassung.
Katharina Kippenberg, die im Vorjahr den Ehrendoktor der Marburger Philosophischen Fakultät erhalten hatte, war im Juni 1947 verstorben. Kurz zuvor hatte sie noch ihre letzte Arbeit zum Werke Rilkes in Händen gehalten; jetzt breitete sich vor den Besuchern der Ausstellung aus, was sie und ihr Mann als Freunde und Verleger Rilkes in ihre Obhut genommen hatten, und damit erschloss sich ein ganz unmittelbarer Zugang zu Leben und Werk des Dichters.
Bei der Eröffnung sprachen der Rektor, Professor Friedrich Matz, und Oberbürgermeister Karl Theodor Bleek sowie der US-Universitätsoffizier Professor Howard P .Becker, bevor Anton Kippenberg selbst zu seiner Einführungsrede das Wort ergriff.
Darin heißt es: „Unsere Ausstellung zeigt an Drucken alle Erstausgaben von dem schmalen Gedichtbändchen ‚Leben und Lieder‘ des Jahres 1894 an bis zu den ‚Vergers‘, die wenige Monate vor Rilkes Tod erschienen sind. Seine Frühzeit hat Rilke selbst, lächelnd wohl, nicht selten auch streng, abgelehnt. Wir aber stehn, gerührt und ergriffen zugleich, vor den ersten dichterischen Versuchen des seiner Berufung sich schon dunkel bewußten, um Geltung vor sich und der Welt ringenden jungen Menschen, der, die Puppenhülle bald abstreifend, mit höchstem Verantwortungsgefühl, mit unerbittlicher Selbstzucht, ‚in wachsenden Ringen‘ zur Meisterschaft emporsteigt. Ein heroisches, ehrfurchterweckendes Leben im Geiste zieht an uns vorüber. Man könne auch am Schreibtisch ein Held sein, hat Rilke einmal geäußert.“ Kippenberg zeichnete in seiner Rede die Epochen von Rilkes Schaffen nach, wie auch die Ausstellung es versuchte, nicht nur als Verleger, vor allem als Freund des Dichters und schloss mit einem Goethevers:
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„Getrenntes Leben, wer vereinigts
wieder? |
Anwesend waren unter den geladenen Gästen Rilkes Witwe, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, und seine Tochter, Ruth Sieber-Rilke. In dem Bericht der Marburger Presse heißt es: „Im farbig schönen und hellen Saal des Staatsarchivs bietet die Ausstellung, deren Gestaltung hauptsächlich Frl. Dr. Schnack zu danken ist, ein ebenso ästhetisches wie instruktives Bild“.
Ein Verzeichnis des Inhalts der vierzehn großen Tischvitrinen (sie nicht zuletzt hatten den Gedanken an diese Ausstellung angeregt) hat sich im Nachlass von Ingeborg Schnack erhalten: von der „Frühzeit“ – darin der nur in sieben Exemplaren erhaltene Erstling „Leben und Lieder“ von 1894 – über die Werke „von ‚Mir zur Feier‘ bis zum ‚Stundenbuch‘ wurde der Betrachter eingeführt in Rilkes Werk bis hin zu den „Gedichten und Briefen in französischer Sprache“ in der letzten Vitrine.
Im ganzen bot die Rilke-Ausstellung 242 Exponate. Zu den Tischvitrinen kamen in den Wand-Vitrinen des „Internationalen Lesesaals“, dem Festsaal des Staatsarchivs, der für die
Ausstellung ausgeräumt worden war, die von Max Slevogt illustrierten Gedichthandschriften Rilkes aus einem Druck der Ganymed-Presse. Rilke hatte eine eigene Auswahl seiner Gedichte für Richard von Kühlmann geschrieben, Slevogt seine Handzeichnungen dazu in den Band eingefügt – das Original ging im Krieg verloren. Die beiden Büsten Rilkes von Clara Rilke-Westhoff hatte diese selbst beigesteuert.
Wie sehr Rilke zur europäischen Geistesgeschichte gehört, betonten die Vorträge des Begleitprogramms in den folgenden Wochen, die ihn in den internationalen Zusammenhang stellten. Der Slawist Professor Arthur Luther sprach über „Rilke in Russland“, der Marburger Romanist Dr. Franz Walter Müller über „Rilke in Frankreich“ und der aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrte Literaturwissenschaftler Professor Werner Milch, über „Rilke und England“.
Die nächste Ausstellung speiste sich aus Kippenbergs „Privatarchiv“, das seine und seiner Frau Korrespondenz mit wichtigen Autoren des Verlags enthielt, auch Widmungen und Handschriften einzelner Werke: „Handschriften zeitgenössischer Dichter“. Als Ende Juli 1948 der Internationale Ferienkurs der Philipps-Universität eröffnet wurde, den die vier hessischen Hochschulen, Frankfurt, Gießen, Darmstadt und Marburg gemeinsam veranstalteten, bot die Universitätsbibliothek diese Ausstellung aus dem Besitz Anton Kippenbergs. Leider haben sich dazu keine Materialien erhalten, so dass wir auf den Bericht in der Marburger Presse angewiesen sind. Das einzige Original-Dokument ist eine handschriftliche „Quittung / Für 10tägige Assistenz bei der Auswahl und Auslegung des Ausstellungsgutes der Schau: “Handschriften zeitgenössischer Dichter“ für den Internat. Ferienkurs August 1948 einen festen Pauschpreis von 30 DM – dreissig DM – erhalten zu haben bescheinigt ...“ Es folgt die Unterschrift der Verfasserin.
Angekündigt wurde die „Ausstellung zeitgenössischer Dichterhandschriften“ in der Lokalzeitung vom 30.Juli 1948: „Eine kleine Schau von Dichterhandschriften aus dem Besitz Anton und Katharina Kippenbergs wird ab Sonntag im Rahmen des Internationalen Ferienkurses im Internationalen Lesesaal der Universitätsbibliothek zu sehen sein. Die Ausstellung gibt einen fast vollständigen Überblick über die bekanntesten deutschen und ausländischen Dichter von Nietzsche bis in unsere Tage. Geöffnet täglich von 10-13 Uhr, Mittwochnachmittag von 15-18 Uhr. Eintritt frei.“
Am 11.August folgte dann die schöne Besprechung der Ausstellung durch Frau Dr. Unkrodt. Darin heißt es: „Nicht nur zeitlich mit Nietzsche beginnend, sind diese fünfzig Jahre Ausdruck eines allseitigen Versuchs der künstlerischen Bewältigung von Leben und Welt in einem starken persönlichen und künstlerischen Mit- und Füreinander der Künste wie ihrer schöpferischen Gestalten. Die Handschriften entstammen dem Besitze des Verlegers und offenbaren darin eine besondere menschliche Bindung, die aber über Äußerlichkeiten hinaus zur Bindung an eine Gemeinschaft wird, die sich um ein geistiges Zentrum zusammenschließt. Das mit geschwellten Segeln dahinziehende Inselschiff, das Paul Valéry während einer Sitzung des Völkerbundes mit Tinte zeichnete, die kindlich farbenfrohe Zeichnung der bücherfruchtbaren Insel von Timmermans oder die geistvolle geographische Description der ‚Insel‘ von Stefan Zweig, sie zeigen, wie stark diese Dichter einen Mittelpunkt des Verständnisses und der Förderung nicht nur als menschliche Hilfe und Unterstützung, sondern auch in der dadurch ermöglichten tragenden Vereinigung ihrer künstlerischen Bemühungen empfanden. Stärker wohl als in irgendeiner anderen Zeit kommt diese Verflochtenheit untereinander zum Ausdruck, diese Teilnahme aneinander, dies Eintreten füreinander, wie es einmal die gemeinsamen Unterschriften einer Postkarte, mit den Namen von Emile Verhaeren, Romain Rolland, Rilke und Stefan Zweig zeigen, wie es am schönsten wohl sich in den vielseitigen Äußerungen zum Tode Rilkes offenbart.
Um die Mitte Rilke – Hofmannsthal – Carossa aufgebaut, gibt die Ausstellung über die besonderen Beziehungen, die durch die verschiedenen Handschriften, ihre starken und nervösen, ihre flüchtigen und gebundenen, ihre stilisierten und freien Züge uns ansprechen, besonders eindrucksvoll das Bild eines künstlerischen Wollens in Dichtung und Kunsttheorie, in Musik, Schriftkunst und Illustration. Und es liegt ein merkwürdig Tröstliches darin, daß alles dies geschrieben und gesprochen wurde, in einer Zeit, die in mannigfacher Hinsicht all diesen Ideen feindselig und ablehnend gegenüber stand. Wie denn der Reichtum der hier ausgebreiteten Schätze mit der zärtlichen und ehrfürchtigen Freude des Betrachtens und Lesens zugleich ein Gefühl für die Kostbarkeit eines so umfassenden geistig-kulturellen Raumes, wie er sich hier erschließt, in uns erweckt.“
Angesichts des bevorstehenden Goethejahres lag es nahe, für 1949 Ausstellungen zu planen, zumal das Goethehaus in Frankfurt zerstört und Weimar nicht allgemein zugänglich war. Kippenberg hatte seiner Vaterstadt Bremen eine Faust-Austellung versprochen, die nun zunächst als Auftakt in Marburg verwirklicht wurde. Für die Sammlung Kippenberg war die Abteilung „Faust“ ein sehr wesentlicher Bestandteil, sie umfasste schon im „Katalog der Sammlung Kippenberg“ von 1928 mehr als 1100 einzelne Nummern.
So konnte am 31.Oktober 1948 im Festsaal des Staatsarchivs die Faust-Ausstellung eröffnet werden. Oberbürgermeister Karl Theodor Bleek begrüßte die Gäste, die zuvor eingestimmt waren durch ein Goethegedicht in der Vertonung von Zelter, das Marburger Gymnasiasten sangen. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Rede Anton Kippenbergs, mit der er einen Überblick gab über den „Wandel der Faustgestalt bis zu Goethe“. Das Plakat zur Ausstellung hat sich erhalten – sie musste über den vorgesehenen Zeitraum hinaus bis kurz vor Weihnachten verlängert werden. Insgesamt hatte sie fast 3000 Besucher, wobei für angemeldete Gruppen jeweils Führungen stattfanden.
Uns liegen von den meisten der achtzehn Vitrinen im wiederum ausgeräumten Internationalen Lesesaal der Universitätsbibliothek Photographien vor, beginnend mit „Der geschichtliche Faust“, weiterführend über „Die Sage im 16.Jahrhundert“ und „Die Teufelsliteratur im 17.Jahrhundert“ und „Dr. Fausts Höllenzwang“ (einer Sammlung von großenteils handschriftlichen Beschwörungs-Rezepten) zu den „Volksbüchern von Dr.Faust“, zu „Volkslied und Volksschauspiel“. Erst für Lessing und die Autoren des „Sturm und Drang“ wird Faust zum Gegenstand literarischer Darstellung – von da ist es nicht weit zu Goethes „Ur-Faust. Auch Gottlieb Martin Klauers Büsten des jungen Goethe und des älteren Dichters waren ausgestellt, ebenso wie in großer Fülle alles den Goetheschen „Faust“ betreffende: Handschriften, Vertonungen, Theateraufführungen, Illustrationen.
Die zentralen Vitrinen enthielten die „Faust“-Handschriften der Sammlung, darunter die Niederschrift des Helena-Aktes durch Friedrich Riemer, Goethes engsten Mitarbeiter, mit Korrekturen von Goethes Hand. Eckermanns Reisejournal von 1826 lag daneben mit der Eintragung: „Ich hoffe bei meiner Rückkehr die Helena vollendet zu finden“. Goethe selbst erläuterte in einem Brief an seinen französischen Übersetzer Stapfer, in welchem Verhältnis die beiden Teile seines „Faust“ zueinander stünden. Im Mittelpunkt jedoch fand sich die Handschrift des „Chorus mysticus“, die letzten Verse des „Faust“. Während des Eröffnungsrundgangs war ein Staatsanwalt nicht davon zu überzeugen, dass er hier das Original vor sich hatte – er bestand darauf, es könne nur ein Facsimile sein!
Von vornherein war es Kippenbergs Vaterstadt Bremen versprochen worden, im Goethejahr dort die Faust-Ausstellung zu zeigen, und zwar in der Bremer Kunsthalle, wo wir, Frau Dr.Schnack und ich, sie gemeinsam mit dem jungen Direktor der Kunsthalle, Dr. Günter Busch und seinem Mitarbeiter Dr. Keller in einem hellen Oberlichtsaal auslegten und die Illustrationen zum Faust an den Wänden aufhängten. Die Lessingbüste, die nicht fehlen durfte, hatte ich aus Bielefeld selbst herbei geholt, weil der Sockel sich zu lösen drohte, und das Fräulein von Göchhausen , der wir den „Urfaust“ verdanken, fand ebenfalls als Büste ihren Platz.
Die Goethe-Ausstellungen des Jahres 1949: War die Faust-Ausstellung in Marburg der Bremer Veranstaltung vorausgegangen, so war es im Goethejahr selbst so, dass eine große Schau der Sammlung Kippenberg aus Marburg zuerst in Bielefeld gezeigt wurde, wo damit vom 6.Mai bis 7.Juni eine der zentralen Gedenkfeiern zu Goethes 200.Geburtstag stattfand. Auch diese Ausstellung wurde von dem nun schon bewährten Team im Siegelsaal vorbereitet – die Vorgaben dazu lieferten Bielefelder Goethefreunde, die die Oetker-Halle in ihrer Stadt während des Vorjahrs mit einer großen Buchausstellung erprobt hatten.
Von nun an waren unsere Tage der Vorbereitung gewidmet, Vitrine um Vitrine mußte aufgebaut und maßgerecht für die Bielefelder Räume hergerichtet werde. Gleichzeitig arbeiteten wir mit den Bielefelder Herren am Katalog. Dieser trägt auf der Rückseite den Übersichtsplan: durch einen Vorraum trat man ein, links und rechts öffneten sich die beiden Säle, die dem Thema „Deutschland, wie Goethe es sah“ gewidmet waren, und in der Mitte führte der Weg zwischen den Wandvitrinen: „Die Werther-Leidenschaft“ darstellend (ebenso wie „Faust“ war auch „Werther“ ein eigener Bereich der Kippenbergschen Sammlung) wiederum in einen Vorraum : „Freunde Goethes im Bildnis“, rechts und links davon waren „deutsche“ bzw. „englische bibliophile Goethe-Drucke“ zu sehen. Schließlich öffnete sich der „Ehrenraum“, der in 16.Tischvitrinen alles das enthielt, was im Katalog „Goethe / Leben und Schaffen“ die Abteilung „Vitrinen im Ehrenraum“ einzeln beschreibt.
Die Marburger Presse berichtete Mitte Mai über den „Geheimtransport“: „Von Polizisten begleitet, die kein Auge von den Fahrzeugen ließen, schob sich kürzlich ein Autotransport von Marburg nach Bielefeld über die Landstraßen. Außer den wenigen Beteiligten wusste niemand Abfahrt- und Ankunftszeit der Kolonne, deren Aufgabe und Zweck von allen Anzeichen des Geheimnisvollen umwittert waren. ... Wenn man erfährt, dass die Sendung mit einer halben Million DM versichert war und die Versicherungsgesellschaft umfassende Vorsichtsmaßnahmen dafür angeordnet hatte, fragt man sich, ob Goldbarren, Juwelen oder sonstige Kleinodien ihren Aufenthaltsort wechselten. Aber die zahlreichen Spezialkisten bargen ganz andere Schätze, bargen die Kostbarkeiten der größten und wertvollsten Privatsammlung von Goethe-Erinnerungsstücken ...“ Der Verfasser betont: „unzählige Andenken an Goethes Leben und Arbeit versanken in Schutt und Asche, Auch das Geburtshaus in Frankfurt ist bis zu den Grundmauern zerstört worden. Deshalb stellen die Schätze der Kippenberg-Sammlung die wertvollsten Stücke dar, welche die Erinnerung an Goethe einprägsam wachhalten, und auf die sich die Augen der ganzen geistigen Welt richten.“
In seinen „Erinnerungen an Anton Kippenberg“ berichtet Friedrich Michael, Lektor des Insel-Verlags: „Die Eröffnung der Ausstellung mit Musik, Ansprachen und einer Aufführung von Goethes ‚Prometheus‘ erhielt ihren festlichen Charakter als Vorfeier von Kippenbergs 75. Geburtstag. Alte und neue Freunde hatten sich eingefunden. Der so oft die Abgeschiedenheit des Marburger Exils beklagt hatte, fand sich in einem geselligen Kreis Gleichgesinnter und Kunstverwandter. Es bedeutete für ihn, dessen Gewandhaus-Jahre mit den großen musikalischen Ereignissen als unwiederbringlich gelten mussten, einen Gipfel der Bielefelder Tage, als am Abend des Fest-Banketts ganz überraschend das eben dort gastierende Stross-Quartett und Elly Ney erschienen und dem Jubilar das Forellen-Quintett Schuberts spielten. ‚Ist es nicht wie in Leipzig?‘ - das war das Höchste, was er vom Glück dieser Stunde sagen konnte.“
Schon während der ersten Vorbereitungen zur Goethe-Ausstellung hatte Professor Kippenberg die Exponate für die beiden Veranstaltungen in Paris und Mainz ausgewählt, die das Hohe Kommissariat der französischen Republik in Deutschland und die „Direction Générale des Affaires Culturelles“ planten.
Vom 22.August bis zum 17.September veranstalteten dann Stadt und Universität Marburg ihre Ausstellungen aus der Sammlung Kippenberg. Die Marburger Presse berichtete am 19.8.1949 über den Teil der Marburger Ausstellungen, der im Jubiläumsbau, in den Ausstellungsräumen des Marburger Universitätsmuseums, untergebracht wurde: „Deutschland, wie Goethe es sah“. Im Katalog der Marburger Ausstellungen heißt es dazu: „Als ein ‚zum Sehen geboren, zum Schauen Bestellter‘ hat Goethe das Irdische durchmessen. Wie er als Knabe Frankfurts Märkte und Gassen durchstreifte, nichts Schöneres kannte, als von der Höhe der Stadtmauer herab im Rundgang das Ganze auszuspähen, so verwandte er die erste langersehnte Jünglingsfreiheit dazu, am nahen Main und Rhein umher zu schweifen – zu Fuß und zu Schiff – seine Wanderungen bis in den Taunus hinein auszudehnen, von Jugend an schauend und zeichnend ...“ Dem Sammler Anton Kippenberg schwebte vor, Ansichten aller jener Orte und Landschaften, die Goethe im Laufe seines langen Lebens gesehen hatte, zu einem Bild jener Zeit zusammenzustellen. Von Guckkastenbildern für die Laterna magica über die vielen vielen kolorierten Stiche der Zeit bis zu Landschaftsdarstellungen von Künstlern der Goethezeit konnte man in dieser Ausstellung Zeuge jener Tage werden. Aber: „Über dieser Schönheit und Größe der deutschen Städte, Dome und Schlösser, wie sie am Ufer der Flüsse sich prangend breiten, die Täler schmücken, liegt für den Schauenden ein Schleier tiefer Trauer ... ‚Was sich sonst dem Blick empfohlen, mit Jahrhunderten ist hin...‘ “.
Den Rundgang durch die Ausstellung „Aus Goethes Leben und Werk“ im Festsaal des Staatsarchivs beschreibt der Katalog im Blick auf die einzelnen Vitrinen. So war die erste „Goethes Jugend“ gewidmet, von der Geburtsanzeige in den „Frankfurter Frag- und Anzeigungsnachrichten“ über ein Aquarell des Hauses am Hirschgraben, den Reliefs von Vater und Mutter und ihren Briefen an die Tochter Cornelia. Die früheste Handschrift Goethes begegnet auf einer Seite seines Schulheftes (um 1759), es folgen Stammbucheintragungen. Auch Marburg taucht hier einmal auf: Goethe schrieb an seinen hier studierenden Schulfreund Riese. Zu weiteren Briefen an Freunde und Gefährten kommt die Reihe aller Erstdrucke Goethescher Werke bis 1775.
Die vierte Vitrine war den Kompositionen Goethescher Werke vorbehalten, die fünfte trug den Titel „Die Leiden des jungen Werthers“. Die Werther-Abteilung der Sammlung Kippenberg, besonders vollständig auch die Rezeption des ersten deutschen Werkes in der Weltliteratur bezeugend, hatte in Bielefeld einen eigenen Raum gefüllt – hier musste auf vieles verzichtet werden, aber die „Kronjuwelen“ wurden auch in Marburg gezeigt, so einige Briefe aus Wetzlar, in denen sich Goethes Aufenthalt dort spiegelt: eine Nachricht von Gotter meldet am 18.September 1772: „Goethe ist seit ein paar Tagen verschwunden. Kein Mensch weiß, wo er hin ist...“. Von „Werthers“ Vorbild, dem jungen Jerusalem, konnte eine Stammbuchseite gezeigt werden, dazu die Schattenrisse von Lotte Buff und Goethe, sodann die wichtigsten Ausgaben des Bändchens – darunter das Exemplar von Goethes Freundin Auguste Gräfin Stolberg – bis hin zu der Überarbeitung: „Die Leiden des jungen Werther“ von 1787 und der Jubiläumsausgabe von 1824, die mit der eigenhändigen Widmung an Charlotte von Stein, der anderen Lotte, zu sehen war. „Lotte in Weimar“ war als Roman von Thomas Mann damals in aller Munde: die Sammlung zeigte ein Stammbuchblatt Lotte Kestners aus den Weimarer Tagen im Jahr 1816.
In den Wand- und mehreren Tischvitrinen waren Illustrationen zu Goethes Werken ausgestellt: allein der „Werther“ hat eine ganze Künstlergeneration bewegt. Weitere Schwerpunkte: die Bilder zu „Götz von Berlichingen“ mit den Aquarellen von Tischbein und den Lithographien von Delacroix, die verschiedener in der Auffassung nicht sein können, und zu „Hermann und Dorothea“, um nur einiges zu nennen. Hinzu kamen Exponate „Aus Alt-Weimar und dem Freundeskreis“ mit vielen Silhouetten. Diese zeigten wiederum die großartige Fülle von Zeugnissen der Zeit, die zusammenzutragen Kippenberg in seiner Sammlung gelungen war. Ein Reiz der Ausstellung bestand in dem Wechsel der Themen und Medien in den einzelnen Auslagen; Kippenbergs Sammlertätigkeit bezog sich auf alle Bereiche auch der bildenden Kunst, wobei die Kleinformate eine besondere Rolle spielten. Medaillen und Porträtmedaillons von Friedrich Tieck, Schadow, der Weimarer Künstlerin Angelika Facius und schließlich David d’Angers vermittelten den Eindruck einer Kunstform, die neben den Silhouetten und Großbildnissen in dieser Zeit eine wichtige Aufgabe erfüllten – das Bild der Menschen festzuhalten. Kennzeichnend für den Geschmack der Goethezeit waren die vielen, oft reizvoll verzierten Stammbücher, in die sich persönliche Freunde, vor allem aber Berühmtheiten einzutragen gebeten wurden.
Großes Interesse fanden „Die Frauen um Goethe“ denen eigener Raum zugeteilt war. Im Katalog heißt es dazu: „Aus Stammbuchblättern und Briefen sind hier viele Seiten des ‚wunderlichsten Buchs der Bücher‘, des Buchs der Liebe zusammengetragen. Andere ergänzen sich aus Bildnissen und Plastiken ...“ Beginnend mit den Leipziger Freundinnen des jungen Goethe, über die Friederike der Straßburger Tage (die Eintragung Friderike Brions in ein Stammbuch gehört zu den kostbarsten Handschriften der Sammlung) bis hin zu den späteren Jahren mit Briefen Marianne von Willemers, seiner Suleika, und der letzten Leidenschaft zu Ulrike von Levetzow, die als Neunzigjährige noch mit zitternder Hand einen Vers Goethes niederschrieb. Unmöglich, der Vielzahl der ausgelegten Stücke gerecht zu werden.
Von Goethe selbst lagen Handzeichnungen und Radierungen aus, er wusste ja lange nicht, ob er zum Dichter oder doch zum bildenden Künstler bestimmt war – eine Frage, die er selbst erst nach dem Aufenthalt in Italien, wo er als der Maler Möller unter den deutschen Künstlern in Rom lebte, endgültig beantwortete. Doch hat er bis an sein Lebensende gezeichnet und aquarelliert. Von allen Stationen seines langen Lebens konnten Blätter seiner Hand betrachtet werden.
Für die Freunde von Handschriften bildete die nächste Vitrine „Gedichte Goethes in seiner Handschrift“ einen wahren Augenschmaus. Der Schulknabe Johann Wolfgang übertrug einige Fabeln des Aesop und Phädrus, im Herbst 1771 schrieb er seine Übersetzung aus dem Ossian nieder, „Die Gesänge an Selma“, die er Friederike Brion schenkte. Das erste ganz eigene Gedicht der Sammlung entstand 1774: „Künstlers Morgenlied“. Besonders großartig dann die Handschrift „Das Göttliche / Edel sei der Mensch, hilfreich und gut ...“aus der Weimarer Zeit. Zum Schluss nur noch der Hinweis auf Verse aus Goethes höchstem Alter, mit denen er die Rückkehr des Prinzen Bernhard aus Amerika mit der Mahnung feierte:
„Die Erde wird durch Liebe frey
Durch Taten wird sie groß.“
Auf die Goethe-Originale folgten nun in den Zusammenstellungen von „Handzeichnungen der Goethezeit“ und „Goethe und seine Zeit in Handschriften“ der ganze Reichtum dessen, was in der Sammlung unter dem Aspekt Goethe und sein Kreis zusammengetragen wurde. Eine Kostbarkeit: die Handzeichnung Angelika Kauffmanns aus Rom (1787), den Schluss des dritten Aktes der „Iphigenie“ darstellend: Orest vermeint, der Schwester und dem Freund im Schattenreich zu begegnen. Goethe hatte bei einer Aufführung in Weimar selbst den Orest gespielt. Aus der römischen Zeit leiten sich auch Tischbeins „Idyllen“ her, zu denen Goethe umrahmende Texte schrieb (ein Beispiel lag aus). Gut vertreten der jüngere Bruder der Grimms, der den Kreis der Brentanos mit dem Zeichenstift überlieferte. Im Katalog heißt es weiter: „Ein kanonisches Buch der Romantik liegt in Gedichthandschriften hier aufgeschlagen: Novalis, Eichendorff, Brentano, Achim von Arnim, Wilhelm Müller, Chamisso ...“. Natürlich waren die Weimarer Freunde vertreten, Wieland, Herder und Schiller neben den Jenaer Gelehrten Fichte und Hegel, um nur einige zu nennen.
„Aus Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen“ lautete die letzte Überschrift: die hier ausgelegten Exponate verdeutlichten den ganzen Umfang von Goethes naturwissenschaftlichen Interessen, angefangen von der Stein- und Naturaliensammlung über die Tätigkeit im Ilmenauer Bergwerkswesen mit den geologischen Forschungen, zur „Metamorphose der Pflanzen“ (1790) und der „Lehre von der Gestalt, der Bildung und Umbildung der organischen Körper“. Die meteorologischen Betrachtungen Goethes führten ihn zu seiner „Farbenlehre“, die ihm wichtiger war als das eine oder andere Drama, das er hätte noch schreiben können Wer den Rundgang durch die Ausstellung schauend vollzogen hatte, dem war ein ganzer Kosmos Goethe sichtbar geworden..
Zur 200.Wiederkehr von Goethes Geburtstag fand dann in Marburg ein Festkonzert der Marburger Philharmonie statt, sowie eine Goethefeier von Stadt und Universität, deren Mittelpunkt der Festvortrag von Werner Bergengruen bildete: „dem es gelang, ebenso ehrfürchtig wie scharfsinnig, in fesselnden und oft überraschenden Interpretationen ein umfassendes Goethebild zu entwerfen, das wohl überzeugend dem Sinn einer Goethefeier von heute entsprach.“
Nach dem Ende des Goethejahres bot sich kein Anlass zu weiteren Ausstellungen aus der Sammlung Kippenberg. Immer intensiver wurden Verhandlungen über ihren endgültigen Verbleib geführt, wobei alle Pläne, ihr in Marburg eine dauernde Heimstatt zu ermöglichen sich früh zerschlugen. Nach dem Tod Anton Kippenbergs am 21.September 1950 fiel die Entscheidung für Düsseldorf, wo sie als Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung seither den Grundstock des Goethe-Museums im Schloss Jägerhof bildet.
Literaturhinweise:
Ingeborg Schnack „Ende und Anfang“ in:
„Ende und Anfang. Die Universitätsbibliothek Marburg zwischen Vierzig und
Fünfzig, Schriften der
Universitätsbibliothek Marburg 38, 1988
Anton Kippenberg „Aus den Lehr- und Wanderjahren
eines Verlegers“ in:
A.K. „Reden und Schriften“ Insel Verlag Wiesbaden 1952
Renate Scharffenberg „Anfänge. Die Sammlung Kippenberg in
Marburg“
in: „Bücher. Bilder. Autographen. Ausstellungen in der
Universitätsbibliothek Marburg zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende“.
Schriften der Universttätsbibliothek Marburg 106, 200
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