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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Inszenierung: Luisa Brandsdörfer
Bilder und Kostüme: Ilka Kops
Dramaturgie: Jürgen Sachs
Allan Felix: Michael Boltz
Nancy/Barbara: Iris Stibbe
Bogey: Susanne Münn, Penelope Murdock, Nadine Pasta,
Juliane Schärf
Dick Christie: Ronald O. Staples
Linda Christie Johanna Bönninghaus
Sharon/Vanessa: Nadine Pasta
Gina: Susanne Münn
Go-go-Girl: Penelope Murdock
Mädchen in Museum: Juliane Schärf
Eskimofrau: Nadine Pasta
Allens Komödie hatte 1969 Premiere, der nach dem Stück entstandene Film stammt von 1971. Tatsächlich merken die Zuschauer, trotz der von der Regisseurin vorgenommenen Textbearbeitung, bald, dass Handlung und Dialoge sie in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts versetzen. Darin liegt ein gewisser Witz, für den die Boulevard-Groteske selber nichts kann: sie verstaubt ein wenig und tritt damit in die Reihe der zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammenden Klassiker des Genres (den "Raub der Sabinerinnen" konnten die Marburger vor einiger Zeit in ihrem Theater genießen).
Das mit dem gerade von seiner Frau verlassenen schüchtern-neurotischen Allan befreundete Ehepaar Christie möchte diesen wieder möglichst umgehend verkuppeln und unternimmt dafür mannigfache Anstrengungen, die natürlich alle fehlschlagen. Endlich kommen sich, wer hätte das gedacht, Allan und Linda, deren Mann auf Geschäftsreise ist, näher und verbringen eine Nacht miteinander. Dieses kleine Seitensprung-Ereignis hat ausschließlich positive Folgen: der eifersüchtig gewordene Dick - er hat, nur auf den Beruf konzentriert, seine Frau gänzlich vernachlässigt - begreift plötzlich, wie wichtig Linda ihm ist, diese hat Anerkennung und Bestätigung von Allan erfahren und bekommt nun beides auch von ihrem Mann, Allan, der sich in seinen Versagens-Ängsten an seinem Film-Idol Humphrey Bogart orientieren wollte, erkennt, dass er nur "er selbst" sein muss, um auch bei den Frauen Erfolg zu haben - gleich, als Linda weg ist, erscheint die neue Nachbarin, die schon immer von seinen Film-Kritiken begeistert war.

Michael Botz, Johanna Bönninghaus und Humphrey Bogart
Man merkt, mit dem Inhalt ist es nicht weit her, und warum auch, denn dieses krude Gerüst ist in eine nicht abreißende Folge von Slapstick-Witzen gewickelt, die eigentlich das Stück ausmachen. Die Phantasien Allans, die Frauen, der Filmstar gleich vierfach, erscheinen auf der Bühne (von einem glücklichen Regieeinfall jeweils in anderes Licht getaucht, sodass die Zuschauer sich, wie sonst zu befürchten, zwischen den verschiedenen dargestellten Ebenen nicht verwirren können) und unterhalten sich mit ihm, die Türen des Wohnzimmerschrankes öffnen und schließen sich wie von Geisterhand und zeigen auf mehreren Fernsehschirmen wiederum Humphrey Bogart, der unserem Protagonisten Macho-Ratschläge erteilt: "eine Ohrfeige und einen Schlag mit dem Revolver hat noch jede Frau verstanden". In all diesem Tohuwabohu agiert nun der Anti-Held par excellence, steif und verklemmt, geschüttelt von Begierden und Ängsten, eine Art Mischmasch aus Jerry Lewis, Woody Allen selbst, Michael Boltz und, nicht zu vergessen, der Theaterfigur, also eine Überzeichnung, die sich gewaschen hat.
Boltz, möchte man sagen, ist für diese Rolle geschaffen, er führt sie fast tänzerisch aus – wie wohl überhaupt die Stürze und Schwünge des Stücks, vom Treppenabsatz auf die Couch, von ihr über das Tischchen auf den Boden etc., einer regelrechten Ballett-Choreografie bedürfen - ; ihm, dem Michael B., liegen ganz offensichtlich diese schüchternen Typen (obwohl er auch anderes kann). Aber der Marburger Hugh Grant wird dann richtig gut, nämlich im zweiten Teil dieses Unternehmens, wenn er nicht mehr nur die Bewegungen Woody Allens wiedergibt, sondern die gespielte Figur mit seinem eigenen Witz erfüllt.
Seine Partnerin, Linda-Johanna Bönninghaus, gibt die herzliche, sich nach Zuneigung sehnende Frau, die doch auch zu freundschaftlichen Gefühlen fähig ist, sehr überzeugend. Sie strahlt tatsächlich eine schüchterne Wärme aus und kann sich damit, im Stück wie auf der Bühne, sehr gut gegen die Erotik ihrer Geschlechtsgenossinnen (Nancy-Iris Stibbe, Go-go-Girl- Penelope Murdock) durchsetzen.
Aber damit sei nichts gegen diese beiden gesagt! Wie die eine, in kurzem Rock, die Treppe hinauf- und hinunter schreitet, die andere ihre Tanzeinlage gibt, ist durchaus erfreulich anzuschauen: man stimmt gleichsam gutmütig zu, von der Regie zum Voyeur gemacht zu werden, denn ein wenig Sex ist doch, wie man weiß, die unverzichtbare Zutat eines Boulevardstücks.
Auch Ronald O. Staples, der zweite Mann auf der Bühne, denn der Macho Bogart wird ja von Frauen gespielt, macht seine Sache gut. Obgleich er einen gestressten Börsenmakler gibt, wirkt er in der Hektik der Szenen ruhiger als das Nervenbündel Allan. Erst nach und nach begreift man, dass er nicht der kaltschnäuzige Erfolgs-Typ ist, sondern im Grunde genauso ein Looser wie sein Freund.

Nadine Pasta, Michael Botz
Text, Regie und Dramaturgie vereinen sich mithin in der Bemühung, uns, die Zuschauer, einen amüsanten Theaterabend erleben zu lassen. Das ist doch durchaus legitim und sogar geglückt; könnte damit die Kritik also nicht für diesmal ihr Bewenden haben? Doch, das könnte sie. Und wer das auch findet, der mag hier seine Lektüre beenden. Aber es juckt mich, noch einige Fragen zu stellen.
Warum, zum Beispiel, gehört es scheinbar zum Wesen des Boulevardtheaters, Komik durch Hektik auszudrücken? Warum müssen die Figuren so grotesk überzeichnet sein? Weshalb wird häufig genug ein Witz als Regie-Element oder Leit-Motiv zu Tode geritten (Allan stößt sich nicht zwei- oder drei-, sondern wohl neun-oder zehnmal die Nase an den Türen seines Apartments)? Und allgemeiner: muss heute ein Theater, das um seinen Platz in der Gesellschaft kämpft und sich zu diesem Zweck gegen die Verflachungstendenzen der anderen Medien abgrenzt, solche Seifen-Opern inszenieren?
Die Antwort liegt darin, dass man in solchen Stücken, wenn sie nur passabel inszeniert sind, selbst gegen den eigenen Willen lachen muss. Offensichtlich wird hier etwas in der Psyche angesprochen, das auch das alte Volkstheater und natürlich die Commedia dell'arte trafen. Es gibt etwas in uns, dass sich den Ordnungsbegriffen unserer individuellen und gesellschaftlichen Existenz entzieht und gerade deswegen den Fundus für Tragödien und Komödien liefert. Aus diesem Grund stehen im Zentrum der letzten häufig Typen, über die wir lachen, weil wir sie auch ein wenig unheimlich, jedenfalls aber peinlich finden. Durch Hektik, Überzeichnung und Wiederholung, also die Elemente der Klamotte und des Klamauks, werden die Steuerungsmechanismen der Vernunft momentweise außer Kraft gesetzt. Der Instinkt eines Intendanten, der etwa sagt, das Schauspiel müsse auch unterhalten und zum Spielplan einer Bühne gehöre ein echtes Boulevardstück, trifft also etwas Fundamentales.
Ohne diese Substanz, von der wir wohl Zeugnis geben, sie aber kaum näher bezeichnen können, gäbe es weder ernstes, noch komisches Theater. "Spiel's nochmal, Sam" gehört jedenfalls zur zweiten Kategorie, sodass man auch die typisch amerikanische Looser-Moral, das Gegenstück zum Gehabe des Erfolgs, mit in Kauf nimmt. Wir kennen das auch aus Filmen: letztlich retten doch die - scheinbaren! - Verlierer die Welt, jedenfalls die Menschlichkeit in ihr.
Kurzum, wer es ganz ernst meint mit dem Theater, der muss auch in ihm, und ein wenig über es, lachen - aber noch besser ist es vielleicht, wenn man dazu weniger Gründe, als der Rezensent, oder auch gar keine, braucht. So oder so wird man in Woody Allens Komödie einen amüsanten Abend verbringen.
Max Lorenzen