Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 5


Roland Benedikter

Unterwegs zu einer Metaphysik als Fähigkeit?

Max Lorenzens Erfahrung des Bösen und die Entwicklung des Bild-Denkens

 

Vor kurzem ist das neue Buch des Marburger Philosophen Max Lorenzen erschienen: Das Schwarze. Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne. Dieses Buch baut Übergänge zwischen der universitären Philosophie der Gegenwart und einem neuen Geistrealismus. Lorenzen hat ein anregendes, in Teilen - vor allem im Hinblick auf seinen Versuch zu einem neuen Denk-Blick - zumindest in nuce auch weitreichendes Werk vorgelegt.

Das Buch kommt, dem Thema des Bösen entsprechend, ebenso ambivalent und unheimlich wie lebendig und unabgeschlossen daher. Das Schwarze ist in bester Manier ein postmodernes Buch: es zielt weniger auf Inhalte, als vielmehr auf den Vollzug einer Bewegung - weniger auf eine abschließende Reflexion, als vielmehr auf das Lebendig- und Intensivwerden des Denkens an einer Begegnung. Es zielt, anders gesagt, auf das Leben eines Geistigen als Wirklichkeit, nämlich auf die Qualität des Ereignisses, das sich in der Begegnung mit der Wirklichkeit des Bösen vollzieht.

Eben die Wirklichkeit des Bösen wird für Lorenzen zum Anlaß für die vertiefte Frage nach der Möglichkeit einer neuen Metaphysik für die Postmoderne. Und zwar nach einer Metaphysik nicht mehr als explizites System, sondern eher als immanente, individuelle Haltung zur Welt: als Vollzug eines Denkens, das sich in der Qualität dieses Vollzugs in actu seiner selbst inne wird - oder, anders ausgedrückt, als sich selbst während ihres Geschehnisses beobachtende Anschauungsform.

Eine solche vom Weltsystem in die individuelle Haltung und in die vorsprachliche Fähigkeit des Denk-Blicks übergegangene Metaphysik muß freilich heute, im Durchgang alles geistigen Erkenntnisstrebens durch die spezifische Leere der Postmoderne, ihre produktive Zerstörung aller Inhalte und Umrisse und ihre eben dadurch ermöglichte charakteristische Freisetzung des Lebendigen für sich selbst, ganz andere Züge tragen als jede bisherige Metaphysik. Sie muß eine fluidere, unmittelbarer an den individuellen Vollzug des Denkens gebundene Metaphysik sein. Sie muß zunächst und vor allem eine Metaphysik sein, die – ebenso wie jede ab heute mögliche Ethik – „nicht mehr auf Postulaten und Maximen fußt“, sondern nur noch in der Intensität und Erhabenheit des Denk-Blicks selbst. Sie muß also eine Metaphysik sein, die von der Ebene der Denkinhalte auf die Ebene der Denkakte übergeht.

Lorenzen kennzeichnet diese Metaphysik nun gerade aus seiner Erfahrung des Bösen heraus richtungsweisend als Fähigkeit individuellen inneren Bild-Erlebens. Diese Fähigkeit zum Bild-Erleben entzündet sich für ihn am Erlebnis des Bösen als realer Wirklichkeit, der er in seinem Alltag begegnet. Die Begegnung mit dem Bösen verspricht - in freilich tiefenambivalener Weise -, die Fähigkeit zum Bild-Erleben auf der bisher vernachlässigten vorsprachlichen Willensebene anzuregen und dabei eine ganz neue Art des Denkens zu begründen, in der das bisher einseitig intellektuelle und nominalistische emanzipative Potential der Postmoderne nun in tieferer Form fortlebt und einen Übergang vorbereitet:

„Gibt es ein Böses in der Nachmoderne, das sich von demjenigen früherer Zeiten auf spezifische Weise unterscheidet? Macht es überhaupt Sinn, von dem Bösen zu sprechen – in einer Welt, in der wir auf keine Personifikationen alten Zuschnitts mehr treffen? Könnten wir nicht, wenn sich die Bedingungen unserer Existenz auf so grundlegende Weise ändern, wie das gegenwärtig der Fall ist, nun endgültig auf eine metaphysische Redeweise verzichten, die auch schon in der Moderne nur noch den Charakter eines Relikts hatte?

(Es geht darum), die ungeschützte Darstellung persönlichen Erlebens und eine philosophische Reflexion zu verbinden, um in diesem wechselseitigen Bezug eine Haltung der denkenden Erfahrung entstehen zu lassen. In ihr, einer Zone der wirklichen und direkten Betroffenheit, setzt sich das Ich der Begegnung mit den Bildern des nachmodernen Lebens aus. Sie sind rätselhaft und unheimlich. Um sie zu verstehen, bedarf es einer neuen Metaphysik, die keinen... Systemcharakter mehr hat und sich von tradierten Vorgaben löst. Diese Metaphysik ist ein Desiderat der gegenwärtigen philosophischen Situation: sie kann dazu beitragen, die Erstarrung eines eingefahrenen Frage- und Antwortspiels zu durchbrechen.“

Die Begegnung mit dem Bösen führt also in ein inneres, vorsprachliches Bild-Denken. Denn dieses allein erreicht die spezifische Wirklichkeitsebene des Bösen. Das durch das Böse notwendig angeregte vorsprachliche Bild-Denken aber kann nun die eigentliche Metaphysik der Postmoderne sein. Denn es erfüllt alle ihre kritischen und dekonstruktiven Vorgaben: nichtsystematisch zu sein, ideologiefrei, frei von fixierten Strukturen und Schemata, frei von inhaltlichen Leitmotiven und reduktionistischen Methoden, sich nicht mehr einseitig im Intellekt, sondern vorrangig auf der Willensebene vollziehend und also ganz unmittelbar Ereignis und Erhabenes. Und vor allem: dieses Bild-Denken, das im Angesicht der Erfahrung des Bösen eine Notwendigkeit wird, „bewahrt die Intentionen und Impulse eines radikalen Denkens..., ohne wieder ihrer vordemokratischen oder autoritären Stoßrichtung nachzugeben.“

Damit meint Lorenzen: es wird durch dieses vorsprachliche Bild-Denken eine Metaphysik möglich, die als personale Fähigkeit der imaginativen Anschauung geistiger Wirklichkeit – also als zur Fähigkeit individualisiertes geistrealistisches Denken - operiert, und sich eben als solche im prinzip vorgegenständliche und offene Fähigkeit nicht in neuen, totalitarisierenden und deshalb zuletzt gewalttägigen inhaltlich fixierten Wahrheitssystemen verliert wie die systematischen Metaphysiken des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich als Ideologien konstituierten. Und genau dieser Unterschied zwischen Metaphysik als Fähigkeit und Metaphysik als System, zwischen Metaphysik als Qualität des Vollzugs und Metaphysik als Gehalt ist der entscheidende Aspekt, um Postmoderne und Metaphysik, um Pluralität und Substanz am Beginn des 21. Jahrhunderts miteinander zu versöhnen. Eben diese Versöhnung aber ist, wie Lorenzen im Schwarzen wiederholt durchblicken läßt, die große geistige Aufgabe am Beginn dieses Jahrhunderts.

Das imaginative Bild-Denken, das den Schlüssel zu diesem ganzen Vorgang darstellt, entzündet sich für Lorenzen an einem überwältigenden persönlichen Erlebnis des Bösen: am Selbstmord einer jungen Frau und dem darauffolgenden Anblick ihres Gesichtsausdrucks.

„Ich erfuhr, in der Nacht geweckt, durch eine Stimme, die ich nicht vergessen werde, vom Tod, dem Selbstmord, einer jungen Frau. Ich war bis ins Mark erschüttert, aber... nicht so, als wenn es sich um mein eigenes Kind gehandelt hätte. Dennoch, das war mir kurz darauf intuitiv gewiss, war damit auch mein Lebenszusammenhang getroffen, meiner und der meiner Lebensgefährtin...

Als ich nun, wieder allein im Zimmer, mich anzog, sah ich plötzlich ein Bild. Links von mir befand sich die junge Frau, die Tote, und sie hatte, wenn auch nicht sehr deutlich zu sehen, einen verschlossenen Gesichtsausdruck, auch schien die ganze Gestalt in einer Art Zwischenraum zu schweben, sich also weder in meinem Zimmer, noch anderswo zu befinden, sondern eben dazwischen. Und dann stellte sich dieser Eindruck ein, den ich nun zu verarbeiten suche. Der ganze Körper, besonders aber das Gesicht der Frau, war böse.

Ich war überrascht, auch machte ich mir Vorwürfe. Zunächst empfand ich diese Überraschung: was ich sah, war nicht nur böse, nein, es war das Böse. Das war nicht zu verstehen.

Mich anziehend, begann ich, aus Hilflosigkeit vor mich hinzusprechen... Ich versuchte wohl, so auszudrücken, daß uns etwas Nichtwiedergutzumachendes getroffen hatte. Die ganze restliche Nacht, sowie den darauffolgenden Tag stellte sich bei mir kein Gefühl der Müdigkeit ein. Ich dachte nicht direkt an jenes Bild, und dennoch blieb es in gewisser Weise gegenwärtig. Das hat sich übrigens bis heute nicht geändert. Es ist natürlich... weiter zurückgetreten, aber es ist da, und in manchen Augenblicken auch beinahe in der ursprünglichen Stärke. Mit dem visuellen Eindruck gekoppelt ist die Frage, was ich eigentlich gesehen habe, und was sich mir so eingeprägt hat...

Nach langem Nachdenken glaube ich wenigstens zu wissen, was jenes Bild nicht beinhaltet... Ich nehme... an, ich hätte gesehen... was man früher einen Dämon oder besser das Dämonische genannt hat...“

Lorenzen begegnet hier offenbar dem Bösen als Wirklichkeit. In der Erfahrung des Bösen vollzieht sich für ihn ein Übergang von der gewöhnlichen nominalistischen Denkebene des akademischen Intellektualismus zu der geistrealistischen Denkebene auf der Willensebene. Ähnliche Erlebnisse als direkte Berührungen mit dem Bösen, die zu einem realen Bild-Denken führen, hat Lorenzen dann auch an anderen Eindrücken, etwa an der medialen Ausschlachtung des Todes eines achtjährigen Mädchens, das bei einem Erdbeben verschüttet wird, oder im Anblick des Grauens bei einem Erdrutsch in Mexiko City. All dies sind für ihn einerseits Erlebnisse der tauben Nicht-Menschlichkeit der Natur. Es sind aber auch und vor allem Erlebnisse der Unmenschlichkeit der einseitig verstandeshaft konstituierten Menschen der postmodernen Kultur, die keinen realistischen Zugang mehr zu den Vorkommnissen finden, weil sie das Denken auf der Willens-Ebene entweder nicht mehr kennen oder sich ihm nicht mehr stellen wollen – und demnach schon in ihrer Betrachtungsart in gewisser Hinsicht böse sind.

Andererseits empfindet Lorenzen in der Erschütterung, der er durch diese Erlebnisse ausgesetzt ist, auch mächtig den Aufgang einer völlig neuen, anderen Art der denkenden Betrachtung und Durchdringung des Seienden: eben eines „intuitiven“ oder „inspirierten“ Bild-Denkens, das in ganz anderen Schichten angesiedelt zu sein scheint als das gewöhnliche Verstandesdenken. Die geschilderten Erlebnisse machen Lorenzen deutlich, daß die wirkliche Ebene dessen, was geschieht, für den heutigen postmodernen Menschen mit seinem gewöhnlichen Verstandesdenken nicht zu erreichen ist. Sie ist stattdessen nur dann zu erreichen (und nur dann ist also völlige Kapitulation und Verzweiflung vor der Begegnung mit der Welt zu vermeiden), wenn man die Fähigkeit entwickelt, das (nominalistische) Verstandesdenken durch ein (geistrealistisches) Denken im vorsprachlichen Willens-Eindruck zu ergänzen. Die Notwendigkeit dieser Ergänzung und Integration zu begreifen, ist für das Denken der Gegenwart das alles Entscheidende. Und dieses Begreifen kann sich eben an der Begegnung mit der unmittelbar betreffenden und erschütternden Wirklichkeit des Bösen entzünden.

Was ergibt sich aus alledem? Es ergibt sich daraus für Lorenzen der Ansatz nicht nur für ein neues Bild-Denken, sondern auch für eine andere Ethik als die, die in unserer Kultur noch immer vorherrscht. Es ergibt sich der Ansatz für eine radikal individualisierte Ethik, die genau in der Fähigkeit des personalen inneren Bild-Denkens auf der Willensebene grundgelegt ist. Die neue Ethik, die gleichsam negativ aus der Erfahrung des Bösen in der allgegenwärtigen Leere der Postmoderne hervorgeht, ist für Lorenzen eine Ethik der individuellen moralischen Intuitionsfähigkeit, die sich des Willens als Wahrnehmungs- und Urteilsorgans zu bedienen lernt. Kraft der immer vielfältigeren und potenzierteren Begegnung der Menschen mit dem Bösen erfolgt heute die konkrete Neubegründung einer neuen, radikal individuellen Metaphysik als denkende Anschauung auf der Willensebene. Und eben genau darin besteht die – einzige – Zukunft des Denkens und der Philosophie in der totalsäkularisierten Kultur der Postmoderne.

„Wenn das Böse.. nicht nur privativ, wie man in der Philosophie sagte, also als Abwesenheit des Guten, verstanden wird, sondern als etwas Positives, dann gelangt man zu einer... Steigerungsform...

Klingt das nicht wie der Versuch, eine Metaphysik der Nachmoderne, etwas Unmögliches also, zu formulieren? Eine zeitgemäße Philosophie... besteht für mich gerade in der... Verbindung von Erlebnis und Reflexion. (Es geht darum), eine Zwischenschicht herzustellen, in der auf eine klare philosophisch-literarische Weise von Dingen gesprochen werden kann, die sich uns sonst entziehen, obgleich sie zu unseren wichtigsten Erfahrungen gehören...

Das Erleben der Erscheinung (des Bösen) zeigt mir als erstes, daß es einen Raum der Inspiration und Erkenntnis als... Daseinsintensität gibt... Seine Spiegelungen in der ästhetischen Sphäre waren der reale Anhalt, der es (über lange Zeit der westlichen Gesellschaft, R.B.) ermöglichte, religiöse Erfahrungen in den Bereich der Kunst zu transponieren, wie es mindestens seit der deutschen Klassik geschah...

(Nun ist) die Zweiteilung der Welt in Subjekt und Objekt, Immanenz und Transzendenz aufgehoben. Dennoch hat sich keineswegs ereignet, was die Philosophen von Nietzsche bis zu Heidegger, Horkheimer und Adorno befürchteten. Die Unterganggsszenarien haben sich nicht bewahrheitet. Wir sind in eine Ära des Lebens und Denkens eingetreten, die völlig neue, bisher nicht vorstellbare Maßstäbe stiftet und die überkommenen Maßstäbe, die bisher für unverzichtbar, ja nicht einmal hinterfragbar galten, abschafft. So stellt sich gegenwärtig eine Vielzahl von Aufgaben, an denen zu arbeiten dasjenige, was man die uneinheitliche Physiognomie der Nachmoderne nennen kann, mitkonstituiert...

Um sich ihr zu nähern, bedarf es heute eines neuen Begriffs von Philosophie, den wir... sowieso benötigen, wenn das philosophische Nachdenken in diesem Jahrhundert mehr sein will als überlebte akademische Lehre... Die Räume gegenwartsbezogenen Philosophierens lassen auf jeweils unterschiedliche Art Fragen zu, deren versuchte Beantwortung den zu eng gewordenen Bereich akademischer Reflexion notwendig verläßt... Um in die Zwischenschichten der nachmodernen Bilder vordringen zu können, habe ich mich dem Ausschreiten einer Erfahrung, die meine philosophischen Forschungen, ihre Ergebnisse, gerade zu vernichten trachtete, unterzogen... Ich glaube – und hoffe -, daß (der) Aufbruch in vielfältiger Weise geschehen wird und vielleicht schon geschieht...“

Max Lorenzen zeigt sich mit solchem für das Denken der Gegenwart selten gewordenen Stil - ebenso wie mit dem ganzen Ansinnen seiner geistigen Suche - offen, ehrlich, personal und authentisch. Und er zeigt sich vor allem aufrichtig in der Durchleuchtung eigener konkreter seelisch-geistiger Erfahrung, für die, wie für die Mehrzahl der Gegenwartsmenschen, der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt fragwürdig geworden ist, auch wenn das akademische Denken das noch nicht ausreichend nachvollzogen hat. Eben darin ist Lorenzen, trotz mancher Unklarheit in der Argumentationsweise, trotz mancher Rückfälle in unnötige Pessimismen und Untergangsszenarien und trotz mancher Übertreibung der Komplexität seiner Sprache, in der Substanz belangvoll und berührend. Eben darin ist er ein echter Denker der Gegenwart. Wenn Lorenzen im Vorwort zum Schwarzen betreffend seine Methode des Denkens schreibt: „Es handelt sich weder um die Darstellung einer objektiven philosophischen Analyse, noch um einen subjektiven Erlebnisbericht, jedoch auch nicht um eine aus beiden Ansätzen zusammengesetzte Mischform“, dann ist gerade die Suche nach einer geeigneten Form des Denkens für die neuen Anforderungen der Gegenwart, die sich auch aus der Erfahrung des Bösen ergeben, das Entscheidende. Diese Form des Denkens kann weder das eine noch das andere allein mehr sein, sondern nur mehr beides zusammen: Denken auf der ereignishaften Willensebene. Mit diesem Grundmotiv lebt Das Schwarze tatsächlich im Zentrum des Zeitgeistes und seiner produktiver Tiefen-Ambivalenz mit.

Fazit? Etwas geistig Fluides und Reales soll für Lorenzen divergente und multidimensionale Wirklichkeit werden, soll - unter voller Beibehaltung der intellektuellen Verstandesdimension und ihrer distanzierenden Freiheitssphäre, aber eben auch als wirkliches Eintreten in ein geistiges Geschehen - in einen anderen Denkraum, in das willenshafte Bild-Denken der Zukunft führen. Und zwar schonungslos und unmittelbar, und deshalb in gewisser Weise erschütternd und großartig zugleich. Das Böse, das Sinnlose und die Leere sind in der Gegenwart die direktesten Anstöße zur Entwicklung eines solchen Bild-Denkens.

Mit diesem Ansinnen aber wird von Lorenzen letztlich nichts anderes angestrebt als eine zeitgemäße Verbindung von Nominalismus und Geistrealismus. Für eine solche Verbindung, die noch in der Zukunft liegt, kann Das Schwarze freilich nichts weiter als eine Vorarbeit sein; das ist auch sein eigener Anspruch. Diesen Anspruch erfüllt das Werk trotz mancher nicht zu übersehender Schwächen zusammenfassend in zufriedenstellender Weise. Mehr aber noch nicht; zu groß ist wohl noch, was hier als Notwendigkeit „intuitiv“ erkannt ist und sich (wohl mehr oder weniger aus Selbstschutz) fern der Bahnen der akademischen Philosophie vollziehen will. In seiner immanenten Genauigkeit allerdings, den genannten entscheidenden Punkt zu treffen, wird Das Schwarze kaum von anderen philosophischen Werken der Gegenwart überboten.

Man sieht: Max Lorenzen ist kein akademischer Brot-Philosoph, sondern ein wirklicher Denker. Einer der wenigen der Gegenwart. Er will Substanzen des Lebens nominalistisch und geistrealistisch zugleich denken - auch, wenn er nicht in der Lage ist, den dazugehörigen Prozeß immer klar zu ordnen oder voll zu durchschauen. Er gehört, eben als Mensch ganz der Gegenwart, zu denen, die heute in der völligen Leere aller geistigen Traditionen und Strömungen ganz aus sich selbst heraus das Wirkliche schonungslos zu denken suchen, und die dabei – in der Katharsis und der Erschütterung, der Einsamkeit, dem Schmerz, dem Kampf und der äußersten Anstrengung, die sich dabei zwangsläufig einstellen – fast notwendig auf eine objektive geistige Wirklichkeit stoßen.

Das Schwarze ist, bei aller intellektuellen Schärfe, die in typisch postmoderner Manier bis in die Nähe seiner dialektischen Selbstzerfleischung reicht, in Wirklichkeit nicht vorrangig für den nominalistischen Intellekt der Zeit geschrieben, obwohl es sich all seiner Mittel und seines charakteristischen Duktus bedient. Sondern es ist in erster Linie für das dämmernde neue Denken auf der Ebene des vorsprachlichen Willens-Eindrucks verfaßt – also für die spezifisch geistige Ebene des Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts. Es handelt sich um den nichts weniger als revolutionären - und, wie man schon im Titel „Das Schwarze“ sieht, grundsätzlichen - Versuch, anhand der Erfahrung des Rätsels des Bösen das nominalistisch-kritische mit dem geistrealistischen Denken zu vereinigen und daraus eine neuartige, ebenso irritierende wie intellektuell gefestigte und präzise Theorie des Bild-Denkens für die „Nachmoderne“ grundzulegen. Ist Lorenzen dies gelungen?

Die Antwort fällt ambivalent aus. Das geistige Potential dieses Buches wird vor allem als Qualität des Prozesses im Lesen und immer wieder auch explizit in einzelnen Passagen anwesend. Dieses Potential ist das, worum es geht; es ist wichtiger als der Gehalt. Nach dem Erlebnis der Lektüre erinnert man sich nur noch an wenige erschütternde – und zum Teil innerlich aufwühlende – inhaltliche Passagen. Aber man ist durch den ätherischen Prozeß eines echten Denkens hindurchgegangen, der in der eigenen ätherischen Verfassung Spuren hinterläßt. Diese Spuren reichen von Fragenvielfalt bis zur Erschütterung durch die Wirklichkeit des Bösen und zur Katharsis. Sie reichen aber auch bis zu einer Stimmung der endgültigen ausweglosen Selbstzerfleischung der Philosophie am Beginn des 21. Jahrhunderts, die vor der realen Wirklichkeit des Bösen nicht mehr weiß, wohin - außer in ihre eigene fundamentale Verwandlung hin zur geistigen Wirklichkeit.

Mit der Notwendigkeit dieser Verwandlung klingt das Buch aus, ohne daß es endet, und ohne daß es diese Verwandlung selbst vollzieht. Das liegt, wie gesagt, durchaus im Rahmen der Intention des Autors, der Das Schwarze selbst nur als Vorstufe zu einer von ihm geplanten „Philosophie des Übergangs“ ansieht, an der er, als an seinem Hauptwerk, seit mehr als 15 Jahren arbeitet.

Diese „Philosophie des Übergangs“ wird, wenn sie denn gelingt und einmal erscheint, eine positive Philosophie für die nominalistische Postmoderne sein müssen. Sie wird alle ihre dekonstruktiven Erreichnisse aufnehmen, aber sie wird sie auf eine nächste, höhere Stufe hinaufführen müssen. Diese höhere Stufe, diese zweite Generation der Postmoderne wird konstruktiv sein müssen: sie wird Nominalismus und Geistrealismus vereinen müssen. Dazu ist das von Lorenzen in der Begegnung mit dem Bösen entdeckte Bild-Denken auf der Willensebene ein gangbarer Schritt.

Lorenzen hätte am Schluß des Schwarzen nicht, plötzlich seltsam zaudernd, pessimistisch und verunsichert, vieles von dem mutig Eroberten wieder zurücknehmen und relativieren müssen. Sein Ansatz ist zukunftsweisend. Vielleicht ist die Zeit für diesen Ansatz zumindest in der akademischen Philosophie noch nicht wirklich da, und das mag mit ein Grund sein, warum es bei Lorenzen oft so negative und pessimistische Einschübe gibt. Aber diese Zeit wird kommen. Und Max Lorenzen wird, mit seinem immer wieder schönen sprachlichen Duktus und dem sorgfältigen Gestus seines Denkens, einer ihrer Vordenker und Vorläufer gewesen sein.

Max Lorenzen, Das Schwarze. Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne. Philosophisch-literarischer Essay, Marburg 2001 (Tectum Verlag), 280 Seiten, ISBN 3-8288-8308-7, 25,90 €   

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