![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Ludger
Lütkehaus: Hannah Arendt - Martin Heidegger.
Eine Liebe
in Deutschland. Marburg an der Lahn: Basilisken-Presse, 1999, 35 S., ISBN
3-925347-55-0
"Liebe Hannah! Das Dämonische hat mich getroffen.
Das stille Beten Deiner lieben Hände und Deine leuchtende Stirn behüteten es in
fraulicher Verklärung. Nie noch ist mir so etwas geschehen“ (S. 14). Der, der
dies im Februar 1925 an die zu diesem Zeitpunkt achtzehnjährige jüdische
Studentin Hannah Arendt schrieb, war, man mag es kaum glauben, der spätere
„Seinsdenker“ Martin Heidegger. Aber was genau war da geschehen? Nun, kurz
zuvor war Hannah Arendt in die kleine Universitätsstadt Marburg gekommen, um
bei Bultmann und Heidegger zu studieren. Binnen kürzester Frist entspann sich
zwischen Heidegger - von dem Hannah Arendt im Rückblick einmal sagte, er habe
schon damals als der heimliche König im Reich des Denkens gegolten - und der
jungen Studentin eine heftige Liebesbeziehung. Ludger Lütkehaus nimmt nun in
dem vorliegenden Essay den 1998 veröffentlichten Briefwechsel zwischen
Heidegger und Arendt, der die Jahre 1925 bis zum Tod Hannah Arendts am 4.
Dezember 1975 umfaßt, zum Anlaß, die Geschichte dieser Beziehung an ihren
Höchst- und Tiefstpunkten nachzuzeichnen: zu Beginn, zur Zeit der Trennung, des
vorläufigen Abbruchs, der Wiederaufnahme und schließlich im Lebensherbst (s. S.
8). Lütkehaus’ Interesse konzentriert sich vornehmlich auf die politische Bedeutung dieses
Briefwechsels. Sie, so stellt er heraus, liege insbesondere darin, daß dieser
Briefwechsel - auch und gerade da, wo er alles Politische auszusparen scheint -
eine Art Kommentar darstellt zu Heideggers „Irrtum“ in nationalsozialistischer
Zeit, zu dem Milieu, in dem sich seine Anschauungen bildeten, zu den
Einstellungen und Haltungen, die er als Mann, als Professor, als Rektor und
schließlich auch als Mitverantwortlicher, wenn auch nicht als Mittäter,
favorisierte (s. S. 8). So gesehen, hält Lütkehaus fest, zeige dieser
Briefwechsel, mit einem modifizierten Hegel-Wort gesagt, „die Zeit, nicht in
Gedanken, sondern in der Geschichte
einer Liebe erfaßt“ (S. 9).
In Hanna
Arendt, die von Zeitgenossen wie Benno von Wiese, Hugo Friedrich, Hans Jonas
und Günther Anders geliebt, begehrt und bewundert wurde, begegnete Heidegger,
der zum damaligen Zeitpunkt 36 Jahre, verheiratet und Vater zweier Söhne war,
eine überaus anziehende und hochbegabte Studentin. Wie Lütkehaus betont, liebte
er „den Glanz ihrer Augen, ihre Schönheit, ihre Aura von Intelligenz und
Melancholie“ (S. 11). Schon kurz nach ihrer ersten Begegnung zögerte Heidegger
nicht mit entschlossener Werbung, die den Auftakt zu einer Liebesbeziehung
bildete, in deren Verlauf Hannah Arendt zu Heideggers ‘philosophischer Muse’
wurde (S. 17). Diese Liebesbeziehung hält bis zum Winter 1932/33 an: kurz vor
Beginn von Heideggers Rektorat erreicht Hannah Arendt der vorerst letzte Brief.
Heideggers politischer Sündenfall ist im Blick auf Hanna Arendt zugleich
„Liebesverrat“ - Verrat nämlich an der Liebe zu einer Jüdin (S. 21).
Von da an
herrscht zwischen den beiden völlige Funkstille. Erst 1948 wagt Hannah Arendt
einen Wiederanknüpfungsversuch, der zu einer Wiederbegegnung im Februar 1950,
also 25 Jahre nach Beginn der ersten Liebe, führt. Von 1952 bis 1967 kommt es
dann zu keinen weiteren persönlichen Begegnungen. Ein direkter, persönlicher
Kontakt wird erst nach dieser 15jährigen Unterbrechung wieder aufgenommen, der
nun in ruhigere und verläßlichere, aber auch distanziertere Bahnen einmündet.
In ihrer
Rede zu Heideggers 80. Geburtstag am 26. September 1969, die vom „Nachtstudio“
des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt und vom „Merkur“ gedruckt wurde, hat
Hannah Arendt in der Rückschau beschrieben, was sie am Heidegger der zwanziger
Jahre so anzog, daß es sie schließlich in seine Arme trieb (s. S. 9 ff.).
Dieser Rückschau zufolge sah sie in Heidegger einen Lehrer, bei dem man „das
Denken lernen kann“, einen Denker, dem es auf „die Sache selbst“ ankam, auf
eine Philosophie, die ihren „Sitz im Leben“ hatte, die sich, anders gesagt,
nicht in Gelehrsamkeit, Historie und Exegese erschöpfte. Dank seiner
suggestiven Sprache, der Leidenschaft seines Denkens und der Unkonventionalität
seines Auftretens war Heidegger offenbar „auch erotisch hochfaszinierend“ (S.
6). Vom „Irrtum“ des „groß Denkenden“, an den Heidegger im Rückblick am
liebsten glaubte, will Hanna Arendt in ihrer Rückschau indessen nur sehr
bedingt wissen - wie sie überhaupt die politische Rolle Heideggers „scharf,
manchmal überscharf“ sieht (S. 7).
Lütkehaus gelingt es auf relativ engem Raum, die entscheidenden Momente der „Jahrhundertliebe“ zwischen Hannah Arendt und Heidegger präzise herauszuarbeiten, so daß trotz der Konzentration auf zentrale Stationen beider Lebenswege ein überaus plastisches Bild ihrer Liebesbeziehung entsteht, die immerhin, auch wenn sie sich am Ende als eine mehr freundschaftliche Beziehung gestaltete, ein halbes Jahrhundert überdauerte. Wer diesbezüglich nun die Ausbreitung von Klatschgeschichten erwartet haben mag - was ja, wenn es um Liebesdinge geht, nur zu nahe liegt -, wird sich enttäuscht sehen müssen. Lütkehaus’ Essay ist es ein leichtes, solch seichtes Gewässer und die in ihm drohenden Sandbänke zu umschiffen.