Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Gelesen vom Autor. Sowie: Heinrich Böll diskutiert mit Schülerinnen und Schülern des Geschwister Scholl Gymnasiums Pulheim über seinen Roman. Begleittext von Viktor Böll. 5 CD, Gesamtlaufzeit ca. 296 Minuten, Produktion: NDR 1963/WDR Köln 1982, Hörverlag, 2002, ISBN 3-89584-971-5, 25,90 €

Vor dreißig Jahren, am 10.12.1972, fand die Verleihung des Nobelpreises an Heinrich Böll statt. In jener Zeit, die politisch von der abebbenden und sich deswegen teilweise extrem radikalisierenden Studentenbewegung geprägt war, gehörte er fraglos zu den wichtigsten Autoren Westdeutschlands. Von seinem 1963 erschienenen Roman: Ansichten eines Clowns waren bereits 1982, als die Diskussion des Autors über dieses Buch mit Schülern, wiedergegeben auf der letzten CD, aufgezeichnet wurde, über eine Million Exemplare verkauft worden. Böll starb am 16.7.1985. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekam er gleichsam seinen literaturgeschichtlichen Platz als Schriftsteller der Nachkriegsjahrzehnte, der bundesrepublikanischen Restaurationsphase und schließlich der politischen Gärungsperiode der sechziger und siebziger Jahre zugewiesen. Einher mit dieser Einordnung ging, wie immer, ein Nachlassen des Interesses: Böll war kein Gegenwartsautor mehr, sondern stand nun für eine Epoche, deren Problemstellungen bereits der Geschichte angehörten.

Die Wiederbegegnung mit diesem Roman steht mindestens unter zwei, deutlich voneinander unterschiedenen Aspekten. Man fragt unwillkürlich nach der in dem Buch dargestellten Zeit, den gesellschaftlichen Verhältnissen der Bundesrepublik, in der der katholische Klerus längst ein Bündnis mit den neuen politischen Kräften eingegangen war; und man prüft mit einer gewissen Neugier den eigentlich literarischen Gehalt des Werks, der ja in den damals von ihm angeregten Debatten eine eher geringe Rolle spielte.

Ich gestehe gleich zu Anfang, dass die Buchlektüre und das Hören des von Böll gesprochenen Textes bei mir zu recht unterschiedlichen Eindrücken geführt haben. Böll erläutert selber in seiner sehr interessanten Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern des Geschwister Scholl Gymnasiums Pulheim die untergründige Struktur des Romans. Die Hauptfigur, der Clown Hans Schnier, bewege sich in einem Labyrinth und sei rettungslos dem unsichtbar bleibenden Minothaurus ausgeliefert, weil er den Ariadne-Faden, die Beziehung zu seiner Geliebten Marie Derkum, verloren habe. Es gebe Bezüge zu Salingers "Fänger im Roggen", Camus’ "Fremden", besonders aber zum "Idioten" Dostojewskis. Hans Schniers Schicksal sei dasjenige eines unschuldigen Menschen, eines humanistischen Anarchisten, der auf die zerstörerisch gewordene Ordnung der Gesellschaft treffe und an ihr zu Grunde gehe. Diese Unschuld des Clowns, für den etwa Geld im strikten Sinne nur Mittel ist, um reale Bedürfnisse zu befriedigen, der also von seinem "Fetisch-Charakter" nichts begreift, zeigt sich auch in seiner Vorstellung von Liebe und Ehe. Er lebt mit Marie ohne Trauschein und kirchlichem Segen zusammen - deswegen wird sie sich von ihm trennen und den Katholiken Züpfner heiraten - und versteht sein und Maries Gefühl für einander als eigentliche Legitimation ihrer Beziehung.

Anders jedoch als Fürst Myschkin, dem "Idioten" Dostojewskis, eignet Bölls Clown eine Selbstgerechtigkeit, die besonders in der zweiten Hälfte des Romans immer peinlicher (um einen Lieblingsausdruck des Schriftstellers zu benutzen) in Erscheinung tritt. Die "Unmittelbarkeit" seines Gefühls äußert sich vielmehr in drastischen Urteilen, die anderen Menschen von vornherein nur eine schablonisierte Existenz lassen. Entsprechend bekommt das Scheitern Schniers etwas Melodramatisches und wird selber zur Posse. Wenn er schließlich bettelnd am Bonner Hauptbahnhof sitzt, mit zu dick aufgetragener Schminke, so möchte er im Grunde der von ihrer Hochzeitsreise heimkehrenden Marie demonstrieren, was aus ihm geworden ist und sie damit auffordern, zu ihm zurückzukehren. Er kann nicht akzeptieren, dass sie ihn verlassen hat und sieht dementsprechend nur einen einzigen Grund für ihr Verhalten, nämlich die Beeinflussung des katholischen Kreises, dem sie angehört. Auf der unhinterfragten Verlässlichkeit dieser Annahme beruht das Gerüst des Romans. Es impliziert eine scharfe Scheidung: hier die Ehrlichkeit des Gefühls, dort das Verlogene der Konvention, hinter deren vorgeblich christlicher Ethik sich der politische Machtanspruch verbirgt. Anders als Myschkin, dessen Menschlichkeit das Menschliche selbst in scheinbar gänzlich verhärteten Psychen freisetzt, erzeugt das drastische Verhalten Schniers im jeweiligen Gegenüber nur den ebenso rigorosen Reflex.

Obgleich mithin der Roman insgesamt, gemessen an seinem eigenen Maßstab, nicht gelungen ist, enthält er doch viele Passagen, die den Leser auch heute noch beeindrucken. Dazu gehört insbesondere die Schilderung der ersten gemeinsamen Nacht, die Hans Schnier und Marie miteinander in der ärmlichen Wohnung ihres Vaters verbringen. Auch hier jedoch wird deutlich, dass der angehende Clown rücksichtslos handelt: ich "musste diese Sache heute mit Marie tun", ungeachtet der Folgen, die das für sie haben wird. Wer sich im Besitz des wahren Gefühls, ja der Wahrheit überhaupt weiß, kann sich über die verachteten Konventionen hinwegsetzen. An dieser Stelle verbinden sich, auf äußerst erhellende Weise, die Gesetzmäßigkeit des angestrebten literarischen Gehalts und die sich im Buch spiegelnden, teilweise antizipierten gesellschaftlichen Entwicklungen.

Der wenige Jahre nach dem Erscheinen des Romans einsetzende Protest der jungen Generation wird, bei aller Berechtigung, doch von derselben Intransigenz durchdrungen sein, die Böll auch seinem Protagonisten verleiht. Die Studentenbewegung erleidet, in kleinerem Maßstab, das Schicksal vieler revolutionärer Bewegungen, deren Vertreter die Autorität, gegen die sie sich auflehnen, in veränderter Gestalt fortleben lassen, statt sie abzuschaffen.

Wie liest Böll nun diese Geschichte? Jeder kennt den unverwechselbaren Ton seiner Stimme, die langsam, aber doch unbeirrbar, scheinbar ein wenig müde, sich gleichsam wiegend und manchmal fast singend, vorträgt. Willy Brandt hat von dem "gänzlichen Mangel an Dämonie" dieses Schriftstellers gesprochen, und wer Böll hört, spürt sofort, dass er die in seinem Fach sonst übliche Selbststilisierung ablehnt. Auch in der erwähnten Diskussion mit den Schülern stellt sich der Eindruck ein, hier stehe jemand für sich, beinahe ohne Attitüde, und beharre mit sanftem Nachdruck auf dem Recht des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen. Diese durch und durch menschliche, so lebendige und selbstverständlich-demokratische Haltung moduliert auch die Roman-Lesung. Sie prägt sich ein und transformiert in mancher Hinsicht den gelesenen Text. Man begreift, dass dessen Konzept ein gewisses Misslingen in Kauf nimmt, um einen tiefen humanen Impuls in den Bereich der Literatur einzuführen, der nicht nur ihren größten Schöpfungen häufig fehlt. Böll steht für diesen Versuch, den seine Stimme vernehmbar und nachvollziehbar macht. Zuhörend erkennt man eine Physiognomie von Werk und Leben, die man in der individuellen und gesellschaftlichen Erinnerung nicht missen möchte.

Max Lorenzen

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