Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Bücher sind die Welt

Cotroneos etwas andere Buchempfehlungen an seinen Sohn

von Herbert Fuchs

Wieder ist eine Kanondiskussion um die richtigsten, die wichtigsten, die besten Bücher ausgebrochen. So bringt die spanische Zeitung „El Pais" in ihrer Ausgabe vom 14. 9. 02 eine Liste von vierzig Klassikern des 20. Jahrhunderts, darunter Böll, Hesse, Kafka, Frisch und Thomas Mann. Von Mlichel Houellebecq liegt eine Veröffentlichung auf den Tischen der Buchläden, in der Bücher in eine Wertungsskala 1 bis 100 eingeordnet werden, mit Camus' "Der Fremde" an erster Stelle. Reich-Ranicki hat zwanzig Romane – „Was man lesen muß" - als Verkaufsschlager-Kassette gebündelt; die Startauflage ist bereits vergriffen. Und in der Ausgabe vom 10. Oktober 02 titelt die "Zeit'' auf Seite 1: "Land ohne Leser" und eröffnet den Literaturteil mit der Überschrift: "Die Zeit-Schülerbibliothek. Weshalb wir einen literarischen Kanon brauchen“: - Kanonlisten in dieser publizistischen Massierung und Aufdringlichkeit sind immer auch Ausdruck einer Krise des Literaturbetriebs und Zeichen einer Verunsicherung der Leser. Bestenlisten sollen aus solchen Verlags- und Leserkrisen herausführen. Sie haben allerdings oft gerade den anderen Effekt, daß sie nämlich den Leser durch ihre Gewichtigkeit und Vorschrifthaftigkeit bedrängen und Lesen zu einer nicht unbedingt vergnüglichen Pflichtübung machen.

Da ist es gut, daß in anderen Publikationen überzeugendere Wege zum Buch aufgezeigt werden, Wege, die den einzelnen - hier: jungen Leser in seinen kreativen Möglichkeiten, sich mit Büchern auseinanderzusetzen, herausfordern, ihn ernst nehmen, ihm vielfältige Ratschläge und Hilfen geben, die er zum Verständnis eines literarischen Textes benötigt, ihm aber immer wieder auch sagen, daß er von den Leseangeboten nur so Gebrauch machen soll wie es seinen Interessen und  Vorlieben entgegenkommt, daß Lesen zwar manchmal "einen Berg ersteigen'' heißt, daß aber Bücher nicht „heilig" sind und m an sie auch „wegwerfen" kann.Die Rede ist von Roberto Cotroneos Buch "Wenn ein Kind an einem Sommermorgen", 2002 im Insel-Verlag erschienen.

Und gleich der Untertitel "Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern“ gibt einen ersten Hinweis darauf, wie es gelingen kann, Kinder und Jugendliche, aber das gilt auch für Erwachsene, zum Lesen zu führen, sie dahin zu bringen, daß sie eine Beziehung zu Büchern entwickeln, die ihnen hilft, sich selbst und die Welt besser zu verstehen, und daß sie sich von einigen dieser Bücher ein ganzes Leben lang, immer wieder in anderer Form, begleiten lassen. Lesen ist für den Literaturkritiker Cotroneo Arbeitsalltag. Aber überall im Buch spürt der Leser, daß Bücher für ihn Freundesind, ohne die sein Leben leerer und ärmer wäre, daß Lesen für ihn Liebe zu Büchern und Begeisterung ist.

Diese Lesehaltung vor allem will er seinem Sohn Frrancesco vermitteln und ihm zeigen, daß nur so die wahre Bedeutung von Literatur erfahren werden kann. Cotroneo läßt am Ende seines Buches zwei Schriftsteller auftreten, die eine Art Summe aller vorausgegangenen Interpretationen, Analysen, Beschreibungen und Leseratschläge ziehen. Der eine ist Jorge Luis Borges. Cotroneo läßt ihn - er zitiert dabei aus Borges' Essay "Vom Bücherkult" - in einer märchenhaften Szene in einem Schloßhof zu Schriftstellern und allen möglichen Buchfiguren eine Rede über die Bedeutung des geschriebenen Wortes halten, die in der Feststellung gipfelt, ''daß die Welt, wenn sie existiert, zur Rechtfertigung eines Buches existiert". Der andere ist Italo Calvino. An dessen Sätzen aus dem letzten Teil der Vorlesungen "Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend" demonstriert Cotroneo seinem Sohn die Macht und Schlagkraft von Phantasie und Kreativität: "Die Phantasie ist kein Mittel, um andere zu verblüffen und sich Applaus zu verschaffen. Die Phantasie ist eine geometrische Dimension, die fünfte neben Länge, Breite, Höhe und Zeit. Sie ist keine Zutat, die das Leben in den Mußestunden ein bißchen verschönt. Sie ist eine grundlegende Existenzweise, ...''

Wer wie Cotroneo Literatur liebt, hat Lieblingsbücher. Zweifelsohne sind die Bücher, die er seinem Sohn ans Herz legt - Francesco mag, wenn er einmal das Buch seines Vater liest, vielleicht neun oder vierzehn oder siebzehn Jahre alt sein -, eine der großen Überraschungen bei der Lektüre von ''Wenn ein Kind an einem Sommermorgen“. - Die beiden ersten Romanempfehlungen fallen dabei noch nicht einmal so aus dem Rahmen. Robert Louis Stevensons "Schatzinsel'' und J .D. Salingers „Der Fänger im Roggen'' gehören durchaus zur Lektüre von Jugendlichen, wenn auch "The Catycher in the Rye" hierzulande eher Schullektüre als Privatlektüre ist. Und trügt der Eindruck, daß viele Kinder und Jugendliche die Schatzsuche in Stevensons Klassiker nur noch aus Verfilmungen des Buches kennen? - Völlig erstaunt aber ist der Leser über Cotroneos weitere Buchvorschläge an Francesco. Wer überhaupt außer sogenannten Fachleuten kennt bei uns T.S. Eliots berühmte Gedichte "Love Song of John Alfred Prufrock" und "The Waste Land"? Prufrock, der nie ja zu sagen, nie Entscheiddungen so oder so herbeizuführen wagt – „And do I dare / disturb the universe?“ – und deshalb bis ans Ende seiner Tage nicht herausfindet, ob die Frau, die er begehrt und liebt, ihn wiedergeliebt hätte, einen solchen "Helden" in die Hände von 14, von 17jährigen? "The Waste Land", eine Metapher für Oberflächlichkeit, Borniertheit, Abgestumpftheit der Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus, als Lektüre für Heranwachsende? Und Cotroneo erhöht die Ansprüche an Frrancesco noch durch Thomas Bernhards Roman "Der Untergeher". Das Buch behandelt am Beispiel dreier Pianisten, zweier sehr guter Spieler und eines Klaviergenies, das Problem von dilettantischer und genialer Virtuosität, von mühelosem künstlerischen Siegen und totalem Scheitern: Die erfundene Romanfigur Wertheimer, ein überdurchschnittlicher Pianist, hört den genialen Glenn Gould zufällig ein paar Takte spielen, erkennt sofort dessen Geniehaftigkeit, zerbricht langsam an dieser Erkenntnis und verübt am Ende Selbstmord. Dieses ''Untergeher"-Buch in seiner komplexen Erwachsenen-Problematik soll einem jugendlichen Leser auf den Lektüretisch gelegt werden?

Kaum denkbar, wenn nicht Cotroneos "Brief über die Liebe zu Büchern'' eine weitere Leseüberraschung bereit hielte. Es ist die Art und Weise, wie er seinem Sohn als - vielleicht - künftigem Leser dieser Bücher und Texte Zugänge zu ihnen erschließt. Cotroneo zeigt hundert Möglichkeiten auf, sich literarischen Texten zu nähern und sie zu verstehen. Alles ist erlaubt, solange es nicht vereinfacht, verfälscht oder einer unernsten Beliebigkeit Tür und Tor öffnet: Er erzählt einmal Handlungsabläufe nach, analysiert ein anderes Mal den Charakter der Hauptfigur, paraphrasiert und erläutert einen Text Zeile für Zeile, springt von Versgruppe zu Versgruppe, läßt dabei Schwieriges aus, greift Verständliches heraus und verdeutlicht wieder in einem anderen Text dessen zentrale Aussagen, indem er die verschiedenen Erzählschichten aufdeckt und kommentiert. Vor allem aber stellt er in vielen lesenswerten Abschweifungen, Vergleichen und Anekdoten Bezüge her zwischen Gelesenem und seiner eigenen Lebenswirklichkeit und, was wichtiger ist, der seines Sohnes. Literatur wird so auf spielerisch - ernsthafte Weise zu einer Sache des Lesers, ein Buch wird sein Buch. "Mit Büchern spielt man, wie in einem Ringelreihen, als wär's ein Versteckspiel. Bücher erzählen Geschichten, damit du andere Geschichten erfinden kannst; und manchmal vermengen sie wahre und erfundene Geschichten so miteinander, daß beide gleich wichtig erscheinen.“

Allerdings, und das ist ein kleiner Einwand gegen ein sonst empfehlenswertes Buch, verführt der Versuch, Francesco zu zeigen, was er aus Literatur erfahren und lernen und wie er damit umgehen kann,  Cotroneo manchmal dazu, Bücher - ihre Figuren, ihre Situationen - zu didaktisieren. Gelegentlich entsteht der Eindruck - "lerne, Francesco“; "hüte dich vor", „höre nicht auf", "glaub nicht an" -, als seien Bücher vorrangig dazu da, Francesco das Erwachsenwerden zu erleichtern.

Nun hat Literatur für Heranwachsende gerade auch diese Bedeutung. Literatur in ihrer sprachlich kodierten Verdichtung von Wirklichkeit zeigt schon immer, wie Menschen sich allein und mit anderen in der Welt einzurichten, sie zu formen und zu gestalten versuchen. Der (erzieherische) Wert von Büchern für Kinder und Jugendliche liegt dabei auch darin, daß sie Wirklichkeit in der Fiktionalität erproben können, ohne sich selbst dem Ernstfall auszusetzen. Literatur wird so zu etwas existentiell Wichtigem, behält aber ihr spielerisches, kreatives, phantasievolles Moment. Cotroneo wählt Holden ("Fänger im Roggen“), um seinem Sohn zu zeigen, wie schwierig die ldentitätssuche eines 17jährigen in der Erwachsenenwelt ist. Oder er zeigt an den Figuren von Jim Hawkins und John Silver ("Schatzinsel"), wie gefährlich die Erfahrung von gut und böse sein kann. Oder er konfrontiert Francesco mit der Figur des Wertheimer ("Untergeher"), damit er erkennt, "wieviel man von seinen eigenen Fähigkeiten und vielleicht von seiner eigenen Begabung erwarten darf." - Von daher kann, ja soll Literatur auch aus einem erzieherischen Blickwinkel betrachtet und benutzt werden. Wer das mit so viel Liebe zu Büchern, so interessant, informativ und spannend tut wie Cotroneo, über den wird im literarischen Universum - "denn es gibt einen Ort, literarisches Universum genannt, wo die Personen aus den Büchern miteinander reden" - sowieso nur Gutes gesprochen.

Roberto Cotroneo: Wenn ein Kind an einem Sommermorgen. Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Burkhart Kroeber, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2002, ISBN 3-458-17133-9, 215 Seiten, 15 €

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