Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Markus Orths: Corpus. Roman, Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt a. M. 2002, 215 Seiten, ISBN 3-89561-094-1, 18,50 €

Markus Orths, Jahrgang 1969, veröffentlichte 2001 den Erzählband „Wer geht wo hinterm Sarg?“, der mit dem  Moerser Literaturpreis und dem open mike der literaturWERKstatt Berlin ausgezeichnet wurde. 2002 erschien sein Roman „Corpus“, dafür erhielt er den Förderpreis für Literatur der Stadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

„Er ist schon hier. Er ruft vom Auto aus an. Er hat auf mein Einverständnis gehofft. Er sagt, Paul? Ich sage, Christof? Er sagt, kann ich ein paar Tage bei dir wohnen? Ich sage, warum? Er sagt, nenn es Suspendierung. Ich sage, jetzt rufst du mich an? Er sagt, jetzt ruf ich dich an. Ich sage, wo bist du? Er sagt, Potsdamer Platz. Ich sage, ich komm dir entgegen. Er sagt, bleib, wo du bist. Er hat meine Adresse.“   (S. 7)

So beginnt  der Roman. Allzu groß scheint die Begeisterung von Paul, dem Ich-Erzähler, über die plötzliche Ankunft von Christof nicht zu sein. Dennoch bereitet er sich geradezu liebevoll, in einer Art Ritual, das im Spannungsbogen eines einzigen Satzes zugleich auf  Distanz gehalten wird, auf diese Ankunft vor.

„Ich gehe in den Keller, am Regal mit den großen Roten blase ich Staub vom Flaschenhals eines Bordeaux, die jungen Robusten liegen rechter Hand, einen von ihnen ziehe ich vorsichtig aus seinem Hohlblockstein, das Glas kratzt leise, ich richte die Flasche langsam auf, trage sie nach oben, setze sie auf dem Tisch ab, zünde Kerzen an, lösche das Deckenlicht und stelle eine Karaffe neben den Wein, den Korken ziehe ich vorsichtig heraus, ich gieße den Wein ohne Hast in die Karaffe, es zeigen sich Bläschen, die Ablagerungen lasse ich am Flaschenboden, ich lege eine Platte auf, Kantaten, sie knirschen, ich nehme den Bass halb heraus, drehe die Lautstärke herunter, sitze da und warte auf Christof.“   (S. 7)

Dass zwischen Paul und Christof eine Spannung besteht aus alter Vertrautheit, Nähe einerseits und andererseits Unsicherheit, Distanz,  wird auch im letzten Abschnitt dieses ersten Kapitels spürbar.

„Nach einer halben Stunde die Türklingel. Ich mache Licht und öffne. Ich weiß nicht, ob ich ihm umarmen soll. Warum nimmt er kein Hotelzimmer? Was zwischen uns liegt, trennt uns. Ich frage nichts, ich will nicht neugierig sein. Der Boden quietscht unter meinen Sohlen. Ich nehme zwei Gläser aus der Vitrine, deute auf die Karaffe und sage, wir müssen noch ein wenig warten. Christof sagt, zeig mir die Wohnung. Ich gehe voraus. Die Küche, sage ich. Christof schaut sich um und nickt. Ich sage, das Badezimmer. Während ich im Türrahmen stehe und Christof hindurchschaut, berührt mich seine recht Schulter am Kinn. Er sagt, Entschuldigung. Ich sage, macht nichts. Ich sage, die Terrasse. Er atmet ein, noch ist es warm. Ich frage ihn, ob er lieber draußen sitzen will. Er sagt, nein, es wird gleich kühl werden. Wir gehen hinein, und ich sage, mein Schlafzimmer. Er sagt, Chagall. Ich nicke. Er sagt, blau und zuckt mit den Schultern. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, setze mich, Christof bleibt an der Tür zum Kellner stehen. Er sagt, der Weinkeller? Ich sage, später.“   (S. 7 )

Distanziert, rituell gehen Paul und Christof miteinander um; später zelebrieren sie auch das Weintrinken so. Dazu passt die Sprache, in der hier erzählt wird, hinter der zugleich etwas vibriert, das gehalten werden muss.  Das Ritual schützt vor angstmachender Nähe.

Wenn das letzte Kapitel beginnt, ist eine Nacht vergangen im Gespräch zwischen Paul und Christof. 

„Die Nacht liegt hinter uns. Leere Flaschen im Wohnzimmer. Ich sage, ich mache Kaffee. Vögel girren vor dem Fenster. Christof geht in mein Zimmer. Er schläft, als ich mit dem Kaffee komme. Ich trinke seine Tasse und meine Tasse und schütte beide noch mal voll. Ein müdes Gesicht. Augenlider zucken. Er träumt schon. Ich lasse die Rollläden hinab, vorsichtig.“ (S. 213)

Während Christof schläft, beginnt Paul zu schreiben:

„... ich schreibe, schreibe schnell, ohne Überlegung, schreibe alles auf, was mir durch den Kopf fährt, schreibe nieder, was mir noch im Ohr klingt, schreibe, ohne zu wissen, wo das, was ich schreibe, hinführt, oft stürze ich ab und schließe die Augen und muss von vorn beginnen, bis ich sehe, dass es so nicht geht. dass ich langsam schreiben wissen muss, wo ich hinwill, und so zersteche ich die Sätze, die mir in den Sinn kommen, trage sie in die Teilstücke meiner Route ein, Stichwort für Stichwort, bis sehe, wie die Strecke langsam Gestalt annimmt.
Christof öffnet die Augen und fasst sich an den Kopf. Er blinzelt, zieht das Laken zu sich, hüllt sich noch einmal hinein und presst den Kopf ins Kissen. Er gibt einen Ton von sich. Wie spät ist es, fragt er. Ich sage, halb vier. Was? fragt er und richtet sich auf, warum hast du mich nicht geweckt? Ich sage, warum hätte ich das tun sollen? Christof steht auf, nimmt seine Kleidung und geht ins Bad. Ich lege den Stift fort, gehe in die Küche und beginne zu kochen.
Später höre ich ihn im Wohnzimmer, er telefoniert, er spricht lange. Schon steht er neben mir, sein Haar ist nass. Er sagt, ich kann nicht bleiben, ich muss fahren. Er zieht sein Jackett über. Ich drehe mich vom Ofen weg. Ein Gespräch, sagt er, der Bischof, morgen früh. Ich frage, Suspendierung? Er sagt, nicht unbedingt.
Ich frage: Wovon hängt es ab?
Er: Von dem, was ich sage.
Ich schalte das Gas aus, nehme ein Küchentuch von der Ablage, wische mir die Hände ab, trinke einen Schluck Wasser und stelle das Glas auf den Tisch.
Und? frage ich.
Und was? fragt er.
Was wirst du sagen?“ (S. 213f.)

Pauls Frage bleibt unbeantwortet.   „Wir sehen uns an. Dann geht er.“ (S. 215)

„Ite, missa est“   ist dieses letzte Kapitel überschrieben.„Introitus“  lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Das sind die Bezeichnungen für den Schluss- und Eingangsteil des Messrituals in der katholischen Kirche.

Zwischen diesem ´Einzug´, dem ´Eingangsgebet´ und der ´Entlassung´, der Formel des Schlusssegens, erzählt Markus Orths – nein: erzählt Paul die Geschichte der beiden Freunde, die Geschichten, die trennend zwischen ihnen liegen. Wie weit  im Sprechen und Erzählen das Trennende zwischen den beiden überwunden werden kann, bleibt offen. In immer erneuten Anläufen, in vielfachen Rückblicken, die nicht chronologisch geordnet sind, die, je weiter der Roman fortschreitet, immer näher an die Erzählgegenwart dieser Nacht heranreichen, taucht der Leser immer tiefer in Christofs Geschichte ein. Wir erfahren von seiner Entscheidung, Priester zu werden, erleben seine wachsenden Zweifel an dieser Entscheidung, seine schmerzhafte Entdeckung der – unterdrückten – Körperlichkeit.

Markus Orths verfügt über eine differenzierte, differenzierende, auf die jeweils erzählte Episode sensibel abgestimmte Sprache. „Und so vergehen die Stunden, in denen die Sprache zwischen ihnen ein Netz webt, in das sie sich verfangen“. (S. 97) Die Rede ist hier von einem Paar, das Christof kennen lernt und das für seine Entwicklung wichtig wird; das Bild, das hier benutzt wird, passt sehr schön für die Sprache von Markus Orths. Gerade durch das gebrochene Erzählen – Paul erzählt, ´referiert´, was Christof ihm nach und nach preisgibt (offenbar mühsam genug) in dieser Nacht von seiner Leidensgeschichte – gerade mit diesem Kunstgriff gelingt es Markus Orths, dass wir als Leser das Schmerzhafte des Prozesses spüren, vielleicht weil wir auf Distanz gehalten, nicht zu sentimentaler Identifikation eingeladen werden. Markus Orths schreibt mit hohem Kunstverstand, mit großem Gespür für die Komposition, für gelungene Spiegelungen, Mehrfacherzählungen, Verschachtelungen, Anknüpfungen. Alle Kapitel, nicht nur die beiden vorgestellten, tragen als Überschriften die Bezeichnungen der Teile des katholischen Messritus (nach dessen chronologischem Ablauf), und dies mit großer Stimmigkeit (die Gefahr, dass dies lächerlich, manieristisch werden könnte, ist ja nicht gering). Nur einige Beispiele. Im 2 Kapitel, „Confiteor“ (´Schuldbekenntnis´) erfahren wir, wie Christof und Paul (13 Jahre alt) durch einen dummen Streich schuldig werden am Tod von Christofs Vater, dessen ´Körper´ förmlich explodiert, eine entsetzliche, eine groteske Geschichte, so erzählt, dass ich beim Lesen unwillkürlich lachen musste (Helmuth Plessner fände sich mit seiner Anthropologie des Lachens bestätigt). Im Kapitel „Hoc est enim corpus meum“  (´Das ist mein Leib´), das mit dem Satz beginnt: „Da traf ihn  (Christof) ein Faustschlag mit voller Wucht in den Magen.“  (S. 168), erfährt Christof sehr wörtlich und schmerzhaft seine Leiblichkeit. Im Kapitel „Pater noster“ (´Vater unser´) stirbt Pauls Vater, ein Mann von geradezu überwältigender Leiblichkeit. Und im Kapitel „Kyrie“ (´Herr, erbarme dich´) erlebt der Leser Christofs vergebliche Suche nach einer Antwort auf seine Frage, ob die Entscheidung, Priester zu werden, richtig sei.

„Doch Christof deutete dieses Nichts, dieses Schweigen, diese Leere als Zustimmung: Er habe kein klares Nein gehört, sagte er sich, also nehme er das Schweigen als Ja.
Und so wurde er es.
Nicht nur die Nacht in der Kirche, sagt Christof, sehe er mittlerweile als Indiz für jene Leere an, die sich in ihm ausgebreitet hätte, eine Leere, die er nunmehr Leere nennen wolle, obwohl er sie früher nie als Leere bezeichnet habe...Er habe damals, sagt er, andere, schmückendere Worte für die Leere gefunden, zum Beispiel Gelassenheit oder Demut. Jahrelang habe er auf diese Weise gelebt, sagt Christof, und es sei ihm nicht schlecht dabei ergangen. Er wusste, er musste diesen und jenen Aufgaben nachkommen, diese und jene Verpflichtungen auf sich nehmen, diese und jene Haltungen verkörpern (!) , und er, Christof, folgte dem Bild, das man entworfen hatte, und er erfüllte alles, was man ihm antrug, und fand im Erfüllen seine Erfüllung, wie er sagt, weil er sah, dass es gut war, was er tat, dass es dem entsprach, was man von einem angehenden Priester zu erwarten pflegte.“ (S. 35f.)

In diesem Kapitel, das nah an den beiden Protagonisten mit der Situation der Erzählgegenwart (Paul und Christof sitzen sich gegenüber) einsetzt, wird Christof als Erzähler und als Betroffener sehr nahe an den Leser gerückt (wörtliche und erlebte Rede), dann auch wieder auf Distanz gehalten (indirekte Rede, Er-Erzähler). Im zitierten Abschnitt, im Satz "und er, Christof, folgte dem Bild, das man von ihm entworfen hatte", wird das Thema des Romans benannt: die Fremdbestimmung der Körperlichkeit. Paul und Christof erleben als Jungen einen Moment intensiver Nähe, entdecken ihre Homosexualität, schrecken davor zurück und fügen sich wie betäubt "einem ausgetüffelten, geheimen Plan" (S. 141), den Christofs Mutter und Pauls Vater "im Stillen" (S. 142) für das weitere Leben der beiden beschließen.
Wie der eine, Paul, als Student mit wütendem Protest aus dieser "ihm auferlegten Rolle" (S. 126) ausbricht, wie der andere, Christof, die Fremdbestimmung zunächst als "Leere" positiv (gar als Mystik) deutet und akzeptiert, dann darunter leidet und ihr in einem schmerzhaften Prozess, bei dem die Begegnung mit einem jungen Paar wichtig wird, auf die Spur kommt, davon erzählt Markus Orths in diesem Roman mit großem Einfühlungsvermögen.

Die Leser dieser Buchvorstellung werden gemerkt haben, dass ich die Verleihung des Marburger Förderpreises für Literatur an Markus Orths sehr begrüße, und dass ich dem Roman, dessen Qualitäten hier nur angedeutet werden konnten, viele Leser wünsche.

Manfred Jobst

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