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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Buch des Monats Dezember 2002:
Nach Benno von Wiese bedeutet das "Kleistsche Drama, insbesondere die "Penthesilea" (...) für die deutsche Überlieferung einen Höhepunkt tragischer Dichtung überhaupt" (Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel, 7. Auflage, 1967, S. 322). Der Herausgeber der vorliegenden Einspielung und des 52-seitigen Booklets Wolfgang M. Schwiedrzik informiert in seinem Aufsatz: "Penthesilea – ein unaufführbares Werk?" darüber, dass das Stück jedoch "lange Zeit vor allem Ratlosigkeit, Abwehr und gar Abscheu hervorgerufen" habe (Booklet, S. 44). "Selbst in Kleists Freundeskreis gab es wenig Verständnis für dieses Drama, das alle guten Sitten und überlieferten ästhetischen Maßstäbe sprengte" (ebda.).

Man beobachtet also einen eklatanten Widerspruch zwischen Bedeutung und Rezeption des Stücks, der im Grunde bis heute fast unverändert fortdauert. Schwiedrzik skizziert die Aufführungsgeschichte und spricht ein deutliches Wort über die verfehlte Aneignung des Schauspiels in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, in der Ära des sogenannten "Regietheaters". Was Regisseure heute mit der "Penthesilea", da jede Möglichkeit eines unmittelbaren Bezuges besonders zu diesem Drama Kleists völlig geschwunden ist, und das Theater nicht einmal mehr die Kraft zu einer echten Krise aufbringt, anstellen, erzeugt weniger Protest, als Langeweile, die sich immer dann einstellt, wenn die jeweilige Umsetzung mit dem Gehalt eines Stücks gar nicht mehr zusammentrifft.
Nun legt die Edition Mnemosyne, der "Verlag für Alte Hüte & Neue Medien", also die vierte Produktion Wilhelm Semmelroths aus den 50er Jahren vor - lieferbar sind bereits Shakespeares "König Lear" (mit Fritz Kortner), "Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel und "Das goldene Vließ" von Grillparzer. Gelingt uns, den Zuhörern, mit ihrer Hilfe der Zugang zu Kleist, und hätten wir so die unschätzbare Möglichkeit, der faden Theaterpraxis der Gegenwart zu entrinnen, um uns dem existentiellen Kern eines Stücks zu konfrontieren, das jede Realität, die damalige wie die heutige, sprengt?
Glückte eine solche Begegnung, mit der Aufnahme von 1955 und dem Drama selbst, scheinbar sofort, geriete man in eine Art schwärmerische Verzückung, à la: "das war noch Theater", so könnte mit der Produktion, jedenfalls aber mit der Rezeption etwas nicht stimmen. Das Sperrige gehört zur Essenz dieses Schauspiels. Eine Regie oder eine Hauptdarstellerin, die es wegschaffen wollten, eliminierten damit, was Benno von Wiese den "Durchbruch der unverstellten Gottheit in einer durch Qual und Gebrechlichkeit verstellten irdischen Welt" nennt (a. a. O., S. 323). Aber so leicht machen es uns Semmelroth und Maria Becker nicht. Beim ersten Hören erstand für mich sofort die Theater-Welt von vor 1968, der ich, noch als Schüler, in den Fernseh-Inszenierungen etwa Shakespeares und Schillers begegnete, oder als Student 1969 in Hamburg, wo vor dem Einbruch des "Regietheaters" Quadflieg Anouilh so spielte, dass mir das Erlebnis des Nachthimmels nach dem des Stücks immer noch im Gedächtnis ist. Sähe man jetzt die Fernseh-Aufzeichnung des "Wallenstein" wieder, so hätte man sich mit dem militärischen Ton auseinanderzusetzen, der auch in der "Penthesilea" von 1955 zu hören ist; natürlich ist er gerechtfertigt, schließlich handelt es sich um Kriegsthemen, aber dennoch spielten die Engländer die Königsdramen Shakespeares anders, weniger martialisch. Auch Penthesilea selbst rast und schäumt, sodass man zunächst ein wenig verschämt und auch mit Ablehnung reagiert: bei aller Begeisterung, die auch beim ersten Hören sofort entsteht.

Maria Becker als Penthesilea, Zürich 1942 (Booklet, S. 48)
Ich war, als ich die erste CD der "Penthesilea" auflegte, so gespannt, wie lange nicht mehr. Dann mischten sich Freude und Spannung mit einer Erinnerung, die etwa beinhaltete: richtig, so war das. Enttäuschung jedoch angesichts von etwas schon Bekanntem kam nicht auf. Bei den stimmlichen Ausbrüchen der griechischen Soldaten und der Amazonenkönigin, die gerade am Satzende an den entsprechenden Stellen laut wird, stellte sich eine Reserve ein, die in die Frage nach dem Verhältnis des "hohen Tons", von dem Schwiedrzik spricht, und der jüngsten deutschen Vergangenheit, deren katastrophisches Ende gerade zehn Jahre zurücklag, mündete. Diese Frage ist wichtig und interessant. Sie ist unmöglich ad hoc, mit dem Blick nur auf diese eine Produktion, zu beantworten, sondern muss im Schwerpunkt des Forums "Theater heute" erneut gestellt werden. (Für mich, "Penthesilea" betreffend, habe ich die vorläufige Antwort gefunden, dass selbst in einer Amalgamierung von "hohem Ton" und Diktatur, die nicht gänzlich ausbleiben konnte, die von Schwiedrzik angeführte Tradition des deutschen Sprechtheaters (Booklet, S. 49) zweifellos eine Eigendynamik besaß, die den politisch-gesellschaftlichen Einwirkungen etwas entgegenzusetzen hatte.)
Nachdem ich auch die zweite CD, die eine unglaubliche Steigerung enthält, gehört hatte, spürte ich deutlich, dass der erste Durchgang gleichsam zu groß war, als dass er sich sofort in ein Resümee hätte fassen lassen. Erst beim erneuten und beim dritten Hören fühlt man das Unausschöpfliche des Textes und der Aufnahme klarer. Nun fällt die Reserve gegenüber den lauten Stellen, und man achtet mehr auf die Zwischentöne, auf Crescendo- und Decrescendo-Abläufe. Wiederum Benno von Wiese hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Kleist "Penthesilea" "wie ein Musikstück komponiert" (a. a. O., S. 312) habe. Diese Aussage kann an der vorliegenden Aufnahme verifiziert werden. Regie und Artikulationskunst der Schauspielerinnen und Schauspieler lassen einen Klang entstehen, dessen Dynamik oder Ruhepunkte (Penthesilea erzählt Achill den Gründungsmythos und die Geschichte des Amazonenstaates) in gleicher Weise einen Einblick in die Seelen der Kleistschen Heldinnen und Helden ermöglichen.
Neben Maria Becker und Will Quadflieg sind besonders Elfriede Rückert (Prothoe) und Kaspar Brüninghaus (Odysseus) zu nennen. Rückert spricht mit unglaublich klarer und schöner Stimme die Passagen, da Prothoe sich mit gleichsam wissend-ruhiger Selbstaufgabe der auf ihren Abgrund zueilenden Penthesilea immer inniger zuwendet; Brüninghaus gibt den verstandesgesteuerten Odysseus mit tiefer Differenziertheit, sodass man nur mit Schrecken daran denken kann, zu welchen Platitüden in der Entlarvung bürgerlich-instrumenteller Vernunft sich Aufführungen der letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts herabließen. Quadflieg zeigt uns gerade nicht "Achill das Tier" (Christa Wolf: Kassandra), sondern den selbstgewissen Heros, dessen Tapferkeit schon ihn über die anderen Könige der Griechen erhebt, dessen Liebesfähigkeit aber ihn im Untergang in etwas Göttliches verwandelt.
Und Maria Becker? Sie ist fraglos eine ganz außerordentliche Schauspielerin. Ihr eignet das Herbe, das offenbar den tragischen Frauengestalten zukommen muss, es verbindet sich jedoch mit der Darstellung schuldloser Innigkeit zu etwas Archetypischem, das tatsächlich die Türen zu einer Welt jenseits des profanen Lebens aufstößt. Hier, in dieser Zone, ist eigentlich das Theater angesiedelt. Was wir heute noch davon wissen, danken wir unseren Erinnerungen und Aufzeichnungen wie dieser nun wieder von der Edition Mnemosyne vorgelegten.
(Der um II Das Stück und III Schauspielkunst erweiterte Text, der nach den heutigen Aufführungs- und Rezeptionsmöglichkeiten klassischer Stücke fragt, findet sich im neuen Schwerpunkt Theater heute.)