Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Die Schneekönigin

Das Weihnachtsmärchen des Hessischen Landestheaters Marburg

von Jewgeni Schwarz nach Hans Christian Andersen
aus dem Russischen von Gerda Zschiedrich

Inszenierung: Peter Meyer
Ausstattung: Axel Pfefferkorn
Dramaturgie: Anne-Kathrin Guder

Schneekönigin / Prinzessin: Nadine Pasta
Kai / Prinz / Räuber: Harald Preis
Gerda: Johanna Bönnighaus
Großmutter: Jürgen Helmut Keuchel
Kommerzienrat: Bernhard Hackmann
Rabe / Räuber: Arthur Werner
Krähe / Räubermädchen: Regina Leitner
König / Räuber: Michael Boltz
Räuberhauptmännin / Stimme des Rentiers: Stefan Gille

 

Das Märchenspiel Die Schneekönigin von Jewgeni Schwarz (1896 – 1958) haben sich Peter Meyer (Regie) und Axel Pfefferkorn (Ausstattung) als diesjähriges Familienstück des HLT zur Vorweihnachtszeit ausgesucht. – Das Märchen erzählt die Geschichte der Geschwister Gerda und Kai, die behütet bei ihrer Großmutter leben. Die Geborgenheit ihres Alltags wird jäh durch den selbstsüchtigen, mächtigen Kommerzienrat unterbrochen, der von der Großmutter den im Winter blühenden Rosenstock kaufen will. Als diese und die Kinder den Eindringling zurückweisen, schwört er Rache: Er schickt die Schneekönigin. Ihren betörenden, aber auch unheimlichen Verführungskünsten erliegt Kai. Er küsst sie, sein Herz wird kalt und er folgt der Königin schließlich wie verzaubert in ihr Eisreich. Gerda findet sich mit dem Verschwinden ihres Bruders nicht ab. Sie geht in die Welt hinaus, um ihn zu suchen. Ihre Großmutter, ein Rabe, eine Krähe, ein Rentier, ein verspielter Prinz mit seiner Prinzessin, vor allem aber ein furchtloses Räubermädchen helfen ihr gegen einen trickreichen, skurrilen König, lustig-wilde Räuber und den bösen Kommerzienrat, Kai zu finden und schließlich die Macht der Schneekönigin zu brechen. Der Rosenbusch, den die eisige Kälte der Schneekönigin welken ließ, kann am Ende wieder blühen.

 

Regisseur und Bühnenbildner haben sich für eine im Wesentlichen traditionelle Inszenierung des Märchenstücks entschieden und knüpfen damit an Bilder von Märchenfiguren und –situationen an, die die jungen Zuschauer sicherlich aus Fernsehfilmen und Büchern kennen. So sind Gerda und Kai, überzeugend dargestellt von Johanna Bönninghaus und Harald Preis, typische Kinder aus der „Es war einmal ...“-Welt: brav, unschuldig, liebenswert, Märchenkinder bis in die Sprechweise, Gesten und Kleidung hinein. Zusammen mit ihrer Großmutter verkörpern sie ein Stück heiler Welt und bieten damit gerade den jüngeren Kindern Identifikationsmöglichkeiten. – Aber, auch das kennen Kinder und Jugendliche als Märchenstereotyp, die friedliche Großmutterwelt wird durch das Böse von außen verunsichert und bedroht. Die Inszenierung macht das durch die schwarze Gestalt des geldgierigen Kommerzienrats und die eisig glitzernde Schneekönigin in spannungsvoller Weise deutlich. – Unheimliches, Düsteres und Gespenstisches dürfen in einem Märchenstück nicht fehlen. Das Schloss, in das Gerda auf der Suche nach ihrem Bruder gelangt, bietet dafür mit einer Riesenspinne, mit Ritterrüstung, alten Waffen, geheimnisvollen Türen und einer rot leuchtenden magischen Lichterkette die gruselige Kulisse. – Das alles muss in einem Vorweihnachtsmärchen durch lustige und witzige Szenen geschmückt und zusammengehalten werden. Der Inszenierung gelingt das dank eines spielfreudigen Ensembles mit vielen schauspielerischen Kabinettstückchen. Eindrucksvoll sind dabei der respektierliche Rabe, die vornehme Krähe, die eher ängstliche Räuberbande und das frech und knallig auftretende Räubermädchen, eine Göre, die an Pippi Langstrumpf erinnert und von Regina Leitner liebevoll-wild dargestellt wird. – Natürlich hat Peter Meyer ein großes Happy End auf die Bühne gebracht. „Ihr müsst an euch glauben und Mut haben“, sagt das Riesenrentier zu Gerda. Und so stürmt diese nach dem Motte „Gemeinsam sind wir stark“ zusammen mit den Räubern den Eispalast der Schneekönigin, bringt ihn – eines der gelungensten Bilder der Inszenierung – zum Schmelzen und Einstürzen und befreit ihren Bruder Kai. Ein fetziger Disco-Tanz auf der Bühne beschließt den guten Ausgang.

Mit einer Mischung aus kindgerechten märchenhaften Szenen für die eher Jüngeren und karikierenden Überzeichnungen von Figuren und Situationen für die älteren Kinder ist Peter Meyer in der Tat ein „Familienstück zur Vorweihnachtszeit“ gelungen. Lernen jedenfalls können Kinder, Jugendliche und Erwachsene etwas, wenn die Räuberchefin  als ihre Botschaft verkündet: „Kinder muss man verhätscheln, dann werden sie zu richtigen Räubern heranwachsen.“

 B. / H. Fuchs

  Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen