Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Sonny Boys

Eine Komödie von Neil Simon

 

Inszenierung: Manfred Gorr
Ausstattung:
 Axel Pfefferkorn
Dramaturgie:
 Jürgen Sachs
Willie Clarke,
 Komiker: Fred Graeve
Al Lewis, sein ehem. Partner: Peter Radestock
Ben Silverman,
 Willies Neffe: Gabriel Spagna

 Premiere: Samstag, 23. November 2002, Theater Am Schwanhof

 

 „It’s wonderful ...“       Zwei Varietékünstler, Willie und Al, – im eng anliegenden Anzug der 20er, 30er Jahre, mit Hut und Stock – schreiten eine Treppe, die aus der Glitzerwelt einer pompösen Manhattan-Kulisse auf die karge Bühne führt, herunter, singen und steppen und sind wieder „The Sunshine Boys“, die sie früher, 43 Jahre lang, in der Unterhaltungswelt waren und jetzt in einem letzten Come-back-Versuch noch einmal sein wollen: ein grandioser Auftritt, aber auch einer voller Schein und Unwirklichkeit. Gleich wird Al seinem Partner, wie immer bei den Auftritten ihrer großen Vergangenheit, mit dem Finger in die Rippen stupsen und bei „t“-Wörtern ins Gesicht spucken und die Grandiosität der Szene wird in jämmerlichem Gekeife und Geschimpfe enden.  Und wer eigentlich würde heute noch über ihren berühmten Doktor-Sketch lachen wollen? Nicht umsonst beginnt die Inszenierung mit den Witzen einer Fernseh-Comedy-Soap. Willies und Als Sketch kann da nicht mehr mithalten, ist hoffnungslos veraltet. Sie wollen zwar ein imaginäres Publikum mit Lachgesichtsposen zu Heiterkeitsausbrüchen animieren, sind aber in Wirklichkeit nur noch schlechte Karikaturen ihrer selbst. Dazu passt dann auch das traurige Ende: Sie müssen ihre Probe abbrechen, da Willie mit einem Herzanfall zusammenbricht.

 Melancholie des Alterns       Dem Regisseur Manfred Gorr und den drei Schauspielern Fred Graeve, Peter Radestock und Gabriel Spagna gelingen immer wieder vielschichtige Bühnenszenen wie die des Sketchauftritts unmittelbar nach der Pause, die aus Neil Simons Sonny Boys mehr als eine unterhaltsame Komödie über zwei alternde, grantige Komödianten machen: Sonny Boys wird in der Inszenierung des Hessischen Landestheaters auch zu einem melancholischen und tragikomischen Stück über das Altern, bei dem manchem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleiben dürfte.

Fred Graeve   Peter Radestock

 Der alte Reisekoffer unter dem Bett        Wenn sich der Vorhang hebt, blickt der Zuschauer zuerst auf den hell erleuchteten Fensterausschnitt im Hintergrund der Bühne mit den strahlenden Wolkenkratzern Manhattans. Erst danach nimmt er die Gewöhnlichkeit des Hotelzimmers, in dem Willie, halb angezogen, in einem Sessel vor einem Fernseher döst, wahr: eine Heizung mit Münzautomatik, ein Kühlschrank, ein Tisch im Hintergrund. Unter einem Bett auf der linken Bühnenseite steht ein schäbiger alter Koffer: Die Zeiten, als er zum Einsatz kam – ein verblichenes Sonny Boys-Plakat an der gegenüberliegenden Wand zeigt das ebenfalls an -, sind längst vorbei. Was der Zuschauer sieht, signalisiert Vergangenheit, Vergeblichkeit, Ärmlichkeit und mühevolles Altern. Dass Willie und Al dagegen noch einmal mit ihrem einst berühmten Doktor-Sketch ankämpfen wollen, muss scheitern. Die „Sonny Boys“ gehören nicht mehr zur Glitzerwelt Manhattans; sie sind Vergangenheit.

 „Ich mache mit, aber ich bin dagegen.“       Über zehn Jahre haben sich Willie und Al nicht mehr gesehen, haben nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl sie vorher 43 Jahre lang zusammen Abend für Abend die Menschen im Varieté mit Witzen, Liedern, Sketchen, vor allem dem Doktor-Sketch, unterhalten und sich einen großen Namen gemacht haben. Willie ist immer noch verärgert, weil Al seinerzeit ohne Ankündigung ihre gemeinsame Arbeit beendete und ihn verlassen hat. Jetzt bekommen sie noch einmal die Chance, für eine große Gage gemeinsam im Fernsehen aufzutreten. Mit viel Überredungskunst gelingt es Willies Neffen, die beiden zu einem Treffen und zu Proben zu überreden. Aber alles endet im Chaos gegenseitiger Beschimpfungen, obwohl sie sich doch eigentlich mögen.

Peter Radestock   Gabriel Spagna   Fred Graeve

 „Hereinspaziert!“        In vielen Szenen zeigen Fred Graeve und Peter Radestock ihr großartiges komödiantisches Talent. Wie sich Graeve – zum Schein – mit Händen und Füßen wehrt, seinen alten Partner zu treffen, wie Radestock mit leisen Tönen und sparsamen Gesten den Freund verkörpert, wie Graeve den anderen mit Keksdose und Teebeutel austricksen will, wie beide bei ihren Proben über „Herein!“ bzw. „Hereinspaziert!“ aufeinander losgehen, wie sie über die Namen alter Bekannter streiten, sich gegenseitig ihrer Schwächen überführen wollen, ist unterhaltsames, aber auch nachdenkliches Schauspielertheater vom Feinsten. Dazu gehören auch Gabriel Spagnas amüsante Schlichtungsversuche zwischen den starrköpfigen Alten. Nie – dieses Verdienst gilt den Schauspielern wie dem Regisseur – gleitet das Bühnengeschehen in eine Theaterklamotte ab. Im Gegenteil, je näher der Schluss kommt, desto eindrücklicher werden die melancholischen und tragikomischen Akzente der Inszenierung.

„... it’s marvellous that you should care for me.“         Mit der Schlussszene gelingt der Inszenierung eine weitere Steigerung. Al sitzt am Krankenbett seines Freundes Willie. Beide wissen, dass sie ihre letzten Jahre im selben Altersheim verbringen werden. Mit einem Male – das Bühnenlicht wird gedämpfter – bricht ihre Scheinwelt zusammen. „Ich kann kein Runter mehr verkraften“, sagt Al. „Ich bin etwas müde“, gibt Willie zu. Jetzt, die Aufführung hat da ihren berührendsten Moment, sind sie sich wirklich, vielleicht wie nie zuvor, ganz nahe. „43 Jahre lang haben wir Späße gemacht und du hast nicht ein einziges Mal gelacht“, sagt Al halb vorwurfsvoll zu Willie. Da lachen sie endlich zusammen, beide aus vollem Herzen. Der Vorhang fällt.

Herbert Fuchs

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