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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Viele kritisieren heute die türkische Elite – sowohl im In- wie im Ausland. In den meisten Fällen zu Unrecht. Die gegenwärtige türkische Elite weist viele Vorzüge auf, die sie auszeichnen: Qualitäten wie Verläßlichkeit, Konstanz, Loyalität, Zurückhaltung, Flexibilität und eine außergewöhnliche Diskussionsbereitschaft.
Allerdings weist die türkische Elite heute auch empfindliche Schwächen auf und ist vielfach mit Umständen und Bedingungen konfrontiert, die sie in ihrer Entfaltung behindern. Das ist umso bedauerlicher, als in ihr ein großes Potential liegt, das bislang kaum angemessen ausgeschöpft wird. Dabei könnte das ganze Land von den Fähigkeiten seiner Elite profitieren. Aber vor allem die fehlende Bewußtseinsbildung über strukturelle, soziale, psychologische und institutionelle Schwierigkeiten verhindern bislang hier den Fortschritt und die Suche nach Lösungen. Diese fehlende Bewußtseinsbildung, vor allem die fehlende öffentliche Bewußtseinsbildung und Diskussion über eine stärkere Freisetzung und Entfaltung des intellektuellen Lebens, ist ein Versäumnis der institutionellen Verantwortungsträger, aber, und zwar in nicht zu unterschätzendem Maß, auch der intellektuellen türkischen Elite selbst.
Deshalb versuchen wir im folgenden Beitrag erstens eine kurze Analyse der aktuellen Situation der türkischen Elite, und hier vor allem der intellektuellen Elite. Und wir versuchen zweitens die umrißartige Darstellung einiger Perspektiven und Lösungsansätze. Wir fassen damit nur, wie wir glauben, in übersichtlicher Weise zusammen, was heute viele, die der türkischen Elite angehören, äußern, und was fast alle wissen, was aber kaum irgendwo ausgesprochen und zusammenfassend artikuliert wird. Wir tun das in der Absicht, der türkischen Elite zu helfen, sich von gewissen ungünstigen Rahmenbedingungen zu emanzipieren und sich besser zu entfalten.
Dabei wählen wir ein Verfahren, das uns objektiver erscheint als eine einseitige Innen- oder Außenansicht: wir wählen eine Kombination von Blick von Innen und Blick von Außen. Wir sehen uns dazu in der Lage, weil wir sowohl in der Türkei, als auch im Ausland tätig sind oder waren. Wir haben also Erfahrung auf beiden Seiten, und diese Erfahrung bestimmt unsere Methode. Wir wählen eine Kombination von türkischem und europäischem Blick. Wir hoffen, dadurch unbefangener und objektiver zu beschreiben und zu urteilen, als dies aus einer einzigen der beiden Positionen heraus möglich wäre.
Um die Situation und die Stimmung der gegenwärtigen intellektuellen Elite der Türkei so realistisch und konkret zu beschreiben wie möglich, möchten wir mit einem praktischen Beispiel beginnen. Es ist ein Beispiel unter sehr vielen ähnlichen, die genannt werden können. Und deshalb hat es hat unseres Erachtens symptomatischen Wert für den gegenwärtigen Zustand der türkischen Elite, oder zumindest ihrer Intellektuellen. Wir wählen als Beispiel das Auftreten eines türkischen Professors beim diesjährigen „Internationalen Forum Alpbach“ in Österreich.
Das „Internationale Forum Alpbach“ ist ein alljährlich stattfindendes zweiwöchiges Treffen der europäischen und der Welt-Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Es findet in dem kleinen Bergdorf Alpbach an der österreichisch-deutschen Grenze statt. Dort wird interdisziplinär und frei von Fachgrenzen über die Zukunft diskutiert. Das „Internationale Forum Alpbach“ hat eine lange Tradition. Seit 1945 treffen sich hier die wichtigsten Minister, Staatsoberhäupter, führenden Intellektuelle und Nobelpreisträger aus allen Sparten von Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik und tauschen sich aus. Das „Internationale Forum Alpbach“ ist, so sehen es nicht wenige, die einmal daran teilgenommen haben, das „wichtigste intellektuellen Zentrum der Welt“ – so nannte es jedenfalls der amerikanische Nobelpreisträger James Buchanan im Jahr 1987. Und vor allem seit der österreichische Ex-Vizekanzler und Koordinator des Stabilitätspaktes Erhard Busek vor einigen Jahren die Leitung des „Forums“ übernommen hat, wird Alpbach diesem Ruf vollends gerecht.
Heuer trat beim „Internationalen Forum Alpbach“ auch ein türkischer Professor von der Sabanci University Istanbul als Gastredner auf. Er sollte den türkischen Blick beim internationalen politischen Gespräch „Die Zukunft der europäischen Union – der Blick von außen“ vertreten. Der Auftritt dieses Professors war nun aus mehreren Gründen symptomatisch für das Selbstverständnis, das Auftreten und die Situation zumindest eines gewissen Teils der türkischen elitären Schicht.
Schon die einleitenden Bemerkungen dieses Professors, er kenne die Türkei im Grunde gar nicht und könne daher nicht wirklich über die Beziehungen zu Europa sprechen, weil er sich vor kurzem ein Haus in Hamburg gekauft und sich dort niedergelassen habe, weil es ihm dort so gut gefalle, waren peinlich. Und in diesem Ton ging es weiter. Der türkische Professor sprach nicht aus der Position der Türkei, wozu er eingeladen worden war, sondern aus der Sichtweise eines gebildeten, wenn auch durchschnittlich informierten Europäers. Vor allem vermied er sorgsam jeden Vergleich von türkischen und europäischen Sichtweisen, also jede produktive, positive Konfrontation und wechselseitige Kritik. Er präsentierte sich als türkischer Intellektueller, der in gewisser Weise für die heutige Situation von Teilen seiner Klasse exemplarisch ist, wenn er nicht ohne Selbstgefälligkeit Sätze wie: „Das kulturelle Zusammenwachsen Europas wird lange Zeit in Anspruch nehmen“ verbreitete.
Dieser türkische Intellektuelle war, wie leider auch die meisten anderen heute, in erster Linie auf Nicht-Widerspruch und Zuhörer-Akzeptanz aus. Er umging geschickt jede wirkliche Aussage zu aktuellen Problemen und Brennpunkten. Er präsentierte Sätze, die so offensichtlich waren, daß ihnen niemand widersprechen konnte. Nur reichen solche Sätze in der Regel nicht an die Wirklichkeit heran, und vor allem bewegen und verändern sie nichts. Die Zuhörer erhielten ein ambivalentes Bild, denn hier präsentierte sich jemand, der in vielerlei Hinsicht gerade nicht aus intellektueller Warte zu sprechen versuchte, obwohl er als intellektueller Vertreter eingeladen worden war. Man wußte nicht, ob man einen Intellektuellen oder einen Politiker vor sich hatte.
Und gerade darin erwies er sich als symptomatischer Vertreter seiner Klasse – zumindest derjenigen, die heute in der Türkei integriert ist und auch nach außen als offiziell präsentabel gilt. Aber gerade mit solchen intellektuellen Vertretern kommt die Türkei weder international noch national vorwärts. Denn es mangelt ihnen spürbar die Lust zum kritischen ebenso wie zum wirklich prospektiven Diskurs.
Soweit das Beispiel. Es mag etwas künstlich wirken, doch es hat seinen exemplarischen Wert. Denn in ihm spiegeln sich, wie wir glauben, neben den bereits genannten Vorzügen auch drei symptomatische Schwächen der heutigen türkischen Elite wieder, die keienswegs so unauffällig sind, wie manche hoffen. Diese Schwächen sind durchaus sichtbar. Es sind:
Probleme mit der aktiven und konstruktiven Kritik- und Konfrontationsbereitschaft. An die Stelle dieser Kritik- und Konfrontationsbereitschaft tritt manchmal ein zuweilen übertriebenes Harmonie- und Akzeptanzbedürfnis, das zweifellos manches mit der politischen und kulturellen Isolation der Türkei in ihrem natürlichen regionalen Umfeld zu tun haben mag;
- und als Folge davon - eine Tendenz zu einer gewissen Selbstgefälligkeit und, deshalb, zu einer Stagnation in überkommenen Mustern;
eine zuweilen übertriebene Erzogenheit zum Gehorsam und zu einem kollektiven Bewusstsein ohne ausreichend zutage tretende Individualität, was ebenfalls in einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis seinen Ursprung haben mag.
Diese drei Kennzeichen widersprechen dem Begriff des Intellektuellen, der untrennbar mit den aufklärerischen Begriffen der Offenheit, der Kritik und der freien Emanzipation verbunden ist.
Sie werden vor allem dann deutlich, wenn man die heutige türkische Elite mit einem unbefangenen, objektiven Blick von Innen und von Außen zu betrachten versucht. Dann wird auch sichtbar, daß der oben genannte Intellektuelle kein Einzelfall ist. Deshalb soll er hier auch nicht im besonderen (sein Name ist uns bekannt, tut aber hier nichts zur Sache), sondern nur als Symptom einer gewissen Tendenz der gegenwärtigen türkischen Elite kritisiert werden. Diese Tendenz mag, wie die Verteidiger sagen, in vielen Fällen wenig ausgeprägt und vernachlässigbar sein. Aber sie ist doch immer wieder deutlich sichtbar und spürbar. Es ist eine Tendenz, die keinen Fortschritt in sich birgt.
Deshalb wissen wir uns mit den meisten Intellektuellen der Türkei, die diesen Begriff aktiv tragen, einig, wenn wir für eine Veränderung und Entwicklung der türkischen intellektuellen Elite plädieren. Selbstverständlich müssen dabei auch so präzise und genau wie möglich die objektiven Schwierigkeiten berücksichtigt werden, denen die türkische Elite heute unterworfen ist:
die mangelnde intellektuelle Herausforderung durch das politische, soziale und kulturelle System;
die ungenügende Einbindung durch die umgebenden Staaten des Nahen Ostens und Europas;
die spürbare Abnahme des sozialen Prestiges der Intellektuellen, Elite- und Universitätsangehörigen in den vergangenen Jahrzehnten;
die nach wie vor nicht zu unterschätzende unterschwellige Beeinflussung durch nicht-säkulare religiöse Elemente, und zwar trotz säkularer Staatsorganisation. Trotz seines unverzichtbaren Wertes, seiner hohen moralischen Verdienste und seiner uneinschränkbaren geistigen Bedeutung fördert der Islam die freie Entfaltung der kritischen Intellektuellen noch immer nicht ausreichend und in angemessener Form;
die strukturellen Defizite in der Erziehung zu einem bewussten, kritischen Denken, die in der Schule beginnen und an den Universitäten fortgesetzt werden. Diese Defizite führen dann in letzter Instanz folgerichtig zu mangelndem Selbstbewusstsein. Dieses mangelnde Selbstbewusstsein ist vor allem auf internationaler Ebene immer wieder deutlich bemerkbar. Es führt zum Teil zu dem beschriebenen unangemessenen Auftreten - sei es nun in Form von übertrieben zur Schau gestellter Selbstgefälligkeit, sei es in Form einer gewissen Tendenz zum Umgehen von klaren Stellungnahmen zu Problemen, oder sei es schlicht und einfach in Form einer mehr oder weniger subtilen Verleugnung der eigenen türkischen Identität und Herkunft.
Das sind unseres Erachtens einige Schlüsselelemente für die Beschreibung der Situation, unter denen die heutigen türkischen Intellektuellen leben und unter denen auch die junge Elite-Generation von morgen gegenwärtig heranwächst. Wenn auch in den vergangenen Jahren manches besser geworden ist, und eine ganze Reihe von Persönlichkeiten hervorgetreten sind, auf die die obengenannten Schwächen nicht zutreffen, so lebt doch die große Menge der Intellektuellen unter den genannten Bedingungen, die sie in ihrer natürlichen Gestaltungskraft lähmen. Diese Bedingungen lassen sich natürlich nicht von heute auf morgen ändern. Wer das glaubte, würde sich einer Illusion hingeben.
Trotzdem ist bei unbefangenem Blick eine Entgrenzung und Belebung der türkischen Elite unabdingbar, wenn sich die Türkei, ihre politische Situation, ihre kulturelle Identität und ihre wirtschaftlich-ökonomische Produktivität weiterentwickeln, differenzieren und diversifizieren sollen.
Die wichtigsten Voraussetzungen für die Weiterentwicklung liegen unseres Erachtens – wie die Probleme – ebenfalls auf der Hand. Jeder redet von ihnen, jeder weiß um sie, aber wenige stellen sie offen zur Diskussion. Diese Voraussetzungen sind:
die verstärkte Förderung der Intellektuellen und generell der intellektuellen Elite in Wirtschaft, Politik und Kultur durch öffentliche und private Institutionen. Vor allem muß der direkte Austausch mit dem Ausland (Europa, Naher Osten, Russland und Amerika) gefördert werden;
die Gründung von Stiftungen zur Förderung des intellektuellen Nachwuchses;
die verstärkte Einforderung eines aktiven Beitrages der Intellektuellen zur Erneuerung, Differenzierung und Entwicklung der Türkei;
Abschaffung der klientelistischen Strukturen an Institutionen aller Art, vor allem aber an den Universitäten, wo die künftige Elite heranwächst;
die Einführung von Evaluation in allen Bereichen des intellektuellen Lebens, insbesondere an den Schulen und Universitäten. Wichtigstes Kriterium dabei sollte wiederum der aktive, selbstbewußte und selbstkritische Austausch mit dem Ausland sein;
die mittelfristige Reform der Universitätsgesetzgebung. Entscheidende Aspekte sind dabei die Entpragmatisierung des wissenschaftlichen Personals, die Akzentuierung von Wettbewerbstrukturen, der Abschluß von Zeit- und Leistungsverträgen, die Verstärkung der internationalen Kooperation und des internationalen Vergleichs;
die mittel- bis langfristige Reform der Bildungsorganisation, und zwar sowohl auf staatlicher wie auf regionaler Ebene. Notwendig ist vor allem eine stärkere Differenzierung in nationale und subsidiäre Organisationseinheiten. Die Reform könnte am besten unter Mitarbeit einer unabhängigen Kommission, die je zur Hälfte aus allen Lagern der türkischen Elite und aus internationalen Experten aus Wirtschaft, Politik und Kultur, vorzugsweise mit Türkei-Erfahrung, zusammengesetzt ist. Diese Kommission sollte mit den Verantwortlichen des Bildungsministeriums zur besonderen Berücksichtigung der derzeitigen Anforderungen und Entwicklungsnotwendigkeiten vertrauensvoll und unter Einbringung internationaler Erfahrungswerte zusammenarbeiten.
Selbstverständlich sind diese sieben Aktionsvorschläge nicht der Weisheit letzter Schluß. Aber es sind unseres Erachtens die entscheidenden Felder für die in den kommenden Jahren notwendige Weiterentwicklung. Zusammen würden sie eine kraftvolle Aufwertung und Ankurbelung des geistigen Lebens im Land und damit einen Fortschritt in der gesamten Gesellschaft bewirken. Und deshalb sollten sie ausführlich diskutiert und dann schrittweise konkretisiert werden - und zwar in einem mittel- bis langfristig angelegten Horizont und eben so gut, wie es die Umstände und Möglichkeiten erlauben.
Diese Ausführungen verstehen sich nur als Denkanstoß. Sie können den Leser nur zum Nachdenken und zur Gestaltung eines eigenen Bildes anregen. Aber sie können, wenn das Interesse und der Wille dazu besteht, auch noch mehr sein. Sie könnten zum Beispiel Anlaß für eine internationale Tagung - für eine Art „Generalversammlung der türkischen Elite“ aus dem In- und Ausland - sein, die zum Beispiel von einem Ministerium, von kulturellen Einrichtungen oder von universitären Trägern öffentlicher oder privater Natur veranstaltet werden könnte. Eine solche Tagung über Stand und Perspektiven der gegenwärtigen intellektuellen Elite der Türkei wäre sicher sinnvoll. Sie wäre ein wertvoller Impuls und würde bei entsprechender Unterstützung durch die Medien eine breite, positive Ausstrahlung in die Gesellschaft haben.
Wir danken Elif Coskuner und Tülin Arslan für kritische Auseinandersetzung und Diskussion.
Über die Autoren
Aysegül Altun, Dozentin für Germanistik an der Universität Mersin (Türkei). Stipendiatin des „Internationalen Forum Alpbach 2001“, Stipendiatin der „Sommerschule für europäische Integration“ des „Internationalen Forums Alpbach 2002“.
Roland Benedikter, Lehrbeauftragter für Kulturwissenschaft und praktische Philosophie an den Universitäten Innsbruck und Wien (Österreich), u.a. Gastlehrbeauftragter an der Universität Mersin 2001 und 2001-2002. Teilnehmer am „Internationalen Forum Alpbach“ 1998 und 2001-2002. E-Mail: rolandbenedikter@yahoo.de