![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Das Schlusswort der irisch-deutschen Koproduktion in englischer Sprache könnte auch das Motto der gelungenen Inszenierung von Gavin Quinn sein.
Im Einführungsvortrag gab Manuela Weichenrieder Informationen zur Entstehung der Produktion. Im September und Dezember vergangenen Jahres wurde das Stück in Irland geprobt. Die Premiere fand in Dublin anlässlich des „5th DUBLIN INTERNATIONAL THEATRE SYMOSIUM (6. bis 11.1.2003) statt. Das Symposium versteht sich als Forum der Rezeption neuester Tendenzen des internationalen Theaters.
Das Marburger Theater german stage service sei nun gespannt, wie das englische Stück, das eigens für das irische Festival produziert wurde, vor heimischem Publikum wirke, denn hier sei man im Gegensatz zu Irland im Sprachvorteil.
Die englische Sprache hatte nicht zuletzt auch für ein ausverkauftes Haus gesorgt, war doch ein ganzes Anglistik-Seminar erschienen, so dass im kleinen Foyer des Theaters regelrechtes Gedränge entstand.
Die 76 Zuschauer fanden Platz in der arenaähnlichen Bestuhlung, die große Nähe zum Spielgeschehen herstellte. Wie auf einem Beobachtungsposten konnte man die gespielten, oder vielmehr erzählten Geschichten verfolgen.
Die drei Hauptpersonen Debra Debra (Sigrid Giese in einer sehr überzeugenden Rolle), Uselss Paul (Rolf Michenfelder englisch brillierend in einer grauenhaft-türkisen Golfhose) und Helen (Claudia Weiß mit dem besten deutschen Akzent des german stage service) spielen gekonnt mit der Metaphorik erlebter Beziehungslosigkeit. Eine Eisenkette verbindet zwar die Bürostühle der Protagonisten. Aber Bezugnahme findet vor allem per Diktaphon statt, in Form von Selbstabhörung des Selbstgespräches.
Selbstkommunikation ist angesagt: „My name is Debra Debra and I’m very happy with my life“ spricht Sigrid Giese in ihrer rosa Polyesterbluse mit Emblemstickerei in groteskem Achtung!-Durchsage!-Habitus in das Tischmikrophon. Die passende Tontechnik erinnert an den Klang der Saalmikrophone im Bundestag... Das Lachen bleibt dem Zuschauer zunächst im Halse stecken, aber auf das Medium Verstärkeranlage folgt sogleich auch schon die textuale Verstärkung von Debra-Debra: “ I’m more fun than I look...“ Das ist eigentlich zum Brüllen komisch. Aber die Zuschauer kichern eher. Sie trauen sich nicht. Man spürt Beklommenheit.

Sigrid Giese als DebraDebra: „I’m very happy with my life.“
Die Figur des Useless Paul will alles gleichzeitig. Er will Sex und erzählt Geschichten. Er raucht und macht dabei mit dem Elektromixer Fitness-Drinks aus Joghurt, Früchten und Säften. Seine Sentenzen klingen wie moderne, zweitklassige Aphorismen: „Beeing tolerated is not enough!“ oder „We need four more planets earth.“

Rolf Michenfelder als Useless Paul vor seinem Mixtisch
Am stärksten ist seine Geschichte, die vom Unterschied von „Missing“ und „Lost“ handelt. Warum, fragt er sich, sind „missing children“ so interessant. Warum spricht so selten jemand von „missing adults“. Seine Antwort: „Weil man sich dann nicht auf ein Wo? Sondern auf das Wer? konzentrieren müsste. Und wer weiß schon wer er ist?“
Claudia Weiß spielt ihre Rolle als Aktionistin mit einer Art Lara Croft Adaption in paramilitärischer Aufmachung mit festestem Schuhwerk. Sie nimmt selbst eine Brustvergößerung vor, statt Silikon stopft sie Unmengen Kleenextücher in ihren BH. Sie erzählt eine Geschichte aus der Kanada-Wildnis: Sie gehörte zu einer Gruppe im Schnee. Alle waren sehr stolz auf ihre Goretex-Anoraks. Aber dann ist der kleine weiße Hund im weißen Schnee verloren gegangen und sie haben alle geweint. Ihre Tränen machten Löcher im Schnee.
Useless Paul fällt ihr ins Wort, richtige Löcher könne man nur in den Schnee pinkeln nicht weinen. Auch er wechselt nun die Turnschuhe gegen Schuhe mit dicken Sohlen aus.
Aber alle Vergrößerungen, Verstärkungen Aus- und Aufrüstungen bringen offenbar nichts fürs Überleben, höchstens für die momentane Bodenhaftung.
Es ist der eigenwillig symbolhafte Untergrund des Spielfeldes, der den szenischen Fragmenten eine gemeinsame Ebene bietet. Dieser Boden transportiert auf geniale Weise die Tragik des Ganzen als Ganzes, weil er so ein Allerwelts-Teppichboden ist, wie er in Empfangshallen auf der ganzen Welt auszuliegen scheint. Und Englisch wird hier zur Durchsagensprache für alle überall. Dieser Boden ist scheints aller Unbill gewachsen, da bewirkt man nichts, auch wenn man sich noch so darauf abagiert.
Es handelt sich um „Strapazierfähige Auslegware“ – „Der ist nicht totzukriegen“, würde der Verkäufer im Teppichmarkt der Welt gesagt haben, wenn man ihn hätte zu Wort kommen lassen. Darauf kann man sich noch so bizarr verrenken wie beim tragi-komischen Ausdruckstanz mit Diktaphon der Debra-Debra (ein Höhepunkt des Abends), und sich noch so schnell um sich selbst drehen wie Helen auf dem Drehstuhl oder noch so schleichend und lasziv Knabbergebäck anbieten.... wie Useless Paul, worauf aber keiner anbeißen mag.
Das bemerkenswerte Stück stellt viele Fragen zum Verlieren, Verlorensein, Vermisstwerden und Vermissen und gibt keine Antworten außer “Our feelings are what we are!”
Zu sehen noch heute 31. Januar um 21.00 Uhr im TNT Aföllergelände.