Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Roland Benedikter und Dietmar Kafmann

Annemarie Pieper, Glücksache. Die Kunst, gut zu leben. dtv 2003, ISBN 3-423-30872-9, 320 Seiten, 10 €

Die vorliegende Studie von Annemarie Pieper, ordentliche Professorin für Philosophie, ist zum Teil aus Lehrveranstaltungen an der Universität Basel hervorgegangen. Der Anhang umfasst eine ergänzende Literaturliste, ein Personenregister und Textnachweise, womit das Buch neben seinem im Vordergrund stehenden populärphilosophischen Zweck auch wissenschaftlichen Ansprüchen im engeren Sinn gerecht wird.

Die Studie beschäftigt sich mit der Frage „nach dem Glück und dem Sinn des guten Lebens“, ein Thema, in dem sich „sämtliche philosophischen Interessen“ der Autorin berühren. Sie ist in acht Kapitel gegliedert, die sich in drei Abschnitte zusammenfassen lassen. Einleitend erörtert die Autorin die Frage nach dem Wesen des Glücks. Es folgen sechs Kapitel, in denen das menschliche Streben nach Glück vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensformen der Gegenwart beleuchtet wird. Abschließend werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst.

Im ersten Kapitel („Annäherungen an das Glück“) geht die Autorin der Frage nach dem Wesen des Glücks nach. Sie kommt zum Schluss, dass das, was Glück ist, sich nicht auf direktem Weg ermitteln lässt. Die Schilderung des Wesens des Glücks sei jedoch auf indirektem Weg möglich, nämlich über die Erörterung von Lebensformen, worunter „frei gewählte Weisen des Existierens“ zu verstehen sind. Jede Lebensform beruht auf der individuellen Vorstellung eines guten Lebens, die vom Menschen im Lauf der Zeit entwickelt wird und in Färbung und Tendenz seinem Charakter entstammt, mithin aber auch umgekehrt den Charakter bzw. die Identität einer Person begründet. Problematisch für den Menschen wird es, wenn das Streben nach Glück in der von ihm gewählten Lebensform erfolglos bleibt. Denn es ist laut Pieper schwierig, eine im Laufe der Zeit einmal entwickelte Identität preiszugeben und zu einer neuen Lebensform zu finden.

Der zweite Abschnitt (Kapitel zwei bis sieben) beschäftigt sich mit sechs repräsentativen Lebensformen (der ästhetischen, ökonomischen, politischen, sittlichen, ethischen und religiösen Lebensform) und mit dem jeder dieser Lebensformen jeweils spezifisch verbundenen Glückstreben. In der gelebten Wirklichkeit finden sich diese Lebensformen allerdings nur höchst selten in Reinform. In der Regel kann man für die Gegenwart von Mischphänomenen der Lebensformen sprechen, in denen auch die dazugehörigen Glücksarten in vermischter Form vorkommen. Zu Wort kommen in diesem zweiten Abschnitt fast ausschließlich abendländische Philosophen, von der Antike bis zur Gegenwart, deren Plädoyers für und gegen eine Lebensform und das zu ihr gehörige Glücksstreben ausführlich diskutiert werden.

Die ästhetische Lebensform ist für Pieper (die hier unverkennbar in romantisch-materialistischer Tradition argumentiert) in erster Linie eine individuelle. Das Streben nach Glück wird hier als ein Streben nach Lust aufgefasst. Die Sinne sind die ursprünglichen Sonden, mit denen sich die Menschen die Welt erschließen können. Das erzeugt ein spezifisches Genießen. Dieses Genießen hat eine ursprüngliche, verbindende Kraft zwischen Geist und Sinnlichkeit, die der moderne Mensch wie nichts anderes sucht. Denn es ist diese Verbindung, die seinen primären Erfahrungs- und Lernbereich ausmacht. Aus diesem Grund gelingt es den Vertretern der anderen fünf Lebensformen auch nicht, die Bedeutung des Ästhetischen zurückzudrängen. Die Welt wird in der ästhetischen Lebensform tendenziell als eine rein menschliche und dementsprechend monistische aufgefasst. Die Anhänger dieser Lebensform kommen weitgehend ohne einen Gottesbegriff aus. Denn nach einem Ziel zu streben, das nur vom Geist erreicht werden kann, würde bedeuten, den Menschen zu zerreißen, da dies seiner anderen, zweiten Seite: seiner materiellen Natur zuwider liefe. Das vom Geist bestimmte Maß muß deshalb immer auf die Tätigkeit der Sinne bezogen bleiben. Das Glück der ästhetischen Lebensform ist ein sinnliches Glück.

In der ökonomischen Lebensform wird der qualitative Glücksbegriff der ästhetischen Lebensform in einen quantitativen überführt. Die verschiedenen Versuche, das Glück zu ökonomisieren, gehen zuletzt allesamt auf eine gemeinsame Quelle: auf den Utilitarismus zurück. „Was mir (und den anderen) nützt, macht mich (und die anderen) glücklich“. Die ökonomische Geistesströmung ist von besonderem Gegenwartsbezug - ähnlich übrigens wie die ästhetische, weil beide auf je verschiedene, aber doch verwandte Weise im Materialismus verankert sind. Ausgehend von den angelsächsischen Ländern beeinflusst sie heute weltweit die ökonomischen Theorien, da Nutzerwägungen für die Industrie und die Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind. Die ökonomische Lebensform ermöglicht ein weitgehend sorgenfreies Leben. Sie führt jedoch – falls ausschließlich gelebt – zu einer Verarmung des Menschlichen. Nach der Vorstellung von der Ganzheitlichkeit des Menschen (der humanistischen Idee des homo sapiens) spornen die Tätigkeiten von Kopf, Herz und Hand (Pestalozzi) sich gegenseitig zur Entwicklung und kreativen Umsetzung von Idealen an. Im Lauf der Zeit hat sich laut Pieper aber aus dem homo sapiens über die Zwischenstufen des homo faber und des homo oeconomicus der heutige homo consumens entwickelt, der weitestgehend der ökonomischen Lebensform angepaßt ist. Glück bedeutet für ihn vor allem, nach den beiden Motti „Tu, was du willst“ (Postmoderne) und „Nach uns die Sintflut“ (liberalistischer Konsumismus) das Leben voll auszukosten. Die materielle Basis dafür liefert die Wirtschaft, die die ständig steigende Nachfrage nach immer neuen materiellen (physischen und ätherischen) Glückansprüchen umso lieber bedient, als sie selbst vom Massenkonsum am Leben erhalten wird. Das Glück der ökonomischen Lebensform ist laut Pieper ein „kalkuliertes“ Glück.

Die politische Lebensform wird durch die Gesellschaft, der das Individuum angehört, bestimmt. Im Lauf der Zeit wurden mehrere universale politische Lebensformen praktiziert, die jede für sich allein den Anspruch auf die gesellschaftliche Verwirklichung von Glück erhoben und es auch zu verwirklichen versuchten. Alle sind jedoch auf Kritik gestoßen, und alle sind sie letztlich gescheitert. Um den Mängeln, die in den historisch-realen Staatsgebilden trotz aller universalistischen Glücksbemühungen ausgemacht wurden, vorzubeugen, sind utopische Staatsgebilde entwickelt worden, die ihrerseits auf ideologischen Voraussetzungen beruhten. Das Glück, das sich dabei für den Einzelnen einstellen soll, entwickelt sich in einem ideologisch genau definierten Rahmen. Es ist vorbestimmt und damit nicht frei. Der Glücksbegriff ist seinem Wesen nach jedoch eng mit der Freiheit verknüpft. Deshalb verliert beim Verlust der Freiheit das Glück seine Qualität. Die Utopien vermitteln die Einsicht, daß jede universal für alle Menschen gleichermaßen maßgeschneiderte Insel der Glückseligkeit mit dem Preis der individuellen Freiheit zu bezahlen ist. Das Glück der politischen Lebensform ist ein „strategisch hergestelltes“ Glück, das sich in der Wirklichkeit aber selten vollendet.

Die sittliche Lebensform ist laut Pieper durch das allgemeinmenschliche Spannungsverhältnis zwischen Vernunft und Willen charakterisiert. Die Vertreter dieser Lebensform gehen davon aus, dass sich der Wille bei entsprechender Aufklärung über die wahrhaft erstrebenswerten Ziele der Vernunft beugt. Im Gegensatz zur politischen Lebensform, wo das gute Leben und das damit verbundene Glück von oben, von der gesellschaftlichen Elite, geplant werden, setzt die sittliche Lebensform an der Basis, nämlich zwischen den Individuen, an. Die Menschen müssen sich selbst gegenseitig zum Guten motivieren und dabei gemeinsam eine allgemeingültige Vorstellung des für alle Guten entwickeln. Das Glück wird durch Tugend erworben, solange das sittliche Ethos für die Gemeinschaft verbindend wirkt. Werden die tradierten sittlichen Normen des Ethos durch einen vernunftunabhängigen Willen in Frage gestellt, wird die sittliche Lebensform fragwürdig, da die Tugend in Ermangelung eines Wegweisers ihres Zieles beraubt wird. Das Finden des Guten bleibt dann sozusagen dem Zufall überlassen. Das (von der Tradition) vorgegebene Gute als Garant des Glücks existiert nicht mehr. Das Glück kann nicht mehr bewußt erstrebt werden, sondern ist allenfalls noch eine Begleiterscheinung im Entscheidungsprozess, in dem der frei gewordene Wille nach dem Lust- und Unlustprinzip zwischen Gut und Böse entscheidet. Deshalb ist für die sittliche Lebensform die Suche nach einem gemeinschaftlichen Guten kennzeichnend, das die soziale Basis für das Glück aller bilden soll. Das Glück der sittlichen Lebensform ist für Pieper dergestalt ein „eudämonistisches“ Glück.

In der ethischen Lebensform ist die Erfahrung gemacht worden, daß der Wille auch gegen die Vernunft für sich alleine beanspruchen kann, über das Glück des Menschen befinden zu können. Der Wille kann ein Glück erstreben, das unvernünftig ist. Um dem vorzubeugen, wurden in der menschlichen Geschichte ethische Mittel entwickelt, mit denen der Willen abgelenkt, in seiner anarchischen Kraft geschwächt oder versittlicht werden soll. Wird dem Willen die Tugend als Köder vorgehalten, der ein noch größeres Glück verspricht als die normalen materiellen Glücksgüter, spricht man von Ablenkung. Das Mittel der Schwächung regt dazu an, die vom Willen erstrebten Glücksgüter nicht zu verfolgen. Da die Wege zum begehrten Ziel ständig blockiert werden, muss die Intensität des Wollens zwangsläufig nachlassen. Mit dem Mittel der Versittlichung schließlich werden Pflicht und Neigung versöhnt, wenn dem Glücksstreben des Willens die individuelle, bewußte Glückswürdigkeit zugrunde liegt. Die Vertreter der sittlichen Lebensform messen dem ästhetischen Glück eine zu vernachlässigende Bedeutung bei, da die Sinne dem Körper verhaftet sind, wodurch die Konzentration auf den reinen ethischen Selbstbestimmungsakt des Menschen behindert wird. Die ethische Selbstbestimmung ohne sinnliche Leidenschaft allein macht unabhängig von körperlichen Bedürfnissen und ermöglicht auch unter widrigsten Umständen eine durch nichts zu beeinträchtigende Freude. Das Glück der ethischen Lebensform ist laut Piper ein „leidenschaftsloses“ Glück.

Die religiöse Lebensform schließlich beruht laut Piper auf einem Glauben, der zum Eintritt einer übersinnlichen Welt führen soll, in welcher andere, der menschlichen Normal-Erkenntnis zunächst unbegreifliche Gesetze herrschen. Für Pieper ist dabei der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass der Mensch, wenn ihm ein sein Fassungsvermögen übersteigendes Glück versprochen wird, letztlich nur davon abgehalten werden soll, eigene Glückskonzepte zu entwickeln, die im hiesigen Leben mit empirischen Mitteln verwirklichbar sind. Die Einwände gegen die religiöse Lebensform beruhen auf dem Vorwurf, dass die Menschen durch Religion dazu manipuliert werden sollen, nicht um ihrer selbst und um des individuell-realen Glückes willen zu leben, sondern um eine höhere Macht über ihre Primärsphäre: ihren lebendigen und ursprünglich-kraftvollen Willen zu gewinnen. Das geschieht durch Kontemplation und Transzendierung des Realen. Das Glück der religiösen Lebensform ist laut Piper ein „kontemplatives“ Glück.

Nach der typologisch ausgerichteten Betrachtung dieser sechs grundlegenden Lebensformen in Geschichte und Gegenwart resümiert die Autorin, dass eine allgemeingültige Glücksformel nicht existiert. Niemand verfügt über einen Gutschein zum Glück. Jeder Mensch muss selbst herausfinden, welche Mischform der sechs Lebensformen samt den entsprechenden Glücksformen zu ihm passt. Die so gewählte individuelle Misch-Lebensform ist mit einem Hufeisen vergleichbar, mit dem sich das Individuum selbst beschlägt und mit dem es die Welt täglich betritt. In der Symbolform des Hufeisens ist der Mensch nach innen und nach außen gegen das Unglück abgeschirmt und – da es nicht nur eine feste, sondern auch offene Form ist –zugleich doch nicht isoliert. Ein Austausch mit anderen Individuen ist möglich, mit denen einzelne Aspekte der eigenen Misch-Lebensform sowie eine Art kollektive Gemeinschafts-Lebensform geteilt wird. Innerhalb dieser großen Lebensform müssen sich die kleinen arrangieren, damit jeder Mensch auf seine Weise und alle gemeinsam glücklich sein können.

Fazit? Glück und Schmerz gehören in einem erfüllten Leben eng zusammen. Auf das Glück zu verzichten, um den Schmerz zu vermeiden, kann lediglich eine kurzfristige Strategie zum Selbstschutz sein. Methodischer Verzicht auf Glück, wie er heute bei nicht wenigen Menschen aus Gründen des Selbstschutzes zu beobachten ist, führt zwar zu Schmerzfreiheit, aber auch zu einem starren Gemütszustand ohne emotionale Höhen und Tiefen. Immerwährendes Glück hingegen stumpft die Fähigkeit, überhaupt Glück zu empfinden, ab. In beiden Fällen fehlt die Spannung: es entsteht Langeweile.

Es ist jedoch laut Pieper nicht ein einziges Glücksmoment allein, das für erstrebenswert gelten kann. Erst viele Glücksmomente sorgen für einen konstanten Glückspegel und die gute Laune des Menschen. Diese wiederum wirkt auf das unmittelbare Umfeld ansteckend und sorgt für ein Klima der Lebensfreude. Indiz für diesen glücklichen Gemütszustand ist das Lachen, „bei dem der Mensch ganz aus sich heraustritt und doch zugleich bei sich selbst ist: Er ist glücklich“. Das Lachen ist die ontologische Verwirklichungsform des Glücks.

Das Buch weist neben seinen vielen Vorzügen, die aus der voranstehenden Zusammenfassung deutlich werden, auch einige Aspekte auf, die kritisiert werden können. Diese Aspekte liegen weniger im Detail, als vielmehr im Grundsatz. Wir möchten - unter den zahlreichen - im folgenden nur skizzenhaft die vier wichtigsten dieser Aspekte anführen, die uns für eine produktive Auseinandersetzung entscheidend zu sein scheinen.

Erstens: es ist ein Kennzeichen der populärphilosophisch historisierenden Wissensphilosophie (und der ihr zugehörigen, mittlerweile in mancherlei Hinsicht nicht ganz zu Unrecht berüchtigten „kleinen Philosophie- und Kulturgeschichten“), daß sie viele interessante Aspekte zutage fördert und dabei durchaus zu einem fließenden Bild vereint. Aber sie erreicht dabei nur eine vergleichsweise oberflächliche Ebene der Besinnung, wenn man sie mit jenen Einsichten vergleicht, die weit effizientere zeitgenössische Methoden und Instrumentarien wie Intervision (gegenseitige Beratung), Biographiearbeit oder psychotherapeutische Selbstaufarbeitungen (zum Beispiel im Rahmen der Sinntherapie Frankls oder der Existenzanalyse Längles, die vor allem auch Menschen, die nicht krank, sondern einfach auf der Suche nach individuellem Sinn, Erfüllung oder Glück sind, empfohlen werden können) erreichen. Diese Instrumentarien benutzen das rationale (philosophische) Verstandesdenken nur dazu, die alles entscheidende Ebene des Willensdenkens zu erreichen, die allein mit dem - seinem Wesen nach radikal offenen und unmittelbaren - Ereignis der Wahrheit in Berührung steht. Diese Ebene selbst ist nur als Ereignis, nicht als Wissen zugänglich. Das Wissen kann in Bezug auf diese Ebene eine anfängliche Wegweisung sein, nicht mehr. Wo die Wahrheit stattfindet, tritt das Wissen zurück, und die Idee wird wirklich und insofern bewußt, als sie sich als Wahrnehmung vorsprachlich selbst in actu erfaßt. Anders gesagt: die Idee geht auf die Lebensebene über, zu der das Wissen nur eine Anregung und ein Unterwegs sein kann. Die Idee geht, wo sie sich als individuelles Wahrheitsereignis vollzieht, auf eine Ebene, auf der es keine in Sätzen aussagbaren Antworten mehr gibt, sondern nur noch Anschauung eines Lebendigen. Und eben genau um die Erreichung und Bearbeitung dieser Ebene geht es heute - im Zeitalter einer bereits weit entwickelten Willenskultur -, wenn von Glück und Lebenskunst ernsthaft die Rede sein soll.

Demgegenüber kann der Leser nicht umhin, an Büchern wie dem vorliegenden bei aller Vielfalt der vorgebrachten Aspekte eine gewisse Harmlosigkeit und auch Hilflosigkeit der akademischen Philosophie zu konstatieren (die sich schon im Ton der Ausgangsfragen manifestiert: „Wo liegen die Inseln der Seligen?“ „Wie gelingt es, gut zu leben?“), welche sie mehr und mehr unzeitgemäß macht. Denn der Leser erwirbt sich hier eine Weisheit, die weitgehend die Wissensebene betrifft, aber die Wahrheitsebene nicht erreicht. Hier wird ein - zwar äußerst interessantes - Panorama des Wissens angeeignet, aber nicht an der Wahrheit und ihrem authentischen Ereignis auf der individuellen Willensebene gearbeitet. Man bewegt sich hier in einem traditionell konturierten reflexiven Denken, nicht auf der Ebene des zum Wahrnehmungsorgan umgestalteten Willens. Und das ist die entscheidende Schwäche der akademischen Philosophie der Gegenwart, welche die überwiegende Mehrzahl ihrer Schriften zur sogenannten „Lebenskunst“ kennzeichnet.

Zweitens: es liegt im Anspruch des Buches von Annemarie Pieper, zu erklären, was das Glück sei. Das ist offenbar ein qualitativer Anspruch, denn „Was-Fragen“ sind Qualitätsfragen. Sie sind Wesensfragen: sie wollen einer Wahrheit als Wirklichkeit auf den Grund gehen und dabei zu einem klaren Ergebnis in Form eines Begriffs oder einer Idee kommen. Sie sind ihrer Ausrichtung nach die Suche nach einem geistigen Wesen, und insofern ihrer Natur nach substantialistisch oder ideenrealistisch. Da aber Pieper innerhalb der von ihr gewählten Form der historisierenden Tradition der „kleinen Philosophie- und Kulturgeschichten“ davon ausgehen muß, daß „die Menschen schon immer über diese Fragen nachgedacht haben, und schon immer haben sie Modelle entworfen, die sie beantworten sollen“, ist bald klar, wohin die Reise geht: die Was-Frage läßt sich doch nicht beantworten, der Begriff des Glücks ist kontextabhängig und letztlich eine Art historische Konstruktion sozialer und individueller Art. Das ist typisch für die gegenwärtige akademische Philosophie, daß sie zuletzt jede Was-Frage wieder in einen unentschiedenen, seinem Wesen nach historistischen und nominalistischen Relativismus auflösen muß. Am Ende ist die Ausgangsfrage trotz aller interessanten Aspekte nicht beantwortet, sondern im Gegenteil bewiesen, daß diese Frage als solche - als Streben nach der Anschauung der Wahrheit von etwas Wesenhaftem - hinfällig ist. Hier wird das zu Recht und mit viel Eleganz versuchte Anschauungsdenken nicht bis zu seinem natürlichen Ende: zur Synthese getrieben, sondern mündet in eine unentschiedene Vielfalt von Aspekten, die unvereint stehen bleiben und sich gegenseitig relativieren. Und so entspricht dieses Buch zumindest indirekt der allgegenwärtigen Tendenz der heutigen akademischen Schulphilosophie, jede Wesensfrage nach langer historischer Argumentation in einem „Man-kann-dazu-eigentlich-nicht-wirklich-etwas-sagen“ aufzulösen. Dieser Schluß ist ihrem inneren Relativismus und Nominalismus geschuldet, der sich universalistisch gibt, sich oft sogar als der eigentliche Universalismus der Gegenwart versteht, aber das Schlagwort der  „Lebensform“ und ihrer Diversität nur allzu oft als Rechtfertigung für die nominalistische Umgehung von Wesenfragen benutzt. Nicht daß Pieper das intendierte; aber dieser Effekt bleibt beim Leser neben vielen anregenden Einzelgedanken prägend zurück.

Drittens ist zu konstatieren ein gewisser Schulhumanismus, der das Buch zwar liebenswert macht, aber ohne Spitze sein läßt. Schon die ganze Fragestellung („Wie gelingt es, gut zu leben?“) ist typisch humanistisch, und dieser Humanismus wird an keiner Stelle hinterfragt auf einen möglichen neuen, höheren Humanismus für das 21. Jahrhundert hin. Zwar handelt es sich hier im wesentlichen um einen populärphilosophischen Versuch, aber die Aufnahme der Humanismuskritik hätte die Autorin bei aller Didaktik zumindest immanent nachhaltiger vollziehen müssen.

Viertens: Das Buch ist Teil des Lebenskunst-Booms seit Ende der 90er Jahre, der sich unter anderem im großen Erfolg von Wilhelm Schmids „Philosophie der Lebenskunst“ wiederspiegelte und bekanntlich zur Einrichtung einer regelrechten „Bibliothek der Lebenskunst“ im Suhrkamp Verlag geführt hat. Zu diesem Boom gehört etwa das ebenfalls von Schmid herausgegebene Buch über „die Philosophie Reinhold Meßners“, aber auch viele weitere. Der Lebenskunst-Boom weist darauf hin: Es herrscht ein großes beginnendes Interesse der Zeit am Willensleben, das seine Wirklichkeiten schafft. Wenn Jean-Francois Lyotard bereits in den 80er Jahren für die Postmoderne eine allgemeine „Erotisierung des Willenslebens“ konstatierte, die einer breiten Entdeckung der Ontologie des Seins und des menschlichen Anteils daran entspricht, dann ist der Lebenskunst-Boom ein Teil dieser Tendenz.

Diese Tendenz ist zukunftsweisend, und sie ist in wirklicher Weise bedeutend. Will sie doch ihrer tieferen Tendenz nach das, was die Philosophie in ihren besten Produktionen als Ideal behandelte, auf die Willensebene herabbringen. Das Problem an dieser Tendenz aber ist in ihrer derzeitigen Form, daß sie erstens noch weitgehend unbewußt erfolgt und daß sie zweitens in ihren kulturellen Ausflüssen oft gerade die Ebene nicht erreicht, um die es eigentlich geht.

Man zweifelt manchmal daran, was die Werke der „kleinen Philosophie- und Kulturgeschichten“ neben ihrem didaktischen Anspruch wirklich intedieren, und was sie wirklich erreichen. Denn sie vertreten selten eine klare Position, weisen keinen - wenn auch konflikthaften oder herausfordernden – Weg, der zur Reibung Anlaß gäbe (und damit zur Arbeit an der Wahrheit auf der Willensebene). Sie erzeugen und artikulieren selten einen Gedanken, eine Anschauung als kraftvolle Lebensnahrung. Deshalb haben sie - bei allen Verdiensten, die hier keineswegs in Frage gestellt werden sollen – nur selten einen individuell Substanz gebenden oder gar verwandelnden Sinn. Man ist von ihnen berührt, aber nicht in den tieferen Schichten, sondern nur an der Oberfläche des Denkens.

Und deshalb erzeugt die Berührung mit solchen Werken ein gemischtes Gefühl, das schwer zu beschreiben ist, uns aber gerade für das produktive Zwielicht der Postmoderne symptomatisch erscheint - in der sich gleichsam indirekt aus der Begegnung mit Denkinhalten die Notwendigkeit einer Inhärierung auf der Willensebene auftut. Die Berührung mit solchen Werken ist keine wirkliche Inspiration, sondern eher eine Art Vor-Inspiration. Sie ist anregend, aber nicht aufweckend. Ist dies eines der Bücher, die einen durchs Leben begleiten? Das ist die Frage.

Wir haben eher den Eindruck: man liest dieses Buch, und es war in Ordnung. Es wirkt nicht als Rätsel, sondern eher als eine Erklärung. Es ist weniger ein geistiges Ereignis, als vielmehr eine gewinnbringende Pädagogik, deren Wärme man immer wieder durchaus vernimmt. Es dient letztlich nicht der Bildung der gedankendurchstrahlten Willensebene und damit der Erweckung aus dem Lebenstraum, sondern eher der Vervollkommnung des wissenden Bildungsbürgers (des homo sapiens, von dem Pieper spricht) - und damit in gewisser Weise dem stärkeren Eintreten in den Lebenstraum.

Zusammenfassend: Es handelt sich hier um das Umkreisen der Lebenskunst, ja. Aber säkular, amputiert um einen entscheidenden Aspekt für den in der Postmoderne mehr denn je, wenn auch unterschwelliger und unsicherer, in der Leere seinen spezifischen Aufschwung findenden „theomorphen“ Menschen (Max Scheler): nämlich amputiert um seine konkrete, immanente und explizite Verfaßtheit als halbtranszendentales und auch ideenrealistisches Wesen. Es ist eine Lebenskunst mit wenig ganzheitlicher, geistiger Tiefendimension, mit wenig Nominalismus und Geistrealismus integrierender Komponente, mit wenig substantieller anthropologischer Anschauung und vor allem ohne geistigen Schulungsweg auf der Willensebene. Wenn dieser letztere aber fehlt, dann fehlt keineswegs alles, aber doch ein ganz entscheidender Aspekt für jede künftige Lebenskunst, die die Willensebene erreichen will und muß. Dann gerät Lebenskunst letztlich immer wieder sehr stark in die Nähe der Lebenserleichterung im Sinne der heute vielzitierten „multidimensionalen Wellness“.

Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Und es heißt auch nicht, daß das Buch Annemarie Piepers keine großen Qualitäten hat. Es hat, wie gesagt, sehr viele, und es ist in vielen Passagen weit besser als die meisten vergleichbaren Produktionen der Gegenwart. Es hat sogar das Zeug zum erfolgreichen Standardwerk auf seinem Gebiet. Das Unternehmen Piepers als Philosophie auszugeben, ist, gemessen an den heutigen akademischen Standards, in vielerlei Hinsicht mehr als berechtigt. Es zeigt aber auch die Grenzen der gegenwärtigen akademischen Philosophie auf. Diese ist eine Philosophie, die ihrer Aufgabe am Beginn des 21. Jahrhunderts, sich zum realen Geist hin aufzulösen, noch nicht angemessen gerecht wird. Sie ist nur in Ansätzen Evolution des traditionellen Verstandesdenkens zum Geist des sich selbst in actu anschauenden Willens, der Denkqualität erlangen will.

Die Tendenz, die Philosophie praktisch an das Leben heranzuführen und dadurch für das Leben und seine unmittelbare Willensdimension durchlässig zu machen, ist, im Sinne dieser Evolution gedacht, mehr als richtig. Die Symptomatik, die sich im Lebenskunst- und Glücksphilosophie-Boom der Gegenwart auslebt, hat in diesem Sinn das bleibende Verdienst, eine langfristig wichtige Arbeit zu vollziehen, die ihre Früchte tragen wird. Aber sie reicht, in ihren gegenwärtigen Ergebnissen vor den Anspruch, die ontologische Tragweite und die Dimension des Themas gestellt, kaum aus. Sie ist ermutigend, aber für sich genommen noch nicht ausreichend.

Fazit: Das Buch von Annemarie Pieper ist interessant, gut geschrieben und informativ. Zugleich verursacht es ein ambivalentes Gefühl. Daß dies beides zugleich den Eindruck prägt, ist das Kennzeichen des Großteils der populärphilosophischen Lebenskunst-Werke der Gegenwart. Und vielleicht ist es das Kennzeichen der fortschrittlichen Strömungen der gegenwärtigen akademischen Philosophie und ihres noch zwielichtig bleibenden Übergangs in etwas anderes, als sie bisher war, überhaupt.

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