![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Nahezu 300 Leser haben im Marburger Kerner aus Walter Kempowskis ECHOLOT II fuga furiosa vorgelesen. Manche Vorleser kamen sogar mehrmals. Einige planten die Teilnahme an dieser Aktion täglich ein.
Marburger Forum: Frau Urff, das Projekt ist nahezu abgeschlossen. Wie bewerten Sie den Verlauf im Vergleich zur letztjährigen Aktion?
Rotraut Urff: Ein außerordentlich großer Erfolg insofern, als die Leute diesmal noch mehr Tiefe empfunden haben. Das Geschehen macht gefangen. Manche kamen jede Nacht und lasen eineinhalb Stunden. Für viele Menschen mag es eine Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse gewesen sein, eine Wiederbegegnung mit dem eigenen Schicksal. Wir werden wahrscheinlich morgen (21.02.03) in den frühen Morgenstunden fertig sein. Früher als geplant.
Marburger Forum: Wie alt waren die Teilnehmer?
Rotraut Urff: Die meisten waren zwischen Mitte 30 bis weit über 80 Jahre alt. Gewundert hat mich, dass kaum Schüler lasen. Das ist sehr schade. Ich hatte das Schulamt und alle Gymnasien informiert. Eine Klasse der Martin-Luther-Schule war die Ausnahme.
Marburger Forum: Wie erklären Sie sich das?
Rotraut Urff: Am mangelnden Interesse der Lehrer lag es nicht. Viele Lehrer haben hier vorgelesen, aber sie haben ihre Schüler nicht dazu bewegen können, teilzunehmen. Das heißt, sich hinzustellen und vor einem Publikum etwas vorzulesen. Offenbar reichen die Lesefähigkeiten dafür nicht aus. Und das ist ja eine ganz traurige Sache.
Marburger Forum: Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?
Rotraud Urff: Es kamen ausgesprochen viele Männer zwischen Ende 30 und Anfang 40. Erst nur zum „Reinschauen“, was hier los ist. Und dann immer wieder zum Lesen. Die Sache nahm die Menschen gefangen. – Aus den Texten geht ja hervor, dass allen, die mit dem Krieg zu tun hatten, egal auf welcher Seite sie standen, Unendliches zugemutet wurde. Es gibt keine Unterschiede. Alle Kriegshandlungen sind ungeheuerlich.
Marburger Forum: Als ich am Montagmittag selbst an der Lesung teilnahm, hat mein Mann vorgelesen, wie das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Bei der Befreiung fielen 132 Rotarmisten. Auch deswegen, weil das SS-Wachpersonal auf die Anrückenden schoss. Zur gleichen Zeit haben SS-Leute noch Baracken mit Hunderten von kranken Häftlingen darin angezündet.... Dann folgten im Buch Gesprächsprotokoll-Texte aus der Reichskanzlei. Hitler und Göring und Generäle. Nur entsetzliche Phrasen. Keiner kannte sich aus. Ich habe beim Zuhören immer auf die Bilder links von mir geschaut. Die zeigen ein völlig zerstörtes, menschenleeres Dresden. Das Nebeneinander dieser verschiedensten Eindrücke zum Leid und Wahnsinn auf allen Seiten ging mir sehr nahe.
Rotraud Urff: Den Menschen ist so unglaublich viel zugemutet worden. Z.B. Der Dreck, in dem alle Soldaten sich befanden, das kann man sich kaum vorstellen. Die Gegensätze sind mir auch so deutlich geworden. Dass man Menschen dazu bringen kann, so viel Leid zu verbreiten. Andererseits musste soviel erduldet werden: Ob Bomben, Flucht, KZ-Erfahrung, Aussiedlung. Da gibt es keine Unterschiede beim Leiden. Krieg ist keine Lösung. Krieg macht alles immer nur noch schlimmer.
Marburger Forum: Vielen Dank für das Gespräch.