Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 2


Futur de luxe

Schauspiel von Igor Bauersima im Gießener Löbershof

 

Regie: Ragna Kirck
Bühne: Udo Herbster
Kostüme: Tatjana Ivschina
Dramaturgie: Astrid Biesemeier

Theo Klein: Harald Pfeiffer
Ulla Klein: Petra Soltau
Rudi: Tom Wild
Uschi: Heidrun Hönig
Felix: Stefan Faupel

Igor Bauersima, 1964 in Prag geboren, ist ein vielseitiger Künstler: Architekt, Filmemacher, Musiker und Theaterautor. Mit Stücken wie „Launischer Sommer“, „Tattoo“ und demnächst „Film“ (in Hannover) gehört er zu den vielgespielten deutschsprachigen Bühnenschrift- stellern. Bekannt geworden ist er vor allem mit „Norway Today“, das den Publikumspreis bei den Mühlheimer Theatertagen erhielt und mit dem er zum Nachwuchsautor 2001 gewählt wurde. Das Stück handelt von zwei Jugendlichen, die sich über das Internet verabreden, gemeinsam Selbstmord zu verüben, auf einem ins Meer hinausragenden Felsen in Norwegen ihre letzten Stunden verbringen, sich dabei ineinander verlieben und in letzter Minute ihren Plan fallen lassen. Der Text zeigt Bauersimas Stärke als Autor: Er greift Themen auf, die in der Luft liegen (der Selbstmordplan via Internet ist wirklich geschehen), dadurch einen starken Realitätsbezug haben und die darüber hinaus philosophische Fragen über Leben und Lebensbedingungen provozieren.

Heidrun Hönig, Petra Soltau, Harald Pfeiffer, Tom Wild, Stefan Faupel

Diese Aspekte spielen auch in seinem vor einem Jahr in Hannover uraufgeführten und jetzt im Gießener Löbershof neu inszenierten Stück „Futur de luxe“ eine Rolle. Das Stück –  das Jahr, in dem die Handlung spielt, ist 2020 – handelt von einer Schabbath-Familienfeier, die zu einem Tribunal der Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung wird. Theo Klein, ein Bio-Chemiker von internationalem Ruf, berichtet, eher stolz als in die Enge getrieben, von einem einzigartigen Experiment: Er habe als Wissenschaftler die Frage beantworten wollen, ob das Gute und das Böse im Menschen genetisch angelegt seien oder von außergenetischen Faktoren bestimmt würden. Deshalb habe er seine beiden Söhne vor vierundzwanzig Jahren, gegen die gesetzlichen Bestimmungen und mit falschen Angaben gegenüber seiner Frau,  geklont: einen mit seinem eigenen Erbgut, den anderen mit dem Erbgut Hitlers, gewonnen aus dessen ihm heimlich zugespielten Finger.- Die Enthüllungen lösen unter den Familienmitgliedern ungläubiges Staunen, aggressive Abwehr und hysterische Enttäuschung und Entsetzen aus. Zwei – Tochter Uschi und Sohn Felix – reagieren mit Selbstmordgedanken. Rudi, der Hitlerklon, zwingt den Vater mit vorgehaltener Pistole zu einer schriftlichen Absage an alle weiteren Klonversuche. – Das Ende ist halbwegs versöhnlich: Die Klongläubigkeit des Vaters ist gebrochen. Die Wahrheit hat sich – Wie lange? Mit welchen Folgen? – vorerst durchgesetzt.

Ragna Kirck, die mit dieser „Futur de luxe“-Inszenierung ihr Regieexamen ablegte, hat sich eine einfache Einrichtung auf die Studiobühne im Löbershof bauen lassen: knallrot bezogene Sitzmöbel, die um einen Tisch gruppiert werden können; im Hintergrund vier skulpturartige Gestelle aus Stahl, an die Geschirr gehängt werden kann und die dann – bei etwas Phantasie – Kunst-Menschen ähneln. Die Kostüme der Darsteller und Darstellerinnen sind aus hellen Stoffen gefertigt. Das lange „Öko“-Wollkleid von Tochter Uschi ist besonders auffällig.

Stefan Faupel, Harald Pfeiffer, Tom Wild

Bühnenbild und Kostüme weisen auf ein Grundelement der Inszenierung hin: Sie sind leicht, aber nicht wirklich ironisch oder gar bizarr-grotesk. Sie holen die Figuren eher an die Zuschauer heran, als dass sie sie von ihnen wegrückten. Das zeigt sich auch in dem, wie die Schauspieler auf der Bühne agieren. Wenn man von einigen wenigen verfremdeten Szenen (Messerstecher-Szene, „Mäh-Mäh“-Szene, Aufhängeszene) absieht, kann man ihr Spiel manchmal fast realistisch nennen. Es wird geschrieen, argumentiert, gestritten, gegessen, als handle es sich um ein verkorkstes Familienfest heute. Darin aber, in diesem Inszenierungsblickpunkt, der  zu wenig Distanz zwischen Publikum und Bühnengeschehen schafft, liegt, wenn es um Bauersimas „Futur de luxe“ geht, ein  problematischer Ansatz. Ideen und Handlung des Stücks entgehen nicht immer der Gefahr, etwas „platt“ zu wirken. Der Zuschauer fängt an nachzudenken: Hitlerfinger im Einstein-Cafe? Fragen nach der Charakterfestlegung eines Menschen, die eigentlich in den 70er Jahren aktuell waren? Ist das Stück nicht mit Problemen überfrachtet: uneheliche Tochter, Untreue des Mannes, frustrierte Ehefrau, jahrzehntelanges Lügen, eine vorgetäuschte genetische Erbkrankheit, Schönheitsoperationen der Mutter? Und dann natürlich die Klonproblematik selbst: Hängt sich das Stück nicht klischeehaft eng, unterstützt übrigens vom Programmheft, an die Dolly-Diskussion an?

Solche Fragen, die Belanglosigkeiten im Text und auf der Bühne entdecken, hätten möglicherweise vermieden werden können, wenn die Regisseurin dem Zuschauer tatsächlich den fernen, distanzierten Blick in die „schöne neue“ Zukunftswelt ermöglicht hätte. Bauersima hat eine solche Labor-Blick-Haltung des Zuschauers bei seiner Hannover Inszenierung dadurch erreicht, dass er das Publikum, das von zwei Seiten auf eine schmale, längliche Bühne hinuntergesehen hat, durch verstellbare Wände,
Gazevorhänge und Filmeinlagen auf großen Leinwänden zu Beobachtern eines fernen und doch nahen Experiments gemacht hat. Das kann man so natürlich nicht wiederholen. Aber vielleicht hätte es Regiemittel gegeben, den Zuschauer stärker zum Beurteiler und Verurteiler  dessen, was auf der Bühne abrollt, zu machen. „Futur de luxe“ wäre dann vielleicht an manchen Stellen weniger komisch, dafür aber auch weniger klischeehaft, nachdenklicher geworden.

Die Inszenierung von Ragna Kirck überzeugte allerdings in der Strukturierung der Handlungsabläufe, der Szenenwechsel mit Hilfe von Lichtausblendungen und Satie- Akkordabfolgen, den Figurengruppierungen, z. B wenn sich die Geschwister aneinander klammern und Nähe suchen, und der Herausarbeitung der einzelnen Charaktere des Stücks. Gerade in dem letzten Punkt stand der Regisseurin ein spielfreudiges Ensemble zur Hand.

Herbert Fuchs

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