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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Eineinhalb Jahre nach dem Marburger Max-Kommerell-Kolloquium – das „Marburger Forum“ berichtete – liegt nun der Ertrag der Tagung in einem Band vor, der die damals gehaltenen Vorträge enthält und so einem weiteren Kreis von Lesern die Möglichkeit erschließt, sich mit Max Kommerells Gegenwärtigkeit auseinander zu setzen.
Das Vorwort der Herausgeber eröffnet das Gespräch mit der Vorstellung des Protagonisten und seiner Einschätzung durch die Fachkollegen, die sich bis auf wenige Ausnahmen auf sein Werk nicht eingelassen haben. Das Marburger Kolloquium setzte dieser Vernachlässigung die intensive Beschäftigung mit Kommerells Lebenswerk unter sehr verschiedenen Aspekten entgegen.
Der vorliegende Band besteht aus drei Teilen: „eine erste Gruppe von Beiträgen befragt die Herkunft und Entwicklung des literaturkritischen Diskurses von Kommerell, eine zweite Gruppe präsentiert die komplexe Physiognomie des Kritikers Kommerell, eine abschließende Gruppe ist dem Verhältnis Kommerells zur Zeitgeschichte und zur Politik gewidmet.“ (S.11)

Diesen Gruppen werden die einzelnen Beiträge zugeordnet, beginnend mit Dorothea Hölscher-Lohmeyers Darstellung des Projektes einer Gesamtausgabe der Briefe Kommerells: „Geist und Buchstabe der Briefe Max Kommerells“ – angemessen auch deshalb, weil sie in diesem Kreis als Einzige noch selbst Kommerells Schülerin gewesen ist. Sie kennzeichnet anhand seiner Briefe Kommerels Biographie: „ein exemplarischer Lebenslauf dieser Generation, der sich trotz radikaler Verwandlungen treu blieb“. (ebd.)
Zur ersten Gruppe zählen die Beitrage von Eva Geulen „Aktualität und Übergang. Kunst und Moderne bei Max Kommerell“, von Paul Fleming „Die Moderne ohne Kunst. Max kommerells Gattungspoetik in Jean Paul“ und von Ulrich Port „Die >Sprachgebärde< und der >Umgang mit sich selbst<. Literatur als Lebenskunst bei Max Kommerell“.
Vom Begriff der „Sprachgebärde“ aus nähert sich im zweiten Teil Isolde Schiffermüller dem Kritiker Kommerell, gefolgt von Milena Massalongo: „Vergleich zwischen Kommerells und Benjamins Sprachgebärde“. Während des Kolloquiums war nicht nur in diesem Beitrag die Rede von Benjamin, dessen Rezensionen von Kommerells frühen Schriften Maßstäbe setzten. Um Kommerells Lyriktheorie geht es bei Matthias Weichelt und Gerhard Pickerodt, um sein dramatisches Werk bei Kai Köhler. Claudia Albert beschäftigt sich mit „Kommerells Calderon“ – so dass neben dem Wissenschaftler auch der Dichter und Übersetzer zu seinem Recht kommt. Elmar Lochner widmet sich dem Kleist-Essay „Die Sprache und das Unaussprechliche“ und Walter Busch geht es um „Kommerells Hölderlin“ mit dem Untertitel „Von der Erbschaft Georges zur Kritik an Heidegger“, womit ein zweiter wichtiger Zeitgenosse Kommerells ins Blickfeld tritt. Den Abschluss findet diese Gruppe durch den Vortrag Hans-Georg Schmidt-Bergmanns: „Max Kommerells Weg von George zu Rilke“, wobei er sich u.a. auf eine der letzten Vorlesungen Kommerells in Marburg beziehen kann.
Durch die im Vergleich zum Kolloquium veränderte Reihenfolge der einzelnen Beiträge ergeben sich neue Zusammenhänge, so gerade auch im letzten Teil, der im Oktober 2001 für erhebliche Kontroversen sorgte. Hier steht nicht der Vortrag von Martin Vialon „Die Konstellation Max Kommerell und Werner Krauss. Schreiben als Sprechen über Literatur in finsteren Zeiten“ als letztes Wort am Schluss, es folgen noch von Rainer Nägele „Vexierbild einer kritischen Konstellation. Walter Benjamin und Max Kommerell“ und von Matthias Bormuth „Max Kommerell und die Psychologie der Moderne“ in dem Roman „Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern“.
Alexander Müller steuert die verdienstvolle „Forschungsbibliographie zu Max Kommerell“ bei, das Personenregister rundet den Band ab.
Die Herausgeber betonen: „Die heutige Beschäftigung mit Kommerell kann mit äußerst anregenden, ja faszinierenden Entdeckungen rechnen, und doch kann sich durchaus der Eindruck einstellen, daß man dies Werk noch anders befragen könnte, daß es noch andere Wahrheiten enthält, als man sich begrifflich aus ihm abzuleiten für fähig und berechtigt hält. In anderen Worten, der vorliegende Band erhebt keineswegs den Anspruch, eine umfassende und abschließende Deutung der zentralen Gesten, Verfahren und Kategorien Kommerells geleistet zu haben, viele Dinge bedürfen weiterer Klärung in künftigen Diskussionen“ (S.14)
Renate Scharffenberg