![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Programmgestaltung: Uta Eisold, Jürgen Sachs
Leitung: Uta Eisold
Musikalische Einstudierung: Boris Leibold
mit
Uta Eisold, Ekkehard Dennewitz, Boris Leibold
(Klavier)
Viel braucht es nicht für einen unterhaltsamen und nachdenklichen Theaterabend: eine Bank, einen Hut, einen Spazierstock, ein kleines Bühnenpodest; aber auf jeden Fall : gute Musik, noch bessere Texte, einen exzellenten Klavierspieler und zwei ebenso exzellente Schauspieler-Sänger. Und das Ganze ist dann das neue Kreisler-Programm des Marburger Schauspiels, zusätzlich in den Spielplan aufgenommen, neben anderen Produktionen erarbeitet und - das darf man prophezeien - sicherlich in den nächsten Monaten ähnlich erfolgreich wie die Deutschhauskeller-Abende oder das „Frankieboy“-Programm.

Ekkehard Dennewitz, Uta Eisold
Uta Eisold und Jürgen Sachs haben klug aus dem umfangreichen Text- und Liederreservoir des Georg Kreisler – Ist er eigentlich eher Kabarettist oder Liedermacher oder Schriftsteller oder Komponist? - , des Wiener „Dichterkomponistchansonnierpianisten“ also, der im letzten Jahr 80 Jahre alt geworden ist, ausgewählt. Es fehlen nicht die Klassiker wie „Taubenvergiften“, „Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht“ oder „Als der Zirkus in Flammen stand“. Und es sind Lieder im Programm vertreten wie z.B. „Mein Sekretär“, „Es wird alles wieder gut, Herr Professor“ und „Die Wahrheit vertragen sie nicht“, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind. Eisold und Sachs bieten einen Querschnitt aus Kreislers Schaffen: seine schwarz-humorigen Lieder wie „Taubenvergiften“, das dem TASch-Abend den Namen gibt, mit einer Papptaube über den Häuptern der Agierenden den Geist des Abends beschwört und mit verführerischen Pülverchen auf allen Tischen die Zuschauer zu „Mitvergiftern“ machen will; seine grotesken Schimpflieder auf Politiker und Beamte; seine Satiren auf die Musikwelt („Der Musikkritiker“) und den Sport beispielsweise; seine absurden Nonsenslieder wie „Dreh das Fernsehn ab“, „Die Wanderniere“ oder „Bidla Buh“ und die ruhigeren, nachdenklichen Lieder wie „Verlassen“. Wer den Wiener Meister des schwarzen, skurrilen Humors liebt oder lieben lernen will: Hier begegnet ihm die Kreisler-Welt in zwei höchst vergnüglichen Bühnenstunden. Er begegnet Kreisler, dem Dichter, der kabarettartig scharf und genau seine Worte setzt, den Zuhörer mit vertrauten Sätzen an die Hand nimmt und ihn gleich darauf in eine Ecke führt, die nicht immer angenehm ist. Und er begegnet dem Komponisten Kreisler, der mit dem Klavier mit überraschenden rhythmischen und melodischen Wechseln und Varianten die Texte kongenial begleitet und führt.

Uta Eisold
Dass die zwei Stunden spannend, unterhaltsam und zuweilen auch nachdenklich wurden, liegt darüber hinaus maßgeblich an den drei Akteuren auf der Bühne. Eisold und Dennewitz versuchen gar nicht erst, das Bitter-Gallige, Wiener-Schmähische, typisch Kreislerische nachzuahmen. Sie „schauspielern“ die Lieder mit sparsamen Gesten und wenigen Requisiten. Dabei gelingen ihnen immer wieder kleine Bühnen-Kabinettstückchen, z.B. bei der „Wanderniere“, dem „Musikkritiker“ oder dem „Staatsbeamten“. Sie treffen den rebellisch-aufmotzenden, leicht anarchistischen Ton der Lieder ebenso wie den satirischen, den grotesken wie den ruhigeren-nachdenklichen. Begleitet werden die beiden Schauspieler-Sänger souverän von Boris Leibold am Klavier. Mit seinen beeindruckenden musikalischen Fähigkeiten hält er immer alle Fäden der Lieddarbietungen in seiner Hand. Was er selbst als Kreisler-Interpret „drauf“ hat, beweist er mit dem „Opernboogie“: sicherlich einer der Programmhöhepunkte.
Die Zuschauer waren am Ende begeistert: viel Applaus - zwei Zugaben wurden erklatscht – und sicherlich neue Kreisler-Fans.
Herbert Fuchs