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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Literarische Veranstaltungen sind in Marburg nicht gerade selten. Umso mehr muss es erstaunen, dass einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren noch nie hierher eingeladen wurde. Das Interesse an der Lesung zeigt jedoch, dass Hartmut Lange dem hiesigen Publikum kein Unbekannter ist. Mit hundertzwanzig Zuhörerinnen und Zuhörern war der Rathaussaal voll besetzt, und die Diskussion nach dem Vortrag der Novelle "Eine andere Form des Glücks" verdeutlichte, dass die Texte Langes offensichtlich in Marburg rezipiert werden.
Der Autor las mit klarer und deutlicher Stimme, manchmal gleichsam fragend und mit erstauntem Blick oder bekräftigend mit dem Kopf nickend die Ereignisse auf der Erzählebene begleitend. Wer die Novelle schon kannte, konnte eine faszinierende Erfahrung machen: die Sätze offenbarten nun, beim Hören, ihre Doppelbödigkeit von Anfang an. Es wäre also zu wünschen, dass CD-Aufnahmen, auf denen Hartmut Lange eigene Texte läse, entstünden - in deren Ermangelung zunächst nur bleibt, was sich sowieso empfiehlt, nämlich die Werke mindestens zweimal zu lesen. Die Sprache Langes ist ganz und gar durchrhythmisiert. Ihre Melodiehaftigkeit ist jedoch kein Selbstzweck, sondern korrespondiert ihrem inneren Verlauf. Was an der Oberfläche geschieht, verweist durch den Rhythmus und die Symbolschicht der Sprache auf etwas direkt nicht Bezeichenbares. Diese metaphysische Schicht der Novellen erfüllte in Langes Vortrag den Rathaussaal beinahe wie eine Aura; sie machte den Spannungsgehalt des Gelesenen aus.

Nach der Pause zeigte sich, dass Lange es keineswegs, wie mancher andere Kollege, ablehnt, über die eigenen Arbeiten zu sprechen. Auf die Frage: "Wer ist Corinna?" antwortete er, indem er die verschiedenen Schichten und Möglichkeiten des Textes bezeichnete - sie könne eine Edelprostituierte, oder aber eine Tote, oder die Wahrheit sein. Keine dieser Varianten sei falsch, sie koexistierten vielmehr und machten im Verweis aufeinander die schwebende Struktur der Novelle aus. Diese sei metaphysisch angelegt. Das in ihr vorwärts treibende Transzendenzbegehren münde gerade nicht in ein Wissen: "Transzendenz gibt es nicht" äußert Lange lakonisch, sondern öffne einen Raum der "Irritation", vor der nur "Demut und Staunen" blieben.
Es gibt also in dieser, wie in den anderen Novellen Langes, einen realen Boden, der jedoch keineswegs eindeutig gegenüber den Einbrüchen des Fantastischen abgegrenzt ist. Wenn die jeweiligen Hauptpersonen dieser Prosastücke erfahren, dass, was sie bisher für die Wirklichkeit hielten, nur ein Ausschnitt ist, dessen Fassbarkeit sich als scheinhaft erweist, beginnen sie mit etwas Bodenlosem zu kommunizieren, und begegnen hier, nirgends sonst, ihrer eigenen Freiheit.
"Ich beschreibe immer nur mich selbst" - Lange scheute sich nicht vor dieser Aussage. In seinen Texten sei von seinem Leidensdruck, seiner Angst, der Angst vor dem Sterben, die Rede. "In meinem Transzendenzbegehren gehe ich immer vom Leben zum Tod und zurück." Die "Verzweiflung vor der Vergänglichkeit, vor dem Würgeengel der Zeit" sei die Voraussetzung seiner Arbeit. Der Schriftsteller müsse unerlöst bleiben: "ich bin froh, dass ich verzweifelt bin - ich bin Neurotiker, Psychopath." Solche Sätze klingen nicht exzentrisch, hier will sich nicht jemand vor einem Publikum interessant machen, weil gar nicht die Rede von einer besonderen psychischen Beschaffenheit ist, sondern von einem existenziellen Lebensvollzug, in dem Offenheit oder Freiheit und ein nihilistisches Nichts sich bedingen.

Dieser Abend wird nicht wenigen, die an ihm teilnahmen, im Gedächtnis bleiben. Sie sind einem Schriftsteller begegnet, der seine Aufgabe wirklich ernst nimmt und dadurch seinem Publikum durch die Präsenz des Vortrags, vor allem aber natürlich durch die Texte selbst vergegenwärtigt, dass es im Dasein letztlich um mehr geht, als darum, den Alltag in immer schwierigen Zeiten zu meistern. Literatur entsteht nur, wenn die Sprache von Texten einen Raum öffnet, in dem wir der Geburt unseres eigentlichen Selbst beiwohnen.
Die Auseinandersetzung mit dem Werk Langes ist eine wesentliche Form der Beschäftigung mit den Problemen der Gegenwart. Aus diesem Grund wird das Marburger Forum dem Autor noch mehrere Beiträge widmen, die letztlich einen "Schwerpunkt Hartmut Lange" bilden werden. Zudem wird der Verein philoSOPHIA, der gemeinsam mit dem Diogenes-Verlag, dem Kulturamt der Stadt Marburg und der Buchhandlung am Markt Otto Roppel die Veranstaltung durchführte, sich dafür engagieren, dass es nicht bei dieser ersten Lesung bleibt. Der nun hergestellte Kontakt zwischen Lange und Marburg soll und muss fortgesetzt werden.
Max Lorenzen