![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Marburger Forum: Herr Lange, Sie sind fraglos einer der wirklich bedeutenden deutschen Gegenwartsautoren - aber vielleicht eben deswegen einem breiteren Publikum nicht so bekannt. Nicht nur deswegen jedoch, sondern auch, weil Ihre Biografie ein wichtiges Stück jüngster Geschichte widerspiegelt, möchten wir Sie zunächst bitten, uns etwas über die entscheidenden Stationen Ihres Lebensweges zu berichten.
Hartmut Lange: Ich wurde 1937 in Berlin geboren, mein Vater war Fleischermeister, meine Mutter Verkäuferin. Nach der Besetzung Polens durch die Deutsche Wehrmacht lebte ich von 1939-1945 in Polen bei Posen auf dem Lande, wo mein Vater eine Gendarmerie leitete. Im Januar 1945 floh meine Familie vor der Roten Armee, wir wurden eingekesselt und zivilinterniert, mein Vater wurde erschossen. Im Herbst 1945 wurden meine Mutter und ich nach Berlin abgeschoben. 1948 verlor ich meinen sieben Jahre älteren Bruder durch Raubmord.

Ich besuchte die Grundschule, danach die Oberschule bis zur zehnten Klasse, wurde dann Gelegenheitsarbeiter und begann in meiner Freizeit zu schreiben. 1957 wurde ich ohne Abitur an der Filmhochschule Babelsberg immatrikuliert und studierte Dramaturgie. 1960 wurde ich relegiert, wurde wieder Gelegenheitsarbeiter, schrieb in meiner Freizeit an einem Theaterstück, das am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt werden sollte. Aber es kam nicht dazu. 1965 floh ich über Jugoslawien nach West-Berlin.
MF: Man stelle sich also vor, jemand muss das Gymnasium vor dem Abitur verlassen, später dann die Hochschule und wird Gelegenheitsarbeiter. Im westlichen Erfolgs- und Karriere-System wären damit beinahe zwangsläufig ungeheure Brüche im Selbstwertgefühl einhergegangen. Offenbar ist das bei Ihnen anders verlaufen. Wie haben Sie diese Kehrtwendungen verarbeitet?
Hartmut Lange: Die Kulturrevolution der SED protegierte vor allem die körperliche Arbeit, der Arbeiter galt mehr als der Intellektuelle, hier konnte sich deshalb kein Verlust an Selbstwertgefühl einstellen. Meine Erfolgserlebnisse hatte ich beim Schreiben.
MF: Auch die neue "Chance", den Abschluss an der Filmhochschule zu machen, haben Sie nicht ergriffen. Es fällt auf, dass Sie jedesmal, wenn sich Ihnen so etwas wie eine gerade Laufbahn bot, auf eine nicht vorhersehbare Weise reagierten. In dem Essay-Band "Irrtum als Erkenntnis", über den wir noch sprechen werden, sagen Sie selbst, dass Ihr plötzlicher Entschluss, "republikflüchtig" zu werden, Ihnen heute noch rätselhaft ist. Zeichnet sich aber in den beschriebenen Kehrtwendungen nicht doch eine bestimmte Logik ab, die sich auf Ihr Autonomie-Bedürfnis, den "selbstgewählten Zwang zur Vereinzelung" ("Irrtum als Erkenntnis", S. 16), also letztlich den unbedingten Willen zur Schriftstellerexistenz zurückführen lässt?
Hartmut Lange: Das kann man so sagen. Ich lief, wie Goethes Wilhelm Meister, meiner eigenen biografischen Kompassnadel nach.
MF: 1965 kommen Sie also mehr oder weniger mittellos nach West-Berlin. Auf welche Weise haben Sie in den ersten Jahren Ihre Existenz bestritten?
Hartmut Lange: Ich habe sofort angefangen zu arbeiten und wurde in den ersten Monaten von Suhrkamp Verlag unterstützt. Danach verdiente ich mein Geld am Theater.
MF: Sie waren in dieser Epoche durchaus noch Marxist. Wann setzte die Abkehr von dieser Philosophie oder Weltanschauung ein, und wodurch wurde sie ausgelöst?
Hartmut Lange: Meine Ablösung vom Marxismus begann sehr spät, und sie war mir zunächst nicht bewusst. Mit 43 Jahren begann ich meine Vereinzelung zu entdecken, alle näheren Konsequenzen dieser Entdeckung fand ich dann später bei Pascal und dem frühen Heidegger philosophisch ausgeführt. Es war also vor allem eine Selbsterfahrung. Ganz sicher hat auch meine Ausgrenzung aus dem westdeutschen Kulturbetrieb etwas damit zu tun.
MF: Sie gerieten in eine tiefe Krise, die sich auch in einer Krankheit äußerte. Alle bisher für fest gehaltenen Begriffe - Wahrheit, Sinn, Geschichte, Fortschritt - lösten sich auf und machten einem radikal empfundenen Nihilismus Platz ...
Hartmut Lange: Ja. Aber der Nihilismus ist als Weltanschauung eben nicht auszuhalten. Insofern war ich gezwungen, ihn als Aufforderung zur Sinngebung zu deuten. Ausdrücklich möchte ich sagen, dass ich ohne die Hilfe meiner Frau die Krise wahrscheinlich nicht überwunden hätte.
MF: Wie hat sich diese Wende in Ihrer literarischen Produktion gezeigt? Sie hatten bereits Theaterstücke und Erzählungen, sowie Essays veröffentlicht. Nun aber entdeckten Sie eine literarische Gattung neu für sich?
Hartmut Lange: Die geschichtsphilosophische Perspektive der Theaterstücke begann mich zu langweilen, sodass ich die Arbeit abbrach. Ich begann Theaterstücke zu schreiben, in denen die Endlichkeitserfahrung eine Rolle spielte. Danach wollte ich mich vom Reproduktionszwang des Theaters freimachen und schrieb den Roman "Die Selbstverbrennung". Hier sind schon stark novellististische Züge erkennbar.
MF: Seither haben Sie eine größere Anzahl Novellen geschrieben, die nun auch, nach den Einzelveröffentlichungen, vom Diogenes Verlag in zwei Bänden gesammelt vorgelegt werden. Warum fesselt Sie diese Gattung besonders? Haftet ihr nicht etwas "altmodisches" an?
Hartmut Lange: Zunächst muss man sagen, dass die Novelle wieder in Mode gekommen ist. Fast alle bekannten deutschen Gegenwartsautoren schreiben Novellen. Zum anderen wählt man die literarische Gattung nicht, man ist dazu befähigt. Und Befähigung bedeutet auch immer Einseitigkeit. Die Kürze, die Stringenz und die Formbewusstheit der Novelle, die etwa dem Sonett in der Lyrik vergleichbar ist, entspricht meinem Naturell.
MF: In nicht wenigen Ihrer Novellen wird berichtet, wie Menschen aus dem, was für sie bisher Normalität und Realität war, herausfallen. In "Irrtum als Erkenntnis" lesen wir: "Die Entdeckung des Selbst ist ohne Schmerzen nicht zu haben. Hier bricht jene Gewissheit zusammen, die wir aus der Simulation des Begrifflichen gewinnen, und nun wird das Subjekt plötzlich auf sich selbst verwiesen" (S. 35). Sie sprechen hier auch vom "Pascalschen Erschrecken" (ebda.), das Ihnen selbst widerfahren ist. Welche Rolle spielen der Schmerz, das Erschrecken und der Nihilismus bei der Entdeckung des Selbst?
Hartmut Lange: Ich war strikter Rationalist, d. h. für mich war die eigene Existenz, wie Hegel es fordert, nur eine Gelegenheit zur Erkenntnis. Irgendwann erkennt man, dass die Erkenntnis, also die Begriffsbildung, die eigene Wahrheit nicht erreicht, dann findet man zur einfachen Anschauung zurück. Pascal hat das in seinen "Gedanken" sehr schön geschrieben, etwa wie man als Wissenschaftler über die Konsequenzen seiner Erkenntnis erschrecken kann. Pascal entdeckt die Unendlichkeit als mathematisch gewisse Formel und findet dann die Endlichkeit seiner selbst. Das hat er nicht ausgehalten, er flüchtete in die Apologie des Katholizismus. Das war mir nicht gegeben. Ich musste im freien Fall zur Ruhe kommen.
MF: Wenn wir, wie Sie es in " Irrtum als Erkenntnis" sagen, im Nichts hängen - sind wir ihm ohne jede Möglichkeit des Trostes ausgesetzt?
Hartmut Lange: Nein. Die selbstgewisse und sich ängstigende Freiheit zum Tode, wie Heidegger es formuliert, führt ja zum Ruf des Gewissens, bei Heidegger die Umschreibung der Sinngebung. Wir trösten uns, indem wir unserem als sinnlos erkannten Leben einen Sinn geben. Darauf läuft auch Sartres humaner Existenzialismus hinaus.
MF: Es gibt also einen Trost, aber keine Erlösung. Mit anderen Worten, die universelle Sinnlosigkeit bleibt die Grundbedingung unserer Existenz?
Hartmut Lange: Ich fürchte, ja.
MF: Was Sie "positiven Nihilismus" (S. 73) nennen, bietet uns also immerhin eine Chance, in der "Verzweiflung und Trost einen Pakt eingehen" können (ebda.), wie Sie schreiben. Wie ist das gemeint?
Hartmut Lange: Für Kierkegaard ist die Verzweiflung eine der Grundprämissen des Glaubens. Für mich ist die Verzweiflung, da sie grundlos ist und a priori gegeben, eine Aufforderung, sie durch positive, lebendige Tätigkeit erträglich zu halten. Ich habe zwar ein Transzendenzbegehren, aber mir gelingt es nicht, wie Kierkegaard, zu einer Gottesgewissheit zu gelangen.
MF: In dem bezeichneten Pakt lassen wir einen "Widerspruch im eigenen Bewusstsein gelten" (ebda.) - wir erkennen, dass unser Bedürfnis nach Trost und die Vorstellungen, die es sich schafft, als solche real in der Welt sind, nämlich als Vorstellungen, und sich doch auf nichts Faktisches stützen können. "Der Rest ist Demut. Wovor? Das ist die entscheidenden Frage" (S. 72). Demut vor dem "Grundlosen" (S. 48) oder "Unerfahrbaren" (S. 72)?
Hartmut Lange: Ja, das Grundlose und Unerfahrbare zwingt uns zur Demut. Es ist im übertragenen Sinne das, was Nietzsche gemeint hat, wenn er im Wahnsinn schrieb: "... wir haben in jedem Stücke Solche, die über uns sind..." Für den Nihilisten sind die Grundlosigkeit und die Kontingenzgewissheit eben jenes, vor dem man nur demütig sein kann.
MF: Bitte erläutern Sie uns die folgenden beiden zentralen Stellen aus "Irrtum als Erkenntnis": "Die Angst vor dem Grundlosen erzeugt ein Gefühl von Gottesnähe" (S. 83) - "Der Rest ist ein Gefühl von Staunen, besser von Demut. Es ist eben ein Gefühl von Gottesnähe, umrissen mit dem Begriff "Metaphysik der Zeit"" (S. 115).
Hartmut Lange: Wer nicht, wie Kierkegaard, aus der Angst vor dem Grundlosen zur Gottesgewissheit gelangen kann, aber dies trotzdem wünscht, der erfährt eben ein Gefühl von Gottesnähe. Man kann aber auch als strikter Nihilist Gottesnähe mit dem Gefühl der Grundlosigkeit gleichsetzen. In jedem Falle aber ist Gottesnähe etwas, das dem Absoluten angehört und von dem wir wünschen, dass es uns nicht verschlingt. Metaphysik der Zeit ergibt sich aus dem Begriff der Zeit selbst. Zeit ist ihrem Wesen nach metaphysisch. Wir wissen nicht, ob sie objektiv existiert oder nur eine unserer Anschauungsweisen ist, und die Unendlichkeit kann man nur metaphysisch denken.
MF: Eine letzte, sehr kompakte Frage, die wir aber keinesfalls umgehen können: deuten Sie bitte wenigstens an, worin die Beziehung zwischen Ethik oder Nächstenliebe und "Irritation" besteht (ein Haupt-Begriff in "Irrtum als Erkenntnis", den Sie so erläutern: eine "Transzendenzerfahrung, die unfähig bleibt, sich zu ideologisieren" (S. 151) )?
Hartmut Lange: Gewissheit lässt sich ideologisieren, Irritation nie. Wenn man den Transzendenzbegriff offenhält, bleibt man realistisch. Dieses Offenhalten des Transzendenzbegriffs ist eben nur über die Irritation zu haben, und in dieser Unentschiedenheit überwintert für mich die Ethik. Auch die Verzweiflung ist grundsätzlich Irritation. Ich glaube ganz sicher daran, dass Transzendenz, die zur Ideologie erhoben wird, wie z. B. die Religion, die Ethik nicht sichern hilft. Nächstenliebe kann man nicht verordnen. Ansonsten gilt für mich der Hinweis Nietzsches, dass der Mensch ein nicht festgesetztes Tier ist, ihm also die Instinktschiene fehlt, die durch das Streben zu Ethik ausgeglichen werden muss, sonst würden wir im Chaos enden.
MF: Setzen wir hier einen Einschnitt - wobei sehr klar ist, dass uns Stoff genug für eine Fortsetzung des Gesprächs bleibt. Es ist deutlich geworden, welche bedeutende Rolle für Sie die Beschäftigung mit der Philosophie hat. Offensichtlich teilen Sie die Furcht vieler Schriftsteller vor der Reflexion nicht. Wie verbinden oder trennen Sie die philosophische und die literarische Arbeit?
Hartmut Lange: Das Reich der Literatur ist die einfache Anschauung, das Reich der Philosophie ist der Begriff. Beide haben denselben Wahrheitsgrund. Es ist wie in Hegels Erkenntnistheorie: Die einfache Anschauung reicht dem Begriff die vollgefüllten Eimer der Erkenntnis zu. Man muss nur Hegels arroganten Herr-Knecht-Begriff streichen, dann kommt man zu dem Schluss, dass Philosophie und Literatur auf gleichberechtigte Weise einander bedingen, vorausgesetzt, die Philosophie begreift, dass die Zeit der geschlossenen Systeme vorüber ist. Auch sie muss, wie die Literatur, irritierbar bleiben.
MF: Nach Hegel und Marx wurden für Sie Nietzsche und Heidegger besonders wichtig. Welche anderen Philosophen und Schriftsteller, eventuell auch der Gegenwart, würden Sie noch nennen?
Hartmut Lange: Kierkegaard, Schopenhauer. Wohlgemerkt, nicht ihre Systeme, sondern ihre Prämissen, dort, wo sie irritierbar bleiben. Also Kierkegaards Begriff der Verzweiflung und der Angst und der Regellosigkeit des Lebens, bei Schopenhauer der blinde Wille, der mir nach wie vor aktuell erscheint, bei Nietzsche der Wille zur Macht, eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Entdeckungen überhaupt. Von den Franzosen Camus. Von den Schriftstellern Kafka, Thomas Mann und Cechov. Von der Gegenwartsliteratur schätze ich die "Blechtrommel", sie tangiert mich aber nicht.
MF: Sie verbringen einen Teil des Jahres in Italien. Welche Gegenden oder Städte, welche Epochen der italienischen Geschichte und welche Künstler sind Ihnen besonders nahe?
Hartmut Lange: Das war ein ständiger Wechsel. Zuerst, da wir als Marxisten vom Augusteischen Zeitalter, dem aufgeklärten Absolutismus, schwärmten, interessierte mich das Römische Reich, also vor allem Rom, aber auch, da ich als Dramatiker vor allem von Shakespeare gelernt habe, die Renaissancestädte der Provinz, vor allem Verona. Im Augenblick interessiere ich mich für die Langobarden und für die Spuren, die die Gotik hinterlassen hat. Was mich an Italien nicht interessiert ist der Süden ab Rom.
Das Gespräch führte Max Lorenzen