Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 2


Das Hessische Landestheater Marburg

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell

Premiere: Samstag, 12. April 2003. Erwin-Piscator-Haus (Stadthalle)

 

Inszenierung: Peter Radestock
Ausstattung: Klaus Weber
Dramaturgie Anne-Kathrin Guder

Hermann Gessler, Reichsvogt                 Peter Radestock
Werner, Freiherr von Attinghausen/
Itel Reding                                                     Fred Graeve
Ulrich von Rudenz/
Meier von Sarnen                                         Michael Bolz
Werner Stauffacher                                     Thomas Streibig
Konrad Hunn/Leuthold/
Parricida                                                        Bernhard Hackmann
Walther Fürst                                                Jürgen Helmut Keuchel  
Wilhelm Tell                                                  Peter Meyer
Rösselmann der Pfarrer/
Ein Reichsbote/Pfeiffer von Luzern/
Stüssi der Flurschütz                                   Stefan Gille
Petermann der Sigrist/
Ruodi der Fischer/Ein Gesell                     Harald Preis
Kuoni der Hirte/
Arnold vom Melchthal                                   Gabriel Spagna
Konrad Baumgarten/
Rudolf der Harras                                         Jochen Nötzelmann
Friesshardt/Meister Steinmetz/
Werni der Jäger                                             Arthur Werner
Struth von Winkelried/
Öffentlicher Ausrufer                                     Bernd Kruse
Gertrud, Stauffachers Gattin/
Armgard                                                          Christine Reinhardt
Hedwig, Tells Gattin                                     Nadine Pasta
Berta von Bruneck                                         Regina Leitner
Walther, Tells Sohn                                      Benjamin Funke/Lars Zeiher

 

Peter Radestock hat bis zuletzt aus seiner Inszenierung ein Geheimnis gemacht und weder Probenbesuche gestattet, noch Fotos der szenischen Arbeit vor dem Premierentag an die Presse gehen lassen. Man kann vermuten, dass es noch bis zum Schluss gewichtige Änderungen gegeben hat, denn die in dieser Kritik nun wiedergegebenen Aufnahmen vermitteln eigentlich keinen richtigen Eindruck, weil alle Darstellerinnen und Darsteller in der gestrigen Vorstellung enganliegende Masken trugen, die nur Mund, Nase und Augen freiließen. Der individuelle Gesichtsausdruck spielte mithin keine Rolle - auf der Bühne agierten überwiegend Typen, deren Gebärden und Sprache das schillersche Freiheitspathos verfremdeten und schablonisierten.

Peter Meyer als Wilhelm Tell, mit Armbrust und Bierglas

Die auf drei Stunden angesetzte Aufführung begann in einer bayerisch-schweizerischen Kneipe, in der die von Gessler zum Bau einer Festungsanlage gezwungenen Arbeiter ebenso beim Bier saßen, wie die Landleute aus den drei Kantonen und zwischendurch Wilhelm Tell. Auf zwei Fernsehschirmen beobachteten sie und wir, die Zuschauer, die erste Szene des Stücks, in der Tell Baumgarten, der, um seine Frau zu verteidigen, einen Burgvogt des Kaisers mit der Axt erschlagen hat, vor seinen Verfolgern rettet. Die Darstellungsart des Films erinnert an dramatisierte Forsthaus-Serien - man wappnet sich innerlich gegenüber dem Kommenden und ist gleichsam dankbar für diesen Hinweis, der es gestattet, auch den Höhepunkt des ersten Teils, den Rütli-Schwur, der hier zum Saufgelage - alle schütten Unmengen Biers in sich hinein – mit anschließendem Handgemenge verkommt, gelassen hinzunehmen. Die Volksvertreter, die eine Revolution vorbereiten, sind, will Radestock uns sagen, zu Kneipen-Schwätzern verkommen. Aber die Kritik an dieser vorgeblich realen Banalisierung des politischen Lebens der Gegenwart durch ihre entsprechende szenische Umsetzung hat keine Schärfe, sondern zielt eher auf wohlfeile Lacher ab, die in der Regel jede Slapstick-Einlage auf dem Theater für sich verbuchen kann.

Man geht in die erste Pause, enttäuscht und mit dem erstaunten Gedanken, dass man sich immerhin nicht gelangweilt habe. Aber der nächste Aufführungsblock bringt eine Überraschung. Nicht das ganze Stück spielt im Wirtshaus. Wir sehen nun eine freie Szene, auf der der berühmte Hut, das Zeichen der Unterdrückung, auf einer Stange aufgerichtet wird. Das Erscheinen Gesslers bringt endlich in den Handlungsablauf ein Element von Schärfe und Bedrohung. Man spürt die Zerfressenheit der Macht und ist erstaunt: Radestock zeigt uns das Psychogramm einer Maske, also etwas Unheimliches, nämlich die Individualisierung eines Typs. Plötzlich agiert etwas Reales auf der Bühne, ein Böses, demgegenüber die Menschen nicht nur um das Leben, sondern um ihre Selbstachtung kämpfen müssen. Um Gessler, das Zentrum der Macht, von dem eine schreckliche Dynamisierung ausgeht, agieren nun die anderen Personen. Sie ballen sich zu einer hilflosen Masse zusammen und versuchen, an dem einmal gefassten Entschluss, dem Aufschub des Aufstands, wie an einem Richtmaß festzuhalten.

Christine Reinhardt, Peter Radestock, Jochen Nötzelmann

Das von Radestock gewählte Mittel, die verschiedenen Szenen oder Handlungsstränge in beinahe parallelen Aktionen auf die Bühne zu bringen, erhöht nun zusätzlich die Dichte des Spiels. Die Zuschauer erleben so die innere Dynamik des Schillerschen Dramas. Von Anfang an - der Schilderung Baumgartens von seiner legitimen Gegenwehr - geht es um die Möglichkeit eines schuldfrei bleibenden Widerstandes gegenüber tyrannischer Macht. Die Tötung eines Gewaltherrschers darf, zieht Schiller das Fazit aus der französischen Revolution, nicht das Resultat eines politischen Kalküls sein und erst recht nicht Ausdruck von Habsucht oder Rache. Der Entschluss Tells, Gessler zu erschießen, entspringt in einem Moment äußerster Bedrohung, in dem die Natur selber aus den Fugen zu gehen droht. In seinem Monolog vor der Tat, den Radestock weitgehend gestrichen hat, sagt Tell: " ... Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir, / Damals gelobt ich mir in meinem Innern / Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört, / Dass meines nächsten Schusses erstes Ziel / Dein Herz sein sollte - Was ich mir gelobt / In jenes Augenblickes Höllenqualen, / Ist eine heilge Schuld, ich will sie zahlen" (V. 2583ff).

Die Tiefendimension dieses Entschlusses ermöglicht eine Tat, in der Freiheit und Notwendigkeit zusammenfallen, weil sie ein höheres Gesetz als das sonst geltende menschliche stiftet. Am Schluss des Dramas erwidert Tell Parricida, der aus "Neid" (V. 3199) tötete: "Gerächt / Hab ich die heilige Natur, die du / Geschändet - Nichts teil ich mit dir – Gemordet / Hast du, ich hab mein Teuerstes verteidigt" (V. 3181ff). Die Auslegung Radestocks im Programmheft: "Tell tötet den Mann, der ihn zwang, einen Apfel vom Kopf seines Sohns zu schießen, aus einfacher Rache" ist also gänzlich falsch. Wer die Natur selber rächt, handelt gerade nicht aus niedrigen Beweggründen. Die innere Spannung des Dramas resultiert daraus, dass der Volksaufstand, der, soll er gelingen, klug kalkuliert sein muss, einer Tat bedarf, die aus intuitiver Sicherheit und Notwendigkeit erfolgen muss, weil sie nur so rein von Schuld bleiben kann. Schiller zeichnet wie am Reißbrett einen idealen Revolutionsverlauf, in dem sich politische Reflexion und inspirative freie Handlung vereinigen, um "die neue bessre Freiheit", das "Herrliche der Menschheit" (V. 2422ff) zu erzeugen.

Jochen Nötzelmann, Fred Graeve, Nadine Pasta und Benjamin Funke

Tell wird der "Freiheit Stifter" (V. 3083), weil seine Handlung aus der "Natur" selber erfolgt und insofern auch das Ganze der Schweizer Bürger repräsentiert. Sie, die sie nicht vollbringen durften, erkennen sich in ihr wieder - deswegen ist Tell nun das Gründungssymbol ihres "neuen Bundes". Die Frage des Programmheftes: " Entspringen wahre 'Helden' eigentlich nur dem Wunschdenken von anderen?" muss also im Sinne Schillers verneint werden, für den hier viel, ja alles, auf dem Spiel steht. Nur durch die sich ineinander spiegelnden Parallelhandlungen kann eine neue gesellschaftliche Ordnung, deren Ursprung nicht in Gewalt gründet, gestiftet werden.

Die Marburger Aufführung geht einen anderen Weg. Die Menge zieht nach gelungenem Aufstand, schon wieder ein Trinklied anstimmend, zu Tells Haus, der sich Parricida gegenüber bereits in äußerster Selbstgerechtigkeit gezeigt hatte, um einen Freiheitshelden zu feiern, der am Schluss, allein auf der Bühne, dümmliche Posen, unter der auch ein Hitlergruß nicht fehlt, einzustudieren. So zwiespältig wie der Abend begonnen hatte, endet er auch. Radestocks Unternehmung ist keinesfalls einfach missglückt, sondern bietet über weite Strecken gutes Theater. Seine Schiller-Interpretation jedoch besteht, wie heute üblich, einfach darin, die Inhalte des klassischen Dramas zu banalisieren, um wieder einmal zu zeigen, dass die Ideale der Tradition nichts mehr wert sind. Das jedoch wussten wir schon. Ich habe es, rundheraus gesagt, einfach satt, mir in Gegenwartsinszenierungen immer erneut die Vulgarisierung des Daseins vor Augen führen zu lassen. Es würde erheblich mehr Kraft und Mut fordern, sich etwa dem Schillerschen "Wilhelm Tell" auf andere Art zu nähern. In diesem Stück existieren gleichsam lebensbedrohliche Unstimmigkeiten, die sein Ideal im Kern angreifen und zersetzen. Sie könnte man freilegen und so etwa zeigen, dass der - doch notwendige - Kampf gegen ein "Böses" nicht, wie Schiller es erhoffte, rein bleiben kann von dem, das er angreift. Die Ausgangsposition der Gegenwart, sofern man sich ethisch engagieren und einsetzen will, wäre also dadurch bezeichnet, dass es ebenso gefährlich ist, keine Ideale zu haben, wie sich von ihnen leiten zu lassen.

Der interpretatorische Ansatz von Radestocks Inszenierung ist also zu flach. Wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer dennoch über größere Zeitstrecken von dem Geschehen auf der Bühne mitgezogen werden, so deswegen, weil die eingesetzten dramaturgischen Elemente sich von der Grundidee emanzipieren. Es ist merkwürdig und bezeichnend, dass Radestocks Spiel seine Inszenierung überragt und sie gewissermaßen gegen seinen Willen interessanter macht.

Max Lorenzen

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