Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


Gernot Böhme: Die Natur vor uns. Naturphilosophie in pragmatischer Hinsicht. Die Graue Reihe Band 33, Baden Baden 2002. 308 Seiten, 36 Abbildungen, ISBN 3-906336-33-6, 19 €

 

Am 27. Dezember 2002 ging die Meldung durch die Medien, dass in den USA das erste geklonte Baby das Licht der Welt erblickt habe. Abgesehen von den Begleitumständen des Falles und von der Tatsache, daß es angesichts der sich hiermit in verschiedene Richtungen eröffnenden - wie verschließenden - Dimensionen zu früh ist, dazu Aussagen zu treffen, trägt dieser Fall, und sollte er auch nur ein vorübergehendes Irrlichtern sein, doch zweifellos mit dazu bei, daß das Bewußtsein der Menschheit von sich selbst immer mehr an einem Wendepunkt ankommt. Die Epoche der natürlichen Evolution neigt sich dem Ende zu; der Mensch hat sich zum Herrn über die Schöpfung aufgeschwungen. Durch die Fortschritte der Naturwissenschaften und der Technologie muss er an seinem Leib nichts mehr als (natur)gegeben hinnehmen. Einigkeit der Menschheit über wünschenswerte Entwicklungen und auszubildende Fähigkeiten dürfte in dieser Lage bis auf weiteres nicht zu erwarten sein. Und das könnte im Extremfall „langfristig zur Auflösung der einen Gattung Mensch“ (S. 97) führen.

Soweit zur Frage nach der inneren Natur des Menschen, die sich jetzt, wenige Monate nach dem Erscheinen des Buches, emphatisch stellt. Böhme hat den Gesamtzusammenhang, in den sich diese Entwicklung einbettet, schon vorher genau beschrieben. Seine Beschreibung ist über den Tag hinaus bedeutsam, weil sie dazu beiträgt, die geistige Grunddimension dessen zu verstehen, um was es geht.

Die äußere Natur, die Umwelt als solche, ist in der Gegenwart nicht mehr von sich aus da. Sie ist in allen ihren vorliegenden Manifestationen bereits anthropogen umgestaltet, und zwar derart, dass ihre Wiederherstellung als ein Zustand, den man als human bezeichnen kann, eine der zentralen politischen Fragen des 21. Jahrhunderts werden wird. Das hat bereits Carl Friedrich von Weizsäcker vor Jahrzehnten so gesehen. Und nach Böhme ist „unser historischer Ort […] dadurch bestimmt, dass wir nicht vor der Umweltkatastrophe stehen, sondern mitten darin“ (S. 261).

Innere und äußere Natur sind „endgültig zu etwas geworden, was vor uns liegt, zu einem Projekt“ (S. 28). Beide Fragen, die nach der inneren und die nach der äußeren Natur, bilden den Spannungsbogen, in dem Böhme seine zum Buch gesammelten Aufsätze zusammengefügt und um ein einleitendes Kapitel und ein Namensregister ergänzt hat. Der Untertitel „Naturphilosophie in pragmatischer Hinsicht“ lässt erkennen, dass es dem Autor um mehr geht, als um das Aufzeigen der Probleme des Menschen mit seiner eigenen Natur und mit der äußeren Natur. Es geht um ein geistiges Eindringen in das Naturproblem und um sein Umgestalten aus einem vertieften Verstehen heraus.

Einführend (I.) gibt Böhme eine philosophische Standortbestimmung und führt aus, weshalb die Leitlinien der Moderne veraltet und wir in der Postmoderne (beziehungsweise in der Zweiten Moderne nach Beck und Giddens) angekommen seien. Es folgen zwei Abschnitte über die Bedeutung der inneren und der äußeren Natur, also des Leibes (II. Leib: Die Natur, die wir selbst sind) und unserer Umgebung (III. Die Natur, die wir nicht selbst sind), jeweils unter Betonung des ästhetischen Aspekts. Die Menschenwürde sei durch die fortschreitende Technisierung des menschlichen Körpers bedroht, das Menschsein in der Gegenwart deshalb nicht mehr in Abgrenzung gegen die Tierwelt, sondern gegen die Maschine, zu definieren. Die Betrachtung von Bäumen, Blumen, Tieren und Landschaften als äußere Natur leiten zu Kapitel IV (Humanisierung zerstörter Landschaft) über. Hatte sich der Mensch seit der frühen Neuzeit in der Emanzipation von der Natur definiert, so zeigt sich nun, dass „die Freiheit, die der Mensch gegenüber der Natur gewonnen hat, gegenüber der Mensch-gemachten Natur wieder verloren geht“ (S. 187). Die Natur, die es heute human zu gestalten gilt, ist im weitesten Sinne bereits zerstört. Naturgestaltung in der Zukunft heißt „Entwurf von Natur auf der Basis schon vernutzter Natur“ (S. 207). Eine Antwort auf das „Wie“ könnte die Kunst geben (V: Kunst für die Natur), doch seien ihre Vertreter allzu sehr mit der Frage „Was ist Kunst“ und nicht „Wozu Kunst“ beschäftigt. Die Künstler könnten eine führende Rolle bei der humanen Wiederaneignung der äußeren Natur übernehmen und – was die innere Natur betrifft – dem Menschen eine Anleitung zum leiblichen Spüren und erweiterten Wahrnehmen geben. Erst darin sei für den Menschen seine innere Natur erfahrbar und die Entfremdung von der äußeren Natur, ausgelöst von Naturwissenschaft und Technik, zu überwinden. Ein Überblick über den Umgang mit der Natur zeigt, dass dieser von der Antike bis zur Frühen Neuzeit ethisch geregelt war (VI: Bios Ethos). Nach neuzeitlicher Auffassung aber seien die Naturwesen reine Objekte und als solche nicht Gegenstand ethischer Reflexionen. Um dies zu ändern, fordert Böhme die Entwicklung eines „ethisch-relevanten Naturwissens“, das in den Schriften Herders, Goethes oder Jonas’ ansatzweise vorhanden und nun systematisch zu entwickeln sei.

Böhmes Buch ist zweifellos ein bedeutendes Werk, das endlich einen „anderen“ Ton der Naturphilosophie (wieder) anschlägt, der bis vor einigen Jahren weitgehend verloren war. Es zeigt, daß die Philosophie auf der Höhe der Zeit mit- und vorausdenken kann, vor allem: daß sie das wahrnehmende, auf authentischen individuellen Intuitionen aufbauende Erkennen vertiefen kann. Außerdem ist das Buch für eine Aufsatzsammlung erstaunlich geschlossen und flüssig lesbar. Der gemeinsame roten Faden der Aufsätze entfaltet sich mühelos, und bis auf einige Wiederholungen hat man nie den Eindruck, sich in Fragmenten unterschiedlicher Herkunft und Entstehung zu bewegen. Böhme bezieht sich außerdem in völlig unbefangener Weise an entscheidenden Stellen immer wieder auf anthroposophisches Gedankengut: auf Joseph Beuys, E.-M. Kranich und andere.

Andererseits weist das Buch bei allen Vorzügen auch einige symptomatische Stellen auf, die zeigen, daß Böhme vor dem entscheidenden Schritt: dem Schritt in eine wirklich praktisch-geistgemäße Betrachtung der Natur zurückschreckt, wie sie vor allem der von ihm genannte Goethe in ersten, richtungsweisenden Ansätzen vollzogen hat, die heute in der Tat neu zu entwickeln und auszubauen wären. Böhme führt zwar eloquent und mit viel Überzeugungskraft an die Schwelle zu diesem Schritt heran, er klärt sozusagen das Vorfeld, und zwar in durchaus beeindruckender Weise. Und er liefert zu diesem Zweck, anknüpfend an das Denken der Zeit und seinen Stand, außerordentlich wertvolle Argumentationshilfen, die nur empfohlen werden können all denjenigen, die sich in der Umweltdebatte am Beginn des 21. Jahrhunderts engagieren. Aber Böhme selbst bleibt vor dem entscheidenden Schritt stehen. Das allerdings ist ganz zeitgenössisch und akademisch an seinem Buch - im herkömmlichen Sinn.

Ein Beispiel dafür: seine Heranführung an die Erfahrung der inneren Natur des Menschen. Nachdem Böhme eine „kritische Theorie der Natur“ eingefordert hat, die (ähnlich wie die kritische Gesellschaftstheorie im Bereich des Sozialen) das Bewußtsein dafür schaffen muß, daß die äußere Natur nichts mehr ist, was sich von selbst versteht, sondern vom Menschen und seinem Geist abhängt und also eine Aufgabe ist, sucht er folgerichtig an die Erfahrung der inneren Natur des Menschen heranzuführen, von der aus sich ein neuer Maßstab bilden könne. Dabei nennt er nun an verschiedenen Stellen des Buches (u.a. S. 24), was ihre Bedeutung hervorhebt, verschiedene Meditations- und Erfahrungspraktiken - wie Yoga, Tai Chi, autogenes Training und „andere Leibpraktiken“. Allerdings bezeichnet er all diese Praktiken mit Hermann Schmitz als eine „bewußt eingeübte Regression, Regression verstanden als Gegenbewegung zur personalen Emanzipation, die zur Konstitution des Ich führt. Relevant werden solche Übungen, in denen das Leib-sein-Können erworben wird, besonders für Bereiche wie die Sexualität, den Geburtsvorgang, aber auch trivialere Vorgänge wie etwa das Einschlafen.“

Mit solchen (ihrer Grundintuition nach ganz richtigen und notwendigen) Ausführungen, die an die innere Natur des Menschen heranführen sollen, tritt Böhme an eine (seine eigene) Grenze heran. Hier hat er sich offenbar zu weit vorgewagt in ein Gebiet, das er in seiner eigentlichen Bedeutung und Stoßrichtung nur zum Teil durchschaut. Die Erfahrungen, um die es hier geht, sind in der Tat entscheidend für einen neuen Begriff der inneren Natur des Menschen. Und in der Tat tauchen dabei Perspektiven der Entwicklung auf, die entscheidend sind auch für unseren künftigen Umgang mit der äußeren Natur. Auch ist richtig, daß die von Böhme genannten Techniken zu einer stärkeren Leiberfahrung führen. Die Frage ist nur, ob gerade sie die geeigneten sind, einen neuen Begriff der Natur auf einer Erfahrungsgrundlage grundzulegen - oder ob sie in dieser Form nicht veraltet für die Gegenwart sind und gerade im Gegenteil durch Praktiken ersetzt werden müssen, die zu einem leibfreien Bewußtsein führen. Dieses kann, einmal erreicht, dann seinerseits einen neuen Begriff des Leibes und der Natur konstituieren. Gerade als leibfreies ist das Bewußtsein die Grundlage für eine neue, geistgemäße Auffassung, die zugleich wirklich praktisch ist. Darauf hat zum Beispiel die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners in der Nachfolge Goethes immer wieder nachdrücklich hingewiesen. Das ist nicht die Wiederholung der alten modernen Dichotomie von Körper und Geist, sondern im Gegenteil die postmoderne Voraussetzung für jede heute nur noch differenziert zu leistende Einheit, die zusammenführt, aber dabei zugleich sicherstellt, dass mit dem gegenwärtig oft undifferenzierten „Zurück zur Natur“ nicht paradoxerweise gerade jene ungesunde Verschmelzung von Körper und Geist unterstützt wird, die in den neuen Genmanipulationstechniken angestrebt wird und die das letzte wäre, was wir heute brauchen können.

Diesen Schritt in eine wirklich geistgemäße Auffassung - übrigens auch und gerade im Sinn von Goethe, der das mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich gesehen und sich nie mit „Leibpraktiken“ zufrieden gegeben hätte - zu vollziehen, und zwar in systematisch organisierten, praktischen Experimentalreihen, aber auch darauf aufbauend theoretisch, wird die Aufgabe der Leser Böhmes sein. Der Leser wird die Gedanken dieses Buches weiterführen müssen, auch mit Hilfe anderer großer Denker der Natur des 19. und 20. Jahrhunderts. Sonst droht es, eine bedeutsame publizistische Episode zu bleiben, die in der Nähe der entscheidenden Schwelle - zu einem neuen Goetheanismus als ernsthaftem Wissenschaftssystem - stehen bleibt.

Dieser Aspekt schmälert aber den Wert des Buches nicht. Es ist, mit seinen vielen schönen Abbildungen, seiner gelungenen Kritik an Zeiterscheinungen, dem persönlichen Ton und den wertvollen, oft große geistige Bewegungen treffend in wenigen Zeilen zusammenfassenden und in ein größeres Panorama hineinstellenden Gedanken ein philosophisches Kleinod in der heutigen Publikationsflut zum Thema.

An dieser Stelle sei im übrigen auch auf die anderen bisherigen Bände der „Grauen Reihe“ („Schriften zur Neuorientierung in dieser Zeit“) hingewiesen. Die Reihe ist insgesamt wichtig, denn sie bringt einen überzeugenden neoplatonischen Aspekt in die Debatte um geistige, soziale und politische Zentralprobleme der Zeit. Diese Reihe verdient viele Leser – gerade solche, die in neuer Weise substantiell an und in der Zeit denken wollen. Ihr einziges Manko ist vielleicht nur der Name: wenn er, vor allem für junge Leser, die das Künftige, das sich hier beeindruckend abzeichnet, werden konkret bewältigen müssen, nur nicht so grau klingen würde!

Roland Benedikter und Dietmar Klafmann

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