Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


Buch des Monats Mai

„… mit allen Mitteln versuchen, in die Wirklichkeit einzusteigen.“

Ingvar Ambjörnsens Roman Blutsbrüder  (1996)
Piper Verlag, München, 6. Auflage 2003
Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

 

Der Roman beginnt mit einer einprägsamen Szene: Ein Mann steht am Fenster einer Osloer Wohnung und sagt zu seinem Mitbewohner: „Als kleiner Junge habe ich schrecklich gern Johannisbeeren gegessen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr ausstehen.“ Der andere, der Erzähler, bittet ihn, vom Fenster wegzugehen und sich zu setzen und macht sich seine Gedanken über die Bemerkung des Freundes: „Ich wusste nur zu gut, wie leicht wir in einen toten Kolk geraten, wenn wir versuchen, vom Fenster einer kleinen Wohnung aus die Wirklichkeit zu studieren. Ehe wir uns versehen, sind wir aus der Wirklichkeit ausgestiegen. Und wir beide arbeiteten jetzt an einem gemeinsamen Projekt. Wir wollten mit allen Mitteln versuchen, in die Wirklichkeit einzusteigen. Am Alltag teilzunehmen, gewissermaßen. Und da lagen die Stolpersteine dicht an dicht, so dicht wie die Minen an der Front von Verdun.“ – Die Zeilen erläutern das inhaltliche Grundkonzept des Romans Blutsbrüder des norwegischen Autors Ingvar Ambjörnsen (geb. 1956): Zwei Männer mittleren Alters, der Erzähler Elling und sein „Blutsbruder“ Kjell Bjarne, eigentlich ängstliche, scheue Beobachter von Wirklichkeit aus der Ferne, versuchen mit allen Mittel in ebendiesem „Stolperstein“ Wirklichkeit langsam wieder Fuß zu fassen, ihr Beobachter- und Außenseitertum abzulegen,  „Alltagsmenschen“ zu werden.

Erst nach und nach erfährt der Leser, warum Elling und Kjell Bjarne vorerst nur Beobachter dessen, was „draußen“ vorgeht, sind. Sie haben einen längeren Aufenthalt im „Kurzentrum Broynes“, in „einer Art Hochgebirgshotel“, wie sie die psychiatrische Klinik beschönigend nennen, hinter sich, beide dort nach seelischen Zusammenbrüchen in Behandlung, Kjell nach schweren Konflikten mit seinen Eltern, Elling, dessen Vater früh starb, nach dem Tod seiner Mutter mit dem Gefühl der Schutz- und Hilflosigkeit. – Im dritten Kapitel kommentiert der Erzähler das Bild „Abend auf Karl Johan“ von Edvard Munch, das ihn, seit er es in einem Schulbuch sah, tief beeindruckt und begleitet hat, ein Bild mit vielen Menschen mit bleichen Gesichtern und großen leeren Augen, die alle in eine Richtung gehen, mit einer einzigen dunkel gekleideten Gestalt, die sich in die Gegenrichtung bewegt, allein und einsam. Elling erkennt sich in dem einzelnen, dem anderen, dem Fremden wieder: „Ich wusste, dass ich dort über die Straße ging, weg von allen anderen, vom Hauptstrom.“ Er spürt, dass er „aus dem Zusammenhang“ herausgeglitten  und oft „vor Angst wie gelähmt“ ist. Er hat das Gefühl, „zu verschwinden“, sich „aufzulösen“. 

Zwei Menschen, die sich von der Außenwelt so bedrängt und bedroht fühlen wie Elling und Kjell Bjarne, müssen wieder langsam, Schritt für Schritt, lernen, ihre von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern beschützte Kleinstwelt zu verlassen und in der Welt der anderen, draußen vor dem Fenster sozusagen, zu leben. Davon handelt Ambjörnsens Roman. Er  erzählt von den zaghaften und mutigen Versuchen des Erzählers und seines Freundes, die sogenannte Normalität zu „erfassen“, schildert die kleinen und die großen Ängste bei der Eroberung des Alltags, die kleinen und die großen Niederlagen und Rückschläge und – das ist das Liebenswerte an dem Buch –   die kleinen und großen Siege und Triumphe. So „trauen“ sich Elling und Kjell Bjarne, bei einer älteren Frau zwei Kätzchen, ihre „Jungs“, abzuholen – und meinen schon, sie hätten damit ihre Einsamkeit und Abgekapseltheit überwunden. Sie verdrängen nach langem Zögern ihre Furcht und ihre Bedenken, ein Restaurant zu betreten, sich den Blicken der Gäste auszusetzen und „Speck mit Stippe“ zu bestellen, – und fühlen sich, als hätten sie jetzt „ihr“ Stammlokal entdeckt. Sie besuchen nach tagelangen Vorbereitungen – Stadtplanstudium, Routenfestlegung, Fahrkartenkauferkundung -  ihren Betreuer, den Sozialarbeiter Frank, und dessen Freundin Janine in einem Ort außerhalb Oslos, verleben dort einen „Mega-Abend“, wie Kjell Bjarne sich ausdrückt, – und glauben, sie hätten ihr soziales Leben damit fest im Griff. Es sind diese kleinen Schritte in die Wirklichkeit, die, von Elling in naivem, aber niemals trotteligem, in humorvoll-komischem, aber niemals auf Lacheffekte zielendem, in oft genug melancholischem, aber niemals auf Mitgefühl schielendem Ton erzählt, Ambjörnsens Buch kurzweilig und durchaus lesenswert machen. Nirgendwo breiten sich Larmoyanz und Anbiederei aus, nirgendwo werden Elling und Kjell Bjarne zu lächerlichen Schwächlingen, immer verspürt der Leser Respekt und Achtung vor ihnen, die sich im Laufe der Geschichte zu wahren Helden, zu Antihelden, entwickeln. Elling macht sich einmal, als er ein Restaurant durchquert und dabei quälend das „angsterfüllte Gefühl von Fremdheit“, den „Munch-Zustand“, erfährt, seine Gedanken über den Südpol-Erkunder Erling Kagge: „Erling Kagge zum Beispiel war allein zum Südpol gegangen. Während ich mich gewaltig zusammenreißen musste, um allein dieses Restaurant zu durchqueren. Und ich war nicht der einzige, dem das Probleme machte. Ich wusste, dass in der Stadt Tausende von Menschen lebten, die sich ohne eine kleine Pille oder ein stärkendes Gläschen nicht einmal in den Laden an der Ecke trauten. Ich hatte in den Zeitungen gelesen, wie häufig dieses Problem auftrat. Ich befand mich also in guter Gesellschaft. Und  weiter überlegte ich mir, dass niemand wissen konnte, was die wirklich große Tat war. Der ängstliche Mann, die ängstliche Frau, die ihrer Angst trotzten und ganz einfach aus dem Haus gingen, ins unbarmherzige Licht der Straße traten, unter die stechenden Blicke der anderen – oder Erling Kagges heroische Wanderung zum Südpol?   Stand es denn wirklich fest, dass er der große Held war?“

Der Roman lebt von dem anderen, ungewohnten, leicht schrägen Blick des Erzählers auf die banale (Einkauf in einem Supermarkt) und banalste (Urinieren neben einem anderen Mann auf der Toilette einer Gaststätte) Wirklichkeit, und der Leser erkennt -  darin liegt der Humor der Geschichte – zunehmend deutlicher, dass sich seine eigenen kleineren und größeren Sorgen, Ängste und Unsicherheiten nicht immer von denen Ellings und Kjell Bjarnes unterscheiden. Er spürt, dass die Außenseiterposition der beiden Romanhelden und ihre Erfahrungen auch sein eigenes Leben in manchem – in vielem? – widerspiegeln.

Der Roman lebt aber auch von den Unterschieden und Gegensätzen  im Charakter der beiden Blutsbrüder – die Blutsbrüderschaft ist übrigens eine kleine groteske, komische Begebenheit: Zufällig berühren sich bei einem eher unbedeutenden Unfall ihre blutenden Hände. Elling und Kjell Bjarne sind  beide vom Leben an die Seite gedrückte Menschen, aber in ihrer Art der Wirklichkeitswahrnehmung und des Zugriffs auf den Alltag völlig verschieden: der Erzähler übervorsichtig, alles abwägend, überall Schwierigkeiten und Berge von Problemen witternd, immer mehrere Schritte vorausdenkend und dabei Schlimmes erahnend, auch nachdenklich, einfühlsam, humorvoll und, wenn es sich anbietet, ironisch, an Büchern und am Schreiben interessiert  -  Kjell Bjarne naturburschenhaft groß und stark, gelegentlich mit einem Anflug von Naivität und Einfältigkeit,  ein „Gern-Esser“, stur, wenn es sein muss, anhänglich mit Beschützerinstinkt und ausgestattet mit vielerlei handwerklichen Fähigkeiten. Wie Elling sich immer wieder über aus seiner Sicht Naheliegendes, in Wahrheit viel zu weit Hergeholtes,   Sorgen und Gedanken macht, wie er dann nach sorgfältigen Überlegungen beschließt, mutig über seinen Schatten zu springen, und die von ihm mit Sorgen bedachte Situation - eigentlich nur Selbstverständlichkeiten -  akzeptiert, gibt immer wieder Anlass zum Schmunzeln. Und wie die beiden Männer trotz aller Unterschiede für einander da sind, wenn sie einander brauchen, hat etwas Berührendes, ohne dass   die Geschichte in Kitsch oder falsche Gefühlsseligkeit abglitte.

Der Roman ist noch aus einem anderen Grund spannend. Sowohl der Erzähler wie Kjell Bjarne haben das Erlebnis, das ihnen eigentlich erst hilft, ihr Außenseitertum zu besiegen: Elling lernt einen älteren Mann, Alfons Jörgensen, kennen, der früher zwei Lyrikbände veröffentlicht hat und eine umfangreiche Bibliothek – Ellings heimlicher Traum – besitzt, und wird selbst ein Dichter, ein „Sauerkrautpoet“. Und Kjell Bjarne verliebt sich in die Hausnachbarin Reidun Nordsletten und wird schneller, als er es je für möglich gehalten hätte, „Vater“. Die Lyrikepisode und die Liebesgeschichte machen den Hauptteil von Ambjörnesens Roman aus. Wie sich beide Geschichten entwickeln und ineinander verweben, wie die beiden Freunde, nach echten und nach eingebildeten Hürden,  ein Happyend erleben, zeigt, warum Ambjörnsen ein Bestseller-Autor in der guten Bedeutung des Wortes ist. -   Der Roman endet mit einer Episode, die deutlich macht, dass Elling aus Erfahrungen gelernt hat, dass er Alltagssituationen beispielsweise nicht mehr mit seinen Angstvorstellungen füllt und ins Furchterregende uminterpretiert,   sie nicht mehr „verfälscht“, sondern sie einfach für das nimmt, was sie sind. Elling beobachtet mit Alfons Jörgensen vom Fenster aus Kjell Bjarne, Reidun und deren Kind im Hof: „Bei seinen letzten Worten erhob das Baby unten im Hof ein wütendes Geschrei. Ein dünner, schneidender Ton, der das Zimmer, in dem Alfons und ich standen, gewissermaßen zu füllen schien. „Das hört sich dramatisch an“, sagte ich. „In Wirklichkeit will sie aber nur Milch.“ „Ja“, sagte er. „So einfach ist das im Grunde.“

Literatur lebt von dem anderen Blick des Erzählers auf die Wirklichkeit, auf das Leben, auf Menschen, auf alles, was für den Leser vielleicht zu selbstverständlich, zu alltäglich ist und von daher unbemerkt bleiben könnte. Der andere Blick und seine fiktionale Darstellung und Verarbeitung erschließen neue, aufregende Seiten auch der Wirklichkeit des Lesers, ermöglichen ihm im umfassenden Sinn des Wortes Welterfahrung. – Für Ambjörnsens Wahl eines Erzählers als eines Außenseiters, eines ehemaligen Patienten einer psychiatrischen Klinik, gibt es berühmte literarische Vorbilder. So berichtet Holden Caulfield in Salingers Roman Der Fänger im Roggen (1951) aus der Sicht eines Siebzehnjährigen, der nach einem nervlichen Zusammenbruch in einer psychiatrischen Klinik behandelt wird, seine Erfahrungen nach einem Schulverweis und seine Erlebnisse bei ziellosen Wanderungen durch die Straßen New Yorks. – In Ken Keseys Einer flog über das Kuckucksnest (1962) erzählt Chief Bromden, Patient einer Heilanstalt, die Geschichte der am Ende tödlich verlaufenden Auseinandersetzung der Patienten dieser Anstalt, an ihrer Spitze der rebellische McMurphy, mit der Big Nurse. – In der Deutschstunde von Siegfried Lenz (1968) muss Siggi Jepsen in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreiben und schildert darin die Beziehung seines Vaters, eines Polizisten, zu dem „unerwünschten“ Maler Ludwig Nansen in der Zeit des Nationalsozialismus. – Und,   vielleicht das prominenteste Beispiel der deutschen Nachkriegsliteratur,   Günter Grass lässt seinen „Herrn Oskar“ als Insassen einer Heil- und Pflegeanstalt „fünfhundert Blatt unschuldiges Papier“ mit den Blechtrommel-Episoden vollschreiben.  -  In allen diesen Fällen wird der Blick dessen, der als Insasse einer Heil- oder Erziehungsanstalt nicht dazugehört, weggesperrt ist, „drinnen“ lebt und damit ein Außenseiter ist, zur Abrechnung mit der Wirklichkeit und dem Alltag draußen benutzt. Holden rechnet mit der verlogenen Erwachsenenwelt ab, Häuptling Bromden mit den Gewaltstrukturen seiner Umgebung, Siggi Jepsen mit den gefährlichen kleinbürgerlichen Prinzipien seines Vaters. Und Oskar führt – in grotesken Erzählverzweigungen – die Mitschuld der Matzeraths und Bronskis am Nationalsozialismus vor.   Die besondere Erzählperspektive wird   jeweils auch für die Darstellung, Entlarvung und Brandmarkung besonderer gesellschaftlicher Zustände benutzt.

Dieser aufklärerische Impetus fehlt in Ambjörnsens Roman   nahezu völlig. Nicht um Kritik an der Außenwelt geht es, sondern um die Darstellung der psychischen Verfassung zweier Antihelden und ihrer Annäherung an die anderen. Die anderen sind die Norm; der Erzähler und sein Freund müssen sich die Wirklichkeit der anderen mühsam erarbeiten und erkämpfen. Letzten Endes geht es bei ihren   Schritten nach „draußen“ um Konformitätssuche und Anpassung an das, was ist. Auch wenn der Leser seinen  Alltag nach der Lektüre mit (etwas) anderen Augen, also weniger selbstverständlich, sieht, kann das Buch nicht verbergen, dass es zutiefst affirmativ ist. Es ist Unterhaltungsliteratur, auf gutem Niveau, nicht mehr. Für diese vorrangige Absicht des Autors zu unterhalten – und das ist ein Lob für ein Buch - spricht auch die serielle Konstruktion der Elling-Geschichten: Mittlerweile gibt es vier Romane mit Elling als Hauptfigur: über sein Leben mit seiner Mutter (Ausblick auf das Paradies), sein Leben in der Psychiatrie und seine Freundschaft mit Kjell Bjarne (Ententanz) und als Nachfolger von Blutsbrüder den Roman Lieb mich morgen.

Die Geschichte der Blutsbrüderschaft zwischen Elling und Kjell Bjarne scheint mit dem Typ des Antihelden und Außenseiters, den komischen und ernsten Episoden, den Unterschieden zwischen den beiden Freunden, dem Thema Mitmenschlichkeit und Toleranz etwas genuin Theaterwirksames zu haben. Wie sonst hätten mehrere Theater, auch das Hessische Landestheater Marburg, die Geschichte in der dramatischen Version von Axel Hellstenius auf ihre Spielpläne gesetzt. In Marburg hat das Stück in der Regie von Uta Eisold am 31. Mai um 20 Uhr im TASch Premiere. Es wird für Leser spannend sein zu beobachten, welche Episoden des Romans von Axel Hellstenius / Uta Eisold in der Inszenierung berücksichtigt werden und wie die liebenswerten, humorvollen, melancholischen, manchmal unbeholfen-tapsigen, manchmal verblüffend cleveren Schritte von Elling und Kjell Bjarne, aber auch die leicht bedrohlich wirkenden und nachdenklichen Szenen des Roman, in denen die beiden Antihelden voller Angst auf Selbstverständlichkeiten des Alltags reagieren, auf der Bühne in dramatische Handlung umgesetzt werden.

Herbert Fuchs

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