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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 3
Elling
Gabriel Spagna
Kjell
Bjarne
Jochen Nötzelmann
Frank
Ronald O. Staples
Gunn / Kellnerin / Reidun Johanna Bönninghaus
Inszenierung
Uta Eisold
Ausstattung Tonia Bürkle
Dramaturgie
Jürgen Sachs
Der Roman "Blutsbrüder", auf dem der "Elling"-Film und das Theaterstück basieren, ist gerade in sechster Auflage erschienen (s. das "Buch des Monats Mai" im Marburger Forum). Auch wer das Buch nicht gelesen, aber die Premiere des gestrigen Abends gesehen hat, kennt nun die Gründe seines Erfolgs. Was hat die Zuschauerinnen und Zuschauer des Theaters am Schwanhof so unmittelbar angesprochen, dass sie das Spiel der vier Schauspieler häufig mit gutmütigem Lachen begleiteten und am Schluss lange und dankbar applaudierten?

Gabriel Spagna als Elling und Jochen Nötzelmann als Kjell Bjarne
Elling und Kjell Bjarne erhalten nach einem längeren Psychiatrie-Aufenthalt eine eigene Wohnung angewiesen, um zu lernen, sich wieder in die "Normalität" zu integrieren. Beide sind durch und durch angstbesetzt und trauen sich zunächst weder, die Wohnung zu verlassen, noch auch nur ans Telefon zu gehen. Der Sozialarbeiter Frank, ein smarter Typ, kontrolliert sie und droht mit der Wiedereinweisung in die Anstalt, um sie zur Kontaktaufnahme mit dem "wirklichen Leben" zu bewegen. Kjell scheint der robustere von beiden: er geht immerhin einkaufen und tut seine beiden Grundbedürfnisse - essen und "ficken" (ein öfter gebrauchtes Wort, das aber aus seinem Mund nicht obszön klingt) - ungeschminkt kund. Er besuchte, wie man im Verlauf des Abends erfährt, eine Sonderschule, Elling hingegen hat Abitur gemacht. Aber seine größere Intelligenz dient ihm zunächst nur dazu, die eigenen Ängste und Verhaltenshemmungen rhetorisch zu bemänteln.
Die Gemeinschaft der beiden psychisch labilen Menschen enthält einen großen Anteil von wirklicher Freundschaft und Wärme. Sie verstehen einander auf einer tieferen Ebene und nutzen dieses Verständnis nicht, um sich zu verletzen. Schließlich lernt Kjell die Wohnungsnachbarin Reidun kennen, ein schlichtes Gemüt, von einem "Spanier" geschwängert und sitzen gelassen, die sich in ihn verliebt. Elling fürchtet, von seinem Gefährten verlassen zu werden. Immerhin traut er sich, um einer Einladung in die Nachbarwohnung zu entgehen, das erste Mal allein in die Stadt. Er besucht einen Lyrik-Abend, von dem er berichtet: zunächst habe eine offensichtlich an Bulimie erkrankte Frau das folgende Gedicht vorgetragen "Ich liege da und starre auf das Spinnengewebe / Die Schuld prallt gegen das zarte Netz / Die Spinne fällt herab / Und / Frisst dich auf". Dann habe ein "Homo" die Bühne betreten und sexuelle Details, bis hin zur Beschreibung eines Oralverkehrs mit seinem Partner, vorgelesen. Elling schlussfolgert, dort werde er sein Publikum nicht finden - denn kurz vorher sind ihm die Zeilen eines Gedichts, offenbar aus heiterem Himmel, eingefallen, und er hat erkannt, eigentlich Schriftsteller zu sein.

Gabriel Spagna
Dies ist die einzige Sequenz des Stücks, die einen schlechten Beigeschmack hinterlässt. Es geht wohl darum, zwei Lebenseinstellungen und ihre entsprechenden künstlerischen Ausformungen zu konfrontieren. Elling - oder sein Autor - grenzt sich von einer Lyrik ab, die nur um Schuld und Versagen oder bloße kalte Sexualität kreist und letztlich das Scheitern, den eigenen Untergang, glorifiziert. Hier erkennt man so etwas wie eine Tendenz, nämlich Außenseiterpositionen zu billigen, deren innerer Maßstab dennoch auf der "Normalität" fußt, andere aber abzulehnen. Diese falsche Alternative, die sich an den Geschmack einer vorgeblichen Mehrheit anbiedert, verdrießt einen Moment lang und lässt auch Ellings Entdeckung seiner "Berufung" noch weniger überzeugend erscheinen.
Am Ende transportieren Kjell und Elling die Wände ihrer Wohnung von der Bühne und demonstrieren damit, dass sie diesen nun zu eng gewordenen Schutzraum nicht mehr benötigen. Kjell wird mit Reidun zusammenleben, die gerade eine Tochter geboren hat, Elling seine Werke in Supermarkt-Packungen verstecken und sich so anonym an sein eigentliches Publikum, die normalen Menschen, wenden. Denn auch sie benötigen Zuspruch. Der Sozialarbeiter Frank berichtet, dass seine Freundin in Griechenland eine lesbische Beziehung aufgenommen hat, und nun gibt Elling ihm, in Verkehrung der Rollen, Ratschläge. Auch hier wieder spürt man den Anklang einer Konfrontation, auf die man verzichten könnte.
Was ist es aber, das uns für Elling und Kjell, ebenso wie für Reidun einnimmt? Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes "gute" Menschen. Unter ihren eingeschränkten oder auch krankhaften Äußerungsformen verbirgt sich gerade nichts Vulgäres, sondern eine Fähigkeit zum Miteinander, die anderen, sozial Erfolgreicheren vielleicht abhanden gekommen ist. Auf solchen innerlich humanen Tönen basiert im Grunde das gesamte Stück, und Uta Eisolds Inszenierung ist ganz auf sie eingestimmt. Ihr gelingt ein sicherlich nicht einfacher Balanceakt: sie nimmt die Ängste der Protagonisten ernst und bindet sie doch in einen heiter-leichten Handlungsverlauf ein. Wie schön, dass es in dieser Komödie keinen Klamauk und keine Hektik gibt, dafür aber etwas ganz Seltenes, nämlich eine ebenso ruhige wie 'lustige' Atmosphäre, in der das Publikum gleichsam aufgeht und die Zeit vergisst.

Jochen Nötzelmann, Gabriel Spagna und Johanna Bönninghaus als Reidun
Immer wieder an diesem Abend entsteht ein wirklicher Spiel-Raum wie eine besondere Ebene des Daseins. In ihr agieren die Darsteller der kleineren und größeren Rollen auf gleichermaßen überzeugende Weise. Staples nimmt man den coolen, mitten im Leben stehenden Sozialarbeiter Frank ohne Einschränkung ab, und die wandlungsfähige Johanna Bönninghaus verkörpert die Angestellte der Psychiatrie, die Kellnerin und die etwas aus der Bahn geratene naive Reidun völlig überzeugend. Natürlich ruht die Hauptlast der Aufführung auf den Schultern von Jochen Nötzelmann und Gabriel Spagna. Der erste gibt den sprachlich reduzierten Kjell, der doch genau spürt, was er will und dessen eigentliches Grundbedürfnis die Liebe ist, so differenziert, dass Schlichtheit und Humanität eine anrührende Verbindung eingehen. Spagna, bisher häufig in Nebenrollen zu sehen, füllt seinen Part gerade deswegen aus, weil er auf zu Burleskes verzichtet. Er soll einen psychisch-Kranken spielen, dessen Ängste doch überwiegend im komödienhaften Rahmen bleiben, und er schafft das Gott sei Dank gänzlich, ohne auszurutschen.
"Elling" beinhaltet auf unaufdringliche Weise eine Utopie, diejenige nämlich, dass in einer Außenseiter-Sphäre ein Anklang von unmittelbarer Menschlichkeit überlebt. Natürlich ist das nicht real, deswegen hätte man in dogmatischeren Zeiten nicht mit dem "Ideologie"-Vorwurf zurückgehalten. Heute sieht man wohl, dass die Wirkung des Stücks darauf beruht, die Ängste seiner Personen im Spiel letztlich doch zu verharmlosen. Aber man akzeptiert diese Bedingung von "Leichtigkeit", ohne die vielleicht kein wirklich gutes Boulevard-Theater existieren kann, ohne weiteres für zwei Stunden.
Uta Eisold und ihr Team bringen ein modernes Komödien-Märchen auf die Bühne, das anzuschauen einfach Spaß macht. Vermutlich hat das Hessische Landestheater damit einen neuen "Renner" im Programm.
Max Lorenzen