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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 3
Dieser Ausstellungsbericht setzt sich mit den Bildern, darüber hinaus aber auch mit der Einführung Dr. Harald Kimpels, der zum künstlerischen Beirat des Kunstvereins gehört, auseinander. Nach einem ersten Rundgang formt sich zunächst der Eindruck, durchaus interessante Arbeiten der traditionellen Moderne und Nachmoderne gesehen zu haben. Im Gedächtnis entsteht eine Gesamt-Struktur, aus der die einzelnen Bilder abrufbar sind: Menschenleere, Erstarrung, sich auflösende oder überdeutliche Formen, die scheinbar paradoxerweise miteinander kommunizieren, eine gebannte Stille, die etwas Geheimnisvolles hat, gerade weil sie über Räumen liegt, die auralos und entblößt daliegen - all das lastet nicht etwa bedrückend auf der Seele des Betrachters, sondern summiert sich zu einer Empfindung von konzentrierter Tiefe.

Wolfram Scheffel: Gropello, 2002
Dabei gilt doch zunächst: "Natur ist uns also seit längerem fragwürdig geworden - und damit zugleich die Modalitäten ihrer Abbildung" (Kimpel, Einführungstext - alle weiteren Zitate eben daraus). Die "Zweifel an der Glaubwürdigkeit ursprünglicher Lebensräume" finden sich in der Ausstellung als "Unfähigkeit zur Idylle" thematisiert. Kimpel resümiert: "Die Werkauswahl hat also die Unmöglichkeit der Landschaft zum Thema". Besonders der folgende Satz verdeutlicht, warum sich, bei aller Verschiedenheit der gezeigten Arbeiten, doch unabweisbar ein Gesamteindruck herstellt: "Die abbildende Tätigkeit ist nämlich weniger auf die künstlerische Rekonstruktion lokaler Gegebenheiten aus (...). Folglich bilden diese Bilder keine konkreten Topografien ab: Sie repräsentieren die Idee von Landschaft."

Michael van Ofen: Ohne Titel, 1996
Diese Loslösung vom unmittelbaren Eindruck reflektiert seit dem letzten Jahrhundert die Entindividualisierung nicht nur von Natur, sondern auch von der Wahrnehmung und entsprechend den wahrnehmenden Subjekten. Kimpel beschreibt die gezeigten Arbeiten Michael van Ofens: "Unterworfene Gegenden sind es (...). Die wahre Natur: längst hinter den Nebelschleiern der Kultur verschwunden; die wahre Landschaft: zeigt diese Dunstglocke aus Farbschlieren über der Natur; die wahre Gegend: eine Abgas-Wolke." Auch für Sigrid Nienstedt gilt: "Zwischen die Malerin und ihr Motif schiebt sich die industrielle Reproduktion, das technisch erstellte Vorbild. (...) Sigrid Nienstedts verlassene Landschaften (...) präsentieren sich als Bühnen ohne Akteure (...): Landschaft im Wartestand, in der Ruhe vor etwas..."

Sigrid Nienstedt: Ohne Titel, 2002
Kimpel analysiert präzise den Ausgangsort moderner Landschaftsmalerei. In ihr begegnen sich die in der Moderne zunächst siegreiche Abstraktion und eine entkonkretisierende Objektdarstellung. Das Resultat sind "Gegenden", die in sich den Charakter des Allgemeinen tragen, also - technisierte -Strukturen überhaupt vor Augen bringen. Die gezeigten Arbeiten folgen alle diesem Gesetz und demonstrieren hierin, dass sie sich der modernen Tradition oder Konvention fügen. Nur ist, was dort errungen wurde, nun der Ausgangsort malerischer Beschäftigung mit Landschaft. Im anonymisierenden Verfahren erscheinen von vornherein die Veränderung als Stetiges, die Auflösung von Perspektive und Standort als neue Wirklichkeit: "Gerade im Flüchtigen also stabilisiert sich das Bild" (Kimpel über die Fotoarbeiten von Thomas Bachler). Folgerichtig ergibt sich mithin, dass die Kunst "bei der Fahndung nach ihrem Gegenstand sich selbst entdeckt", nämlich ihre eigenen Verfahren der Realitätserzeugung. Die "Erfindung von Landschaft", nicht ihre Abbildung, ist Ziel und Maßstab solchen Arbeitens.

Wolfram Scheffel: Kleine Landschaft, Paysage, 2002
Über den Bildern von Sigrid Nienstedt und Wolfram Scheffel liegt Bewegungslosigkeit und Stille wie eine mystische Sammlung. Gerade die Entkleidung von Emotionen und die Rückführung auf "Leere" und Abstraktion im Konkreten bildet ein Element von Steigerung oder Verdoppelung. Man sieht gleichsam das Unsichtbare, die eigentliche Wirklichkeit, die sich wie in Trance oder einem hypnotischen Schlafzustand darauf vorbereitet, zu erscheinen. Diese strukturlose Struktur ist oder war das jeweilige Urbild des Bildes, sein Zustand vor der Schöpfung, der auch, wenn es ins Dasein tritt, sein Zentrum bleibt. Die Konzentration auf es macht nach Lyotard die künstlerische Postmoderne aus. Halten wir nur fest, dass es auf den gezeigten Arbeiten Nienstedts und Scheffels, wie auch in den sich auflösenden Konturen bei Christian von Grumbkow und den gleißenden Raster-Landschaften Michael van Ofens längst nicht mehr um den schmerzhaften Aufweis von Zerstörung geht. Auch Thomas Kohls Bilder, die "wie befallen von einer strukturellen Instabilität" wirken, gehen mit aller Selbstverständlichkeit von der "Unabgesichertheit aller wahrgenommenen Zustände" aus.

Sigrid Nienstedt: Ohne Titel, 2001
Die Selbstreflexivität modern-postmoderner Kunst ist nun so etwas wie ein methodischer Ausgangspunkt. Aber sie beinhaltet keinen Hiatus zwischen Subjekt und Objekt mehr: die anthropomorphe Überformung der Natur scheint jetzt eher eine Metapher darauf zu werden, dass die nachmodernen psycho-physischen Gefüge von vornherein Zwischenzonen etablieren, in denen die grundsätzliche Verwandtschaft verschiedener Bereiche wieder zu Tage tritt. Es scheint wichtig genug, dass solche Tendenzen sich gerade auch in Kunstwerken, die sich auf den ersten Blick den ästhetischen Forderungen der jüngsten Vergangenheit fügen, zeigen.

Christian von Grumbkow: Ohne Titel
Auf dem Bild von Sigrid Nienstedt, das ein weit im Hintergrund liegendes rotes Haus zeigt, vom Betrachter durch unwirkliche weiße und diese wiederum unterbrechende Schattenflächen entfernt, erhebt sich eine ungeheure Wolkenbildung. Ihre beiden Arme sind auf das Gebäude hingeordnet und stehen in einer merkwürdigen Kommunikation mit ihm. Die Wahrnehmung dieser Verbindung konterkariert die über dem Vordergrund liegende Isolation - nein, sie existiert gemeinsam mit dieser. So entsteht auf diesem Bild die neue Gestalt einer pluralen Wahrheit. Es reflektiert die sozialen Zustände von Vereinsamung und Kälte und greift zugleich in einen Bezirk, dessen metaphysische Begegnungen die tiefste Erstarrung, ja den Tod als selbstverständliche Voraussetzung akzeptieren. Das Haus erhebt sich auf einer verbreiterten Horizontlinie oder macht sie aus (ein Verfahren, das bereits Renaissance-Künstler anwendeten), und auf dieser Linie entspringt - nicht die Vermittlung, wohl aber die Koexistenz des Verschiedenen.
Die in der Kunsthalle gezeigten Exponate sind durchweg interessant und erzeugen ein konzentriertes Gefühl ästhetischer Befriedigung. Wer aus der Marburger Sommerhitze kommend die großen hellen Räume durchschreitet, die Bilder betrachtet und auf sich wirken lässt, begegnet einer anderen Welt. In ihr erfährt man, wie sich die Natur, auch unsere, verwandelt und nimmt mit gesteigerter Bewusstheit und Aufnahmefähigkeit an diesem Prozess teil.
Max Lorenzen