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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 3
Zwei Premieren stehen in den letzten Wochen der laufenden Spielzeit auf dem Programm des Marburger Schauspiels: Am 24. Mai wird als aktuelles Studiostück Elling aufgeführt; zwei Wochen später, am 6. Juni, ist „Freiluft“- Premiere des Klassikers Der Graf von Monte Christo.
Die Theater greifen auf der Suche nach interessanten und attraktiven Stoffen immer häufiger auf Roman- und Filmvorlagen zurück. So hat Castorf schon zweimal Dostojewski-Romane auf der Berliner Volksbühne, jedes Mal von der Kritik hoch gelobt, inszeniert; Matthias Hartmann brachte in Bochum Christian Krachts Roman 1979 auf die Bühne; in Freiburg wird Dekalog. Die Zehn Gebote, ein Stück, das auf zehn Geschichten und zehn Filmen von Kieslowski und Piesiewicz basiert, gezeigt. Und im Düsseldorfer Schauspielhaus greifen gleich vier Stücke auf Vorlagen zurück: Die Liebhaberinnen auf einen Roman von Elfriede Jelinek, 39,90 auf einen Roman von Frédéric Beigbeder, Stadt aus Glas auf Paul Austers gleichnamigen Kultroman und Der Würgeengel auf einen berühmten Film von Luis Bunuel. Als allerjüngstes Beispiel kann die Dramatisierung von David Foster Wallaces Geschichtensammlung Kurze Interviews mit fiesen Männern in der Kammerbar des Deutschen Theaters in Berlin genannt werden.
Die Publikumswirksamkeit der Vorlage soll, so wahrscheinlich das Kalkül der Theater, den Bühnenerfolg sichern. Allerdings ist dieser Erfolg zunächst eng mit dem ursprünglichen Medium Film oder Buch verknüpft. Die Umsetzung eines als Roman oder Film erfolgreichen Stoffes in das ganz anders funktionierende Medium Bühne mit seinem live-Charakter, dem Zwang, dramatische Bühnen-Situationen zu entwickeln, seiner Künstlichkeit, die nicht über Technik, virtuelle Vorgänge oder fantasievolle Beschreibungen und Schilderungen den Zuschauer packt, sondern allein über Handlung, Dialog und Bühnenbilder in einem eigenartigen und einzigartigen Miteinander von Schauspielern und Zuschauern garantiert ausverkaufte Häuser nicht von vornherein. Aber gerade in dieser Adaptionsproblematik liegen für einen Regisseur und für die Spielerinnen und Spieler kreative Möglichkeiten, die auch für den Zuschauer spannende Theatermomente schaffen: wird er doch Zeuge des künstlerischen Prozesses der Auseinandersetzung mit einem bereits fertigen Kunstprodukt und dessen Umsetzung in ein anderes Medium, dessen vielleicht gewollte, möglicherweise auch nicht aufhebbare und vermeidbare Brüchigkeit und Sperrigkeit zu überraschend neuen „Lesarten“ bekannter Stoffe und Geschichten führen können.
Elling, das vom Marburger Schauspiel gerade geprobt wird, ist ein weiteres Beispiel für diesen Trend. Der Theatertext von Axel Hellstenius basiert auf dem Roman Blutsbrüder des norwegischen Autors Ingvar Ambjörnsen. Die deutsche Übersetzung stammt von Gabriele Haefs, einer renommierten Übersetzerin norwegischer Literatur mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen.
Ingvar Ambjörnsen, 1956 im südnorwegischen Tönsberg geboren, hat mehrere Romane – Ausblick auf das Paradies (1995), Ententanz (1996) und Lieb mich morgen (1999) – geschrieben, in deren Mittelpunkt Elling, ein liebenswerter, leicht skurriler „Held“ steht, der sich nicht immer an die so genannte Normalität seiner Umgebung anpasst und dessen Leben deshalb auch immer wieder verwickelt und kompliziert verläuft. Ambjörnsen ist in Norwegen einer der bekanntesten Schriftsteller. 1999 erhielt er die höchste literarische Auszeichnung Norwegens, den „Riksmalpris“. Er lebt seit 1985 in Hamburg.
Blutsbrüder schildert aus der Sicht des über vierzigjährigen Elling die Freundschaft zu Kjell Bjarne, ihre Entlassung aus der psychiatrischen Klinik in eine Art Wohngemeinschaft zum Zweck der Resozialisierung, ihren Kampf mit den kleineren und größeren Problemen des Alltags und ihre langsam wachsende Fähigkeit, das „normale“ Leben zu meistern. Dabei ergeben sich komische, groteske, auch ernsthafte Situationen, vom Einkauf im Supermarkt über Alkohol und Telefonsex zur Begegnung mit Frauen, die das Buch zu einem Lesevergnügen machen.
Die Bühnenversion des Romans, die Axel Hellstenius unter dem Titel Elling and Kjell Bjarne veröffentlichte, wurde in Norwegen an zahlreichen Theatern mit Erfolg gespielt. Der Film Elling von Erstlingsregisseur Peter Naess war in Norwegen das Filmereignis des Jahres 2001 und wurde 2002 für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Von den Rezensenten wurde immer wieder hervorgehoben, dass der Film den Zuschauer ernsthaft und glaubwürdig am leicht verqueren Leben zweier Antihelden teilnehmen lasse, ihn aber auch dazu bewege, seine eigene „Normalität“ kritisch zu hinterfragen und distanziert zu betrachten.
Das Theaterstück Elling konzentriert sich vor allem
auf Ellings und Kjell Bjarnes Resozialisierung, ihr Leben
in der WG und ihre ersten Gehversuche in die neue
Freiheit. Uta Eisold hat, wie sie in einem Gespräch
erzählt, sofort nach der Lektüre des Romans
Blutsbrüder, noch bevor sie von einer
dramatisierten Fassung wusste, daran gedacht, das Buch auf
die Bühne zu bringen. Durch Zufall habe sie dann von dem
Stück von Hellstenius gehört und sofort zugegriffen. Die
Theaterwirksamkeit liege für sie in der komischen, aber
auch berührenden Geschichte der beiden Männer, die ein
normales Leben versuchen, im Motiv des Außenseitertums, im
Aufeinanderprall der beiden verschiedenen Typen, des
Mannes, der das praktische Leben meistert, mit dem eher
Intellektuellen, der sich sonderbare Geschichten ausdenkt
und weltfremd erscheint, vor allem darin, wie zwei
Menschen es schaffen, sich im Alltag der Normalität
zurechtzufinden, ohne sich verbiegen zu lassen, auch im
Thema Toleranz, das dem Stück als Haltung zugrunde liege,
und in dessen insgesamt positiver Grundstimmung. Natürlich
komme, so Eisold, auch der Kammerspielcharakter des
Stücks mit einer kleinen Personenzahl und einer
überschaubaren Örtlichkeit den Möglichkeiten des Marburger
Schauspiels entgegen. - Die Regisseurin hat die
beiden Hauptpersonen mit Gabriel Spagna und Jochen
Nötzelmann besetzt. Dazu kommen Ronald O. Staples als
Sozialarbeiter und Johanna Bönninghaus in der Rolle dreier
verschiedener Frauen.
Es wird für die Besucher der Marburger Aufführung interessant sein zu beobachten, wie sich die Regisseurin Uta Eisold dem Thema nähert, die Figuren anlegt, deren Charakterunterschiede in komische Situationen einbaut, wie sehr sie die grotesken Elemente betont und wie weit sie den leiseren Zwischentönen der Vorlage Raum lässt. Dass der Stoff bühnenwirksam ist und Uta Eisold mit der Auswahl sicherlich einen guten „Riecher“ hatte, zeigt ein Blick in die Programmhefte der Theater. Elling wird an mehreren deutschen Bühnen gespielt, so zum Beispiel in Münster (Premiere: 5.4.) und in Frankfurt (Premiere: 11.4.).
Premiere des Stücks Elling ist am Samstag, 24. Mai, um 20 Uhr im TASch 1.

Uta Eisold gehört seit 1991 zum Marburger Schauspiel. Dem Marburger Publikum ist sie als Schauspielerin vieler großer Rollen – in der letzten Zeit zum Beispiel als Julie in Dantons Tod oder als Schwester Ratched in Einer flog über das Kuckucksnest – in bester Erinnerung, aber auch als Regisseurin eindrucksvoller Inszenierungen wie Der kaukasische Kreidekreis (1998), Wer (2001) und Bash (2002), einer der spannendsten und interessantesten Aufführungen der vergangenen Spielzeiten. – Schon bald nach ihrer Ausbildung als Schauspielerin in Leipzig und einem ersten dreijährigen Engagement am Dresdener Theater der Jugend wurde sie, zunächst freiberuflich, dann mit festem Anstellungsvertrag, mit einer Lehrtätigkeit an den Außenstellen Rostock und Leipzig der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule betraut. Ihrem Schauspielerinnenberuf wurde sie auch in diesen Jahren nicht ganz abtrünnig: In Fernsehserien und Fernsehfilmen hatte sie zahlreiche Auftritte. Die Lehrtätigkeit an der Ernst-Busch-Schule gab sie erst auf, als sie das Angebot erhielt, in einem abendfüllenden Spielfilm der DEFA mitzuwirken. Der Film Architekten wurde, das ahnte beim Drehen niemand, der letzte DDR-Kinofilm. Die politische Wende 1989 beendete alle weiteren Kinopläne von Eisold. Die Ereignisse führten sie zurück ans Theater, schließlich nach Marburg ans Schauspiel.
Die Freilichtinszenierung zum Ausklang einer Spielzeit gehört seit vielen Jahren zu den festen Einrichtungen des Hessischen Landestheaters Marburg. Die Vielfältigkeit der Stücke – es seien nur Jedermann, Im Weißen Rössl, Lysistrate und Die Räuber genannt – und der Spielorte – neben dem Gefängnishof und dem Marktplatz wurden zum Beispiel auch eine Wiese in Caldern oder der Parkplatz vor dem Schwanhoftheater zu einer Spielfläche gemacht - sind sicherlich einer der Gründe für die Popularität und Beliebtheit der Außenaufführungen.
In diesem Frühjahr steht als Spielort wieder, das Publikum wird es freuen, der Hof vor der Lutherischen Pfarrkirche zur Verfügung. Das natürliche Kulissenensemble aus Kirchenportal, Kirchenmauern, Hofmauer, dem mächtigen Baum in der Mitte des Platzes und dem Hintergrund aus mittelalterlichem Stadttor, aus Häusergässchen und Dächern schafft eine einmalige Theateratmosphäre und beste äußere Voraussetzungen für das diesjährige Stück: dem Rachedrama, Mantel- und Degenstück Der Graf von Monte Christo. Der Regisseur Peter Radestock hält mit der Auswahl des Spielortes Lutherische Pfarrkirche, aber auch mit dem Rückgriff auf den weltbekannten Roman von Alexandre Dumas (1802 – 1870) gute Trümpfe für einen Erfolg der Freiluftaufführung in der Hand.
Gespielt wird die Geschichte des jungen Edmond Dantés, der im Kerker einer Festungsinsel unschuldig vierzehn Jahre gefangen gehalten wird. Der Mithäftling Abbé Faria freundet sich mit ihm an und vererbt ihm schließlich sein riesiges Vermögen. Nach dem Tod des Abbé und nach der Flucht aus dem Kerker hebt Dantés den Schatz und nennt sich fortan Graf von Monte Christo. Ihn treibt nur noch ein Ziel: die Rache an seinen Peinigern. Das gelingt ihm schließlich auf raffinierte Weise - das spannende Stück löst alle Rätsel um den geheimnisvollen Grafen von Monte Christo.
Alexandre Dumas hat eine große Zahl von historischen Abenteuerromanen verfasst, auch Theater und Zeitschriften gegründet und selbst viele Bühnenstücke geschrieben. Berühmt geworden ist er vor allem durch seine Romane Die drei Musketiere (1844) und Das Halsband der Königin (1849/50). Der Graf von Monte Christo wurde in zwölf Bänden 1844/45 veröffentlicht.
Premiere ist am Freitag, 6. Juni, um 2o Uhr 3o im Lutherischen Kirchhof.
Ihre Darstellung der Christine Mannon in Trauer muß Elektra tragen nannte die „Frankfurter Rundschau“ „entsetzlich einleuchtend in der Verzweiflung“. Die örtliche Presse schrieb: „Auch Christine Reinhardt überzeugt in der Rolle der Christine, die ihren puritanisch-strengen Mann hasst …“. Und in anderen Theaterrezensionen war von der „eindringlichen Problemstudie“ der Schauspielerin Reinhardt die Rede. – Christine Reinhardt hat mit ihrer Rolle der Christine Mannon in dem O`Neill-Stück einen großen Erfolg feiern können. Aber sie kann auch anders. Mit Radestock, Streibig und Seeling führt sie die Besucher des Deutschhauskellers in die Filmschlagerwelt der 20er und 30er Jahre. Im Wilhelm Tell spielt sie die Rolle der Gertrud Stauffacher. Eine vielseitige Schauspielerin also und seit vielen Jahren in zahlreichen verschiedenen Rollen eine Stütze des Marburger Schauspiels.
Christine Reinhardt absolvierte die Schauspielschule in Leipzig, eine von drei staatlichen Theaterhochschulen in der ehemaligen DDR. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler hatten zwei Jahre lang Unterricht in den klassischen Theaterfächern und waren in ihrer zweiten Ausbildungsphase als Praktikantinnen und Praktikanten verschiedenen Theatern zugeteilt, an denen sie bereits mit größeren und kleineren Rollen eingesetzt wurden. Anders als heute, da die meisten Absolventen und Absolventinnen der staatlichen und privaten Schauspielschulen nur geringe Berufschancen haben, war in der ehemaligen DDR nach dem Schauspielexamen der „Job garantiert“, wie Christine Reinhardt in einem Gespräch erzählte.

Ihre Schauspielstationen können sich sehen lassen: Chemnitz, Gera, Rostock, Plauen – große Bühnen also, die ein breites Publikum erreichten. Ihre eigentliche Theaterheimat jedoch war Rostock, wo sie 15 Jahre engagiert war. Auch jetzt noch, so sagt sie, muss sie von Zeit zu Zeit Rostocker Seeluft schnuppern, auch dorthin fahren, um alte Freunde zu treffen.
Marburg bedeutete für Christine Reinhardt eine beträchtliche Umgewöhnung. Seit 1991 lebt sie hier, verheiratet mit Peter Radestock, mit zwei Kindern. Dabei gefielen ihr von Anfang an Stadt und Umgebung. Aber mit einem Male an einem Theater zu spielen, das zu den kleinen Häusern in Deutschland zählt, keine lange Theatertradition vorweisen kann und deshalb auch nur mit Einschränkungen ein eigenes Stammpublikum kennt - das, so sagt Frau Reinhardt, sei eine gewaltige Umstellung gewesen. Und dennoch hat sie mit dem Dennewitz-Radestock-Ensemble an der neuen Wirkungsstätte schnell Fuß gefasst und den Neustart des Marburger Schauspiels ab 1991 in vielen großen Rollen mitgestaltet und mitgeprägt. Gerne erinnert sie sich an Shirley Valentine oder… von Willy Russel (1993), die Rolle der Elisabeth in Maria Stuart (1994) und Misery nach Stephen King (2001). Auch die Kinder- und Jugendstücke hätten ihre immer Spaß gemacht. - Wunschrollen? Christine Reinhardt antwortet etwas zögerlich. Vielleicht die ein oder andere Frauenfigur aus Stücken von Brecht. „Aber“ so fügt sie nach kurzem Überlegen hinzu, „der wird ja im Moment auf den deutschen Bühnen nicht besonders oft gespielt.“
Eine Stärke des Marburger Schauspiels sind chansonartige, liedbetonte, leicht kabarettartige und revueangehauchte Theaterabende. Wer solche Aufführungen, die unterhaltsam sind, aber auch, wenn man sie denn hören will, kritische, ruhige und melancholische Zwischentöne haben, mag, kann in den letzten Wochen der Spielzeit auf seine Kosten kommen.
Bye, bye, Frankieboy
Dieses Frank-Sinatra-Nachtprogramm (Leitung: Jürgen Sachs) mit der jazzig-barmäßig aufspielenden Sachs-Band, einer souverän vom Barhocker aus durchs Programm führenden und im Duett singenden Cornelia Schönwald und einem Clemens Tiburtius, der den Sinatra-Ton stimmlich und „atmosphärisch“ hervorragend trifft, nimmt unter den Unterhaltungsabenden sicherlich einen Spitzenplatz ein. Für alle Frank-Sinatra-Fans ein „Muss“!
Nächster Termin: am 16. Mai um 22 Uhr im TASch.
Jawohl, meine Herr´n, so hab´n wir es gern
In dieser Filmschlager-Revue der 20er und 30er Jahre spielen und singen (Regie: Peter Radestock) Christine Reinhardt, Thomas Streibig, Peter Radestock und Seeling am Klavier. Das Team bürgt für einen nostalgischen und augenzwinkernd-ironischen Rückblick auf die Filmmusikjahre vor dem Zweiten Weltkrieg.
Nächste Termine: am 28 und 29 Mai, jeweils um 20 Uhr im Deutschhauskeller.
Schön war die Zeit

Peter Meyer, Bernhard Hackmann, Uta Eisold, Michael Boltz und Regina Leitner
Diese 50er- Jahre- Revue von Peter Radestock und Jürgen Sachs (mit anschließender 50er- Jahre- Disco) steht allein im Monat Mai siebenmal auf dem Programm: am 2., 3., 4., 28., 29., 3o. und 31. Mai, jeweils um 20 Uhr im TASch 2. „Das Flair dieser Jahre begegnet dem Besucher schon beim Eintritt in den Saal. Rechts und links vom Eingang sind auf einer Theke und einem Tisch typische Utensilien der Zeit vor 1960 ausgebreitet: Dreieckstischchen, Serviettenständer …“ heißt es in einer Rezension des Premierenabends. Kommen Sie selbst und schauen und hören Sie!
Taubenvergiften und andere Liebeserklärungen
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Und der Abend ist zu schön für solche Sorgen.
Und das morgige Programm beginnt erst morgen.
Ich weiß schon heut, was man da sieht.
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Wer Kreisler noch nicht kennt, aber über solche Verse schmunzeln kann, sollte den Eisold-Dennewitz-Leibold-Kreisler-Abend unbedingt besuchen, z.B. am 8. und 18. Mai um 20 Uhr im TASch 2.
Schon der erste Satz - „Nehmt eure Hefte heraus, wir schreiben eine Arbeit!“ – hätte schief- gehen und die rund zweihundert Jugendlichen zwischen 15 und 2o Jahren im überfüllten Theatersaal zu Zwischenrufen und Albernheiten provozieren können. Das Stück wäre zu Ende gewesen, bevor es angefangen hätte. Aber nichts dergleichen geschah. Das Theater hatte vom ersten Satz an gewonnen, weil die Besucher, Schülerinnen und Schüler, sich bereitwillig auf die Fiktionalität des Spiels einließen und den Satz, den sie in Wirklichkeit hundertmal gehört hatten, als einen neuen, einen anderen, einen Theatersatz verstanden und aufnahmen. Sie folgten der dramatischen Spannung auf der Bühne mit konzentrierter Aufmerksamkeit und Klamms Krieg von Kai Hensel in einer Inszenierung von Gilbert Mieroph (Produktion: Staatsschauspiel Dresden) wurde zu einem kleinen Theaterereignis. – In diesem Ein-Personen-Stück – hervorragend in seiner Bühnenpräsenz und sprachlichen wie gestischen Ausdruckskraft: Daniel Minetti – rechtfertigt Deutschlehrer Klamm vor seinen Oberstufenschülern die Herabsetzung der Deutschnote eines Schülers von 6 auf 5 Punkte. Die Folge der harten Benotung ist, dass der Schüler die Abiturprüfung nicht besteht und aus Verzweiflung über sein Versagen Selbstmord begeht. Es war faszinierend zu verfolgen, wie sich Lehrer Klamm gegenüber den Anschuldigungen, er habe durch seinen Leistungsdruck und seine ungerechtfertigte Härte den Selbstmord zu verantworten, in ein pädagogisches Prinzipiengebäude hineinzuretten versucht, in dem alles – aus seiner Sicht – zu stimmen und aufzugehen scheint und in dem in Wirklichkeit, hinter der Fassade des tüchtigen Lehrers, alles falsch, unpädagogisch, schülerfeindlich und unehrlich ist.
Klamms Krieg führte vor, was Jugendtheater kann: Die Jugendlichen, die vielleicht sonst Fußballspieler oder Computerfreaks oder Fernsehkonsumenten sind, in ihrer Mehrzahl jedenfalls kaum Theaterinteressierte, aus ihrer Wirklichkeit in eine neue, ästhetisch konstituierte Wirklichkeit zu führen, ihnen dort mit Hilfe einer Geschichte und eines Schauspielers, einer dramatischen Handlung also, ihre Wirklichkeit so widerzuspiegeln, dass sie in größerer Schärfe Menschen, Verhalten, Beziehungen wahrnehmen, die sie vielleicht so schon lange nicht mehr wahrgenommen haben, Zusammenhänge verstehen, die sie schon längst verdrängt haben, und sie mit einem besseren Verständnis und einem genaueren Bild ihrer Wirklichkeit aus dem Theater gehen.
Die Konditionierung älterer wie jüngerer Menschen auf schnelllebige Äußerlichkeiten, auf Events, erschwert den Blick auf das Eigentliche. Das Live-Erlebnis Theater kann gerade auch Kindern und Jugendlichen den Blick für das, was hinter der Banalität liegt, schärfen, die Faszination des Anderen, des Neuen, das Widerstand gegen die so genannte Normalität leistet, erlebbar machen und sie in kreativer, fantasievoller, verzaubernder Weise dazu führen, den Kreislauf der Normalität zu sprengen, sich selbst und andere in Frage zu stellen, sich selbst und andere aber auch so gestärkt zu sehen, dass sie sich auf ihre eigenen Möglichkeiten besinnen, lernen sich Trends zu entziehen, dass sie sich der Macht von Massenmedien nicht ohne weiteres verfügbar machen und sich ermuntern lassen, für Ausgefallenes, am Rande Stehendes, Unpopuläres Partei zu ergreifen. Indem sie Theater als umfassendes Spiel erfahren, erfahren, wie es ihre Sinne anspricht, ihre Gefühle trifft, erfahren, dass, was auf der Bühne abläuft, sie angehen kann, sie berührt, nehmen sie teil an einem kollektiven Erlebnis, das ihnen, indem Wirklichkeit spielerisch vergegenwärtigt und utopisch überwunden wird, hilft, Wirklichkeit besser zu verstehen und mit ihr angemessener umzugehen. Theater, so verstanden und so als kreatives Spiel erlebt, macht „fit“ für Leben, macht frei und selbstbewusst.
Dass das gelingen kann – man braucht sich nur an die Aufgeregtheit der kleinen und die gespannte Aufmerksamkeit der jugendlichen Zuschauerinnen und Zuschauer erinnern –, dafür gab es beim Festival des Kinder- und Jugendtheaters in Marburg viele Beispiele. Dass das aber auch eine Sisyphosarbeit ist, immer wieder bedroht von Misslingen und Scheitern, konnte man ebenfalls während der Festivalwoche beobachten. Die Schwierigkeiten hängen mit einigen grundsätzlichen Problemen des Kinder- und Jugendtheaters zusammen.
Das fängt bereits mit dem Namen an. Welche Adressatengruppen verbergen sich eigentlich dahinter? 16-Jährige oder Kindergartenkinder? Ein größerer Unterschied hinsichtlich Interessen und Verständnisfähigkeit ist kaum denkbar. Zwischen dem Stück Olle Holle, in dem den Kleinen ab 3 Jahren ein bekanntes Märchen zum Teil erzählt, zum Teil szenisch aufgelöst und mit sich wiederholenden Situationen vorgespielt wird, und Bin im Keller, in dem von zwei Schauspielern mit lebensgroßen Puppen ein groteskes, absurdes Spiel um Morde in einem abgelegenen Berghotel inszeniert wird, liegen Welten, nicht an darstellerischer Intensität oder inszenatorischer Sorgfalt und Genauigkeit, aber an thematischer Aufarbeitung und formaler Darstellung inhaltlicher Zusammenhänge und gedanklicher Herausforderung der Besucher. – Und was ist mit den Altersgruppen dazwischen? Von welchem Alter an interessieren sich Kinder nicht mehr für Märchenspiele auf der Bühne, sondern – zum Beispiel – für die Darstellung von Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen? Es scheint eine Binsenwahrheit zu sein festzustellen, dass Theater 12-Jährigen nicht ohne weiteres das zumuten können, was sie 8- oder 10-Jährigen anbieten. Und dennoch konnte der Zuschauer bei mehreren Aufführungen während der Marburger Festivaltage beobachten, wie gerade diese Altersunterscheidung für einige Theatergruppen ein Problem zu sein scheint. So stellten die „Merkx & Dansers“ aus Utrecht ihr Tanztheater Fabel van Verwarring mit Musik von u.a. W. A. Mozart in einer Choreographie von Wies Merkx vor. In diesem Stück geht es in immer neuen choreographischen Arrangements um Beziehungen innerhalb einer Vierergruppe – von Menschen? von affenähnlichen Wesen? – und deren Konfrontation mit einer Fremden, die die Vierergruppe auf unterschiedliche Weise fasziniert und durcheinander wirbelt. Erst nach ihrem Verschwinden tritt langsam wieder die „Normalität“ ein mit dem ursprünglichen Beziehungsgefüge: Das Stück endet mit der gleichen Tanzformation wie am Anfang. Ein faszinierender, spannender Abend mit einer Geschichte in immer neuen, überraschenden Tanzbildern. Aber spricht das 8-jährige oder ältere Kinder – so die im Programmheft genannte Zielgruppe – an? Machen nicht die für die meisten Kinder und Jugendlichen relative Fremdheit des Mediums Tanztheater, dessen Beanspruchung anderer visueller Fähigkeiten bei jungen wie älteren Zuschauern und dessen In-Frage-Stellen von durch Musicals und Fernsehshows abgenutzten und vorgegebenen Tanzvorstellungen diese Theaterform nur für ein Publikum, das darauf vorbereitet ist, interessant und attraktiv?
Dass weniger das Thema, sondern vor allem die Bühnenumsetzung dafür verantwortlich ist, inwieweit eine angestrebte Zuschauergruppe tatsächlich erreicht wird, ließ sich während der Theatertage auch deutlich am Stück Hexenschuss (ab 8) des „Theater Gruene Sosse“ aus Frankfurt in einer Inszenierung von Sigi Herold beobachten. Die vier Schauspieler führten Hänsel und Gretel, „sehr frei nach Grimm“ (Programmheft), auf. Dabei durchbrechen sie immer wieder die vertrauten Märchensituationen, indem sie die bloße Erzählung sprachlich-assoziativ verfremden, damit überhöhen und so auch den problematischen Gehalt des Märchens freilegen und kritisieren. Das gelingt an einigen Stellen gut; zum Beispiel wenn eine Spielerin im Bühnenhintergrund immer anklagender und hilfeschreiender die Wörter „Mama“ und „Papa“ wiederholt und damit die Eltern, die ihre Kinder in den Wald schicken, anklagt. An anderen Stellen dagegen, wenn die Akteure deutlicher von der Märchengeschichte abweichen und etwa mit einer Mahlzeit von auf der Bühne gebackenen Pfannkuchen oder – am Schluss – mit einer Tasse echten Kaffees die Wirklichkeit in verstörender Weise in die Märchenwelt hineinholen, wirkt die Darstellung angestrengt und gesucht. In jedem Falle aber dürfte die insgesamt bilder- und aktionsarme, dafür sprachspielerische Umsetzung des Märchens an der Erwartungshaltung und dem assoziativen Auffassungsvermögen 8- oder 10-Jähriger zum Teil vorbeigegangen sein.
Die grundsätzlichen Schwierigkeiten des Kinder- und Jugendtheaters, die anvisierte Zielgruppe zu treffen, haben mit Fragen zu tun, die sich in jeder Inszenierung stellen. Sollen die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer inhaltlich und thematisch dort „abgeholt“ werden, wo sie „stehen“, und wie weit dürfen, sollen sie mit Zusammenhängen und Formen konfrontiert werden, die für sie in aufregender Weise neu sind und damit intellektuell wie emotional eine Herausforderung darstellen? Wie „belehrend“ dürfen und sollen Kinder- und Jugendtheateraufführungen sein? – Diese Fragen wurden von zwei Inszenierungen der Theaterwoche in unterschiedlicher, aber durchaus überzeugender Weise beantwortet. Die Schöne und das Biest („Schnawwl“ am Nationaltheater Mannheim in einer Inszenierung von Thomas Hollaender) erzählt lustig, abwechslungsreich, sehr theatergemäß eine Geschichte von einem älteren, dicklichen, nicht ganz attraktiven Mann, der einem jungen, schönen Mädchen mit vielerlei komischen Tricks nahe kommen möchte: Das Mädchen will sich aber partout nicht küssen lassen. „Es genügt, wenn man sich mag“, wehrt sie den anderen immer wieder ab. Spielerisch und humorvoll stellt das Stück die kleinen „Konflikte“ um körperliche Nähe und Distanz, die Kindern ab 6 durchaus vertraut sind, dar und führt gleichzeitig diejenigen, die schon „weiter“ sind, zu Fragen, die die Geschlechterrolle der kindlichen Zuschauerinnen und Zuschauer ansprechen und darauf neugierig machen. – Noch konsequenter, aber ähnlich gelungen konfrontierte das Vorstadt-Theater aus Basel seine 14-jährigen und älteren Zuschauer mit einem Stück über die Arbeitswelt mit dem Titel Büro Q in einer Inszenierung von Nils Torpus. Ein Büro in einem großen Betrieb, dessen Arbeit wegrationalisiert wurde, existiert nur noch zum Schein. In dem entleerten Betrieb funktionieren die Menschen auf groteske Weise weiter, ohne Konsequenzen aus ihrer absurden Situation zu ziehen. Den Jugendlichen wird ein Blick auf die Arbeitswelt voller irrer, liebenswerter Typen mit verrückten und klischeehaften Verhaltensweisen ermöglicht, die in ähnlicher Form schon bald ihre Arbeitssituation sein könnte. Einschränkend muss allerdings angemerkt werden, dass die Aufführung der Baseler gelegentlich trotz aller komischen Spielaktionen eine leicht didaktische Schräglage – Stichwort „Diskussionsstück“ - annahm.

Harald Preis in: Westindische Früchte von Norbert Ebel
Das didaktisch Unterschwellige ist ein Aspekt, der im Kinder- und Jugendtheater immer wieder auffällt und letztlich zeigt, wie sehr Kinder- und Jugendstücke fast ausschließlich von Erwachsenen geschrieben, inszeniert und gespielt werden und wie stark dieser Erwachsenenblick das Bühnengeschehen beeinflusst und bestimmt. Dabei ist eine gewisse belehrende Haltung der Theatermacher – den jungen Zuschauern soll ja auch das Neue, Fremde, Unbekannte gezeigt werden – kaum zu vermeiden. Die Frage allerdings ist, wie sehr sich diese Haltung in den Vordergrund des Bühnenspiels drängt. Ob die Uraufführung Westindische Früchte des Hessischen Landestheaters Marburg ( Autor des Stücks: Norbert Ebel; Regisseur: Ronald O. Staples) hier für die 8-Jährigen und Älteren das rechte Maß gefunden hat, muss bezweifelt werden. Zu offensichtlich war das Spiel mit Columbus, Amerika, Indien, mit der Erde als Kugel oder Scheibe und mit den exotischen Früchten auch als „Schulstunde“ konstruiert. Mehr abenteuerliches Schiffsjungen-Spiel wäre für die jungen Zuschauer vielleicht interessanter, faszinierender und auf seine Art belehrender gewesen.
Eine Umfrage eines Düsseldorfer Befragungsinstituts hat ergeben, dass die so genannten jungen Nicht-Theaterbesucher auch deshalb den Theatersälen fernbleiben, weil sie andere Medien für attraktiver, unterhaltsamer und geistig weniger anstrengend halten. Die Umfrageergebnisse kann man sicherlich auf Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren übertragen. Natürlich wissen die Kinder- und Jugendtheater um die starke Konkurrenz des Fernsehens und Kinos und versuchen dadurch darauf zu reagieren, dass sie sich auf die eigenen Stärken besinnen, eine bühnenwirksame Geschichte zu erzählen, die sich aus einem für Kinder und Jugendliche nachvollziehbaren Konflikt heraus entwickelt, mit Figuren, die die jungen Zuschauer angehen, die sie auch lustig, aufregend, problematisch, vorbildhaft und emotional berührend finden. Dafür gab es während der Marburger Theaterwoche mehrere gelungene Beispiele, vor allem natürlich auch Creeps von Lutz Hübner. Die äußerst erfolgreiche Inszenierung des Marburger Schauspiels in der Regie von Luisa Brandsdörfer greift ein Fernsehereignis, nämlich eine Castingshow, auf und erliegt gerade nicht der Versuchung, daraus eine Fernsehimitation oder Fernsehparodie zu machen, sondern erfindet eine Handlung mit „wirklichen“ Charakteren, die mit ihren Wünschen und Sehnsüchten, auch mit ihrem vermeintlichen Scheitern auf ihre besondere Art umgehen. Creeps ist ein wirkliches Theaterstück über das Fernsehen.
Allerdings scheint es im Kinder- und Jugendtheater auch Tendenzen zu geben, das, was die Besucher vom Fernsehen und Film her gut kennen, in einer eher sich anbiedernden Weise auf die Bühne zu übertragen. Angstmän von Hartmut El Kurdi (Staatstheater Kassel; Insz.: Dieter Klinge) greift mit den Figuren des Superman und Angstmän überdeutlich auf Fernseh- und Kinohelden zurück, kann damit auch bei den Besucherinnen und Besuchern ab 8 durchaus erheiternde Zustimmung auslösen, wahrscheinlich aber keinen bleibenden Theatereindruck hinterlassen. Eher schon die Erfahrung: die im Fernsehen können es besser. Von anderen Medien Figuren abzuschauen und zu borgen, nur weil die populär sind, kann für das Kinder- und Jugendtheater mehr als nachteilig sein; denn Fernseh- und Kinovorbilder können vom Theater eigentlich nur parodistisch ausgebeutet werden; und das ist in jedem Falle weniger als das Original. – Überhaupt entgehen die Kinder- und Jugendtheateraufführungen nicht immer der Gefahr einer etwas plumpen Anbiederung an ihr junges Publikum. Eine eigentlich gelungene Inszenierung wie Die Schöne und das Biest spielt beispielsweise auf recht vordergründige Weise, ohne dass es dramaturgisch funktional gemacht würde, mit dem Wort „kotzen“. Damit kann man „schnelle“ Lacher provozieren, auf keinen Fall jedoch Kindern und Jugendlichen eine nachhaltige Erfahrung von Theater vermitteln.
„Theater ist ein Medium des Augenblicks. Seine Kraft und seine Besonderheit nimmt es aus der gleichzeitigen physischen wie psychischen Präsenz von Zuschauer und Darsteller. […] Es gibt Raum zum Nachdenken über uns – auch über unsere dunklen Seiten, Raum zur spielerischen Vergegenwärtigung und Raum für Zukunftsmodelle, auch wenn der Begriff Utopie gegenwärtig obsolet zu sein scheint.“ (Thomas Bockelmann, Intendant, in Die Deutsche Bühne 1 / 1999)
In diesem Sinn hat das Festival unter der Leitung von Jürgen Sachs in vielen Aufführungen Theater Kindern und Jugendlichen näher gebracht. Darin war es mehr als erfolgreich. 22 Stücke wurden von 3ooo jungen und älteren Besucherinnen und Besuchern beklatscht, diskutiert, kritisiert, weiter empfohlen oder abgelehnt. Einen besseren Beweis dafür, dass Theater lebt, kann es eigentlich nicht geben.
Das nächste Festival ist bereits terminiert. Es findet vom 14. bis 2o. März 2004 statt.
Herbert Fuchs