Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


 

„Alles grosse Denker“ – der Essay über Marburg von Vladimir Kaminer in der ZEIT vom 24.07.2003

Vladimir Kaminer ist heutzutage kein Unbekannter mehr. Der 1967 geborene russische Schriftsteller kam 1990 von Moskau nach Berlin, damals noch ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, und schrieb dort nach und nach seine Erfahrungen als Fremder im Schmelztiegel der deutschen Hauptstadt in seinem ersten, heute sehr bekannten Roman „Russendisco“ nieder. Weitere Romane mit ähnlich grossem Wirkungsgrad, die sich insgesamt mit dem Problemfeld Integration und deutsch-russischer Wahrnehmung befassen, folgten. Mittlerweile schreibt das „Multitalent“ (titel-Magazin) Essays für FAZ und TAZ und in loser Folge auch für die ZEIT, wo er deutsche Universitätsstädte porträtiert. In der vergangenen Ausgabe der ZEIT vom 24.07.2003 entwirft er ein polemisches Bild vom Marburger Universitätsleben.

Kaminer entfaltet ein Bild von Marburg, wie es in keinem Reiseführer zu finden ist: ein stadtarchitektonischer Scherz, sinnlos in den Berg hineingebaut und nur durch Fahrstühle erreichbar, von stillosen Kneipen überfüllt, in denen jobbende Studenten die Kundschaft endlos auf ein Bier warten lassen, mit proletarisierten Bewohnern, die – ob Bauarbeiter oder Professor – jede Dignität vermissen lassen. Dieses Bild bedient sich einer Motivik, die unfehlbar im untersten und ärmsten Bereich künstlerischer Ausdruckmittel anzusiedeln ist: Hässlichkeit und Dummheit (johlende „dicke Kinder“ in der Kneipe und überaus schäbig gekleidete Professoren), Schmutz (Schaben und Mäuse), Ungepflegtheit und Verfall (Bierlachen und Hemdsärmel).

Inhaltlich entwickelt sich dieses Bild von einem sehr kurzen Besuch an der Marburger Universität, den er gar nicht weiter schildert, da es ihm hier nur darum ging, seine „Landsleute“ aufzuspüren, mit denen er dann gemeinsam in eine der vielen Kneipen geht, wo er beklagenswert schlecht bedient wird und die schlampigen Professoren auf der Herrentoilette auf den akademischen Dresscode aufmerksam macht. Das Bild endet – wie sollte es auch anders sein – in einer Farce: der arme Kaminer, nachdem ihm das intellektuelle Niveau der Marburger Studenten und Professoren mit den „Bauarbeitergesprächen“ nicht zusagt, türmt aus der Kneipe und sympathisiert wehleidig mit einer Maus, die sich unter dem Kanaldeckel versteckt.

Essays mit der Zielsetzung, das spezifisch Zeitgenössische einer Nation oder Stadt wiederzugeben, brauchen natürlich nicht touristisch verwertbar zu sein. Sie müssen die Zustände nicht schönen, verharmlosen oder gutreden. Für Polemik oder sachlich angemessene Kritik ist immer Platz und sollte es auch sein, zumal in einem Magazin mit einem kritischen Anspruch, wie ihn die ZEIT an sich stellt. Ein kritischer Blick entsteht aus der intensiven persönlichen Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, die wiederum ein geschultes Unterscheidungsvermögen voraussetzt. Dieses wäre auch die Basis für eine echte Humoreske: das bedeutete, das Wesentliche einer Situation zu erfassen, es in ungewohnte Zusammenhänge zu stellen oder mit überkommenen Vorstellungen zu kontrastieren und solcherart geschärft wiederzugeben. Kaminers Aufsatz tut dies aber nicht einmal im Ansatz.

Hätte er über das Marburger Universitätsleben als solches geschrieben, wäre er also weiter in die dortige Wissenschaftlichkeit eingedrungen als nur bis zu Zählung der Häupter seiner Lieben – bis auf die lapidare Feststellung, dass 400 Russen in Marburg studieren, findet sich nämlich darüber nichts weiter – , oder hätte er mit den Professoren in der Kneipe den Dialog gewagt, statt sich, von ihrem ungepflegten Kleidungsstil vergrault, lediglich auf die Ebene des mahnenden Modeberaters zu stellen, hätte es sicherlich Ansatzpunkte für fundiertere und humorigere Kritik gegeben. So aber verflacht alles in ein seltsam sinnarmes Freizeitszenario immer oberflächlicherer Kommunikation, das auch gänzlich den Witz der feinen Differenzierung entbehrt, in dem zuguterletzt – aber nicht ohne logische Schlüssigkeit – nur noch ein Vierbeiner Pari bieten kann: Monologe anmassenden Selbstmitleids in Unverstandener-Intellektueller-Pose, affektiert verschwendet an die in der Bierlache ertrinkende Schabe und die Maus. Les beaux ésprits se rencontrent.   

Unabhängig von der Person des Autors ist dieser Essay bei weitem zu undifferenziert, um polemisch, zu oberflächlich, um kritisch sein zu können, und zu stumpf (gerade nicht „pointiert“), um tatsächlich das ehrende Prädikat Humor zu verdienen. „Alles grosse Denker“ als Selbstanspruch der Marburger Wissenschaftler wird einfach nicht wirkungsvoll widerlegt, wenn man de facto weder die Universität selbst noch den akademischen Dialog zur Sprache bringt und sich nur über banale Äusserlichkeiten mokiert. Wie ausdrucksstark kann ein Essay über eine Universitätsstadt sein, der die Universität selbst umgeht und sich im quengelnden Lamentieren über die schlechte Bedienung in der Studentenkneipe erschöpft? Die faulen Studenten, die dort arbeiten und den durstigen Essayisten empörenderweise „zwei Stunden auf sein Bier warten“ lassen, sind natürlich Deutsche, denn Kaminers 400 Landsleute in Marburg erhalten wahrscheinlich Stipendien. Wenigstens dieses Detail scheint Schritt zu halten mit einer Wirklichkeit, an der wohl begründeterweise manches anderes zu verbessern wäre als die Fassade. Potemkin grüsst.

Wenn Oscar Wilde jedoch Recht haben sollte mit seiner Aussage, es gäbe keine moralischen Texte, sondern nur gut oder schlecht geschriebene, so ist dieser Text jedenfalls schlecht geschrieben. Darüberhinaus erhebt er aber den Anspruch, „intellektuell“, kritisch und moralisisierend zu sein, wenngleich sich das Moralisieren schon auf der Ebene der Serviceorientiertheit und des Krawattenzwangs verläuft. Dieses ist jedoch angesichts der durchweg schwachen Differenzierungsleistung, die Kaminer hier vollbringt, verbunden mit der fehlenden Bereitschaft, das persönliche und sachbezogene Engagement miteinzubringen, das Texte jeder Art erst spannend und reflexionswürdig macht, lächerlich, wenn nicht dreist und arrogant.

Kaminer ist der Meinung, der Sozialismus sei, zumindest seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, „harmlos und distanziert“ gewesen. Ich möchte hierzu nur bemerken, dass sachliche Kritik, ganz zu schweigen von anmassend-destruktiven Städteschilderungen, und handelte es sich gar um reale Misstände, in den heutigen russischen Staaten durchaus immer noch geahndet wird. Das Verbot von primitiver Rufschädigung gilt offensichtlich nicht in Deutschland, wo man seinen Gastgebern Defätismen jedes Formats – oder ohne jedes Format – präsentieren kann. Hier jedoch kassieren die Professoren im Gegensatz zu  manchen russischen Kollegen kein Geld für den Titelkauf, was natürlich ihren beklagenswerten äusseren Mangel an wissenschaftlicher Dignität (hier: sträfliches Vermissen von Chic à la Boss oder Armani) erklären mag. Auch fehlt uns hier natürlich das Bewusstsein für den Dienstleistungssektor, der, wie jeder weiss, in Kaminers Heimat in allerbester Blüte steht. Das Selbstverständnis von Herrn Kaminer ist ohnehin bemerkenswert.

Zusammen mit einigen anderen in Deutschland lebenden russischen Schriftstellern vertritt er eine „linke Position“, wozu hierzulande freilich weder Mut noch feine Evaluation gehört. Um das Bild komplett zu machen, freut er sich in einem Interview darüber, dass er „nicht verdorben von der Wohlstandskindheit“ ist (Quelle: http://www.titel-magazin.de/kaminer.htm). Wie kommt er dann dazu, fremden Leuten naserümpfend Anzug und Aktenkoffer anzutragen? Was für eine bourgeoise Sitte! Man sieht schon, dieser Schriftsteller betreibt Spiegelfechterei und noch dazu eine, die ihn nichts kostet: zurückgezogen hinter der Bastion des benachteiligten oder diskriminierten Ausländers (der diesen Status ausgesprochen gut vermarktet) betreibt er würdelose Polemik, die eine von political correctness geknebelte deutsche Linke niemals offen kritisiert, wenn nicht gar in an Selbstverleugnung grenzender Toleranz begrüsst. Besonders würdelos ist es, wenn der Autor sich larmoyant als armer, unverstandener „Fremder“ produziert oder den Deutschen als xenophoben Engstirnler beschreibt, der den Russen sogar das Verbreiten von Ungeziefer unterstellt. Man muss sich wirklich fragen, in welcher Zeit Kaminer lebt.. Andererseits darf dieses Deutschenbild nicht verwundern, pflegt der Autor doch nachdrücklich kaum verbalen Kontakt mit den faulen, schlechtangezogenen, geistig unterlegenen Gastgebern und zieht sich von Anfang an leicht angewidert in den Kreis seiner Landsleute zurück – leider ein typisches Verhalten vieler Russen in Deutschland, das der Forderung nach Integration und gegenseitigem Respekt die Zunge herausstreckt.

„Alles grosse Denker“ - ? Kaminer jedenfalls, sollte er sich wirklich dazu rechnen, muss sich ein Beispiel an Lessing nehmen. Dieser sagte zu Recht, der Rezensent sollte immer noch besser machen können, was er kritisiert. Aber der deutsche Literat hatte bestimmt auch Hemdsärmel und ist von daher für eine bestimmte Spielart der tiefschürfenden russischen Intelligenzija von heute persona non grata.

Claudia Altmeyer

Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]