Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


Das Weltschmerz-Projekt von german stage service

Die ersten Veranstaltungen und Aktionen  -    ein Besucher-Journal

Von Herbert Fuchs

Ein etwas schäbiger, heruntergekommener Ladenraum mit alter, fleckiger Tapete und herausgerissenen Steckdosen ist - mitten in der Oberstadt, in der Barfüßerstraße, - der Ort, an dem das TNT-Team Rolf Michenfelder, Claudia Weiss, Manuela Weichenrieder und Frank Düllmann drei Wochen lang, vom 23.8. bis 13. 9., das Weltschmerz-Projekt veranstaltet. Jeder Tag beginnt um 10 Uhr mit dem Frühstück eines Kindes, einer Frau, eines Mannes - immer eines älteren Menschen - und endet mit Aktionen, die von vor Mitternacht bis in die Morgenstunden dauern. Dazwischen liegen „Intermezzi“, „Überraschungen“, „Miniaturen“, Aktionen und Installationen aller Art, „Stilleben“ am Nachmittag und das Abendprogramm mit Theater, Performance, Show und Musik. Weltschmerz soll die Antwort von german stage service auf die „negativen gesellschaftlichen und individuellen Gefühlslagen“ unserer krisengeschüttelten Zeit sein, die Antwort auf „Arbeitslosigkeit, Vereinsamung, schlechte Fußballländerspiele, fehlende individuelle Perspektiven und damit einhergehende Zukunftsängste“, wie die Gruppe halb ernst, halb selbstironisch-augenzwinkernd in ihrem Programmheft schreibt.

"Weltschmerz" in der Marburger Oberstadt

Samstag, 23. August, 21.00 Uhr   -     A   weepin` song

Die Zuschauer - zwei Stuhlreihen mit zirka zwanzig  Sitzplätzen -  sitzen dicht vor dem Schaufenster und blicken in einen hell beleuchteten, nicht gerade vornehm-bürgerlichen Raum. Kartons, kistenähnlich, im Vordergrund und an der einen Wandseite mit Aufschriften wie „zerbrechlich“ oder „Glas“. Am Boden an der Wand rechts ein modellierter Pferdekopf mit weitem Umhang. Gegenüber - der auffälligste Gegenstand im Zimmer - die tausendmal abgebildete Figur der Marilyn Monroe mit hochfliegendem Rock als Abstellplatz für eine Cola-Flasche. - Langsam bewegt sich ein Mann im dunklen Anzug mit Schlips aus dem Raumhintergrund in die Mitte, ergreift eine Gitarre, schlägt ein paar Akkorde an und singt ein melancholisches Lied über Weinen und Tränen: Cry Baby Cry - das Abendprogramm des ersten Weltschmerz-Tages von german stage service hat begonnen. Rolf Michenfelder, clochard-ähnlich, leicht zittrig, erzählt Geschichten, Anekdoten, die die Zuschauer vor dem Laden über Kopfhörer mithören. Hunderte von Geschichten erzählt er. Alle handeln von Tränen, vom Weinen, zum Weinen traurig einige, zum Schmunzeln, gar zum Lachen unterhaltsam andere. Geschichten über den Mann im grauen Anzug, der sein Gesicht in einen eingebildeten Regen hält; von der Frau, die ein Jahr lang auf ihrer blauen Bank inmitten eines italienischen Dorfes sitzt und weint; von der Amateur-Striptease-Show mit am Ende sieben weinenden Stripperinnen; von der Lehrerin, die ihren Kopf erschöpft an die Tafel, auf der das Wort „ficken“ steht, lehnt und weint, und - herzerweichend - vom kleinen   Jungen voller Tränen, der beim Karneval endlich den lang ersehnten Cowboyhut tragen darf, aber nur - wegen der Kälte - mit der kindlichen Zipfelmütze darunter. Michenfelder, unterstützt von   einschmeichelnd-melancholischer Musik - This is a weepin` song -, gelingt es in beeindruckender Weise, eine Stimmung aus Traurigkeit, Melancholie und feiner Ironie zu gestalten und für die Zuschauer draußen erlebbar zu machen. Der Zuschauer ist der distanzierte „Schaufenstergucker“, aber durch die räumliche Nähe und die Kopfhörer gleichzeitig auch der intime Weltschmerz-„Miterleber“, trotz des Verkehrs und der Geräusche auf der Straße. - Nach einer Stunde „Tränengeschichten“ hüllt sich Michenfelder in das Pferdekostüm und entschwindet  aus dem Raum der Barfüßerstraße 38 - vielleicht in eine  phantastischere, märchenhafte Fallada-Welt. Langer Applaus für einen gelungenen Weltschmerz-Abend.

Metzgerei - Reisebüro - Weltschmerz

Samstag, 23. August, 23.00 Uhr  -  Weltschmerz schläft nicht

Vor dem Weltschmerz-Laden steht eine Bank. 50 Meter weiter arbeiten städtische Bauarbeiter in   Nachtschicht  an einer defekten Gas- oder Wasserleitung. Neben der Bank diskutieren vier junge Leute über Studium und Uni-Probleme. Auf der Straße gehen Passanten an der Bank vorbei, bleiben gelegentlich stehen. Mehrere Mädchen füllen  „Gute Nachricht“-Zettel für den letzten Tag des TNT-Projekts aus.

Von einem Diaprojektor im Laden werden Weltschmerz-Slogans auf eine Leinwand geworfen: Lebendig tot sein - Nichts zu spüren, nichts zu reden- Fernsehen aus Langeweile - Hilflos vor dem Computer sitzen - Sex aus Langeweile - Gletscherschmelzen - Birkenstocks - Theatersterben - Fernweh - Tolle Männer, die stets vergeben sind - Philosophie - Bärbel Schäfer - Rechtschreibefehler in der Zeitung - und so weiter - und so weiter. Es genügt, fünf Minuten zuzuschauen,   und im Kopf des Besuchers bilden sich hunderte ähnlicher Sätze, Wörter, Einfälle, Gedanken, ernste und weniger ernste, mit denen - tröstlich zu wissen - sich offensichtlich auch andere abplagen.

 

Sonntag,  24. August, 20.45 Uhr   -   Hammer auf Blech

Ein Mann sitzt versunken auf einem Stuhl in der Mitte des Ladenraums. Plötzlich ein lauter Knall. Der Mann springt wie elektrisiert auf und leiert vier, fünf Wörter, Satzfetzen herunter, setzt sich danach erschöpft zurück, bis der nächste Knall ihn wieder aufschreckt. Er liest von Zetteln ab, zitiert Beliebiges aus den am Boden verstreuten Papieren, liest später Überschriften, Zusammenhangloses aus einer Lokalzeitung vor, Wörter, Satzsplitter, die manchmal Politisches meinen, ein anderes Mal mit Umwelt, Natur zu tun haben oder auf Sexuelles anspielen. Der Mann funktioniert wie auf Knopfdruck, sagt aber eigentlich nichts: ein öffentlicher Nichts-Sager, ein Worthülsenautomat, dem zuzuhören spannend sein kann - ein paar Minuten lang, danach wird das Wortegeplapper eher unerträglich, langweilt in den schier endlosen Wiederholungen. Der besondere Gag dabei: Die menschliche Sprechmaschine wird von den Besuchern selbst nach Belieben in Gang gesetzt: Sie ziehen von außen mit einem Strick einen Eisenhammer hoch und lassen den dann mit Getöse auf ein Blech,  ein Straßenbauschild,   stürzen. - Jan Polaczek, 1951 in der Rhön geboren, hat seine Kleinplastiken, Stelen, Wandreliefs und Holzcollagen in vielen Ausstellungen  gezeigt. Er gestaltet auch Performances, Konzeptaktionen und Videokunst. Die Marburger Performance hat er Schlafende Hunde genannt.

 

Sonntag, 25. August, 23.10 Uhr   -   Eisklumpen

Manuela Weichenrieder hängt große, schwere Eisklumpen mit Schnüren an der Decke des Ladenlokals auf. In den Eisbrocken sind verschiedene persönliche, wichtige und unwichtige,  Gegenstände eingefroren, z.B. Glasscherben oder ein Schlüssel. Über Nacht sollen die eingefrorenen Dinge auftauen, nach der Vereisung vielleicht - Christo hat es mit seinen Verhüllungen  vorgemacht - ein bisschen anders aussehen, sich verändert haben, möglicherweise wertvoller oder nutzloser sein. Weltschmerz schläft nicht, verändert die Welt im kleinen wie im großen auch in der Nacht. - Manuela Weichenrieder gehört zum Team von german stage service und ist an der Planung und Durchführung des gesamten Projekts maßgeblich beteiligt.

Sabrina Lindner frühstückt

Montag, 25. August, 10.00 Uhr   -   Toast, Marmelade, Buch

So also sieht es aus, wenn Sabrina Lindner, 19, frühstückt: ein schwarz-blau-violettes Tischtuch, eine Packung Toast auf dem Tisch, Marmelade, der Toaster hinter ihr auf einem Seitentischchen, natürlich ein Buch, sie selbst barfuß, leger gekleidet. Sie schmiert sich Toaste, isst, liest, leckt sich die Finger ab, schmiert einen weiteren Toast mit Marmelade. Das Frühstück könnte „normaler“, gewöhnlicher nicht sein. Die Zuschauer vor dem Ladenfenster sehen beim Blick durch die Scheibe die eigene Alltäglichkeit und Banalität vorgeführt, ausgestellt und als Norm bestätigt - eine wohltuende, leicht gruslige voyeuristische Erfahrung.   -  Das Lebensmotto von Sabrina Lindner lautet: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“   Zwischen 10 und 11 am Morgen in der Barfüßerstraße fragt man sich da gelegentlich schon, ob es  nicht ein böser Trugschluss ist, so viel Hoffnung in die Kraft der alltäglichen „kleinen Dinge“, wie zum Beispiel des Frühstückens, zu legen.

 

Montag, 25. August, 16.00 Uhr   -   Das Toast-Quadrat

Auf der Wand gegenüber der Ladentüre sind 13 mal 13 Toaste, die ein großes Quadrat bilden, angenagelt. Der Aktionskünstler Uwe Richter nimmt einen Toast nach dem anderen von der Wand, toastet ihn und nagelt ihn wieder an. Langsam verändert das Quadrat seine weiße Einerleifläche. Es wird scheckiger und bunter, fängt an sich zu verändern, zu „leben“,   die abgenutzte Ladenwand wird mit einem Male interessant, reizvoll, zieht die Blicke der Vorübergehenden an. - Uwe Richter (geb. 1962) sieht hinter seiner Aktion noch eine andere Ebene. In einem Handzettel spielt er auf Malewitschs berühmtes „schwarzes Quadrat“ an. In selbstironischer Weise zeigt er mit seiner  Toast-Aktion, dass Malewitsch seinerzeit das aggressive Unverständnis seiner Mitmenschen über sein „schwarzes Quadrat“ provoziert hat, weil er sich nicht auf deren Gewöhnlichkeit, Mittelmäßigkeit und stereotypen Kunstverstand einlassen wollte. Richter geht solchen Missverständnissen mit seiner Toast-Aktion gezielt aus dem Wege. Jeder versteht, was er tut, wie er es macht, und kann „kritisch“ abschätzen, ob etwas Rechtes dabei herauskommt. Eine künstlerische Nachhaltigkeit allerdings oder die ästhetische Einmaligkeit  eines „schwarzen Vierecks“ kann so, selbst in allerkleinsten Ansätzen, kaum erreicht werden. Uwe Richter wird darüber nicht besonders überrascht sein.

 

Dienstag, 26. August, 14.10 Uhr   -   Frau W.: ratlos

Künstlerische Aktionen entfalten ihre Wirkung oft gerade auch durch die Einfachheit ihrer Mittel. Sie „nötigen“ dann den Zuschauer förmlich zum Mitmachen, zu neuen Gedanken, zum Aufgreifen und Weiterführen des Anstoßes, mit dem er konfrontiert wird. - Eine Frau steht im Weltschmerz-Laden mit Schildern vorne und hinten, die die Aufschrift „Ich habe keine Geschäftsidee“ tragen. Sie blickt ratlos von den Wänden zum Fußboden und zurück zu den Wänden: Mit diesem Raum - und das gilt für viele Läden in Marburg und darüber hinaus -   und mit der Geschäftsfrau selbst ist kein Staat mehr zu machen, ist nicht mehr viel los. Die Frau steht, geht ein paar Schritte – anderthalb Stunden lang. Sie stellt ihre Rat- und Hilflosigkeit aus, infiziert damit den Zuschauer, bringt den in die gleiche   peinliche Lage, in der sie sich selbst befindet. Nichts passiert; die Situation ist  Ereignislosigkeit  schlechthin. Der Zuschauer kann sich kaum daraus befreien, es sei denn, er steht auf und geht seiner Wege, oder dadurch, dass er sich schmunzelnd überlegt, wie das TNT-Team durch die „Geschäftsidee“, den Laden zu einem künstlerischen Podium für den Weltschmerz umzufunktionieren, selbst sozusagen Ideenproduzent und Retter für hoffnungslose Räume geworden ist. - Claudia Weiss, die   Darstellerin der Frau. W., gehört zur Leitung von german stage service.

Weltschmerz-Publikum

Mittwoch, 27. August, 14.25 Uhr   -   Kletterpartie

Nach gut einer halben Stunde bereits ist der Berg bezwungen: Das rote Kletterseil hängt verknotet in der imaginären Wand des Schaufensters des Weltschmerz-Ladens, die Akteurin - Manuela Weichenrieder - lässt sich in den eigens für sie reservierten Sessel fallen zur verdienten Brotzeitpause und stellt stolz ein kleines Schildchen auf: „Ankunft 14.32“. Die eigentliche mühevolle Bergaktion beginnt aber jetzt erst, nach dem Gipfelsturm: Der Kopf der Bergsteigerin und ihre Umgebung müssen angepasst, für das Ereignis der Gipfelankunft „kompatibel“ gemacht werden. Die Stimmigkeit im Kopf erreicht die Akteurin über Zitate aus Alpen-Reise- und-Wanderbüchern. Diese zieht sie immer wieder aus ihrem Rucksack, blättert, liest darin und schreibt Sätze, für sie offensichtlich wichtig und entscheidend, auf kleine Zettel, die sie in das Schaufenster legt. „Mit diesem Buch möchte ich den motorisierten Alpenfreund veranlassen, die schönsten und interessantesten Routen zu fahren, die zu verborgenen Schönheiten führen“ steht da geschrieben oder „Er hatte sich vorgenommen, den Fußmarsch unter keinen Umständen zu unterbrechen.“ - Auch die Umgebung wird für das Bergsteig-Ereignis „hergerichtet“. Weichenrieder klebt große Alpenposter, die den Klischees von Berglandschaften entsprechen, auf feste Pappunterlagen, mit denen später der Raum zu einer Alpenidylle umgestaltet werden kann. Alpenprospekte werden im Schaufenster ausgestellt und an die Wand gepinnt. - Der Künstlerin gelingt eine humorvolle, ironische, unterhaltsame, hintergründige Aktion, in der den Zuschauern ihre eigene Alpen-Traumwelt um- und umgewendet wird. Die Langsamkeit der Aktion - ein kleiner Elefant rückt Stückchen für Stückchen am Seil gipfelwärts - ermöglicht es denen, die sich für längere Zeit darauf einlassen, eigene Vorstellungen und Bilder von Bergen zu entwickeln, denen, die kurz stehen bleiben und neugierig werden, für ein paar Minuten „einzusteigen“.

Jan Polaczek liest vor

Wahrscheinlich hat german stage service seine Aktions- und Darstellungsmöglichkeiten noch nie so weit ausgedehnt und ausgereizt wie mit dem Weltschmerz-Projekt. Die zeitliche Länge des Projekts wie die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit der Aktionen und der Bühnenort mitten im geschäftigen Trubel der Stadt machen den Reiz und die Einmaligkeit von Weltschmerz aus. Zuschauer, gezielt erschienene wie zufällige,  werden, wenn sie sich in die Aktionen und Veranstaltungen „verwickeln“ lassen,  aus ihrem Straßentrott heraus in eine Kunst-Welt geführt, an der man teilnehmen, in der man sich unterhalten, in der man schmunzeln und lachen und auch nachdenken kann. Dabei braucht die Idee Weltschmerz nicht überstrapaziert zu werden. Die Aktionen entfalten genügend Eigendynamik auch ohne den Weltschmerz-Kontext.

Dass das Projekt ankommt, zeigen die Zuschauer: Immer wieder sind die Stühle auf der  Straße für Minuten, für eine halbe Stunde oder für länger besetzt. Schon jetzt hört man Stimmen, die befürchten, dass die Barfüßerstraße  nach dem 13. September auch bei Sonnenschein etwas trüber aussehen könnte.

Die Weltschmerz-Erfahrungen werden sicherlich auf die weitere Theaterarbeit von german stage service Einfluss haben. Man darf auf die nächsten Programme im TNT gespannt sein. 

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