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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 4
Klaudia Hilgers: Entelechie, Monade und Metamorphose. Formen der Vervollkommnung im Werk Goethes, Wilhelm Fink Verlag, München 2002, 307 Seiten, ISBN 3-7705-3662-2, 30,90 €
Bereits der Aufbau des Buches zeigt, dass es sich nur um eine Dissertation handeln kann. Zunächst wird der Entelechie-Begriff bei Aristoteles, dann bei Leibnitz abgehandelt. Das dritte Kapitel, "eine Annäherung", beginnt: "Eine Untersuchung, die es sich zur Aufgabe macht, die Begriffe Entelechie und Monade hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Goethesche Werk zu untersuchen, sieht sich zunächst mit einigen grundsätzlichen Problemen konfrontiert, denn eine systematische Beschäftigung des Dichters mit dieser Terminologie ist nicht dokumentiert" (S. 47). Die etwas schiefe Ausdrucksweise ("Beschäftigung... mit dieser Terminologie") lenkt den Blick vom Verfahren der Darstellung auch auf den Stil. Ein weiteres Beispiel:

"Ganz offensichtlich sind die Begriffe Entelechie und Monade für Goethe mit dem Streben nach "rastloser Tätigkeit" verknüpft. Darüber hinaus deutet die außergewöhnliche Wendung "entelechische Monade" bereits an, dass Goethe an einer Zusammenführung antiker und neuzeitlicher Bedeutungskomponenten dieser vielschichtigen Termini interessiert ist. Im folgenden wird zu klären sein, was Goethe bewogen haben könnte, gerade diese "abstrusen Ausdrücke" Entelechie und Monade in die Diskussion um eine Fortdauer des Menschen einzubringen. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die Traditionslinie, auf der Goethe sich in dieser Hinsicht bewegt, mit zu erfassen, d.h. auch die Ansichten ausgewählter Zeitgenossen zu diesem Thema zu berücksichtigen. Deshalb sollen zunächst sowohl die im 18. Jahrhundert populäre Idee der Perfektibilität als auch der Gedanke der Unsterblichkeit vorgestellt werden" (S. 177 f).
Kann man einen Gedanken vorstellen - vielleicht zur Not. Die übrigen Merkwürdigkeiten des Ausdrucks sollen hier nicht einzeln angeführt werden, aber bezeichnend ist, wie sich dieser Stil mit einem vor der Sache ausweichenden Vorgehen verbindet: Hilgers, nicht Goethe, beschäftigt sich mit "Terminologie". So scheint immer schon viel gewonnen, wenn sich Abhängigkeiten feststellen lassen: "Goethe prononciert (!) die rastlose Rotation um die eigene Achse als herausragendes (!) Charakteristikum der Monade und bezieht sich damit offensichtlich wieder auf die Okensche Monaden-Konzeption. Für Goethe avanciert (!) die in ständiger Tätigkeit begriffene Monade zur Metapher für das Leben schlechthin" (S. 201). Es geht doch nicht anders, einige Zitate müssen noch folgen:
"Die Goethesche Konzeption von Individualität ist unauflöslich mit den Begriffen Entelechie und Monade verknüpft [zu diesem Resultat kommt Hilgers immerhin schon auf S. 203]. Goethe konstatiert (!) für das Individuum den Status (!) innerer Abgeschlossenheit bei gleichzeitiger höchstmöglicher Übereinstimmung mit der Außenwelt" (S. 203). Oder: "Goethe hat sich wiederholt zu diesem umfassenden Themenkomplex zu Wort gemeldet und damit auf das von der zeitgenössischen Diskussion eingebrachte verbale Instrumentarium (!) reagiert" (S. 204). Vom ungewollt Komischen schon ins Witzige gehend: "Dabei ist Goethe sich bewusst (!), dass die Vermittlung dieser sehr persönlichen Anschauung zuweilen (!) auch sehr schwierig sein kann, da dem Medium Sprache durchaus (!) Grenzen gesetzt sind" (S. 204 f). Nicht nur bei der Wortwahl, auch grammatisch gibt es manchmal Probleme: "Die Begriffe Entelechie und Monade fallen deshalb nicht zufällig (!) in diesem Zusammenhang, sondern knüpfen sowohl thematisch als auch metaphorisch an Goethes Ansichten über Individualität, aktivem Lebensvollzug und unendlicher Fortdauer an" (S. 205). Mir bleibt nichts anderes übrig: "Mit der Verwirklichung seiner Anlagen ist Faust bis zu seinem Tod beschäftigt. (...) Diese spezifische Figurenkonstellation macht eine Differenzierung des Dramenpersonals erforderlich" (S. 253). Auch inhaltlich sehr erstaunlich: "Am Ende des Dramas zeichnen alle Figuren zusammengenommen das Bild einer über-individuellen Person, ja eines typischen Vertreters seiner Zeit" (S. 254). Hilgers fährt fort: "Besonders hervorzuheben auf dem Gang durch die Theaterwelt sind solche Verkörperungen der Faustfigur, die durch persönliche Interaktionen mit dem Protagonisten verknüpft sind" (ebda.). Und zum Schluss: "Doch kehren wir noch einmal zu dem sterbenden Faust zurück [man stelle sich das vor!]. Faust genießt seinen "höchsten Augenblick" als Abstraktion [?] und erkennt damit das Ideelle über der Erscheinung an" (S. 278). Jetzt aber das Resümee: "Dass Goethe mit seinem Sprachkunstwerk Faust dem Augenblick der Kunst Dauer verliehen hat, darf wohl nicht bestritten werden. Fausts Erfahrung des "höchsten Augenblick[s] (V. 11586) fällt prägnanterweise [was soll man dazu nur sagen?] in eine 'Übergangsphase' von einem endlichen in einen unendlichen Zustand" (S. 279).
Es geht mir wohlgemerkt keineswegs in erster Hinsicht um den Aufweis sprachlicher Unbeholfenheiten. Leider jedoch spiegeln sie eine interpretatorische Unfähigkeit, sich wirklich eingehend mit den zitierten goetheschen Texten auseinanderzusetzen. Dennoch ist die Lektüre des Buches keine Zeitverschwendung, sondern ein Gewinn. Jeder, der dem ungeheuren Corpus der dichterischen und naturwissenschaftlichen Schriften Goethes gegenübersteht, ist auf Hilfe angewiesen, und zwar schon allein deshalb, weil sich wichtige Äußerungen über einzelne Themenkomplexe über alle Werkgruppen verstreut finden. Hilgers gelingt es nun, aus den Briefen und Gesprächen, der "Farbenlehre", den Studien zur Morphologie, den Dramen und Romanen grundlegende Stellen zu exzerpieren, deren Kenntnis Voraussetzung eines vertieften Verständnisses goethescher Anschauungen über entelechische und monadologische Prozesse ist.
"Die Intention einer Weltmonade kann und wird Manches aus dem dunklen Schoose ihrer Erinnerung hervorbringen, daß wie Weißsagung aussieht und doch im Grunde nur dunkle Erinnerung eines abgelaufenen Zustandes, folglich Gedächtniß ist; völlig wie das menschliche Genie die Gesetztafeln über die Entstehung des Weltalls entdeckte, nicht durch trockne Anstrengung, sondern durch einen ins Dunkel fallenden Blitz der Erinnerung, weil es bei der Abfassung selber zugegen war" (Johannes Falk, Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt, Leipzig 1832, S. 60, zit. nach Hilgers, S 214 f).
Man vergleiche damit: "Makarie beurteilt ihre Mitmenschen "von innen heraus", während sie deren Äußeres als eine "Folge von Zufälligkeiten" [Wilhelm Meisters Wanderjahre, Sophien-Ausgabe, 24, 349] auffaßt. Durch das "Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels" ist sie in der Lage, von der "äußere[n] verworrene[n] Gestalt irgend eine[s] Unglücklichen" zu abstrahieren, ihn "mit sich selbst" zu versöhnen und einem "neuen Leben" [a. a. O., 24, 347] zuzuführen" (S. 236).
"Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt" (Wilhelm Meisters Wanderjahre, zweites Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer).
Wer den Menschen - oder Gegenstände und Prozesse der äußeren Welt! - jeweils als Monade anzuschauen vermag, öffnet in sich selber den Steigerungsraum der Inspiration. In ihm agieren und wirken intelligible Wesen: sie wirken durch ihr Sein und nichts anderes aufeinander. Wer die Menschen, wie Makarie, als ihre eigenen Urbilder sieht und sie entsprechend behandelt, der "heilt" sie recht eigentlich. Er ordnet den Bezug des empirischen Daseins zu seinem Zentrum. Im Raum dieser Urbilder schließen sich Sukzession und Simultaneität (vergleiche Ferdinand Weinhandl: Die Metaphysik Goethes, S. 114) nicht aus. Weil Monaden folglich selber der Ursprung ihres entelechischen Werdens sind, können sie Bilder ihrer Existenz stiften, die sich dem Gedächtnis dieser Welt unverlierbar einprägen. "Faust" und "Makarie", aber auch "Helena", sind solche Bilder, deren epochale Kommunikation (der Helena-Akt in Faust II) etwas zugleich Neues und Unvergängliches erzeugt. Was wäre also "Unsterblichkeit" im Sinne Goethes? Offenbar ein "ewiger" Prozess der spezifischen Individuierung eines "Allgemeinen". In ihm entsteht ein Wesen, das nun das lebendige Identifikationsmuster einer mit ihm beginnenden Generationenfolge ist (der Hinweis sei erlaubt, dass ein solcher, später vergöttlichter, Ahn von vielen Stammesgesellschaften als Begründer ihres Geschlechts angesehen wird).
Die Beschäftigung mit der Philosophie Goethes ist nach wie vor für den Versuch, Einblick in diese Bereiche eines metaphysischen Seins und Werdens zu nehmen, unverzichtbar. Das Buch von Klaudia Hilgers liefert hierzu wichtige Voraussetzungen, aber nicht mehr.
Max Lorenzen